Der Ort

 

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Unter den Linden 57-58

Bild aus Christian Wendland „Georg Christian Unger“, S. 150

Diese Aufnahme von Georg Bartels zeigt das Doppelhaus Unter den Linden 57-58 im Jahr 1901. Rechts daneben ist die Nummer 56 zu erkennen, links die Nummer 59. Zur Nummer 58, der heutigen Nummer 40, gehörten die linken sieben Fenster, die letzten vier zur Nummer 57. Über der ersten Etage mit den Rundbögen an den Fenstern, befestigte Unger aus Stuck geformte Tücher, die Waffen römischer Legionäre halten. Jedes dieser Gehänge ist individuell gestaltet. Über dem zweiten Geschoss finden sich ebenfalls Tuchgehänge aus Stuck, welche in der Mitte kunstvoll zu einem Kreis gebunden sind. Unger baute das Haus mit damals insgesamt 34 Mietparteien. Das Erdgeschoss wurde vermutlich mit einem neuen Besitzer des Hauses im Jahr 1855 für die Läden umgebaut.

Lindenrolle 1820

18. Jahrhundert

Der Architekt

Das Doppelhaus mit der damaligen Hausnummer 57-58 wurde in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts um 1777 vom Architekten und Baumeister Georg Christoph Unger erbaut. Unger wurde 1743 in Bayreuth geboren. Zu dieser Zeit entstand in Preußen eine neue Bauepoche, die vom französischen Baustil stark beeinflusst war. Der bedeutendste Baumeister des sogenannten Friderizianischen Rokokos war unter Friedrich dem Großen der Architekt Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff. Dieser errichtete unter anderem das Schloß Sanssouci, die Deutsche Staatsoper und die Humboldt-Universität. Ab 1763 wurde Karl von Gontard der Nachfolger von Knobelsdorff und entwarf in seinem Einfluss weiter im Sinne des Friderizianischen Rokokos. Zu dieser Zeit, ab 1763, war Unger in Potsdam Schüler des Architekten J. G. Büring, welcher das Neue Palais im Park Sanssouci in Potsdam entwarf. Unger arbeitete an diesem Entwurf mit und begann so langsam von großer Bedeutung für die städtebauliche und baukünstlerische Entwicklung für Berlin und Potsdam zu werden.

Der derzeitige königliche Architekt und Bauleiter von Gontard entwarf 1780-1785 die beiden Kuppeltürme am Deutschen und Französischen Dom auf dem Gendarmenmarkt. 1781 stürzte der Deutsche Turm ein und Unger, der auch Gontards Schüler gewesen ist, wurde Befehlsempfänger der Königlichen Bauten.

Friedrich II wünschte sich ein repräsentatives Stadtbild in Potsdam und in Berlin, so dass er mit seiner Residenz den anderen in Europa in nichts nachstand. Durch Unger ist hieraus ein neuer Bautyp entstanden, bei dem die Häuser aussahen wie kleine Palais, aber dennoch bürgerliche Wohnhäuser waren. So entstand der Name für diese kunstvollen Bauten: Bürgerpalais. Viele davon stehen auch heute noch in Berlin und Potsdam. Die meisten entwarf und realisierte er in der Leipziger Straße aber auch rund um den Gendarmenmarkt entstanden Bürgerpalais. Christian Wendland beschreibt in seinem Buch „Georg Christian Unger. Baumeister Friedrich des Großen in Potsdam und Berlin“ sehr anschaulich die Betrachtung der Häuser in Potsdam: „Beim Durchschreiten der von Unger in Potsdam gestalteten Straßenräume stellt sich ein Gefühl von Harmonie und Schönheit ein“.

Bürgerpalais in Berlin

Bild aus Christian Wendland „Georg Christian Unger“, S. 148

 

Dieses Berliner Bürgerpalais, von Unger zwischen 1771 und 1776 erbaut, umfasst mit einer Großfassade zwei unterschiedlich große Grundstücke. Die Adresse dieses Hauses lautete damals Unter den Linden 50-51, heute hat es die Hausnummer 30. Zu der Nummer 51 gehören die drei linken Fenster, die übrigen sechs zur Nummer 50. Die Fensterhöhe des dreigeschossigen Hauses nimmt nach oben hin ab. Über den hohen Fenstern der Beletage (erste Etage) sind abwechselnd fünf Männerbüsten und vier Frauenbüsten angebracht. Desweiteren verzierte Unger die Fassade mit Tuchgehängen unter der zweiten Etage und kleinen Konsolen über den Fenstern der zweiten und dritten Etage. Um 1914 wurde an dieser Stelle das fünfstöckige Haus von den Architekten Fritz Beyer und Alfred Klingenberg für die Daimler-Motorengesellschaft errichtet. Heute beherbergt dieser denkmalgeschützte Neubau die Deutsche Industrie- und Handelsbank und im Erdgeschoss das Optikergeschäft Apollo.

1775 bis 1780 wurde die Königliche Bibliothek (heute Unter den Linden 11) nach einem Entwurf von Unger erbaut. Die Bibliothek verfügte über geschweifte Barockfassaden, was an eine Kommode erinnerte. Dieser Bau erhielt daher den Spitznamen „Kommode“.

Unter den Linden sind ungefähr vierzig Gebäude von Unger entstanden, so auch das Haus der Berlin Story. Als Direktor der Immediatbaukommission (ab 1788), und auch schon früher, entwarf er viele Immediatbauten, die als Wohn- und Geschäftsräume genutzt werden konnten. Immediatgebäude sind klassizistisch gestaltete Gebäude, die sich an öffentlichen und repräsentativen Plätzen innerhalb einer Stadt befinden. Diese Häuser erinnern an einen Palast, was ihrer repräsentativen Aufgabe zugute kommt. So sind in solchen gemeinschaftlich genutzten Gebäuden zumeist Gerichtshöfe, Krankenhäuser, Bibliotheken, Archive oder Museen zu finden. Zur Zeit Friedrichs des Großen (Regierungszeit: 1740-1786) und Friedrich Wilhelm II (Regierungszeit: 1786-1797) wurden in Berlin zahlreiche Immediatbauten von Architekten wie z. B. Friedrich Gilly, Karl Friedrich Schinkel, Carl von Gontard oder eben von Georg Christoph Unger errichtet. Viele dieser Bauten wurden aber mit der Zeit und den Kriegen zerstört oder abgerissen. So auch die Torbauten des Schlosses Monbijou, die Unger 1789-1790 entwarf. Kurz vor seinem Tod 1799 wurde das Schloß, das lange Zeit das schönste der Residenz war, von Unger in klassizistischem Stil umgebaut.

 

19. Jahrhundert

Leihbibliotheken, Buchhändler und Autoren

 

Bereits im Jahr 1820 bekam das Doppelhaus einen interessanten ersten Bezug zu Büchern: Der heute nicht weiter bekannte Buchhändler Behm lebte in der Haushälfte mit der Nr. 58, die heute die Berlin Story beherbergt. Ein Leihbibliothekar namens Meinhard wohnte in dem damaligen Haus Nr. 57, in welchem heute das ZDF zu finden ist. Eine Leihbibliothek war in der Zeit von 1780 bis 1960 eine gebräuchliche Form des Bücherverleihs. Gegen eine bestimmte Gebühr konnte für einen festgelegten Zeitraum Bücher geliehen werden. Die damaligen Fürsten-, Universitäts- und Stadtbibliotheken versorgten meist nur eine geringe, elitäre Leserschaft mit ausschließlich wissenschaftlichen und theologischen Büchern, wobei viele davon in Fremdsprachen verfasst waren. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts aber stieg das Interesse der Bürger an politischen und allgemeinbildenden Schriften, zu der sie bisher aber keinen Zugang hatten. Das steigende Interesse wurde durch den Wandel der Buchproduktion geweckt: Zwischen 1765 und 1800 wurde die Produktion von Büchern in Deutschland verdreifacht, wobei der Anteil an theologischer Literatur und wissenschaftlichen Schriften sank, die Anteile an Romanen und Belletristik aber stiegen. Mit dieser Entwicklung entstanden gegen 1780 die ersten Leihbibliotheken. Dieser neue freie und kostengünstige Zugang zum Buch und damit zur Bildung der Arbeiterschicht wurde von der bisherigen elitären Leserschaft abgelehnt, sie fürchteten um ihren Stand, trotzdem war die Leihbibliothek in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der Industrialisierung eine viel genutzte Institution. In dieser Zeit entstand eine neue gesellschaftliche Schicht der Arbeiter, die versuchte, Klassengegensätze durch Beseitigung der Bildungsunterschiede zwischen ihnen und der elitären Gesellschaftsschicht zu überwinden.

1868, kurz nach dem Thronwechsel des Jahres 1786 von Friedrich II zu Friedrich Wilhelm II, besaß Berlin 74 Leihbibliotheken. Die Bedeutung der Leihbibliotheken lag auf der Hand: Zum ersten Mal konnten alle Schichten der Gesellschaft das Medium Buch beschaffen und nutzen und somit zu einer vorher unmöglichen Bildung gelangen.

Bettina von Arnim

 

Um das Jahr 1845 lebte die Schriftstellerin Bettina von Arnim im Nebengebäude mit der Hausnummer 56. Anna Elisabeth Brentano wurde 1785 als Tochter des aus Italien eingewanderten Kaufmanns Pietro Antonio Brentano in Frankfurt am Main geboren. Sehr früh fand sie Interesse an Literatur. Auch ihre Großmutter Sophie von La Roche, bei der Bettina aufwuchs, war Autorin. Als junges Mädchen korrespondierte Bettina von Arnim mit Johann Wolfgang von Goethe, ein Jugendfreund ihrer Mutter Maxmiliane von La Roche Brentano.

1807 traf sie Goethe in Weimar persönlich. Die Briefe aber veröffentlichte sie erst im Jahr 1835 in einer stark bearbeiteten Form. Der fiktive Briefroman „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“ machte sie in jener Zeit sehr schnell berühmt.

Nach dem Tod der Eltern entwickelte sich um 1801 zwischen Bettina und ihrem sieben Jahre älteren Bruder Clemens Brentano, ebenfalls Dichter und Schriftsteller, eine engere Bindung. Auch mit ihrem Bruder korrespondierte Bettina von Arnim regelmäßig. „Clemens Brentanos Frühlingskranz aus Jugendbriefen ihm geflochten, wie er selbst schriftlich verlangte“ erschien auch erst später, nämlich 1844.

1799 lebte Bettina von Arnim bei ihrer Schwester Gunda Savigny in Marburg. Dort freundete sie sich sehr mit Karoline von Günderode an, die sich mit nur 26 Jahren aufgrund einer gescheiterten Liebe zu einem verheirateten Mann das Leben nahm. Der Briefroman „Die Günderode“ (1840) verfasste Bettina von Arnim zu ihrem Andenken.

Im Jahre 1811 heiratete sie den besten Freund ihres Bruders Achim von Arnim. Clemens Brentano und er veröffentlichten 1805 das romantische Kunstwerk „Des Knaben Wunderhorn“, welches ein großer Erfolg wurde. Der zweite und dritte Band dieser Volksliedersammlung erschien 1808. Die Ehe mit Achim von Arnim brachte sieben Kinder hervor. Bettina von Arnim lebte abwechselnd mit ihrem Mann auf Gut Wiepersdorf in der Mark Brandenburg und in Berlin. Trotz ihrer Begabung stand sie zu dieser Zeit noch im Schatten ihres Mannes und veröffentlichte ihre Werke erst nach seinem Tod 1831, nachdem sie ihren Wohnsitz ganz nach Berlin verlegte.

Zu der Zeit als sie im Zollernhof Unter den Linden 56 in Berlin wohnte, war sie gelegentlich in finanzieller Not und bat daher den Hausherren um Erlaubnis eine Kuh im Hof halten zu dürfen, was ihr strikt untersagt wurde. Unter den Linden sollte kein Vieh gehalten werden, da sich immer mehr Unternehmer diesen Ort als repräsentative Lage ihrer Geschäfte und Büros aussuchten.

Vertieft hat dieses Thema Dr. Uwe Lemm, hauptberuflich Vorstandsreferent Öffentlichkeitsarbeit bei der BEWAG, in seinem Beitrag „Die Wohnorte Bettina und Achim von Arnims im Berlin“ im Internationalen Jahrbuch der Bettina-von-Arnim-Gesellschaft Band 5, 1993. Dort heißt es:

Finanziell alles andere als auf Rosen gebettet, erwägte sie damals ernsthaft, dort eine Kuh zu halten: „Du kannst überzeugt sein,“ schreibt sie am 21. April 1818 an Achim, „daß sie uns das nicht an Futter kostet, was sie uns an Milch einbringt; jetzt wo ich drei Leute habe, kann sie auch ganz gut abgewartet werden“ – zumal günstiges Futter in Savignys Garten wächst und Bettina gerade ihr fünftes Kind erwartet. …

Savigny, Schleiermacher, Pückler und Schinkel, Ranke und Burckhardt, nicht zu vergessen der vertraute Varnhagen waren hier zu Gast.

Wahrscheinlich war auch der Zollernhof später als erstes ein reines Bürohaus in Berlin.

In Berlin beginnt sie sich politisch zu engagieren und sprach sich offen für die Demokratie aus. Zudem setzte sie sich für die Rechte der Frauen ein. 1843 verfasste sie das sozialkritische Werk „Dieses Buch gehört dem König“. Hier schilderte sie die Lebensverhältnisse der Berliner Arbeiterklasse, was zu jener Zeit sehr mutig war, da soziale Missstände nicht kritisiert wurden. Solche Kritiken galten als staatsfeindlich und riefen den Zorn der oberen Schicht hervor. Tatsächlich wurde dieses Buch in Bayern verboten, ebenso die verkürzte Fassung in Preußen. 1852 verfasste sie dennoch eine Fortsetzung des Buches: „Gespräche mit Dämonen“.

Weiterhin setzte sie sich 1839 gegen die Ausweisung der Gebrüder Grimm aus dem Königreich Hannover ein. Der König von Hannover Ernst August verweigerte jegliches Mitspracherecht in seinem Königreich und wollte uneingeschränkt regieren. Gegen diese Staatsverfassung protestierten sieben Professoren der Universität Göttingen, unter ihnen die Gebrüder Grimm. Bettina von Arnim erreichte mit Hilfe anderer Zeitgenossen, dass der preußische König Friedrich Wilhelm IV. die Grimm-Brüder 1840 nach Berlin an die Universität berief.

Bettina von Arnim kannte also viele wichtige Zeitgenossen persönlich. An einem Tag im Jahr 1844 war sie bei ihrem Schwager, dem Minister und Juristen Friedrich Karl von Savigny, der 1811 von König Friedrich Wilhelm III. an die Universität Berlin berufen wurde, zu Besuch. In seinem Haus am Pariser Platz Nr. 3 traf Bettina von Arnim auf den bekannten Märchenautor Hans Christian Andersen. In Andersens Biographie wird deutlich, dass diese Bekanntschaft mit Bettina von Arnim das wohl größte Ereignis seiner Berlin-Reise war.

Bettina von Arnim starb 1859 in Berlin.

Verlagsbuchhändler Herbig und weitere Mieter

1849 gibt es gleich zwei Buchhandlungen in diesem Haus: der Verlagsbuchhändler Herbig hat in der einen Hälfte sein Geschäft, in der anderen Hälfte der Buchhändler Mai. Im Jahre 1821 gründete Friedrich August Herbig in Berlin seine Verlagsbuchhandlung. Herbig verlegte Bücher und verkaufte sie gleichzeitig in seiner Buchhandlung, so wie unsere Buchhandlung mit dem Verlag Berlin Story rund 180 Jahre später in den selben Gebäuden. In der dritten Generation wurde der Verlag verkauft und durch den Münchner Verleger Dr. Herbert Fleissner 1966 in die große deutschsprachige Verlagsgruppe Langen Müller Herbig geholt. Fleissner wurde 1928 in Eger im Sudetenland geboren. Nachdem er in Innsbruck Jura studierte, kam er 1952 nach München. Dort gründete er zunächst einen Buchversand und einen Verlag. Mit dem Herbig-Verlag und anderen Verlagen aus Berlin, München und Wien entstand sehr schnell die erste Verlagsgruppe. Im Jahr 1984 schlossen sich die Berliner Buchverlage des Axel-Springer-Konzerns an Fleissners Verlagsgruppe an, wobei diese Verlage aber 1996 wieder an Springer zurück gegeben wurden. Fleissners Verlagsgruppe, bestehend aus 16 namhaften Verlagen, existiert noch heute mit Firmensitzen in München, Stuttgart, Wien und Luzern.

Desweiteren gab es zu jener Zeit viele verschiedene Mietparteien im heutigen Haus Nr. 40, vorwiegend Kaufleute und Handwerker, aber auch ein Kunsthändler N. Goldschmidt-Tissot, ein Bankier, ein Professor und ein Arzt waren hier registriert. Interessanterweise wohnte hier auch ein Buchbinder und ein Lithograph, womit der Bezug zu Büchern dieses Hauses aufrecht erhalten bleibt.

Ungefähr ein halbes Jahrhundert später als Herbig, eröffnet im Nebenhaus mit der Nummer 59 die wissenschaftliche Buchhandlung A. Asher & Co. Bereits im Jahre 1830 gründete Adolph Asher seine Buchhandlung in Berlin. Berühmte wissenschaftliche Persönlichkeiten wie Alexander von Humboldt oder Charles Darwin zählten zu Ashers Kunden. Im Jahre 1933 waren die Nachfolger Ashers gezwungen Deutschland zu verlassen und ließen sich mit der Buchhandlung in Amsterdam nieder. Die Buchhandlung wird heute in Ijmuiden, nahe Amsterdam, unter dem Namen ASHER Rare Books geführt

20. Jahrhundert

Der Architekt

In den Jahren 1907-1908 wurde das Doppelhaus getrennt. Der Berliner Bauunternehmer und Architekt Kurt Berndt baute das Haus mit der Nr. 58 (die Hausnummer wurde erst im Jahr 1937 in die Nr. 40 geändert) für die internationale Schlafwagengesellschaft „Wagon Lits“. Die Fassade und die Innenausstattung gestaltete der Architekt A. F. M. Lange. Wagon Lits war die erste europäische Speise- und Schlafwagengesellschaft, 1872 vom belgischen Bankier Georges Nagelmackers gegründet. Dieses Unternehmen brachte 1883 den sagenumwobenen Luxuszug Orient Express hervor.

Kurt Berndt, 1863 in Berlin geboren und 1925 in Berlin gestorben, gründete 1887 eine Baugesellschaft, die ab 1912 „Kurt Berndt Baugesellschaft mbH“ hieß. Berndt beschäftigte in seiner Firma zwischen 250 bis 400 Mitarbeiter. Seine beiden Söhne Siegfried und Werner führten nach 1925 das Geschäft weiter. Die Baufirma von Kurt Berndt hatte sich auf den Bau großer Geschäftshäuser spezialisiert und war so an der Verbreitung eines neuen großstädtischen Geschäftshaustyps beteiligt. In der Berliner Innenstadt siedelten sich immer mehr Geschäftsleute mit ihren Büros und Geschäften an. Das repräsentative Äußere der Gebäude von Berndt entsprachen den Ansprüchen der Geschäftsleute. Durch die Bauweise des Stahlskelettbaus, war die Einrichtung im Innern flexibel und individuell zu gestalten, es konnten Wände herausgebrochen und neu aufgezogen werden. Das Haus der Berlin Story ist im wesentlichen neoklassizistisch und fällt durch den reichen Bauschmuck an der Fassade auf. Im Eingang- und Treppenbereich wurde eine Stuckdecke zum Blickfang, sowie ein Deckenmosaik. Zusätzlich fällt die schwere ornamentverzierte Schmiedeeisentür auf und die Frauenfiguren rechts und links über dem Eingang. Die Frauenfiguren stellen das Symbol für Handwerk dar.An vielen Ecken prägte Kurt Berndt Berlins Stadtbild des frühen 20. Jahrhunderts. In den Jahren 1904-1905 errichtete er am Schiffbauerdamm ein Wohn- und Geschäftshaus, in dem noch heute die Koepjohannsche Stiftung zu finden ist.

Der wohl bekannteste Bau von Berndt entstand im Jahr 1906-1907. Mit dem bedeutendem Jugendstilarchitekten August Endell entwarf er die große Wohn- und Gewerbehofanlage der Hackeschen Höfe in der Rosenthaler Straße. Auch das vorherige Domizil der Berlin Story, der Römische Hof Unter den Linden 10, entstand 1910-1911 durch Berndt in Zusammenarbeit mit A. F. M. Lange. Im selben Jahr entwarf Berndt den Zollernhof, heute Unter den Linden 36-38. Weiter entwarf er einige typische Beispiele von Gewerbehöfen des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts zum Beispiel in Kreuzberg (Viktoriahof an der Köpenickerstraße). Einen der größten Industriehöfe damals, den Elisabethhof, errichtete Berndt ebenfalls in Kreuzberg am Erkelenzdamm (früher Elisabethufer). Heute ist am Elisabethhof eine Gedenktafel zur Erinnerung an Kurt Berndt angebracht. Er übernahm in den meisten Fällen die Bauvorhaben im Gesamten, lediglich für die Gestaltung der Fassaden der Häuser arbeitete er mit anderen Architekten und Künstlern zusammen.

Das Autohaus von Benz

In den Zwanziger Jahren befand sich genau an der Stelle der Berlin Story das Autohaus von Benz. Der hintere Teil der Buchhandlung ist breiter, weil der Laden zum Innenhof des Hauses hin ausgebaut wurde, ein Anbau entstand, um präsentieren zu können, was absolute Spitze deutscher Technik war.

Und so sah das Leben von Carl Benz aus …Patent-Motorwagen – 29. Januar 1886

Das Patent, ausgestellt vom Kaiserlichen Patentamt des Deutschen Reiches, trug die Nr. 37435 wurde ausgefertigt am 29. Januar 1886 für einen „Patent-Motorwagen“, hergestellt von der Firma Benz & Cie., Rheinische Gasmotorenfabrik in Mannheim, gegründet 1883. Erfinder dieses ersten „Autos“ und führender Kopf der zitierten Mannheimer Fabrik war der 1844 geborene Ingenieur Carl Benz, einer der bedeutendsten Automobilbauer unserer Zeit.

Carl Benz lag mit seinem, zum erstenmal wirklich praktisch verwendbaren „Motorwagen“,

Konstruktionszeichnungen aus der Patentschrift einer Dreirad-Konstruktion mit wassergekühltem, einzylindrigem Viertaktmotor, sozusagen Kopf an Kopf im Rennen um die Entwicklung eines „Selbstfahrers“ mit dem zweiten großen Konstrukteur dieser Gründer- und Erfinder-Jahre, Gottlieb Daimler. War Benz badischer Herkunft, so stammte Daimler aus schwäbischem Handwerkerhaus.

Benz hatte als Gymnasiast in Karlsruhe einmal die Nachbildung des Modells eines „Dampfwagens“ gesehen, mit dem der Jesuitenpater Ferdinand Verbiest aus Flandern (1623 bis 1688), lange Jahre Berater des Mandschu-Kaisers Kanghi in Peking, experimentiert hatte. Seitdem hatte ihn die Idee beschäftigt, einen selbstfahrenden Wagen ohne tierische Zugkraft zu entwickeln. Die Idee vom „Auto“ beschäftigte im 19. Jahrhundert freilich viele Köpfe. In ihr verkörpert ein alter Traum der Menschen. In Deutschland gehören – wie sich stets in der Geschichte der Technik der Anteil an epochemachenden Erfindungen überschneidet – in die Ahnenreihe der „Auto“-Bauer die Konstrukteure der ersten Gasmotoren, Nikolaus August Otto und Eugen Langen, der ihnen Ratschlägen zur Seite stehende Berliner Professor für technische Wissenschaften Reuleaux, Gottlieb Daimler, der seine Schule in den von Otto und Langen begründeten berühmten Deutzer Motorenwerken empfing, Wilhelm Maybach – endlich ein ganz Vergessener, der aus Mecklenburg stammende Ingenieur Siegfried Marcus, der in Wien 1875 bereits ein vollkommenes Automobil mit Viertaktmotor konstruierte und zum erstenmal die Verwendung von Benzin als Treibstoff für Motorwagen vorschlug.

Marcus hütete seine Erfindung, die er noch für unvollkommen ansah, freilich als Geheimnis. Und später, als in Österreich und dann im Reich der Antisemitismus florierte, erging es ihm ganz schlecht. Man hielt ihn ob seines Namens für einen Juden, obwohl er kein Jude war. Was Carl Benz vor Gottlieb Daimler auszeichnete, war die Einsicht, daß es nicht nur auf die Konstruktion eines brauchbaren Motors ankam, sondern daß die projektierten neuen Motorwagen auch, wie jede komplizierte technische Apparatur, ihre Eigengesetzlichkeit besitzen würden, daß sie neue technische Wesenheiten sein würden, die von dem Menschen, der mit ihnen umging, ein neues Verhältnis zur Maschine forderten. Benz selbst unternahm mit seinem „Motorwagen“ am 3. Juli 1886eine Ausfahrt in Mannheim. Zu den Anfangszeiten des Automobils gehörte freilich auch ein außer-ordentliches Mißtrauen bei den Behörden, vor allem der Straßenpolizei.

Der 1886 patentierte „Patent-Motorwagen Benz“ Carl Benz baute zunächst drei solcher Dreiradwagen. Zeitweilig verlor er dann den Mut. Er stellte seine Wagen buchstäblich in die Ecke und widmete sich dem Bau von Motorbooten, eine Idee, die auch Daimler verfolgte. Es war seine Frau, die im Ringen um den Erfolg nicht aufgeben wollte. Ohne Wissen ihres Mannes unternahm sie mit ihren beiden Söhnen eine Fahrt mit einem der Fahrzeuge über 90 Kilometer bis nach Pforzheim, die erste Überlandfahrt mit dem neuen Modell, das 16 Kilometer pro Stunde bewältigte!

Auf der Münchner Ausstellung von „Kraft- und Arbeitsmaschinen“ im September 1888 erregte der Motorwagen von Benz & Cie. in Mannheim Aufsehen. Die Zeitungen beschrieben ihn als „viersitzige komfortable Kalesche mit umlegbarem Regendach“.Damit begann in Deutschland im Grunde der Siegeszug des Kraftwagens. Carl Benz, der 1929 starb, hat ihn noch erlebt. Und dies dreiviertel Jahrhundert der Entwicklung des Kraftfahrzeugs hat wirklich Geschichte auf allen Gebieten gemacht.

Neuere Zeit

Bis zum Jahre 1934 hatten wieder verschiedene Geschäfte ihre Lage an dieser Adresse, wie z. B. eine Kunstgewerbehandlung, ein Herrenatelier, ein Uhrmacher sowie ein Reisebüro.

Zu DDR-Zeiten hatte die Kammer für Außenhandel der DDR und der VEB Metallaufbereitung ihren Sitz unter den Linden 40. Es richtete sich auch ein Medizinisch-Diagnostisches Institut hier ein. Die Außenhandelswerbegesellschaft der DDR „Interwerbung“ war damals ebenfalls hier zu finden. Diese war hauptsächlich für den Export von Propagandamaterialien wie z. B. Plakate, Transparente und Zeitungen ins Ausland zuständig.

Den Laden im Haus nutzte ein Exquisit-Damenmodegeschäft. Zur Zeit der DDR gab es in den sogenannten Exquisit-Geschäften Kleidung und Kosmetika zu gehobenen Preisen für Kunden mit gehobenen Ansprüchen. Ungewöhnlicherweise konnte dort mit Westgeld bezahlt werden. Diese frei konvertierbare Währung war kein gesetzliches Zahlungsmittel der DDR und sehr schwierig zu bekommen. Westdeutsche mussten ihre D-Mark beim Mindestumtausch,oder auch Zwangsumtausch genannt, an den Grenzübergängen in DDR-Mark umtauschen. Pro Aufenthaltstag und pro Person war eine vorgeschriebene Höhe zu wechseln

Nebenan im Zollernhof hatte der Zentralrat der DDR-Jugendorganisation Freie Deutsche Jugend (FDJ) seinen Sitz. Ebenfalls war unter der Adresse Unter den Linden 36-38 ein Komitee für Touristik und Wandern und ein Büro eines Komitees für Erholung und Tourismus der Volksrepublik Bulgarien zu finden. Im Haus Nr. 40 gab es eine Balkan-Grillstube, welche Grillspezialitäten aus den Osteuropäischen Balkan-Ländern wie z. B. auch Bulgarien, anbot.

Später diente das Geschäftshaus Nr. 40 als französische und italienische Botschaft. Nach der Wende 1989 fand die Berliner Landesbank ihren Sitz in diesem Haus. Der Besitzer war der damalige Immobilien-Hochstapler Dr. Jürgen Schneider. Saudi-Arabien zeigte Interesse ihre Botschaft in dem Haus einzurichten. Nach Schneiders Insolvenz 1994 aber gehört das denkmalgeschützte Haus seit 1997 der Bankgesellschaft Berlin. Der Förderverein Berliner Schloß e. V. hatte bis Ende 2004 ein Modell des Stadtschlosses und der historischen Mitte im Schaufenster des Hauses, wobei zwischenzeitlich die Berlin Story von 1997-2000 schon einmal ihre Buchhandlung mit Ausstellung Unter den Linden 40 präsentierte. Aus wenigen Tapeziertischen im Jahr 1997 entwickelte sich die größte Buchhandlung über Berlin. Heute umfasst das Sortiment 3000 Titel über Berlin. Dazu kommen rund 250 englische Titel und Reiseführer in zwölf Sprachen. Nachdem die Berlin Story zwischenzeitlich im Haus Unter den Linden 10 ihre Buchhandlung mit Ausstellung über die Geschichte Berlins und dem Verlag hatte, ist das Unternehmen zurück zu den Wurzeln und zum Ort der Entstehung im Haus Unter den Linden 40 gekehrt.