10 Jahre Berlin Story

Die Berlin Story ist ein Kind dieser Zeit und dieser Stadt. Mitten in der historischen Mitte einen großen Laden zu erschwinglichen Konditionen zu bekommen, das war nur in dieser Zeit des Umbruchs möglich. Die Gesellschaft Historisches Berlin suchte Räume für eine Ausstellung mit Stadtmodellen, um für ein traditionelles Stadtbild zu werben. Vorübergehend stand 1997 ein Laden in einem Haus der Bankgesellschaft Berlin Unter den Linden 40 frei, für den zunächst nur die Nebenkosten gezahlt werden mußten. Um die Ausstellung herum entstand privatwirtschaftlich die Buchhandlung. Wie lange konnte das gutgehen? Wir hatten einen Nutzungsvertrag über jeweils 14 Tage. So etwas gab es nur zu jener Zeit.

Ein Kind dieser Stadt ist die Berlin Story, weil viele Menschen die Ärmel hochkrempelten, Ausstellung und Laden auf die Beine stellten und mit Elan und Ausdauer ans Werk gingen, immer bereit, sich unmittelbar auf neue Situationen einzustellen. Nur im Strom des Aufschwungs der Stadt nach der Wiedervereinigung konnte diese Chance genutzt werden. Christoph Stölzl, damals Chef des Deutschen Historischen Museums, charakterisierte die Situation durch den Vergleich, Berlin sei wie eine Rakete kurz nach dem Start, noch ganz langsam, aber mit ungeheurer Energie.

Zu Hundert Prozent mehr Sicherheit

In der Geschichtsschreibung liegt eine Gefahr darin, Entwicklungen von heute her zu sehen, so als hätte es keine anderen Möglichkeiten gegeben, als sei es zwangsläufig so gekommen. Wie hätte es aber beispielsweise anders sein können, wenn vor der Wiedervereinigung nur wenige Umstände verschoben, wenn andere Menschen an der Macht gewesen oder die internationale Lage nicht gerade so verlaufen wäre.
Zwangsläufig war die Entwicklung der Berlin Story nicht. Wir hatten großes Glück, daß die fruchtbare Zusammenarbeit von ehrenamtlichem Engagement und wirtschaftlich tragfähiger Buchhandlung über Jahre hinweg trug. Im Jahr 2000 zogen die Gesellschaft Historisches Berlin und die Berlin Story zusammen in den schönen Eckladen Unter den Linden 10, in dem sich heute Ferrari befindet.

In diesen Laden zu kommen, war nicht einfach und es schien mehrfach schiefzugehen.
Die Berlin Story hatte aber wieder Glück. Denn genau als wir diese neuen Räume wirklich brauchten, wurde das Frühstücksfernsehen von Pro7 eingestellt, das dort einige Zeit von den Linden aus produziert wurde. Schon vorher waren wir den Vermietern regelmäßig auf die Nerven gefallen. Gegen die hohe Investitionskraft von Pro7 mit Leo Kirch im Hintergrund konnten wir dann aber nicht bestehen. Erst als Pro7 sich überraschend zurückzog, zogen wir auf den letzten Drücker für uns ein. Die Markisen UdL 10 waren schon gelb, das warme Siennarot der Wände paßte gut zu uns, wir bauten hinten Balkons ein für Büros, die man über eine Hochbettleiter erreichte. So tief ins Innere drang die Bauaufsicht zum Glück nie vor, daß es deswegen Gemeckere gab.
Der sieben Meter hohe Laden wurde mit einer Baustellenheizung einigermaßen aufgewärmt. Baustellenheizung, das bedeutet, wir hatten hinten einen riesigen Wärmegenerator mit Heizöltank, der ständig warme, oft etwas dieselig riechende Luft über einen gelben Schlauch in den Laden blies. Kai Ritzmann von der Berliner Morgenpost beeindruckte dieser gelbe Heizungsschlauch besonders. Er kommt in seinem Bericht über die Buchhandlung als Leitmotiv vor. Nach wenigen Monaten konnte die Ausstellung der Gesellschaft Historisches Berlin aber zurückziehen, weil das Haus Unter den Linden 40 doch nicht wie vorgesehen umgebaut wurde. Dort blieb die Ausstellung noch einige Zeit. Die Berlin Story kam in eine um hundert Prozent stabilere Lage, denn der Mietvertrag für diesen Laden Unter den Linden 10 lief jeweils über vier Wochen. Der Laden war wie ein Magnet, immer rappelvoll.

Selbständige Qualifizierung im Arbeitsvertrag
Lebens- und Arbeitsbedingungen unter solchen Vorzeichen vertragen nur abenteuerliche Mitarbeiter. Für Menschen mit höherem Sicherheitsbedürfnis und etwas geringerem Glauben an sich selbst ist das kein erträgliches Umfeld. So kommt es, daß die Berlin Story wagemutige, flexible und gleichzeitig verantwortungsbewußte Mitarbeiter anzog. Nur über den hohen Grad an Eigenverantwortlichkeit war das Projekt aufrecht zu erhalten.
Eigenverantwortlich waren die ersten Auszubildenden, weil sie sich um ziemlich alles selbst kümmern mußten – mit Erfolg. Seit 1998 bilden wir Buchhändlerinnen und Buchhändler aus, regelmäßig eine pro Jahr, inzwischen auch Medienkaufleute. Zur Zeit sind es insgesamt fünf Lehrlinge. Sich bei zwei Wochen und später vier Wochen Mietzeit auf einen Arbeits- oder sogar Ausbildungsvertrag einzulassen, verlangt schon abgrundtiefes Vertrauen in das Projekt. Bescheidenheit sollte nicht unerwähnt bleiben, nämlich sich mit weniger Luxus zu bescheiden als ihn die Gesellschaft zu bieten vermag.
Guten Service bieten ist ein entscheidender Aspekt des erfolgreichen Wachstums der Berlin Story. Unsere Kunden richtig zu beraten, verschafft uns einen Zustand großer Befriedigung. Gleichzeitig erhalten wir dadurch ständig Anerkennung, Lob und Auszeichnungen. Anfangs schien es uns seltsam, so häufig den Dank von Kunden entgegenzunehmen. Inzwischen sind wir Buchhandlung des Jahres 2004 in Deutschland, Österreich und der Schweiz, ausgezeichnet auf der Frankfurter Buchmesse von der größten monatlichen Buchhandelszeitung, dem Buchmarkt. In den Jahren 2005 und 2006 sowie wiederum 2007 waren wir Best of the Best in Berlin des Einzelhandels, ausgezeichnet von Zitty Berlin. Die hohe Qualifikation der Mitarbeiter sowie der kompetente Service waren jeweils ausschlaggebend. Zur Qualifikation gehört die regelmäßige Teilnahme an Stadtführungen, die bezahlt wird, als Arbeitszeit gilt und über die im Internet ausführlich und mit wiederum ausführlichem Serviceteil berichtet wird. Eigene Qualifizierung als wesentliches Merkmal der Mitarbeit ist Bestandteil des Arbeitsvertrags.

Wir sind nicht der Senat
»Sind Sie eigentlich der Senat?«, wird Silvia Knüver gelegentlich gefragt, die die Buchhandlung leitet. Das fragen Besucher, die sich die Ausstellung zur Geschichte Berlins im hinteren Teil der Buchhandlung ansehen, seit Januar 2005 wieder Unter den Linden 40. Von der Weimarer Republik bis zum Fall der Mauer geht es da, deutsch und englisch, entworfen von der Berlin-Autorin Christina Knight aus New York, die bei uns arbeitete, besprochen wie alles im Team. Das Modell daneben von Claude Möller zeigt Berlin im Jahr 1930. Claude hatte mit dem Schloß angefangen, dann beauftragten wir ihn, die historische Mitte so zu bauen, damit man erkennt, welche Rolle das Schloß spielt. Jedes einzelne Gebäude wurde dazu recherchiert. Die französische Botschaft am Pariser Platz zum Beispiel ist einfach von vorn zu bauen (wenn man das kann), weil es dazu ausreichend Fotos gibt. Aber der Hof? Der Springbrunnen? Die Remise? Da muß man in den Bauakten suchen. Das Modell ist also Designer-Arbeit, individuell, einmalig. Man kann die Gebäude nicht als Bastelbogen kaufen.

Nebenan läuft seit Ostern 2001 an jedem Tag der 25-Minuten-Film The Making of Berlin, ständig in deutscher und englischer Sprache, auf Wunsch auch spanisch, italienisch, französisch, niederländisch (die Holländer lieben ihn), russisch und chinesisch. In 25 Minuten wird die Geschichte Berlins von der Gründung bis heute erzählt, mehr als zwanzigmal pro Tag, mehr als sechs Jahre lang 365 Tage. Wir verkaufen die DVD auch ganz gut. Die Mitarbeiterinnen können den Film im Chor auswendig mitsprechen. Das Sortiment der Buchhandlung ist auf 500 Quadratmetern so enorm, daß auch Berlin-Experten mehr finden als sie erwarten. Unsere Stärke sind Bücher, die es sonst kaum im Handel gibt, die wir von einzelnen Autoren, kleinen Museen oder Geschichtsvereinen beziehen.

Wir sind also nicht der Senat und wir erhalten vom Senat auch keine Unterstützung. Aber wir werden auch nicht behindert. In einer Denkschrift aus dem Jahr 1808, vor 200 Jahren, sagte Freiherr vom Stein, daß jeder Gemeingeist erstickt werde, wenn die Bürger nicht an den öffentlichen Angelegenheiten teilnehmen können. Gemeingeist könne nicht durch besoldete Behörden ersetzt werden. »Das zudringliche Eingreifen der Staatsbehörden in Privatangelegenheiten muß aufhören. Dessen Stelle nimmt die Tätigkeit des Bürgers ein, der nicht in Formen und Papier lebt, sondern kräftig handelt, weil ihn seine Verhältnisse in das wirkliche Leben hineinrufen.«
In der Buchhandlung arbeiten neben den ausgebildeten Buchhändlerinnen fast immer auch Praktikanten aus anderen Ländern. Das ist für uns praktisch und für die Praktikanten auch, denn sie befinden sich mittenmang in einer kulturell ansprechenden und partyfähigen Umgebung. Mit der Universität Hong Kong haben wir ein Abkommen, nach dem jedes Jahr eine Studentin für sechs Monate kommt, die europäische Kultur mit Schwerpunkt deutsch studiert. Wir sind dann ihre ethnologischen Untersuchungsobjekte. Momentan sind zwei Studenten der Universität Liverpool überwiegend in der Non-Book-Abteilung. Aus vielen anderen Staaten (oder Nicht-Staaten wie Palästina) hatten und haben wir Mitarbeiter.

Buchhandlung 2.0
Experimentierfreudig waren wir auch bei neuen Medien. Sehr früh hatte die Berlin Story eine Homepage im Internet, auf der über unser Dasein berichtet wurde, nämlich seit 1999. Ein regelmäßiges Tagebuch gibt es seit 2003. Tagebuch heißt, daß wirklich täglich und ganz aktuelle berichtet wird, inzwischen gelegentlich mehrmals pro Tag und inzwischen auch mehrfach. Denn die Abteilungen Marketing und Versand sowie die Historiale berichten in ihren Blogs jetzt ebenfalls.
Liest das denn jemand? Kaum zu glauben, aber das Haupttagebuch wird täglich von tausend Menschen gelesen. Wir können uns sehr genaue Statistiken ansehen, welche Internetseiten wie oft und wie lange angesehen werden, woher die Nutzer von uns wissen (Google oder direkt zu uns), aber wir können nicht sehen, wer genau uns im Internet besucht. Insgesamt haben wir jetzt 5.000 Seiten im Internet. Jedes unserer neuen Bücher bekommt eine eigene Seite, jede neue Entwicklung wird sehr schnell veröffentlicht. Wir möchten am Puls der Zeit sein, haben einen eigenen Server, auf dem alles gespeichert ist und achten darauf, in jeder technischen Hinsicht immer ganz vorn zu sein. Für Technikfreaks: natürlich sind es zwei unabhängige Server, die sich zur Datensicherung ständig automatisch spiegeln.

Lohnt sich das denn? Keine Ahnung. Ist aber toll. Toll ist zum Beispiel, daß es inzwischen auch viele Filme über uns gibt. Die klickt man an und es geht gleich los. Das liegt daran, daß wir einen eigenen Player haben und sich im Computer des Besuchers nicht erst ein Filmbetrachtungsprogramm öffnen muß. Die Filme sind teils selbst gedreht, teils die Berichte im Fernsehen über uns. Auch unsere interne Kommunikation erfolgt über das Internet. Seit dem Jahr 2000 wurde nur eingestellt, wer zu Hause Internet hat. Damals war das noch nicht selbstverständlich. Neben E-Mails, mit denen man alle erreichen kann, arbeiten wir mit Wikis, der Software von Wikipedia. Neue Projekte wie 10-Jahre-Berlin-Story werden so für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jederzeit und von überall her zugänglich vorbereitet. Wer wird eingeladen? Sekt oder Saft? Schaffen wir es, Bücher für Berlin bis zum Stichtag herauszugeben und wer kann helfen? Wir reden aber auch miteinander. Täglich – und einmal monatlich abends. Welche Leckereien bei unserer monatlichen Mitarbeiterbesprechung auf dem Tisch stehen, kann man am nächsten Morgen im Tagebuch sehen.

Über den WebShop läßt sich über das Internet alles bestellen, was es bei uns gibt. Momentan sind 5.000 Produkte gelistet. Den WebShop gibt es auch schon länger, aber so richtig in Schwung kam er erst, als Samuel Mendler sich darum kümmerte. Samuel macht gerade eine typische Karriere. Er fing als Praktikant an und widmete sich unermüdlich dem WebShop. Sieht man den Katalog im Internet, könnte man denken, das geht alles automatisch. Es ist aber alles Handarbeit. Jeder Buchumschlag wird gescannt, jede Prinzessinnengruppe fotografiert. Die Produkte müssen besprochen, schließlich in den Shop eingestellt werden. Nach dem Praktikum machte Samuel gleich als auszubildender Medien­aufmann Digital und Print weiter, ist im zweiten Jahr und hat bereits zwei Nachfolger. Jetzt ist er verantwortlich für das nächste größere Projekt, die Zeitschrift zur Historiale 1848, die im März 2008 stattfindet.

Bücher von der Gründung Berlins bis heute
Alles über Berlin haben wir zunächst nur auf Tische gelegt und verkauft, inzwischen produzieren wir es auch. Die Aktivitäten des Verlags entstanden allmählich – ermutigt durch Fragen der Kunden. Eines der ersten Bücher war das über den Führerbunker von Sven Felix Kellerhoff, das heute auch englisch und italienisch vorliegt. Immer wieder wurden wir nach dem Führerbunker gefragt, bis wir darauf reagierten, einen passenden, qualifizierten, jüngeren Autor suchten und – auch das ist bis heute so – mit mehreren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern über das Manuskript sprachen. Jedes Buch soll so geschrieben sein, daß es jeder, der sich mit dem Thema erstmals beschäftigt, sofort versteht. Wer also über Mythos Führerbunker erstmals mit dem Nationalsozialismus in Berührung kommt, muß sich nicht erst Wikipedia befragen, sondern findet alles im Buch. Gleichzeitig muß das Buch Bunkerexperten genügen.

Alles über Berlin bedeutet, daß wir Texte zur Verfügung stellen, die es seit 100 oder 200 oder noch mehr Jahren nicht zu erwerben gibt, mit denen man kaum oder gar nicht in Bibliotheken arbeiten kann, daß wir aber gleichzeitig Berlin heute abbilden und kommentieren. Bernd Müller, Berliner Urgestein aus dem Nikolaiviertel, wies uns früh genug darauf hin, daß das erste Telefonbuch vor bald 125 Jahren herausgekommen war. Wir suchten eine Autorin, die beschrieb, wer denn die ersten Verrückten in Berlin waren, die meinten, mit einem Telefon könne man etwas anfangen. Es waren die Banken, Industrie und Handel, und die ersten zehn öffentlichen Fernsprecher standen in der Börse. Das Museum für Kommunikation unterstützte uns bei der Archivarbeit und später bei der Präsentation. Damit sind die Prinzipien beschrieben, die wir bis heute beibehalten haben: Ein interessantes, wichtiges Thema wird von einem Kunden vorgeschlagen, wir suchen einen Autor und überlegen uns, für wen das Buch gut sein könnte. Deswegen sehen wir die Berlin Story als Projekt. Viele tun gern etwas für die Weiterentwicklung. Ein anderes Beispiel: Mit einem kleinen Fremdenführer Berlins aus dem Jahr 1937 kam Gianluca Falanga an, der vorher schon das Buch über die Humboldt-Universität geschrieben hatte. Dieses vergilbte Heft hatte er beim Aufräumen des Bodens seines Schwiegervaters gefunden und war besonders beeindruckt, daß darin die Telefonnummer des »Führers« zu finden war. Wir entwickelten die Idee herauszufinden, wie die Ruhe vor dem Sturm war, wie genau im Jahr 1937 das Leben vom Nationalsozialismus bestimmt war – oder auch nicht.

Beispiel drei: Dr. Gerd Zuchold, erfahrener Historiker, schlug vor, den Reisebericht des Direktors des Gymnasiums Graues Kloster zu kommentieren, der 1775 von Berlin über Potsdam und Sanssouci ins brandenburgische Reckahn fuhr. Das war das ausgehende Zeitalter Friedrichs des Großen. Büsching schuf damit einen neuen Wissenschaftszweig, die statistische Geografie. Er beschrieb alles ganz genau. Und Zuchold kommentierte, was davon heute noch zu sehen ist. Es wurde unser erstes Hardcover, über 700 Seiten stark. Daß wir uns überhaupt an solch abwegige Themen trauten lag am Tagebuch der Gräfin von Voß, Neunundsechzig Jahre am preußischen Hofe, das wir inzwischen mehrfach neu auflegten, weil so viele Menschen an so detailreichem Wissen interessiert sind. Auch darauf wurden wir von einer Kundin hingewiesen.

Am Inhaltsverzeichnis dieses Buchs hier sieht man, daß wir alle zwei Wochen ein Buch über Berlin machen. Wir, das ist wesentlich Norman Bösch, der den Kontakt zu den Autoren hält, die Gestaltung und den Satz mit seiner kleinen Abteilung macht und das Buch dann elektronisch als PDF in die Drucker schickt. Daß man die Bücher auch kaufen kann, darum kümmert sich Angelina Moukahal, die mit ihrer Marketingabteilung dafür sorgt, daß wir in den Katalogen der Buchgroßhändler erscheinen, bei Amazon gelistet sind, daß jetzt neu die Textauszüge der Bücher bei Google und Amazon zu finden sind. Sie versorgt auch die Journalisten und Bibliotheken mit unseren schönen Büchern.
Neu im Programm sind mehr Fotobücher. Das ist technisch viel aufwendiger, jetzt trauen wir uns ran. Als noch Osten war ist drucktechnisch so gut geworden, daß einer der großen internationalen Buchhersteller, Prof. V. Barl, die Seiten gegen das Licht hielt und meinte »Weltniveau. Damit könnt Ihr Euch jetzt sehen lassen. Wurde auch Zeit.« Kurz gesagt ist Als noch Osten war fotografisch und historisch einmalig, weil Anfang der 80er Jahre, hohe Zeit des Kalten Kriegs, als die Friedensbewegung im Westen ganz aktiv war, ein junger Westberliner immer wieder in den Osten fuhr und dort fotografierte, was ihm als Wessi im Osten auffiel. Er sprang mitten in eine 1.-Mai-Demo hinein, … ich verzettele mich.

Momentan arbeiten wir an einem Buch, das die sensationellen Ausgrabungen der Petri-Kirche aus der Gründungszeit Berlins beschreibt. Die Zeitungen berichteten darüber nur so extrem knapp, daß wir das gar nicht wahrnahmen und erst eine Kundin, Gisela Welke, darauf bestand, daß wir uns das unbedingt ansehen müßten. Sie hatte gleich die Handynummer der Ausgrabungsleiterin Claudia Melisch parat. Frau Melisch führte einige unserer Mitarbeiter über das große Ausgrabungsfeld mit Kirche, Lateinschule, und Gräbern – siehe Tagebuch im Internet mit Fotos. Wir nahmen uns vor, ganz schnell ein Buch dazu zu machen mit dem Ziel, die Aufmerksamkeit der Berlinerinnen und Berliner zu wecken und diese Ausgrabungen zu retten. Sie sollten erhalten bleiben. Man kann darüber ein Haus bauen aber so, daß man mit dem Fahrstuhl ins Mittelalter fahren kann. Dort sollte man die Originale sehen und ein modernes Museum könnte zeigen, die die Lebensbedingungen bei uns im Mittelalter waren. Und wie es damals roch.

Geschichte lebendig machen
Gesellschaftliches Engagement war Ausgangspunkt der Berlin Story, als es darum ging, der Ausstellung der Gesellschaft Historisches Berlin einen kommerziellen Rahmen zu geben, der es möglich machte, täglich zu öffnen. Und gesellschaftliches Engagement gehört heute zu den wesentlichen Aspekten, auch zu den ungeschriebenen Einstellungskriterien. Junge Menschen, die es als befriedigenden Aspekt ihres Lebens sehen, etwas für die Gesellschaft zu tun, sind auch in der Berlin Story gut aufgehoben.
Etwas, das verschüttet ist, ins Bewußtsein heben. Das ist auch der Gedanke hinter der Historiale, dem Geschichtsfestival, das von der Berlin Story ausgeht. Daß Napoleon vor 200 Jahren die Stadt besetzte, wirtschaftlich ausbeutete und unsere Vorfahren diese tiefste Krise als Chance zu grundlegenden, bis heute wirkenden Reformen nutzten, inszenierten wir spektakulär mit dem Einmarsch Napoleons durchs Brandenburger Tor mit 200 historischen Soldaten und 30.000 Zuschauern. Die preußischen Reformen waren im August 2007 schwerer in Szene zu setzen. Dazu baten wir die Reformer von Stein und Hardenberg, den Visionär und Philosophen Fichte sowie den konservativen Anarchisten von der Marwitz auf die Bühne – und zwar im Abgeordnetenhaus von Berlin. Sie wurden interviewt von einem Journalisten aus unserer Zeit.

Große Inszenierung und intellektuelle Durchdringung. Allein zu Napoleon in Berlin haben wir drei Bücher herausgebracht, darunter ein Nachdruck aus dem Jahr 1806, erstmals seitdem veröffentlicht. Michael Bienert gab dieses grundlegende Werk neu heraus, das damals wenige Monate vor der Besatzung durch Napoleon herauskam und deswegen zu einem verlegerischen Desaster wurde. In Franzosen in Berlin veröffentlichten wir erstmals die Handschrift eines Kammerherrn von Friedrich Wilhelm III., der Napoleon durch Potsdam führte. Jetzt in der Vorbereitung der Historiale zu 160 Jahren Märzrevolution 1848 waren wir im Geheimen Preußischen Staatsarchiv und wurden von Dr. Susanne Brockfeld auf ein unveröffentlichtes Tagebuch eines Apothekers vom 18. März 1848 hingewiesen. Zur Märzrevolution möchten wir fast eine Woche hindurch Veranstaltungen machen, vom historischen Barrikadenbau auf dem Alexanderplatz über die Befreiung des Polen Mirosławskis aus dem Zellengefängnis Moabit bis zur Aufbahrung der 183 Märzgefallenen auf dem Gendarmenmarkt. Ein Höhepunkt soll eine mehrstündige Revolutionsrevue im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums sein.

Große Partner begeistern, schöne Projekte zu wichtigen Fragen machen, herausragende Medienpräsenz, das sind die Prinzipien der Historiale. Die Historiale ist organisiert als kleiner Verein, eingetragen und gemeinnützig. Mit dem Geschichtsfestival befinden wir uns noch in der Experimentierphase. Die Historiale soll sich zu einem großen Festival in Berlin entwickeln, interessant für alle, die etwas mit deutscher Geschichte zu tun haben. Ein volkstümlicher Teil mit genau zur jeweiligen Zeit passendem Markt, mit Veranstaltungen und Musik findet jeweils am letzten Wochenende im August im Nikolaiviertel statt, dem Gründungsort Berlins, 1237. Daneben soll sich das Festival aber zu einem Ort des Austauschs und der Präsentation entwickeln, später über zehn Tage erstrecken und für Besucher aus Deutschland und aus anderen Ländern interessant sein.

Die ersten Erfahrungen haben gezeigt, daß die Besucher sich so zusammensetzen wie in der Buchhandlung, nämlich 60 Prozent ältere, gebildete, einkommensstarke Menschen (heute Generation 50+ genannt). 20 Prozent sind jung bis sehr jung, die interessierten, zielstrebigen global orientierten Menschen, wie sie auch bei uns arbeiten. 20 Prozent kommen aus anderen Ländern und interessieren sich für deutsche Geschichte. In die Buchhandlung kommen zum Beispiel im Sommer so ziemlich alle Professoren und Lehrer, die an amerikanischen Schulen und Universitäten etwas mit deutscher Geschichte zu tun haben. Diese Kategorisierung entspricht exakt der umfangreichen Studie, die die WELT über Geschichtsinteressierte hat durchführen lassen. Man kann auch einfach sagen, daß die 20 Prozent der Bevölkerung, die aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, Kultur wahrnehmen und Städtereisen machen, zu uns kommen.

So entstand die Berlin Story als Marke, indem wir unser Arbeitsfeld markierten, besetzten und unbeschwert, fröhlich mit ungeheurer Energie zum Erfolg führten. Die Marke entstand nicht, indem wir erst ein Logo entwarfen, eine Zielgruppenanalyse durchführten sowie die Umsatzerwartung im Businessplan aufzeichneten. Die Berlin Story ist ein Kind des Interesses an dieser Stadt wie auch der Dynamik Berlins.
Und nur mit Ihnen, unseren Freunden und Kunden, läßt sich dieses Projekt weiterentwickeln. Dafür danken wir Ihnen mit diesem Buch.

Wieland Giebel, 20. November 2007