Wir lesen die Briefe an den ukrainischen Weihnachtsmann
„Für wie viele Kinder kauft ihr denn ein!?“ Fragt eine interessierte Mutter mit ihren Kindern, die im Spielzeugladen unsere zwei überquellenden Einkaufswagen sieht. „Für 500“ sagt Chris Knickerbocker und packt weiter die Lego-Sets ein. Noch zwei Tage bis Weihnachten. Und wir haben noch viel zu tun. Aber warum beantworten ein paar Deutsche die Briefe ukrainischer Kinder an den Weihnachtsmann?

Rückblick: Der heilige Abend 2023, um uns herum überall Kinder, die vor der russischen Armee aus Kupjansk im Donbas fliehen mussten. Wir kommen mit dem Pickup der Munitionsbergung, unser Weihnachtsmann ist Chris Klawitter, welcher die vergangenen zwanzig Jahre für die Amerikaner in Afghanistan war. Den Bart hat er, das Auftreten hat er, wir holen die Geschenke – dann gibt es Luftalarm. Ballistische Raketen und Drohnen sind auf dem Weg zu uns.
Aufhören? Nein – niemals. Wir machen weiter, verteilen die Geschenke. Die Kinderaugen leuchten. Bei uns schlägt nichts ein. Ein tolles Event. Im Anschluß machten die Kinder Fotos mit dem Weihnachtsmann, aber auch Jugendliche, der Nachrichtendienst und Soldaten. Der Weihnachtsmann gibt Hoffnung und vermittelt Stabilität – er kommt immer, egal wie die Lage ist. Es ist für alle hier wichtig den Alltag zur Erhalten, an das Gute zu glauben, an die Silberstreif am Horizont. Es kann nur besser werden.
Wir besuchen noch Freunde in einem Hotel vor Ort und treten die dreitägige Rückfahrt nach Berlin an. Danach wird das Hotel bombardiert. Aber es gibt nur Leichtverletzte. Der normale Wahnsinn in der Ukraine.
Neues Jahr, neue Aktion

Das ganze Jahr 2025 hatten wir im Kopf eine Weihnachtsaktion zu machen. Alleine oder mit anderen oder sich überschneidend. Die meisten Menschen in diesem Bereich wollen vor allem einfach irgendwie helfen – das geht im Team besser, als alleine. Unsere Partner sitzen in Sumy und Kherson, den Städten, welche tagtäglich angegriffen werden, aus welchen sich aber nicht alle Menschen vertreiben liessen. Mittendrin: Kinder. Was die hier tun? Oft arbeiten ihre Eltern beim Rettungsdienst, im Krankenhaus oder bei der Polizei. Und die Familien wollen zusammenbleiben.
Aber das Geld ist bei vielen knapp, sie sind gebeutelt von den Angriffen auf die Infrastruktur. Oft gibt es weder Heizung noch Strom. Die Menschen sind erschöpft und ausgelaugt – aber keine Opfer. Sie bleiben stark. Daher wollen wir ihnen helfen.
Die Partner arbeiten mit Schulen, Kinderheimen und anderen Einrichtungen zusammen. Alle haben eigene Wunschlisten. Dazu gehören zum Beispiel Powerstations, also große Batterien um Strom zu speichern. Passend für die Infrarotheizungen, welche die Räume im Winter heizen sollen. Dazu Spielsachen für drinnen – genauer gesagt für den Bunker. Wobei es meist ein Keller, die U-Bahn oder ein Parkhaus ist. Alles, was die grauen Räume wohnlicher macht, ist willkommen. Und sie geben uns die Briefe der Kinder. „OK die sind Ukrainisch – spricht das hier eigentlich jemand?“ – die ernüchternde Antwort: Nein. Aber es gibt kein Problem, welches Google Translate nicht lösen kann.
Briefe an den Weihnachtsmann

Also lesen wir die Briefe durch. Es geht um Frieden, Sicherheit der Geliebten und Geschenke.
„Hallo heiliger Nikolaus!
Hier schreibt dir Polinka — dasselbe Mädchen, das versucht, jeden Tag brav zu sein :)
…oder wenigstens jeden zweiten Tag :) Ich bin 7 Jahre alt — nicht mehr ganz klein, aber auch noch nicht groß :)
Dieses Jahr habe ich mich sehr bemüht: Ich habe Mama und Papa geholfen, meinen kleinen Bruder umarmt, bin in die erste Klasse gekommen, habe Gymnastik gemacht, auch wenn ich überhaupt keine Lust hatte, und versucht, niemandem böse zu sein (das war das schwerste!!).
Ich weiß, dass du viel Arbeit hast und viele Wünsche von Kindern bekommst. Deshalb schreibe ich kurz, aber von Herzen.
Dieses Jahr wünsche ich mir Frieden in unserem Land. Aber ich verstehe, dass dieser Wunsch sehr schwierig ist und dass er viel Kraft und den Wunsch vieler Kinder braucht. Darum schenke mir bitte Gordi aus der “Dendi”-Welt, damit er mich aufmuntert, wenn ich traurig oder ängstlich bin.
Und ich möchte dich noch um etwas Wichtiges bitten:
Bitte beschütze meine Familie — meine Mama, meinen Papa, Anjuta, den kleinen Danilo und alle Kinder. Möge deine Güte jeden berühren.
Und wenn du ein Minütchen hast — komm bei uns vorbei! Ich verspreche, dir Kekse zu backen, und Danilo wird dir sein schönstes Lächeln schenken!
Danke, Nikolaus, für die Magie, die du jedes Jahr schenkst!
Ich warte sehr auf dich!
Mit Liebe, Polinka“
„In diesem Jahr habe ich viele gute Taten vollbracht:
Ich bin in die Schule gekommen, lerne fleißig und helfe meiner Mama.
Am meisten wünsche ich mir als Geschenk ein LEGO-Set „Weihnachtsbaum“.
Ich wünsche dir Frieden und ein frohes neues Jahr!“
„Lieber Weihnachtsmann,
mein Name ist Karina, ich bin 15 Jahre alt.
Meine große Leidenschaft ist das Zeichnen. Es ist meine Art, meine Gefühle auszudrücken und meine Freizeit interessant und sinnvoll zu verbringen.
Ich möchte meine Fähigkeiten weiterentwickeln, und dafür brauche ich hochwertiges Material.
Wenn es möglich ist, würde ich mich sehr über ein großes Set professioneller Marker freuen. Wichtig ist mir, dass die Farbpalette möglichst breit ist – von zarten Pastelltönen bis hin zu kräftigen und tiefen Farben.
Das wird mir helfen, meine kreativen Ideen vollständig umzusetzen.
Vielen Dank, dass Sie meine Bitte angehört haben.
Ich freue mich schon sehr auf die Feiertage!“
„Guten Tag!!!
Ich heiße Bohdan. Ich bin 6 Jahre alt. Ich war sehr brav.
Lieber Weihnachtsmann, bitte schenke mir zum Fest einen magnetischen Baukasten „Minecraft“.
Danke.“
„Ich werde bald 5 Jahre alt.
Bitte schenke mir Figuren aus meinem Lieblingszeichentrickfilm „PJ Masks“
„Bitte schenke mir eine „Labubu“. Und wenn möglich — auch Scratch-Marker.
Danke, ich wünsche Frieden.“

Aus den Briefen entsteht eine lange Excel Tabelle, welche von mehrere Gruppen benutzt wird. Ukrainer übersetzen die Briefe teilweise ins Englische, wir ins Deutsche. Manchmal gibt es Rückfragen zu speziellen Formulierungen. In der Tabelle aufgelistet: Welches Kind von welchem Alter wünscht sich was und welche Organisation ist für die Verteilung zuständig? Anschließend die Frage: In der Ukraine kaufen oder hier? Wer transportiert es wann zu wem weiter? Und die Frage vor der allen graut: Wer verpackt das alles!?
Oft geht es um Spielzeugreihen oder Serien, von denen ich noch nie gehört habe. Aber man findet am Ende alles. Und es gibt Dinge, die man auf Vorrat kaufen kann: Hasenmützen, Dinomützen, Taschenlampen, Powerbanks. In der Liste trägt jeder ein, was er bereits beschafft hat, in einer WhatsApp-Gruppe werden weitere Bilder geteilt. Teilweise werden die Sachen direkt in der Ukraine bestellt und vor Ort an die Partner oder Eltern geliefert, Teilweise in Deutschland bestellt. Je nach Verfügbarkeit und Preisen. Im Berlin Story Bunker stapeln sich mehrere Wagen Geschenke, welche dann gesammelt an das Lager des Bravery e.V. gehen, welcher die Aktion koordiniert.

Ab und zu treffen wir uns und verpacken hunderte Geschenke im Akkord. „OK wir haben 250 Geschenke…. Aber kein Geschenkpapier. Das stand nicht auf der Liste“. Was nun? Da kommt Volker um die Ecke, immer entspannt und gemütlich – und immer bestens vorberietet. Unter dem Arm „so etwa 100 Quadratmeter Geschenkpapier – ich dachte ihr vergesst das eh“ lacht er und hat recht. Und dann geht es los. „Skateboard? Ferngesteuerter Wagen? Minecraft? Ne Barbie… ne… Vampirbarbie…Sowas wie, keine Ahnung, Barbies Hund mit Polizeimütze?“ Wenn man die aktuellen Trends der Spielzeugbranche nicht kennt, identifiziert man alles als Barbie oder Skateboard. Aber wir werden nach und nach besser.
Die Geschenke werden in Kartons gepackt, die wiederum in die Transporter, diese gehen auf den Expressweg in die Ukraine. Einen Tag hin – ausladen, alles zur Post und an die verschiedenen Einrichtungen verteilen. Schlafen. Wieder zurück nach Berlin. Auch das machen Freiwillige am Wochenende. 30 Stunden fahren in zwei Tagen.

„Hey mein bester Freund“ beginnt eine WhatsApp Nachricht an mich eine Woche vor Weihnachten. „wir haben etwas Wichtiges vergessen und jetzt weiß ich nicht weiter!“ Schreibt ein Bekannter aus dem Donbas. „Hier sind rund 1.000 Leute vom Nachrichtendienst im Einsatz, die Kinder haben, aber Weihnachten nicht nach Hause kommen. Und wir wollen ihren Kindern irgendwas schicken. Egal was. Egal wie klein. Sowas wie dieser Schoko-Teddy-Mix, der nach dir benannt ist oder so. Einfach, dass man an sie denkt – und alle Spenden sind aufgebraucht“.
Schnelle Hilfe ist wichtig
OK – er hat meinen wunden Punkt getroffen: Stofftiere, die nach mir benannt wurden. Derzeit zwei auf dem Markt: Enno der Sorgenfresser und Eisbär Enno – mit Schokoriegeln im Set. In der Ukraine nicht mehr zu bekommen, vergleichbare Sachen auch nicht. Also muss ein deutscher Großhändler herhalten. „Hey, könnt ihr 1.000 davon packen und wir lassen die per Kurier abholen?“ Frage ich. „So viele haben wir nicht… aber wir können 1.000 Sachen in der Art in ner Stunde abholbereit haben. Das sind aber 3 Kubikmeter und locker 300kg – das ist dir klar? Vom Preis mal gar nicht zu sprechen“. Los gehts. Der Kurier holt es ab, bringt es zum Hub in Polen, dort übernimmt der nächste und fährt es in die Ukraine, wo es die über jeden Zweifel erhabene Nova Post übernimmt. Während ich diese Zeilen schreibe, kommt die Lieferung im Donbas an.
„BÄM! Wir sind mal wieder die geilsten“ denke ich mir. Wenn einen sonst schon niemand ausreichend lobt, macht man das ab und zu selber um sich zu motivieren. Mein Büro ist gepflastert mit Urkunden der Dankbarkeit, ausgedruckten Chats und Emails in dieser Art und einem Strafzettel über 600€ für das Parken eines Panzers vor der russischen Botschaft. Diese Arbeit ist anstrengend, sie kostet Zeit und Geld, es ist gut sich ab und zu daran zu erinnern, das es am Ende aber tolle Erfolge sind, die Spaß machen.
20.000€ in einem Tag

Gestern kam dann die Idee, nochmal auf die Weihnachts-Aktion hinzuweisen. Die Zeit wird knapp, fast zu knapp. Aber wenn ein paar hundert Euro bei rum kommen, kann man diese noch an die Partner vor Ort schicken und sie kaufen etwas. 24 Stunden später traue ich meinen Augen nicht. Es sind mal eben 20.000€ zusammengekommen. Zwanzigtausend Euro! Das muss man sich mal überlegen. Das ist etwa so viel Geld, wie ich während meiner gesamten Ausbildungszeit verdient habe. Ein Netto-Jahresgehalt einer normalen Person. An einem Tag. Ich drucke die Summe aus und hänge sie ins Büro zu den anderen Erfolgen.
Nicht mein Erfolg – euer Erfolg! Ihr habt das Portemonnaie aufgemacht. Danke!
Doch es gibt auch sehr ungewöhnliche Sachen, die benötigt werden. So zum Beispiel schusssichere Westen für Kinder und für die Helfer vor Ort. „Wir können hier in Kherson keinen dicken Plate-Carrier sichtbar tragen“ erklärt Oleg. „Die Russen knallen uns sofort ab, wenn sie das sehen. Wenn wir unauffälliger aussehen, verlängert das unser leben – aber wir brauchen Splitterschutz“. Also spreche ich mit dem Hersteller, welcher uns seit zehn Jahren mit allem versorgt und mehrmals Sonderanfertigungen gebaut hat.

Der versteht das Problem: „OK, Splitterschutz, den man unter Hemd oder Pullover tragen kann? Rund um wahrscheinlich? In den Größen Kind bis Enno? OK!“ Eine Woche später sind Schnittmuster sowie die ballistischen Tests des Materials da. Alles passt. Wir geben sie in Auftrag und bitten Leute diese für je 99€ zu finanzieren. Nicht die Weihnachtsgeschenke, die Spass bringen – aber die, die man in der Ukraine braucht.
„Sag mal, können wir deinen Panzer nehmen, um die Geschenke auszuliefern?“ Zum Glück befinden sich im Berlin Story Fuhrpark weiterhin gepanzerte Fahrzeuge. Genau für diese Zwecke. Aber ich möchte nicht vorgreifen. Wie man als gepanzerter Weihnachtsmann Geschenke an der Front ausliefert, erfahrt ihr sobald wir zurück sind.