Noch einen Kilometer bis zum Iran, neben mir sitzt der kurdische Peschmerga-General Kaka Hama. Er schaut auf sein Handy und lacht: „Ah, wo ist dieses Bild denn… Ich muss immer suchen. Entschuldige einen Moment. Das ist alles so neu für mich, ich nutze das erst seit den 1990er Jahren. Damals mit so einer großen Satellitenschüssel und nem Röhrenmonitor. Sowas kennst du vermutlich gar nicht mehr“. Dann zeigt er mir ein Meme, welches er gut fand. Und an genau diese Szene mit ihm muss ich immer wieder denken, wenn es um Internet, Zensur, Meinungsfreiheit und den Iran, Irak oder Syrien geht. Sie kennen das Internet und freie Medien, sie mussten mit Diktatoren darum ringen. Hier die Geschichte des Internets des Iraks und Irans – und wie es heute im Iran zensiert wird.

Wie das Internet in den Irak und Iran kam
Der Iran war 1993 das zweite Land im Nahen Osten, das eine Verbindung zum Internet herstellte. Ursprünglich wurde die Idee vom IPM (Institute for Research in Fundamental Sciences) in Teheran vorangetrieben, um die iranischen Wissenschaftler mit der Welt zu vernetzen. Die Folgen konnte man damals kaum abschätzen. Es wurde eher wie Telefon oder Fax wahr genommen.
Doch die geopolitische Dimension wurde allen Beteiligten in der Region schnell klar. In den 1990er Jahren, während der Errichtung der Flugverbotszonen in Kurdistan-Irak, entstand die „Satelliten-Diplomatie“ des US-Militärs. Um die kurdische Armee, die Peschmerga, im Kampf gegen Saddam Hussein zu unterstützen, lieferten US-Spezialeinheiten klobige INMARSAT-Satellitenterminals. Ich war in dem Dorf, welches als eines der Ersten mit den Terminals ausgestattet wurde und später eines der ersten war, in dem die Operation Desertstorm begann. Mehrere hundert US-Soldaten sprangen per Fallschirm ab – und wurden vor Ort von den Kurden erwartet. Das Dorf hat bis heute strategische Relevanz – bis heute sind die Menschen dort verschwiegen und behalten vieles von dem, was sie täglich sehen, für sich.
Diese Internet-Terminals waren der erste unzensierte digitale Zugang zur Welt in einer Region, die sonst technisch isoliert und von Diktaturen geprägt war. Diese Terminals halfen bald auch den Iranern. Bis heute helfen die Amerikaner massiv bei der Zensurumgehung – auf immer moderneren Wegen.
Unser Iran-VPN
Seit 2006 waren Berlin Story Mitarbeiter im Kurdistan-Irak. Mehrere Jahre hatten wir dort ein kleines Büro. Oft halfen wir den benachbarten Regionen bei der Zensurumgehung. Anfang 2023 trat jemand in der Region mit einer Idee an uns heran: Ein VPN für den Iran. Also eine Möglichkeit, innerhalb seiner normalen Internetverbindung eine unzensierte, verschlüsselte zu verstecken. Die Idee ist nicht neu und wurde oft umgesetzt. Viele der Verbindungen wurden schnell blockiert. Man sieht, dass der Datenverkehr von einem Handy zu einem Endpunkt geht, der keinen Sinn ergibt. Wie, wenn alle Autos von der Autobahn abfahren und an einer Mülltonne auf einem Kornfeld halten und dann wieder nach Hause fahren würden. Man weiß nicht, was los ist, aber man sieht es und sagt: „Das ist doch keine normale Reise gewesen!“.
Seine Idee daher: Eine spezielle Software auf USB Stick in den Iran schmuggeln, welche Leute direkt auf ihrem Handy oder PC installieren können, welche aber wie eine belanglose App aussieht. Damit dann Verbindungen zu vermeintlich echten Webseiten aufbauen – welche die VPN Verbindung annehmen und ins Internet umleiten. Für einen Zensator sähe es also aus, als würde man Musik oder Videos streamen, das erklärt die Datenmenge. Wir fanden Partner, welche einen VPN Endpunkt neben ihrer echten Streamingplattform betrieben. Wir hatten Freunde, welche die VPN Software ins Land brachten. Zur Spitzenzeit nutzten mehr als 10.000 Personen unser VPN. Doch Ende 2023 waren wir trotz täglicher Anpassungen der Routen komplett vom Iran getrennt und stellten das Projekt ein. Diesmal hatte der Iran gewonnen. Aber wir hatten bereits neue Ideen.
Starlink-Schmuggel in den Iran?

Wie in den 1990er Jahren, helfen die USA heute wieder mit Satelliteninternet. Inzwischen aber mit Starlink Terminals. Diese sind etwa größer als ein A4 Blatt, 5 cm hoch und können per USB-Powerbank betrieben werden. Man kann sie besser verstecken als die alten Geräte.
Die Starlinks gelangen über dieselben Routen ins Land, die seit Jahrzehnten für Whiskey und iPhones genutzt werden. Beim Starlink-Schmuggel in den Iran zu helfen, ist weder in Deutschland noch in Kurdistan verboten. Aus Sicht vieler Kurden passiert man lediglich zollfrei die „Innerkurdische Grenze“, um etwas Nachbarschaftshilfe zu betreiben. Gefährlich ist es dennoch. Die Agenten des iranischen Regimes sind auch in Deutschland aktiv und können im Zweifel auch hier Menschen töten. Die Starlink Antennen werden oft in lokale Karton verpackt und die Geräte selber getarnt. Bei einer einfachen Sichtprüfung sehen sie also wie andere Geräte aus. Ein durchschnittlich korrupter iranischer Beamter winkt das Ganze dann gegen 100$ in Bar, eine Flasche Whiskey oder einen USB-Stick mit Pornos durch. Auch wenn der Iran offiziell nicht zum Starlink Gebiet gehört, so können die Antennen bereits sehr lange dort mit den normalen Roamingpaketen für unter 100€ im Monat betrieben werden. Gestern ordnete Elon Musk an, alle iranischen Geräte gratis zu versorgen.
Starlink Abschaltung im Iran – Jamming
Das iranische Regime nutzt heute ein zweigleisiges System, um die Kontrolle über das Internet zu behalten. Zum einen gibt es ein lokales, „reines“ Internet, welches auch Nationales Informationsnetzwerk genannt wird. Dieses ermöglicht, das globale Internet zu kappen, während interne Dienste wie Banken oder staatliche Apps weiterlaufen. Das geht, da der Iran nur wenige digitale Übergänge zum Rest der Welt hat. Und alle sind vom Staat kontrolliert. Ähnlich wie in China. Dies betrifft aber das mobile Internet und das Internet zuhause.
Um Satellitenverbindungen wie Starlink zu unterbinden, setzt der Iran zunehmend auf elektronische Kampfführung. Dafür werden verschiedene Störsender (Jammer) verwendet.
Starlink ist schwerer zu stören als herkömmliche Satelliten, da die Satelliten in einer niedrigen Umlaufbahn (LEO) schnell über den Himmel ziehen und nicht wie ein TV-Satellit fix an einem Punkt im Himmel „stehen“. Aber Starlink ist ein ziviles System, welches keinerlei Gegenmaßnahmen kennt. Wenn es gestört wird, geht es einfach nicht.
Bodenstationen mit Jammern senden starke Signale auf den Starlink Frequenzen (Ku-Band) aus. Dies übertönt sozusagen das schwache Signal aus dem All. Dies kann man jedoch umgehen, indem man den Starlink in ein Lüftungsrohr stellt, welches ihn zu den Seiten abschirmt und nur Signal von oben annimmt. Dadurch empfängt man auch weniger Satelliten – aber es hat einen gewissen Effekt.
Die effektivste und fortschrittlichste Jamming-Methode des iranischen Regimes ist daher der Einsatz von hochfliegenden Drohnen oder Ballons. Diese fliegen in 5-10 Kilometern Höhe in der Sichtlinie zwischen dem Starlink-Satelliten und dem Terminal am Boden. Dies funktioniert vor allem über die hoch besiedelten Gebieten gut. Sie strahlen ein Störsignal direkt nach unten (Downward Jamming). Da das Terminal nach oben „schaut“, um den Satelliten zu finden, kann es das Störsignal der Drohne kaum von dem echten Satellitensignal unterscheiden. Je nach Drohne und Jammer kann man so einen kreisförmigen Bereich von 50-100 Kilometer Durchmesser stören.
Aktueller Stand
Derzeit berichten unsere Quellen vor Ort, dass die freie Nutzung des Internets immer unsicherer wird. Die Revolutionsgarden durchsuchen inzwischen Menschen, Wohnungen und Büros auf der Suche nach Satelliten Terminals. Die Nutzer verschwinden, werden vermutlich ermordet.
Da man also keine zusätzliche Hardware haben kann, gibt es seit einiger Zeit andere Projekte. So wurden an der Grenze zum Iran große Wifi-Antennen aufgebaut, welche mehrere Zehn Kilometer ins Land senden können. Mit einem normalen Handy kann man diese nicht empfangen. Aber es gibt spezielle Geräte, welche nicht als große Antennen erkennbar sind, mit welchen man das Signal empfangen und antworten kann. Dies funktioniert jedoch nur in der Nähe der Grenze.
Der freie Zugang zu Informationen ist so wichtig wie selten. Genau so wichtig ist aber, dass Menschen im Westen die Brutalität des Regimes sehen und die Videos ihren Weg raus finden. Das iranische Regime steht am Kipppunkt. Noch sehen wir keine Revolution – aber es könnte eine werden.