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Was tun, wenn der Krieg kommt?

Die verschiedenen Kriege im Irak, im Iran und in Afghanistan fanden weit weg statt. In einem generischen Wüstenstaat, den viele Deutsche nicht einmal auf der Landkarte finden. Oft waren Männer mit Bärten in Pick-up-Trucks im Fernsehen zu sehen, die eine fremde Sprache sprachen. Weit weg, kein Bezug zu – kein Grund zur Panik für die meisten Deutschen.

Nun hat Russland seine Raketen nur noch vier Flugminuten entfernt stationiert. So lange dauert auch das Lied „The Final Countdown“, wenn man es zum Abschluss hören möchte. Die ersten Bilder an der Ukrainischen-Polnischen Grenze am 24.02.2022 zeigten viele junge Frauen, die mit Kindern auf dem Arm nach Polen flohen und auf Englisch in die Kameras, sprachen.

Und auf einmal hatten die Menschen bei uns das Gefühl, dass der Krieg sie etwas anging. Er fühlte sich auf vielfältige Weise näher an. Und die Leute fragten sich: Was tun, wenn der Krieg zu uns kommt?

1. Keine Panik!

Im Podcast „(not) fit for war“ habe ich mit Tobias genau über dieses Thema gesprochen. Er wollte herausfinden, ob Deutschland „fit für den Krieg“ wäre. Gesellschaftlich, finanziell, militärisch. Meine Meinung war: Man sollte sich mit dem Thema befassen, aber keine Panik verbreiten. Die Sendung war am Ende jedoch so deprimierend, dass der Podcast keine zweite Folge erlebte und eingestellt wurde.

Derzeit steht kein Krieg vor der Tür. Wir leben in einem reichen und sicheren Land. Etwas weiter entfernt haben wir einen mörderischen Diktator, der gestoppt werden muss. Das kann parallel existieren. Wir haben Strom, Heizung, Flugverkehr und unsere Demokratie funktioniert. Im weltweiten Vergleich stehen wir extrem gut da.

2. Vorbereitet sein: Im Kopf

Krieg ist ein so anstrengendes, trauriges und komplexes Thema, dass man es am liebsten meiden würde. Man will wegsehen, sich umdrehen, nicht zuhören. Das ist verständlich, aber es ist besser, das Thema in Ruhe anzugehen und sich schrittweise damit zu befassen, als im Kriegsfall überrascht zu werden. Krieg bedeutet in den meisten Teilen des Landes und für die meisten Personen nicht, dass wie in einem Actionfilm geschossen wird und alles explodiert. Es bedeutet, dass das an der Front passiert, oft weit weg. In der Ukraine fährt man von der polnischen Grenze bis zur Front ein bis zwei Tage mit dem Auto. Auf dem Weg dorthin haben Freizeitparks, Theater, Restaurants, Hotels und Shoppingcenter geöffnet. Die Menschen gehen zur Arbeit, feiern und leben ihr Leben. Die Welt steht nicht still. Man kann sich dem Thema also Schritt für Schritt nähern, ohne direkt mit traumatisierenden Dingen konfrontiert zu werden. Diese gibt es, sie liegen aber am anderen Ende der Skala.

3. Vorbereitet sein: Mit Konserven oder Kerzen?

In vielen Texten zur Krisenvorbereitung findet man den Hinweis, Konservendosen, Kerzen und Streichhölzer einzulagern. Nichts davon habe ich je gebraucht. Wenige Kilometer von der Front in Kurdistan und der Ukraine hatten bzw. haben Hotels, Geschäfte und Restaurants geöffnet. Diese Krisentexte sind nicht unsinnig, sie gehen nur von einem anderen Szenario aus. Nützlich sind Wasserfilter oder Reinigungstabletten, eine Powerbank und Taschenlampen. Fehlender Strom und schlechte Wasserqualität kommen häufiger vor. Auch eine fehlende Heizung im Winter. Die Probleme sind dabei aber oft trivialer, als man meint. Leute lassen Türen offen, ziehen sich nicht dick genug an und laden ihre Geräte nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Im Alltag komme ich mit einer 100.000-mAh-Powerbank gut hin, um Laptop und Handy zu laden. Man sollte ein paar Liter Trinkwasser vorrätig haben und eine gute Taschenlampe bereithalten.

Ebenfalls wichtig sind Ausweisdokumente und andere wichtige Dokumente. Von allem sollte man ein Foto auf dem Handy haben und eine Kopie davon in der Cloud. Den Pass immer in der Tasche tragen. All diese Dinge ergeben Sinn und sind nicht aufwändig. Es schadet auch nicht, ein oder zwei Konserven im Schrank zu haben. Aber solche, die man einfach öffnen kann, ohne im Notfall kochen zu müssen. Ich habe aber auch immer Müsliriegel dabei. Am häufigsten kam es zu langen Staus, manchmal zehn Stunden, in welchen man nicht zum nächsten Supermarkt kam.

4. Bleiben oder gehen?

Zu Beginn eines Krieges wäre die entscheidende Frage: Bleiben oder gehen? Beides birgt Nachteile – keines will man wirklich.

Bleiben

Man sollte sich nach dem nächsten „Bunker” umsehen, der meist kein Bunker ist. Eine Tiefgarage, die U-Bahn oder Ähnliches. Dort kann man die Bombennächte verbringen. Mit einer Flasche Wasser, etwas zu essen und einer Isomatte. Profis haben einen Campingtisch und eine Spielesammlung dabei. Die Wirtschaft bricht oft ein, man muss mit weniger auskommen. Man lebt in permanenter Angst. Freunde sterben, andere werden verletzt. Es kann sein, dass man umziehen muss. Aber die Menschen rücken zusammen. Man lernt Leute im Bunker kennen und freundet sich mit ihnen an. Morgens nach einer Bombennacht sitzt man müde und verplant im Café und sieht, dass geteiltes Leid wirklich halbes Leid ist. Man solidarisiert sich mit anderen Opfern, den Helfern und dem Militär und beteiligt sich an Hilfsprojekten. Man lernt, zwischen Zerstörung und Resilienz zu leben.

Gehen

Oft haben die Menschen nur wenige Stunden, um einen Koffer, einen Rucksack oder Ähnliches zu packen. Am Körper sollte man das Wichtigste, wie Handy, Pass und Bargeld, tragen. Im Rucksack sollten sich wichtige Dokumente, ein Laptop, ein Ladegerät, eine Powerbank, etwas zu essen und zu trinken sowie das relevante Fotoalbum befinden. Im Koffer sollten sich Dinge befinden, die man im Notfall liegen lassen kann, zum Beispiel Kleidung. Züge fahren oft zuverlässig und am längsten, Autos stehen eher im Stau. Entscheidend ist, sich schnell zu entscheiden. Die ersten meiner Bekannten, die aus der Ukraine flohen, flogen mit einer Billigairline nach Istanbul und machten dort zwei Wochen Urlaub. In dieser Zeit konnten sie beobachten, wie sich die Situation entwickelte. Anstatt Stunden im Kriegsgebiet für die Entscheidungsfindung zu haben, hatten sie Tage in Sicherheit.

5. Gefahren verstehen

Um gute Entscheidungen treffen zu können, braucht man Wissen. Wer sich nicht mit Krieg, Politik und Ähnlichem befasst, ist im Leben immer im Nachteil. Man versteht die Welt nicht. Man ist überfordert. Es hilft, sich rechtzeitig damit zu befassen und am Puls der Zeit zu bleiben. Dazu gehört auch, verschiedene Quellen zu nutzen, mit verschiedenen Menschen zu sprechen und aus der eigenen Blase herauszukommen. Und das nicht erst, wenn die Krise da ist, sondern lange davor.

Und nun?

Der Vorhang zu und alle Fragen offen. Wie man sich in einem solchen Fall verhält, welche Unterlagen wichtig sind und wohin man gehen möchte (oder nicht), ist individuell unterschiedlich. Fertige Listen und Texte wie dieser können dabei helfen, Ideen zu entwickeln. Am Ende muss man jedoch Zeit investieren und sich selbst mit der Lage befassen.

Das Ganze sollte in Ruhe, faktenbasiert und mit Zeit mit der Familie und Freunden besprochen werden. Die Angst vor dem Thema ablegen und sich Stück für Stück einer Lösung annähern. So entsteht ein Plan, den man hoffentlich nie braucht.