bsnUkraine

Was Putin von Hitlers Terror lernte: Shahed und V1

Der feuchte Traum eines jeden Diktators: eine unpräzise, aber billige Bombe mit Flügeln, die einfach in Richtung Feind geschossen wird. Dann drückt man die Daumen, dass sie irgendwen auf der anderen Seite tötet. Wen und wie? Völlig egal. Es geht um Terror!

Geran-2 (Shahed) Einschlag in ein Wohnhaus in Odesa
Geran-2 (Shahed) Einschlag in ein Wohnhaus in Odesa

Die Nazis bauten ihre sogenannten „Vergeltungswaffen“. Vergeltung dafür, dass sich andere Nationen nicht einfach ermorden ließen, sondern den Kampf mit Hitler aufnahmen. Allein der Name der Waffe zeigt den kranken Geist des Regimes. Dabei handelte es sich um eine einfache Bombe mit Flügeln, die jedoch eigenständig per Trägheitsnavigation eine Richtung und Höhe halten und so einigermaßen ein Ziel treffen konnte. Aus heutiger Sicht ist dies lächerlich unpräzise, aus damaliger Sicht jedoch revolutionär. Diese V1-Bomben (Vergeltungswaffe 1) blieben vor allem wegen ihrer Angriffe auf London im Gedächtnis der Welt.

Der Iran baute die Shahed-136-Drohne, welche Russland als „Geran-2“ in Lizenz baut. Der Einfachheit halber spricht man weiterhin meist von „Shahed“, wenn sie kommen. Sie fliegen per GPS und einiger anderer Sensoren auf einer Höhe von 4–5 km bis an den Stadtrand, sinken dann ab und werden per Hand knapp über die Hausdächer gesteuert. Reißt die Verbindung zum Piloten ab, stürzen sie wahllos in ein Wohnhaus in Kiew oder in einen Kindergarten in Charkiw.

V1: Propaganda und Verzweiflung

Sowohl die V1-Bomben als auch die Shahed-136-Drohnen stehen exemplarisch für den Einsatz einfacher, aber psychologisch wirksamer Waffen als reine Terrorinstrumente in einer militärisch schwierigen oder aussichtslosen Lage.

Obwohl sie zeitlich und technologisch weit voneinander entfernt sind, weisen beide Systeme in ihrer strategischen Anwendung als Vergeltungs- oder Einschüchterungswaffen gegen die Zivilbevölkerung und Infrastruktur frappierende Parallelen auf.

Die offizielle NS-Propaganda feierte die V1 als „Wunderwaffe“, die das Blatt noch wenden sollte. Tatsächlich diente sie primär dazu, die Moral der britischen und belgischen Zivilbevölkerung zu brechen, Vergeltung für alliierte Bombenangriffe zu üben und den Glauben der eigenen Bevölkerung an einen Endsieg zu stärken. Ihr militärischer Nutzen war gering. Die V1 war unpräzise, relativ langsam und konnte durch Abfangjäger, Flugabwehrkanonen am Boden und sogar durch Sperrballone bekämpft werden. Sie konnte die Kriegswirtschaft der Alliierten zu keinem Zeitpunkt ernsthaft schwächen.

Geran-2: Schwarmangriffe zur Überlastung

Die Geran-2 ist eine billige Einweg-Drohne. Russland setzt sie seit 2022 massiv gegen zivile Ziele in der Ukraine, insbesondere gegen Energie- und Infrastrukturanlagen, ein. Der Hauptzweck besteht in der Terrorisierung der ukrainischen Bevölkerung durch nächtliche Angriffe auf Städte. Ein weiterer zentraler Aspekt ist die systematische Zerstörung der kritischen Infrastruktur, um die Versorgung zu unterbrechen. Die Drohne selbst ist relativ langsam und leicht zu zerstören. Ihr militärischer Wert liegt jedoch in ihrer Massenproduktion und ihrem kostengünstigen Einsatz. Sie wird in Schwärmen abgefeuert, um die Flugabwehr zu überlasten und teure Flugabwehrraketen zu verschleißen, während eine Drohne nur etwa 40.000 Euro kostet.

Playbook des Diktators

Seit dem Zweiten Weltkrieg fällt auf, dass sich viele Diktatoren am „Playbook“, also an der Anleitung Hitlers, orientieren. Sei es bei der Propaganda, dem Einsatz von Giftgas, billigen Terrorwaffen oder anderen Dingen. Bisher hat jedoch kein Diktator die Anleitung bis zum Ende befolgt. In der Regel wurden sie vorher gestoppt – nicht, weil sie moralische Bedenken hatten. Um zu verstehen, was die nächsten Schritte Putins sein könnten, müssen wir also nur in den Texten über den Zweiten Weltkrieg weiterblättern.