Waffen kann man kaufen, Kampfgeist nicht
Zwei neue Bücher aus dem Berlin Story Verlag erzählen den Krieg in der Ukraine so, wie ihn sonst niemand erzählt: „Die Schlacht um Kyiv“ von Wieland Giebel aus der Perspektive derer, die am ersten Tag vor Ort waren – und „Know Your Enemy“ von Enno Lenze aus der Werkstatt, in der über 30 russische Killerdrohnen zerlegt und analysiert wurden. Beide erscheinen am 6. Oktober 2026 und werden an diesem Tag vorgestellt. Beide Bücher sind bereits im Handel, online-Handel und im Berlin Story Bunker erhältlich.

Es gibt inzwischen viele Bücher über den Krieg in der Ukraine. Die meisten entstehen am Schreibtisch – aus Agenturmeldungen, Lageberichten und Sekundärquellen. Die beiden Bücher, die wir am 6. Oktober vorstellen, entstanden anders. Das eine bei zwölf Reisen in die Ukraine, in Gesprächen mit fünfzig Menschen, die den 24. Februar 2022 selbst erlebt haben. Das andere an der Werkbank im Berlin Story Bunker, mit Lötkolben, Frequenzscanner und Schraubendreher an Drohnen, die wenige Wochen zuvor noch über ukrainischen Stellungen geflogen sind.
So unterschiedlich die Zugänge sind, so eng gehören die Bücher zusammen. Das eine erklärt, warum die Ukraine den ersten Tag überlebt hat. Das andere erklärt, wie der Krieg seitdem aussieht – und warum Europa darauf nicht vorbereitet ist.
Die Schlacht um Kyiv – Wie es eigentlich war. Konsequenzen für Europa

Am Morgen des 24. Februar 2022 landeten russische Kampfhubschrauber mit der Elite der Luftlandetruppen am Flughafen Hostomel, wenige Kilometer vor Kyiv. Der Plan des Kreml war einfach: Den Flughafen nehmen, Transportmaschinen mit Truppen und schwerem Gerät einfliegen, die Hauptstadt binnen Tagen einnehmen. Dass es anders kam, lag an einer kleinen Einheit ukrainischer Nationalgardisten, die den Flughafen hielt – und damit den Fall Kyivs verhinderte. Das Buch trägt auf dem Titel das Gesicht eines dieser Männer: Serhii Falatyuk, der an diesem Tag den ersten russischen Kampfhubschrauber Ka-52 abschoss.
Wieland Giebel erzählt diese Schlacht so, wie sie wirklich war. Nicht aus Generalstabskarten, sondern aus den Erinnerungen derer, die dabei waren. Fünfzig Interviews hat er dafür in der Ukraine geführt – mit Soldaten, die auf dem Rollfeld von Hostomel lagen, mit Zivilisten, die in Butscha und Irpin die russischen Kolonnen kommen sahen, mit Geheimdienstmitarbeitern, die den Angriff kommen sahen und nicht verhindern konnten. Dreißig dieser Gespräche entstanden 2025, weitere zwanzig im April 2026. Alle Interviews sind hier auf Berlin Story News dokumentiert.
Diese Recherche ist in der wachsenden Ukraine-Literatur einzigartig. Zwölf Reisen in die Ukraine während des Krieges, die letzte davon wenige Tage vor der Pressekonferenz nach Odessa. Kein anderes deutschsprachiges Buch stützt sich auf so viele Gespräche mit Augenzeugen des ersten Kriegstages. „Die Schlacht um Kyiv“ ist damit mehr als Reportage: Es ist ein zeitgeschichtliches Dokument, das schon jetzt einen Grundstein für die historische Aufarbeitung legt – festgehalten, solange die Zeitzeugen noch erzählen können.
Bestätigt vom damaligen Verteidigungsminister. Nach Redaktionsschluss erschien am 4. und 7. September 2026 ein ausführliches Interview mit Oleksij Resnikow, Verteidigungsminister der Ukraine von 2021 bis 2023 und Mitglied der Delegation bei den Verhandlungen mit Russland. Resnikow bestätigt darin zentrale Aussagen des Buches aus erster Hand: die Fehlkalkulation des Kremls, der mit Blumen empfangen zu werden glaubte, den Befehl, Kyiv binnen 72 Stunden zu nehmen, die Paradeuniformen in den ausgebrannten russischen Fahrzeugen, das gebrochene Ehrenwort des belarussischen Verteidigungsministers – und das Selbstverständnis der Ukrainer, dass die einzige Sicherheitsgarantie die eigene Wehrhaftigkeit ist. Eine Auswertung dieses Interviews, einschließlich der Punkte, in denen Resnikow anderer Meinung ist, findet sich als Anhang im Buch.
Die Konsequenzen für Europa. Das Buch bleibt aber nicht bei der Geschichte stehen. Die zweite Hälfte des Titels ist ernst gemeint. Aus den Gesprächen in der Ukraine zieht Giebel eine These, die sich gegen die deutsche Verteidigungspolitik richtet: Waffen kann man kaufen, Kampfgeist nicht. Die Nationalgardisten in Hostomel hatten am 24. Februar keine überlegene Technik. Sie hatten die Entschlossenheit, nicht zu weichen. Genau diese Verteidigungsbereitschaft ist der eigentliche Schlüssel zur Sicherheit – und sie lässt sich nicht beschaffen.
Deutschland dagegen rüstet nach den Maßstäben des vorigen Jahrhunderts. Für rund 83 Milliarden Euro beschafft die Bundeswehr laut Rüstungs- und Beschaffungsplan des Verteidigungsministeriums für 2025/2026 Panzer und Fregatten – Systeme, die in der Ukraine täglich von Drohnen für ein paar Hundert oder Tausend Euro binnen Sekunden vernichtet werden. Das Buch ist deshalb auch eine schonungslose Abrechnung mit einer Politik, die sich auf den Krieg von gestern vorbereitet statt auf den von morgen.
Der Krieg, der auf den Schreibtisch kommt
Wie dieser Krieg von morgen aussieht, zeigt der Blick auf die Objekte, die jetzt im Ukraine-Museum im Berlin Story Bunker hängen: mehr als 30 russische Kampf- und Aufklärungsdrohnen, die meisten davon selbst von der Front mitgebracht. Es ist die einzige Ausstellung dieser Art in Europa. Und sie ist der Ausgangspunkt des zweiten Buches.
Know Your Enemy – Wie ich Drohnen aus dem Ukraine-Krieg zerlege und analysiere

„Wie kommt ihr eigentlich an dieses Material?“ Die Frage hört Enno Lenze inzwischen ständig. Die Antwort beginnt mit einem Anruf im März 2022: „Ich muss morgen nach Kyiv, kommst du mit?“ Am nächsten Morgen liegt mehr Schutzausrüstung im Kofferraum als Kleidung. Was folgt, ist eine Fahrt über zerstörte Brücken, vorbei an ausgebrannten Autos – und der Beginn einer Beschäftigung, die Lenze seitdem fast monatlich in die Ukraine führt.
Lenze kennt Kriegsgebiete. Er war mit den kurdischen Peschmerga an der Front gegen den „Islamischen Staat“, in Kabul kurz nach dem Abzug des Westens, in Hongkong während der Proteste 2019. Was er in der Ukraine erlebt, kennt er nicht: einen Krieg, der sich von Stunden auf Sekunden verdichtet hat. Eine Aufklärungsdrohne findet ein Ziel, eine FPV-Drohne für 500 Euro vernichtet einen Panzer für Millionen – binnen Minuten. „Tinder für Artillerie – It’s a match“, nennen es die Ukrainer.
Die Werkstatt. Fasziniert beginnt Lenze, das Material selbst in die Hand zu nehmen. Erbeutete Drohnen, Störsender und Frequenzscanner kommen aus der Ukraine nach Berlin – und werden hier zerlegt. Darunter die 100-Euro-Kamikazedrohne Molnia, die in Massen gebaut wird, und die ganz aktuelle 100.000-Euro-Aufklärungsdrohne Zala 421-16 in Tarnfarbe mit NVIDIA-Chip. Lenze schraubt sie auf, liest die Platinen, identifiziert Bauteile und Hersteller. Das Ergebnis dieser Analysen ist so nüchtern wie beunruhigend: In fast jeder größeren russischen Drohne steckt westliche Technik.
Auch das gibt es in dieser Form sonst nicht. Es ist eine Sache, über russische Drohnen zu schreiben. Es ist eine andere, sie auf dem Tisch liegen zu haben, ihre Steuerung zu verstehen und nachvollziehen zu können, welcher Chip aus welchem Land sie fliegen lässt. Genau das dokumentiert „Know Your Enemy“ mit mehr als 50 farbigen Abbildungen – und alle technischen Analysen sind, wie Giebels Interviews, auf Berlin Story News nachlesbar.
Die Botschaft des Buches ist sicherheitspolitisch: Die Regeln der Kriegsführung werden gerade neu geschrieben, und Europa ist darauf nicht vorbereitet. Lenze stellt die Frage, was diese neue Kriegsführung bedeutet, wenn der nächste Anruf einmal uns selbst gilt.
Was beide Bücher verbindet

Zwei Autoren, zwei Methoden, ein Befund. Giebel zeigt an fünfzig Lebensläufen, dass die Ukraine am 24. Februar 2022 nicht wegen ihrer Ausrüstung überlebt hat, sondern wegen der Menschen, die sich dem Angriff entgegenstellten. Lenze zeigt an dreißig zerlegten Drohnen, dass die Ausrüstung, auf die Deutschland heute Milliarden setzt, im nächsten Krieg keine Rolle mehr spielen wird. Beide kommen an derselben Stelle an: Deutschland denkt und rüstet nach den Maßstäben des letzten Jahrhunderts – und verlässt sich auf Technik, wo es Entschlossenheit bräuchte.
Und beide Bücher sind Ergebnis derselben Arbeit: der ständigen Präsenz vor Ort. Lenze war zuletzt im September in der Ukraine, Giebel kommt drei Tage vor der Pressekonferenz aus Odessa zurück. Es ist dieselbe Haltung, mit der der Berlin Story Bunker 2023 einen von der Ukraine zerstörten russischen Panzer vor die russische Botschaft stellte und im Februar 2026 das Ukraine-Museum eröffnete, das mehr als hundert internationale Berichte auslöste. Man muss hinfahren. Man muss es sich ansehen. Sonst weiß man es nicht.
Die Bücher
Wieland Giebel: Die Schlacht um Kyiv – Wie es eigentlich war. Konsequenzen für Europa. Berlin Story Verlag, Oktober 2026, 264 Seiten, 16 Euro. ISBN 978-3-95723-210-6. Demnächst auch als eBook und Hörbuch ISBN 978-3-95723-212-0. Englische Ausgabe ISBN 978-3-95723-211-3. Ukrainische Ausgabe in Vorbereitung.
Enno Lenze: Know Your Enemy – Wie ich Drohnen aus dem Ukraine-Krieg zerlege und analysiere. Berlin Story Verlag, Oktober 2026, 132 Seiten, mehr als 50 farbige Abbildungen, 16 Euro. ISBN 978-3-95723-208-3. Demnächst auch als eBook und Hörbuch ISBN 978-3-95723-213-7. Englische Ausgabe ISBN 978-3-95723-209-0. Ukrainische Ausgabe in Vorbereitung.
Die Autoren

Wieland Giebel (*1950) hat im Berlin Story Bunker gemeinsam mit Enno Lenze drei Museen entwickelt und realisiert: „Hitler – wie konnte es geschehen“, „Deutschland heute“ und das Ukraine-Museum. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher und Videos zu Krieg, Zeitgeschichte und Berlin. Seine Reise nach Odessa im September 2026 ist sein zwölfter Besuch in der Ukraine während des Krieges. Wieland Giebels Artikel
Enno Lenze (*1982) wuchs in Frankreich, Ruanda und Deutschland auf. Nach seiner Ausbildung als IT-Systemkaufmann arbeitete er als Systemadministrator für Hochverfügbarkeitssysteme. Gemeinsam mit Wieland Giebel organisierte er die Historiale, das größte Geschichtsfestival Europas. 2014 übernahm er den Berlin Story Bunker und machte ihn zu einem Ort moderner Geschichtsvermittlung – mit jährlich hunderttausenden internationalen Besuchern sowie Botschaftern, Staatsgästen und NATO-Militärs zur Fortbildung. Lenze ist nahezu monatlich in der Ukraine, zuletzt während des Besuchs von Witkoff und Kushner in Kyiv – und in den Bombentagen danach. Enno Lenzes Artikel