Der Ausweis eines getöteten russischen Soldaten ging in den sozialen Medien viral. Er wurde geboren, nachdem Putin an die Macht kam, und ist in der Ukraine für ihn gestorben. Wie ist die Situation in Russland? Warum sterben diese jungen Menschen für das Regime?

Die Welt ist seit Jahren von Krise, Krieg und Umbruch geprägt, und Kinder sowie Jugendliche wachsen in einer Atmosphäre von Veränderung und Unsicherheit auf. Der Krieg in der Ukraine zählt zu den einschneidendsten Ereignissen. Seit Wladimir Putin im Jahr 2000 an die Macht kam, hat die russische Regierung versucht, eine Staatsideologie für junge Menschen zu etablieren, indem sie stark in regierungsnahe Jugendorganisationen investierte. Trotz Putins wiederholter Versprechen, keine 18-jährigen Wehrpflichtigen in der Ukraine einzusetzen, hat eine Untersuchung der BBC Russian ergeben, dass mindestens 245 Soldaten dieses Alters in den letzten zwei Jahren dort getötet wurden. Viele weitere junge Russen im Alter von 18 bis 20 Jahren sind gestorben. Den Zahlen des Regimes nach insgesamt mindestens 2.812 seit Beginn der umfassenden Invasion.
Das Leben junger Russen vor dem Krieg
Viele junge Russen träumten vor ihrem Eintritt in die Armee von einem zivilen Leben. Alexander Petlinsky, der mit 18 Jahren nur 20 Tage nach seinem Eintritt in die Armee in der Ukraine getötet wurde, hatte beispielsweise von einer Karriere in der Medizin geträumt und einen Studienplatz an einem medizinischen College in Tscheljabinsk erlangen können. Ein anderer 19-jähriger Wehrpflichtiger, Daniil Selyayev, starb im Kampf in der Region Kursk. Zakhar Sosnin, ebenfalls 19 Jahre alt, dessen Familie nicht verstand, warum er einen Militärvertrag unterschrieben hatte, wurde ebenfalls in Kursk getötet. Das Leben russischer Soldaten an der Front wird als brutal beschrieben, oft ohne ausreichende Verpflegung und Ausrüstung, der Gewalt der Vorgesetzten ausgesetzt und unter prekären Bedingungen.
Warum junge Russen in den Krieg ziehen
Im Jahr 2021 war ich in Russland und habe mit Soldaten sowie mit Menschen aus dem militärisch-industriellen Komplex gesprochen. Die Erklärung vieler lautet dort: Wer einen Krieg über sich ergehen lässt, ist eben selbst schuld. Genauso wie eine Frau selbst schuld sei, wenn man sie „sich nimmt“ oder sie wegen vermeintlich schlechter Ergebnisse in der Hausarbeit schlägt. Das Recht des Stärkeren. Allgemein akzeptiert. Wer schwächer ist, muss halt mehr Stärke zeigen. Und das Militär sei eine Möglichkeit, seine Stärke zu beweisen und Schwächere zu unterjochen und zu vernichten. Eine Sichtweise, die stark an das Nazi-Regime erinnert.
Die Gründe, warum junge Russen in den Krieg ziehen, sind jedoch vielfältiger und oft beunruhigend.
Patriotische Propaganda und persönlicher Wunsch
Trotz Putins Versprechen, keine jungen Wehrpflichtigen an die Front zu schicken, wurden neue Regeln erlassen, die es Teenagern ermöglichen, direkt nach der Schule als Vertragssoldaten in die reguläre Armee einzutreten. Für einige wie Alexander Petlinsky war es ein langgehegter Wunsch, an der Front zu kämpfen, seit die „Spezialoperation“, also der Überfall auf die Ukraine, begann, als er 15 Jahre alt war. Daniil Yermolenko, geboren 2006, ist der jüngste bekannte russische Kriegstote. Er wollte dem Beispiel seines Bruders folgen und der Armee beitreten, um „Nazis und Faschisten zu bekämpfen“, eine populäre, aber falsche Kreml-Erzählung. Die Grundlage dieser Erzählung ist, dass deutsche Nazis 2014 die ukrainische Regierung gestürzt und das Land übernommen hätten. Nun würde in der Ukraine ein Nazi-Regime herrschen, das Russland auslöschen wolle. Bis 2022 gab es westliche Medien in Russland. Bis heute können Russen über das Internet auf westliche Medien zugreifen. Es liegt also nicht an einem Mangel an Informationen, dass sie diese Verschwörungstheorie glauben.
Finanzielle Anreize
Russland versucht, eine nationale Mobilisierung zu vermeiden, indem es hohe Geldsummen für Männer im wehrfähigen Alter anbietet. Dies ist besonders attraktiv für Menschen in ärmeren Regionen mit wenigen Jobaussichten. Bewohner armer Regionen sehen den Kriegseinsatz oft als einzige Möglichkeit, der Armut zu entfliehen. Vertragssoldaten verdienen durchschnittlich viel mehr Geld als andere Berufsgruppen. Es gibt Anreize wie eine Summe von 1 Million Rubel (ca. 10.000€) in der Moskauer Region, Steuerbefreiungen, Arbeitsplatzerhalt und die Aussetzung von Gerichtsverfahren.
Schuldenerlass
Ein neues Gesetz, das Wladimir Putin unterzeichnete, sieht vor, dass Soldaten, die sich für mindestens ein Jahr zum Kampf in der Ukraine verpflichten, Schulden von bis zu 10 Millionen Rubel (rund 100.000€) erlassen bekommen. Dieses Angebot zielt auf junge, überschuldete Russen im Alter von 20 bis 35 Jahren ab.
Zwang und Druck
Wehrpflichtige: Auf Wehrpflichtige wird Druck ausgeübt, Verträge mit dem Militär zu unterzeichnen. Oft haben sie keinen Zugang zu Anwälten oder Menschenrechtsorganisationen. Familien berichten, dass ihre Söhne manchmal nicht einmal verstanden, was sie unterschrieben.
Strafgefangene: Das Verteidigungsministerium rekrutiert Strafgefangene. Ihnen wurde Begnadigung und Geld versprochen. Sie werden oft zu Sturmangriffen an der Front eingesetzt und erleiden schwere Verluste. Es wird über Zwang angewandt, um Strafgefangene zur Vertragsunterzeichnung zu bewegen.
Ethnische Minderheiten und Migranten: Ethnische Minderheiten aus ärmeren Regionen Russlands waren überproportional von der Mobilisierung betroffen. Migranten und kürzlich eingebürgerte russische Staatsbürger sind Zwangseinberufungen ausgesetzt, und es wird ihnen mit Abschiebung gedroht, falls sie sich weigern.
Die Reaktion der Familien
Die Familien der getöteten Soldaten sind oft von tiefem Entsetzen und Trauer geprägt. Teilweise aber auch von der Freude über die Todesprämie. So kauften Eltern einen neuen Lada im „Andenken“ an ihren getöteten Sohn.

Die Mutter eines 23-jährigen Strafgefangenen, der nach drei Wochen an der Front starb, nachdem ihm Freiheit versprochen wurde, berichtete, sie habe gedacht, er sei schon tot, als er sich verabschiedete. Seine Mutter Elena sagte der BBC, sie sei als russische Staatsbürgerin stolz auf ihren Sohn, aber als Mutter könne sie diesen Verlust nicht verkraften. Auch eine typische Formulierung in Russland: Es sei zwar persönlich tragisch – aber für das Land gut.
Prämien und die Realität des Verlusts
Im Falle eines Todes erhalten die Familien oft nur geringe Entschädigungen oder es kommt zu fingierten bürokratischen Problemen bei der Auszahlung versprochener Summen. So gibt es Berichte von Eltern, die statt dem Versprochenen Lada lediglich einen Sack Kartoffeln erhalten haben.
Verwundete Soldaten berichten, dass ihnen versprochene Gelder verwehrt bleiben. Tschetschenischen Kriegsteilnehmern wurde eine einmalige regionale Zahlung von 300.000 Rubel (ca. 3.000 EUR) sowie 3 Millionen Rubel (ca. 30.000 EUR) im Falle einer Kriegsverwundung versprochen, doch auch hier werden Versprechen nicht immer erfüllt. Es wird sogar von öffentlichen Bestrafungen von Soldaten berichtet, die sich über das Ausbleiben der Zahlung beschwert hatten.
Die Wahrnehmung des Soldatentodes in der russischen Gesellschaft

Die russische Gesellschaft nimmt den Tod junger Soldaten auf unterschiedliche Weise wahr, stark beeinflusst durch staatliche Propaganda:
Staatlich gelenkte Heroisierung
Russland stellt die getöteten Männer als Helden dar. Tausende Gedenktafeln wurden in Schulen aufgestellt, um ehemalige Schüler zu ehren, die das „ultimative Opfer für die Heimat” gebracht haben. Die Jugendorganisation Junarmija, 2016 gegründet und mit über 1,3 Millionen Mitgliedern, fördert die militärische Erziehung von Kindern und Jugendlichen.
Propaganda und Zensur
Die russische Regierung führt einen antiwestlichen Informationskrieg, der auf Medienmanipulation und Zensur basiert. Seit dem Krieg ab 2022 ist der Ton der Propaganda noch aggressiver und absurder geworden. Täglich verkünden Medien und Regierung, dass das Land von feindlichen Nationen umgeben sei, die das Wohlergehen der russischen Nation bedrohen. Die Nutzung des Wortes „Krieg” ist verboten; stattdessen wird von einer „militärischen Spezialoperation” gesprochen. Diese sollte ursprünglich nur drei Tage dauern. Inzwischen sind es mehr als drei Jahre. Im Verlauf des Krieges versenkte die Ukraine, die über keine eigene Marine verfügt, das Flaggschiff der russischen Schwarzmeerflotte. Die Propaganda hat Schwierigkeiten, solche Ereignisse zu erklären.
Strafen für „Diskreditierung“
Seit der Invasion 2022 wurden über 615.000 Strafverfahren wegen „Diskreditierung“ oder Verbreitung von „Fake News“ über das russische Militär eingeleitet. Kritiker des Putin-Regimes, darunter Oppositionsmitglieder und Künstler, werden strafrechtlich verfolgt, wenn sie die Wahrheit verbreiten oder Zweifel an den Propaganda-Lügen veröffentlichen. Es gab Berichte, dass Russen, die Petitionen gegen den Krieg unterzeichneten, ihre Arbeit verloren. Putin bezeichnete Kriegsgegner als „Abschaum und Verräter“. Russische Behörden ermutigen Bürger, Freunde, Kollegen und Familienmitglieder zu melden, die sich gegen den Krieg aussprechen.
Desertieren und Folgen

Soldaten, die versuchen, dem Militärdienst zu entgehen oder Befehle zu verweigern, sehen sich schwerwiegenden Konsequenzen gegenüber:
Hinrichtungen und Gewalt
Es gibt Berichte über Soldaten, die vom russischen Militär wegen Befehlsverweigerung hingerichtet wurden. Russische Kommandeure drohen angeblich mit der Hinrichtung ganzer Einheiten, falls diese versuchen, vor ukrainischem Beschuss zurückzuweichen. Einige Soldaten, die sich weigerten, mit ungeeigneter Ausrüstung an Sturmangriffen teilzunehmen, wurden in illegale Haftanstalten gebracht und gefoltert. Es wird über Fälle berichtet, wo russische Soldaten ihre Kommandeuren bestochen haben, um nicht an die Front zu müssen, oder um Verwundungen, Urlaub oder Rotation zu „kaufen“.
Desertieren an der Front

Russische Soldaten, die an der ukrainischen Front desertieren wollen, stehen vor erheblichen Risiken und haben nur wenige, aber klar definierte Möglichkeiten. Bewegt man sich an der Front, so erhält man oft SMS-Nachrichten mit dem Hinweis, man könne sich den Ukrainern ergeben. Man solle sich bei einer bestimmten Nummer melden, dann werde einem herausgeholfen. Es gibt auch Prämien für die Übergabe von Kriegsgerät. Mehrmals wurden diese Angebote genutzt. So desertierte unter anderem ein Pilot samt Hubschrauber.
Andere Soldaten signalisierten ukrainischen Drohnen per weißer Flagge die Kapitulation. Sie wurden dann per Drohne zu ukrainischen Einheiten geleitet, die sie festnahmen.
Die Ukraine hat zugesichert, sich ergebende russische Soldaten nach den Regeln der Genfer Konvention zu behandeln. Das bedeutet, dass sie Verpflegung und medizinische Versorgung erhalten und die Möglichkeit haben, Kontakt mit ihren Familien aufzunehmen. Russische Soldaten berichten, dass dies eingehalten wird. Regelmäßig tauschen die Ukraine und Russland Soldaten aus.
Fazit

Viele ungebildete junge Russen werden zum Militärdienst eingezogen, da sie sich davon ein besseres Leben erhoffen. Oft sterben sie schnell und ihre Hinterbliebenen erhalten die versprochenen Todesprämien nicht. Wer sich ergeben will, hat die Möglichkeit dazu, sofern er nicht vorher von seinen Kameraden getötet wird. Bisher scheint Russland kein Problem mit menschlichem „Nachschub” zu haben, obwohl inzwischen mehr als eine Million russische Soldaten getötet oder schwer verletzt wurden.