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Ukrainische Panzerfahrer bei der Bundeswehr

Es rattert, knallt und qualmt. Ukrainer in Panzern schießen im Akkord, deutsche Ausbilder beobachten das, und ich bin mitten drin. Die Dolmetscher haben schwer zu tun: Deutsch – Ukrainisch und Bundeswehr – Enno. Ich bin mir teilweise nicht sicher, was schwieriger ist. Ich durfte mir die Ausbildung der ukrainischen Panzerfahrer in Deutschland ansehen. Und ich muss zugeben: Ich bin schwer beeindruckt von allen Beteiligten. Aber wie kam ich dazu, mir die Mission mit dem handlichen Namen European Union Military Assistance Mission Ukraine (EUMAM UA) anzusehen?

Panzerfahrer in der Ukraine

Enno Lenze auf einem ukrainischen T-72

Seit 2022 stehe ich im Kontakt mit einer ukrainischen Panzer Brigade und habe sie immer wieder besucht. Beim Feiern, zuhause, an der Front, bei der Ausbildung in der Ukraine. Viele sind seit 2014 im Einsatz. Teilweise fahren sie von den Russen erbeutete Panzer, teilweise die baugleichen Ukrainischen und teilweise westliche Spenden. „Was wir fahren, ist halbwegs egal. Wir brauchen alles. Wobei so ein Leopard 2 schon ziemlicher Luxus ist“, erklärt einer von ihnen. Er selber sitzt im T-72, dem meist genutzten Panzer der Welt. Das Training der Deutschen kennt er, er dankt uns dafür. „Aber ist ja nicht nur das. Der Gepard ist auch ein wildes Gerät. Hat uns oft gerettet. Danke dafür.“ – Gemeint ist der Flugabwehr Panzer, welcher vereinfacht gesagt mit einem präzisen, riesigen Maschinengewehr Drohnen und Helikopter vom Himmel holt. Doch wie sieht die Ausbildung in Deutschland aus?

Hülse einer Patrone des Gepard Flakpanzers

Ausbildung in Deutschland 

„Hast du Gehörschutz dabei?“ Fragt mich der Soldat noch an der Schranke des Übungsgeländes. Zum Glück habe ich den großen Gehörschutz bei, ein Stück weiter hört man schon die Panzer schießen. Danach erreicht mich der typische Geruch nach dem Abschuss. Ich bin also nicht mehr weit. Hinter ein paar Bäumen stehen mehrere Leopard 1A5 Panzer aufgereiht, daneben Radfahrzeuge und Ausbilder, welche alles mit Argusaugen beobachten. Ich steige aus, erhalte den obligatorischen Kaffee und reihe mich ein in die Gruppe derer, die auf den Panzer starren. 

Leopard 1A5 DK beim Training

„Dahinten Schützengruppe. Mal sehen, wie lange es dauert…“, weiter höre ich den Ausbilder nicht, da das MG des Panzers los rattert. „…ok, das war schnell“, fährt er fort. Erst jetzt sehe ich, worum es ging. Die Panzer stehen am Anfang eines kilometerlangen Geländes, auf welchem Ziele hochkippen. Der Panzer fährt, schießt, versteckt sich, kommt zurück. Diese Ziele müssen von der Besatzung erkannt werden, dann wahlweise mit dem MG oder der großen Kanone beschossen werden. Dann wird ausgewertet. „Die können was“, sagt ein anderer Ausbilder anerkennend. „Hast du ihnen ja auch gut beigebracht“, sagt ein dritter breit lächelnd. 

Man merkt: Die Ausbilder lieben ihre Arbeit, sie sind stolz auf das gute Ergebnis. Und das mit Recht, wie ich im Laufe des Tages feststelle. Sie nehmen sich Zeit für mich und erklären mir alles, während wir die Übungen sehen. Kein steriles Briefing im Lehrraum, keine verwinkelten Fachbegriffe. „Der schießt, das muss umfallen. Stellt einen Versorgungs-LKW da.“ Ich vermute, für jedes Objekt gibt es einen langen Bundeswehr Begriff, der abgekürzt werden kann – doch für mich sprechen sie zivil, das macht es einfach. 

80.000 ukrainische Soldaten ausgebildet 

„Das hier ist ja nur ein kleiner Teil der ganzen Mission“, beginnt einer der Soldaten des Special Training Command (STC) in Strausberg. „Wir haben inzwischen knapp 80.000 Ukrainer ausgebildet. Grundausbildung, Sanitäter, Panzerfahrer und vieles mehr. Alles, eigentlich irgendwie“. Wie es läuft und was die Probleme sind, interessiert mich. „Gut! Die sind fit. Die wollen was lernen. Eigentlich unglaublich, wie viel wir für die in eine kurze Zeit packen können. Teilweise haben wir auch Ausbilder ausgebildet, so dass sie einzelne Module in der Ukraine machen können. Sollen wir gleich mal dichter ran?“ – Na klar. 

Panzer beobachten aus dem sicheren TPZ

Wir fahren in einem der gepanzerten Radfahrzeuge hinter dem Panzer her, welcher gerade das Gefecht übt. „Denk dran, die haben keine Rückfahrkamera wie der Leo2. Die müssen das Wenden da gut koordinieren. Sieht einfach aus, aber uns zeigt das: Die Kommunikation klappt und der Fahrer ist gut“. In dem Moment sehen wir den Panzer mit Vollgas rückwärts fahren und dann wenden. 

In sechs Wochen zum Panzerfahrer

Leopard 1A5 DK im Training mit ukrainischen Soldaten

Die Ausbildung für die gesamte Panzerbesatzung dauert hier nur sechs Wochen. In der Zeit schafft man es kaum, einen PKW Führerschein zu machen. Das Pensum ist gewaltig. Die Soldaten aber wollen das auf sich nehmen. Die Besatzung besteht aus vier Personen. Der Kommandant ist der Chef und sagt, was gemacht wird. Der Fahrer fährt, der Ladeschütze lädt die Kanone und der Richtschütze schießt. Und das muss schnell und zuverlässig funktionieren. 

Einer der erfahreneren Ausbilder erklärt mir: „Wir haben bei unserer Ausbildung echt lange Sachen geübt. Z.B. mit Pontonbrücken über den Fluss, mehrere Kilometer auf diverse Ziele auf dem Platz schießen, dann weiter durchs Gelände und die Panzer tarnen. Das ging den ganzen Tag. Das wäre für die Jungs hier zu viel, heute. Wir geben ihnen das Handwerkszeug mit, und sie können dann vor Ort die Feinheiten machen. Ist ja auch immer anders. Jeder Einsatz ist anders.“

Enno Lenze am Panzer

Der Leopard 1 wurde ab 1964 produziert und daher immer wieder zu Unrecht belächelt. Was vergessen wird, ist, dass er dauernd modernisiert wurde. Der Leopard 1A5 wurde erst 1987 gebaut und erhielt 1995 das Leopard 1A5DK1 Upgrade, welches vor allem die Zielerfassung, auch bei Nacht, verbesserte. Die letzten Upgrades kamen 2024 mit dem Leopard 1A5V. 

Bundeswehr-Ausbilder „Charlie“

Ein Leopard-1A5-Schütze kann mit dem ersten Schuss auf 3.000m treffen, „das ist ein Scharfschütze“, sagen die ukrainischen Soldaten. Mit dem T-72 der russischen Armee hingegen braucht man oft mehrere Versuche, vor allem bei Nacht. Dafür ist der T-72 besser gepanzert, brutaler in der Waffe. Man könnte sagen, dass die Panzer die beiden Kriegsseiten gut darstellen. Der T-72 ist das Brecheisen, der Leopard 1A5 besser für den Hinterhalt und den verdeckten Angriff gedacht. Und daher gut für die Ukraine. 

Der Tag neigt sich dem Ende. Alle sind erschöpft. „Ich hoffe immer, dass sie das Gelernte nie anwenden müssen – dass der Krieg vorbei ist, wenn sie nach Hause kommen. Aber wenn nicht, dann weiß ich: Ich habe alles getan, um Ihnen eine gute Chance zu geben und sie am Leben zu halten“, sagt mir einer der Ausbilder zum Abschied. Und ich denke mir: Er hat Recht. Danke, Bundeswehr.