Bereits im vergangenen Winter setzte Russland auf Kälte als Waffe. Dieses Jahr wird noch Wassermangel dazu kommen. Die neue Technik in den Jet Shahed Drohnen ermöglicht präzisere Angriffe auf Infrastruktur aller Art. Sowohl das Auto-Targeting als auch die Trennladungen, die mit Abstandssensoren vor dem Aufschlag präzise gesteuert werden, werden Brücken und Wasserwerken große Probleme bereiten. Das Ziel ist eine Fluchtwelle Richtung EU. Die Ukraine wird leerer und besser einzunehmen, und in der EU wird es einen Streit über die Aufnahme, Versorgung und Unterbringung geben.

Nadelöhre der Versorgung
Die ukrainische Wasserversorgung stützt sich weiterhin auf zentralisierte Strukturen aus der Sowjetzeit. Es gibt wenige strategische Knotenpunkte, die für Millionen Menschen lebenswichtig sind. So zum Beispiel große Flusswasserwerke in Städten wie Kyiv, Dnipro oder Saporischschja. Massiven zentralen Aufbereitungsanlagen, die Wasser aus dem Fluss Dnipro filtern. Die Kanalsysteme im Osten, wie der Siverskyi-Donets–Donbas-Kanal, sowie das System im Raum Charkiw und Krywyj Rih, hängen an wenigen zentralen Pumpwerken. Und alle sind abhängig von der Stromversorgung. Diese brach bereits im vergangenen Winter regelmäßig zusammen. Russland hat daraus gelernt, wie sie die Angriffe optimieren können.
Die Wasserförderung und Druckhaltung benötigt Pumpen. Fällt der Strom aus oder werden die Pumpstationen gezielt beschossen, bricht das Netz sofort zusammen. Zudem erfordert die chemische Entkeimung funktionierende Lieferketten und spezialisierte Anlagen: Wasser, Strom, Brücken. Die Ziele der kommenden Wochen.
Stadt oder Land?
Ein Ausfall der Wasserinfrastruktur trifft urbane Zentren und ländliche Regionen auf völlig unterschiedliche Weise.
In den Großstädten droht ein unmittelbares Kaskadenversagen. Die meisten Großstädte nutzen Fernwärme, die auf ständiger Wasserzirkulation basiert. Bricht der Wasserdruck ein, fällt die Heizung aus. Bei Temperaturen von -15 °C frieren die Leitungen in den Hochhäusern ein und platzen, was Gebäude dauerhaft unbewohnbar macht. Genau das geschah im vergangenen Winter oft.
Wenn Pumpenleitungen für Abwasser ausfallen, stauen sich Fäkalien, und Keime verbreiten sich. Die Hygiene bricht innerhalb von Tagen zusammen. Im Frühjahr, wenn alles auftaut, drohen sich Krankheitserreger wie Cholera oder Typhus schlagartig auszubreiten.
Ohne Druck gelangt kein Wasser in höhere Stockwerke. Großstädte verwandeln sich binnen kurzer Zeit in unbewohnbare Betonwüsten. Die anderen Städte werden die Flüchtlinge kaum auffangen können, da es dort nicht wesentlich besser aussehen wird.
Auf dem Land: Ländliche Gemeinden sind deutlich widerstandsfähiger. Viele Haushalte verfügen bis heute über eigene Brunnen oder andere dezentrale Wasserquellen. Das Hauptproblem liegt hier in der Stromversorgung. Aber bei kleineren Mengen kann man auf Akkus, Generatoren oder einfach Muskelkraft zurückgreifen.
Frühling: Die schleichende Katastrophe
Bleiben die Anlagen den Winter über zerstört, verlängert sich das Problem bis in den Frühling. Zunächst muss man alle geplatzten Rohre finden und reparieren. Allein das kann lange dauern. Sobald die Temperaturen steigen, führen stehendes Abwasser und Abflüsse voller Fäkalien und Keime zu einer massiven Verunreinigung des Wassers.
Krankenhäuser, Großbäckereien und die Lebensmittelverarbeitung können ohne kontrolliertes und sauberes, fließendes Wasser nicht arbeiten. Die Binnenwirtschaft bricht in den betroffenen Regionen schnell ein.
Fluchtbewegungen Richtung EU?
Ein Winter ohne Strom ist für viele Menschen kaum überbrückbar. Im vergangenen Winter hatten wir regelmäßig um 0 Grad in unserer Wohnung in Kyiv und schliefen in der Küche, da der Gasherd noch funktionierte. So bekam man den Raum auf über zehn Grad. Das hält man nicht lange aus.
Zunächst werden Millionen Menschen aus den unbewohnbaren Großstädten in ländliche Regionen im Westen der Ukraine ausweichen. Wenn die Aufnahmekapazitäten in der Westukraine ausgeschöpft sind und die hygienischen Verhältnisse kippen, folgt eine massive, neue Fluchtwelle nach Mitteleuropa. Schätzungen von Experten gehen bei einem vollständigen Kollaps der städtischen Versorgung von mehreren Millionen zusätzlichen Schutzsuchenden bis zum Frühjahr aus.
Politische Sprengkraft
Das wird zu weiteren Spannungen innerhalb der EU führen, politisch und sozial.
Die Debatte um die Verteilung von Schutzsuchenden oder finanzielle Kompensation für die Aufnahme wird sofort starten. Länder wie Ungarn oder die Slowakei könnten finanzielle Hilfen oder die Aufnahme von Geflüchteten verweigern. Sie könnten die Notlage nutzen, um den Druck für Verhandlungen oder ein Ende der Sanktionen gegen Russland zu erhöhen.
Mehrere Mitgliedstaaten könnten wieder Grenzkontrollen einführen, wie Deutschland es bereits tut.
Der Vorhang zu und alle Fragen offen!
Entweder wird Russland die Ukraine weiter terrorisieren oder die EU weiter spalten – oder beides. Eine öffentliche Debatte zum Umgang mit dem anstehenden Problem findet bisher nicht statt. Leiden werden am Ende immer die gleichen: Die Familien, die Alten, die Armen. Währenddessen demonstrieren in Deutschland Menschen mit Sowjet Flaggen auf der Straße und wünschen sich bessere Beziehungen mit den Tätern.