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Schwanger im Krieg

Odesa, September 2026: Sieben Luftalarme in einer Nacht – und am Morgen ein Geburtsvorbereitungskurs

Das Wichtigste zuerst. Die Frage, warum man jetzt schwanger wird, ist so unbedarft wie die Frage, warum bombardierte Kirchen jetzt wieder aufgebaut werden und nicht erst nach dem Krieg.

Bohdana ist 39 und Restauratorin. Sie ist mit ihrem Mann gekommen, der viele Fragen stellt.

„Wann, wenn nicht jetzt? Wir haben schon gewartet. Der Krieg geht weiter. Aber das Leben geht auch weiter. Vielleicht erleben wir den Moment, in dem der Krieg endet, gar nicht. Ich möchte jetzt ein Kind bekommen. Und ich möchte auch jetzt leben, nicht erst irgendwann später, wenn der Krieg vorbei ist.“

Fünf Frauen, vier Männer

Natalia ist Hebamme. Genauer: Doula. Sie darf alles, nur keine Geburt allein durchführen. Ein Überbleibsel aus dem sowjetischen System, als Ärzte alles kontrollierten?

In der Geburtsklinik Nummer 2 hören fünf Frauen und vier Männer Natalia zu. Sie erklärt, was den Erstgebärenden bevorsteht – und muss gleichzeitig Werbung für sich machen. Als freie Doula mit Anbindung an die Klinik bekommt sie nichts von den 312 Euro ab, die der Staat der Klinik für eine Geburt zahlt. Sie muss extra bezahlt werden, privat. Die Ärztin auch, wenn es etwas mehr als Standard sein soll.

Eine Krankenversicherung in unserem Sinne gibt es in der Ukraine nicht. Das Gesundheitssystem garantiert kostenlose Behandlung und leidet unter chronischer Unterfinanzierung.

Am nächsten Abend spreche ich mit einem Deutschen, der eine ukrainische Frau hat. Sie bestand darauf, in der Ukraine zu gebären. „Alles, was ich gehört und selbst gesehen habe, läuft in der Ukraine besser: die Vorbereitung, die Zugewandtheit während der Geburt, einfach auch die durchgehende Anwesenheit der Hebamme und der Ärztin, ohne dass am Schichtende ein Wechsel stattfindet.“ Ihr Mann hat dafür 1000 Euro gezahlt.

Vor der Geburtsklinik Nummer 2. Es gibt architektonisch schönere. Aber diese ist die beliebteste. Immer wieder kommen auch Frauen aus dem Ausland. Ich darf einer Schwangerenberatung zusehen. „Die vergessen mich nach fünf Minuten“, denke ich. Und so war es auch. Ich bin wie Luft.

Die Frauen sind alle deutlich über den fünften Monat hinaus. Eine ist um die zwanzig, mit Freund oder Mann. Sie hören intensiv zu und strahlen sich oft an. Die anderen sind eher um die dreißig. Keine ist aufgedonnert, wie einem manche in der Stadt begegnen.

Es geht strukturiert und konzentriert um die konkret anstehenden Fragen. Wann wird es Zeit, in die Klinik zu kommen? Was mitbringen? Wie lange dauert das?

Komisch: Keine fragt, was passiert, wenn während der Geburt Luftalarm ist.

Sieben Mal rot, drei Mal grün

Luftalarm, die ganze Nacht durch und am Tag fast jede Stunde. In dieser Nacht wurden mehr als 30 russische Drohnen und Raketen abgeschossen. Wie viele trafen, wird nicht bekannt gegeben.

Ende September 2026 ist sieben- bis achtmal in der Nacht Alarm und nahezu jede Stunde am Tag. Die Sirenen heulen, auch nachts unüberhörbar. Auf der App kann man sehen, woher Drohnen, Marschflugkörper oder ballistische Raketen kommen. Bei den von der Krim kommenden Schahed-Drohnen konnte man sich bisher darauf einstellen. Bei den mit Tempo 600 anfliegenden Jet-Schahed kaum mehr.

Sich daran gewöhnt zu haben, ist Alltag geworden. Morgens joggen die Leute auf der verkehrsfreien Straße am Strand des Schwarzen Meers. Bei Alarm stehen nachmittags nur wenige Menschen in den Unterführungen und warten auf die Entwarnung. Für neunzig Prozent und mehr geht das Leben einfach weiter.

Zoryana, 41, neununddreißigste Woche

„Nur den Bauch!“ Das dazugehörige Gesicht durfte ich nicht fotografieren. Wie im April dieses Jahres, als ich von dem General des militärischen Geheimdienstes nur die Sneaker fotografieren durfte.

Sie arbeitet bei einem Telekommunikationsunternehmen. Sie wird hier entbinden, in dieser zweiten Klinik. Zoryana ist nicht ihr richtiger Name.

„Sie fragen nach dem Keller. Einen Keller gibt es hier nicht. Der Schutzraum ist auf der anderen Straßenseite. Man hat uns darauf hingewiesen.

Mir reicht das. Wenn ich entbinde und es Luftalarm gibt, gehe ich nirgendwohin. Man hat uns gesagt, dass die Ärzte uns nicht allein lassen. Darüber mache ich mir keine Sorgen.“

In Odessa hat jeder eine Tasche für den Schutzraum gepackt, jede Schwangere eine für die Klinik. Ist es dieselbe?

„Meine Taschen sind gepackt, sie stehen zu Hause. Wir warten. Eine Tasche für den Schutzraum habe ich nicht.“

Sie hat sich für das Leben eingerichtet, nicht für den Angriff.

Was macht der Stress mit der Schwangerschaft, und was sagen die Ärzte?

„Die Ärzte sagen, Stress wirke sich wohl auf die Schwangerschaft aus. Aber wir leben darin jetzt das fünfte Jahr. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen diese Frage beantworten soll.“

Das ist keine Ausweichung. Es ist die genaueste Antwort, die man auf eine Frage geben kann, die aus dem Frieden gestellt wird.

Ich hatte gelesen, dass Krieg zu Frühgeburten führt. Sie widerspricht. „Es ist eher umgekehrt. Die Geburten ziehen sich hin. Die Ärzte sagen, vielleicht sitzen die Kinder lieber bei der Mama, als in unserer Zeit geboren zu werden.“

Und die Frage, wegen der ich gekommen bin. Warum gerade jetzt?

„Na ja – und wann sonst? Wenn nicht jetzt, wann dann?“

Was die Zahlen sagen

Im ersten Halbjahr 2026 kamen in der Ukraine 73.292 Kinder zur Welt. Im selben Zeitraum starben 259.853 Menschen. Auf ein Neugeborenes kommen dreieinhalb Tote.

Rund 12.000 Geburten im Monat – vor dem Krieg waren es 23.000. Die Geburtenziffer fiel von 1,25 Kindern je Frau auf 0,9, einer der niedrigsten Werte weltweit.

Eine Zahl sagt mehr als alle anderen: Der Anteil der Erstgeborenen ging von 42,6 Prozent im Jahr 2020 auf 38,8 Prozent im Jahr 2024 zurück. Es werden nicht nur weniger Kinder geboren. Es werden weniger Familien überhaupt erst begonnen.

Odessa steht scheinbar gut da: 5.450 Geburten im Halbjahr, vierter Platz im Land hinter Kyiv, Lwiw und Dnipro. Die lokalen Nachrichten feiern das. Im selben Zeitraum starben in der Region 17.389 Menschen.

Der Mann als Leistungssportler

Natalia fragt immer wieder die Männer. Nach ihren Erwartungen, vor allem aber nach den Ansprüchen an sie. Einer der Frauen macht sie den Rücken frei und demonstriert die zentralen Massage- und Lockerungsübungen. Das ist Aufgabe der Männer. Hohe Konzentration im Raum.

Nach 45 Minuten meine ich, jetzt müsste es bald dem Ende zugehen. Nach 90 Minuten denke ich das immer noch. Die Aufmerksamkeit hält den Spannungsbogen über zwei Stunden. Der PowerPoint-Vortrag wird unterbrochen von einem witzigen Video über den zeugenden Mann als Leistungssportler, mit EKG um die Brust.

Babyteich. Dieses Gemälde hängt im Eingangsfoyer einer anderen Geburtsklinik, einem tollen Gebäude aus etwa 1860. Die Klinik ist weniger beliebt. Sie hat eine sowjetische Pförtnerloge mit einer kaum sichtbaren älteren Frau dahinter. In der Geburtsklinik 2 kommt man zu einem modernen Servicetresen.
Erst vor zwei Wochen eröffnet: ein riesiges Geschäft für Brautmoden im historischen Zentrum von Odessa.

Niemand wartet

Der Altar der Verklärungskathedrale in Odessa, der zentralen Kirche der Stadt. Bei einem russischen Raketenangriff im Juli 2023 erlitt sie schwerste Schäden am Dach, an der Fassade und im Altarraum. Rechts steht noch ein Gerüst.
Seit dem russischen Angriff laufen kontinuierlich Arbeiten zur Sicherung und Wiederherstellung.

Niemand kam auf die Idee, auf das Ende des Krieges zu warten. Bohdana übrigens auch nicht. Sie ist Restauratorin.