Als Andrej am 10. Juli 2007 in Moskau zur Welt kam, leitete Wladimir Putin bereits seit acht Jahren Russland. Andrej heiratete mit 18 Jahren und ging mit 19 Jahren in ukrainische Kriegsgefangenschaft. Hier rekonstruieren wir einen typischen russischen Lebenslauf der vergangenen Jahre.

Wladimir Putin wurde am 9. August 1999 erstmals zum Ministerpräsidenten der Russischen Föderation ernannt. Nicht mal ein Jahr später wurde er zum ersten Mal zum Präsidenten gewählt. Seitdem regiert er de facto in wechselnden Rollen das Land.
Am 10. Juli 2007 wurde Andrej Nikolajew in Moskau geboren. Zu der Zeit stand die russische Hauptstadt wie keine andere Region des Landes für das Phänomen des rapide wachsenden Wohlstands, aber auch für extreme soziale Kontraste und die Konsolidierung eines autoritären Machtsystems. Ein Jahr später folgte die Weltwirtschaftskrise.
Ebenfalls 2008 überfiel Russland Teile Georgiens im Kaukasuskrieg. Ein Jahr später erneut. Im Februar 2014, als Andrej sechs Jahre alt war, begann der Krieg in der Ukraine. Im September 2014 müsste Andrej eingeschult worden sein. Ab 2015 unterstützte Russland den syrischen Diktator Baschar al-Assad wieder aktiver, auch mit den Söldnern der Wagner-Gruppe. Sein ganzes Leben lang sah Andrej die „heldenhaften“ Soldaten im Einsatz für das „Vaterland“.
Die kurze Karriere
Zu Andrejs schulischer und beruflicher Karriere erfahren wir nicht viel. Sein Militärpass erklärt lediglich: „Bildung: 9. Klasse“. Bei der Anerkennung eines solchen Schulabschlusses in Deutschland wird er üblicherweise als „Erfüllung der allgemeinen Schulpflicht“ oder als „Hauptschulabschluss“ anerkannt. Es ist also der niedrigste Schulabschluss, der zu erreichen ist.
Den Abschluss müsste er im Juni 2023, mit sechzehn Jahren, erreicht haben. Dann beginnen die Sommerferien. Das lässt auf eine bildungsferne Schicht schließen. Die Hälfte der Moskauer Jugendlichen macht das Abitur nach der 11. Klasse.
Das Tscheburaschka-Kuscheltier

Als Andrej in Kriegsgefangenschaft geriet, hatte er das Kuscheltier „Tscheburaschka“ bei sich. Die 1966 erstmals erschienene sowjetische Kinderromanfigur genießt in Russland Kultstatus, vergleichbar mit dem Sandmännchen oder der Sendung mit der Maus in Deutschland. Wenngleich Tscheburaschka inhaltlich eher mit den Romanfiguren von Janosch vergleichbar ist. Obwohl die Figur aus der Sowjetzeit stammt, wurde ihr in diesem Fall eine Russlandflagge aufgeklebt und eine russische Militärmütze. Eine merkwürdige Kombination aus Kindheit und Nationalstolz.
Viel Geld, wenn man im Krieg stirbt!

Moskau gehört zu den Städten mit den höchsten Rekrutierungsprämien weltweit. Familien wurden bis zu 75.000 Euro versprochen, wenn ihre Kinder beim Überfall der Ukraine getötet werden. Weltweite Aufmerksamkeit erlangte auch der Werbespot der russischen Armee, bei dem die Familie einen Lada erhält, nachdem ein Familienmitglied im Krieg umkam.
Der Sold eines russischen Soldaten in der Ukraine liegt bei mehr als 2.000 Euro im Monat. Das durchschnittliche russische Einkommen beträgt 70 Euro pro Monat. Zusätzlich müssen man selbst und die Ehefrau während des Militärdienstes keine Gläubiger bedienen. Nach dem Ausscheiden aus der Armee werden einem oft auch jegliche Schulden erlassen. Der Status als „Kriegsveteran“ bringt einem lebenslang bis zu 50 Prozent Rabatt auf Mieten und Nebenkosten. Man selbst und die Familie können den Nahverkehr kostenlos nutzen. Kinder werden bevorzugt in Kitas, Schulen und der Uni angenommen.
Ob man die Prämien erhält, ist jedoch zweifelhaft. So kann sich der russische Staat diese Zahlungen oft nicht mehr leisten. Familien erhielten stattdessen einen Fleischwolf oder einen Sack Kartoffeln.
Frühe Hochzeit

All dies könnte die sehr frühe Hochzeit von Andrej Nikolajew erklären. Als er gerade achtzehn Jahre alt geworden war, heiratete er, am 15. August 2025. Das ist ungewöhnlich. Nur 3 Prozent der russischen Männer heiraten so jung. In Moskau sind die Lebenshaltungskosten hoch. Man kann nicht sofort ausziehen und muss sich meist erst eine Karriere aufbauen. Statistisch gesehen heiraten die meisten Männer in Moskau mit Ende 20. Mehrheitlich eine Frau, die rund fünf Jahre jünger ist. Andrejs Frau Evgeniya ist zwei Jahre älter als er.
Freiwillige Meldung zum Militärdienst

Am 12.03.2026, also nur sechs Monate nach der Eheschließung, geht Andrej als „службу по контракту“ zur russischen Armee. Das heißt: „Im Vertragsdienst“, also freiwillig, als Zeitsoldat. Auch das weist auf eine geplante Karriere hin, mit einer Frau, welche im Todesfall profitiert.
Andrej wird der „Militäreinheit 94018“, also dem 59. Garde-Panzerregiment, 144. Garde-Mot.-Schützendivision, als „Schütze – Gehilfe/Assistent des Granatwerfers“ zugeordnet. Sein Dienstgrad ist „Gefreiter“ – der niedrigste. Einen höheren erhält er nie. Seine Aufgaben in dieser Funktion wären es, einem Panzerabwehrschützen zuzuarbeiten. Also etwa dessen Munition tragen und ihm diese anreichen. Am 23. März findet seine Vereidigung statt. Bereits am 13. Mai 2026, nicht mal zwei Monate später, hat er die Ausbildung an der Waffe beendet. Laut seinem Dienstausweis wurde er an der AK 74, einem üblichen russischen Sturmgewehr, ausgebildet.
Seine Einheit ist im Bezirk Lisk in der Region Woronesch beheimatet, nur 100 km von der ukrainischen Grenze entfernt. Bekannt dürfte in der Gegend die Stadt Belgorod und etwas weiter Kursk sein. Auf der anderen Seite der Grenze befindet sich die ukrainische Stadt Charkiw. Laut ukrainischen Quellen wurde Andrej im Juni 2026 in der Region zum ukrainischen Kriegsgefangenen.
Russische Ausbildung an der Waffe
Aber wie kann man in drei Monaten vom Vertragsabschluss zum Kriegsgefangenen werden? In Russland ist das derzeit sehr üblich. Die Monate sind sogar eine gute Zeit. Die aus den Gefängnissen geholten Straftäter, welche sich zum Wehrdienst meldeten, überlebten kürzer. Die ersten kamen die Tage nach Einsatzbeginn im Sarg zurück.
Andrej wurde im März 2026 Soldat. Er durchlief die derzeitige Schnellausbildung von zwei bis vier Wochen. Diese konzentriert sich auf Waffenkunde. Wo kommt Munition rein? Wo schießt es? Wie lade ich nach? Wie reinige ich? Politische Bildung oder Erste Hilfe kommen meist nicht vor. Somit dürfte das Training im April 2026 abgeschlossen gewesen sein. Da das 59. Panzerregiment an der ukrainischen Front kämpft, hat es hohe Verluste. Der Nachschub muss also schnell kommen. Laut ISW ist die 144. Gardedivision seit 2023 im Einsatz bei Lyman. Dort wurde vor einem Monat ein Freund von mir getötet – es kann also sein, dass Andrej ihm gegenüberstand. Ende Mai hieß es, sei Andrej bereits in ukrainische Kriegsgefangenschaft geraten. Ein genaues Datum wurde nicht übermittelt. Seine Karriere dauerte also keine drei Monate.
Loser statt Kriegsheld
Wenn ein russischer Soldat im Einsatz stirbt, wird sein Schicksal vom staatlichen Narrativ und der breiten Öffentlichkeit sofort in den Heldenstatus gehoben. Er gilt offiziell als „Held des Vaterlandes“, der sein Leben für den Schutz der Heimat gegeben hat. In Schulen werden oft Gedenktafeln („Helden-Schulbänke“) angebracht und auf Friedhöfen entstehen Ehrenalleen. Die Hinterbliebenen genießen hohes gesellschaftliches Ansehen und staatliches Mitgefühl. Sie werden bei öffentlichen Gedenkfeiern ehrenvoll erwähnt. Die Angehörigen erhielten oft hohe Geldprämien, heute gibt es oft nur einen Sack Kartoffeln.
Der gefangene Soldat ist hingegen ein Loser. Gefangennahme ist in der russischen Militärkultur und im politischen System nach wie vor mit einem starken Makel und Verdacht auf Kollaboration mit dem Feind behaftet – eine Tradition, die historisch bis in die Sowjetzeit zurückreicht. Seit September 2022 wurde das russische Strafgesetzbuch drastisch verschärft. Die „freiwillige Kapitulation“ (Dobrowolnaja sdatscha w plen) ist ein Straftatbestand, der mit 5 bis 10 Jahren Haft bestraft werden kann. Solange nicht bewiesen ist, dass der Soldat schwer verwundet oder kampfunfähig war, als er gefangen genommen wurde, steht er unter dem Generalverdacht des Verrats oder der Feigheit. Familien von Gefangenen neigen dazu, ihr Schicksal zu verschweigen, aus Angst vor Ausgrenzung im Umfeld oder Repressalien durch Behörden.
SVO-Brak: Scheidung in Abwesenheit und neu heiraten?
Wenn sich diese Hochzeit nicht ausgezahlt hat, hat die Frau jedoch noch weitere Möglichkeiten. Sie kann sich in Abwesenheit scheiden lassen. Das Gericht versucht, den Mann zu erreichen – klappt das nicht, wird die Scheidung dennoch eingetragen. Rund 70 Prozent der Ehen, bei denen einer der Ehepartner in den Ukrainekrieg zieht, enden in Scheidung. Die Frau kann dann den nächsten 18-Jährigen heiraten und auf Erfolg, also Tod des Mannes, hoffen.
Das Konzept nennt man in Russland „SVO-Brak“, also Sonderoperations-Ehen. Benannt nach dem von Putin geprägten Begriff „militärische Sonderoperation“, um das Wort „Krieg“ zu vermeiden. Dass eine junge Frau, deren Mann monate- oder jahrelang in Gefangenschaft sitzt oder vermisst wird, gerichtlich die Scheidung einreicht und mit 19 oder 20 Jahren erneut heiratet, gilt im Alltag als völlig normaler Schritt, um „ihr Leben nicht zu verschwenden“.
Hat sich Andrej ergeben?

Wie sich Andrej ergeben hat, ist unklar. Jedoch haben russische Soldaten an der Front viele Möglichkeiten, sich freiwillig zu ergeben. Auch wir erhalten an der Front die ukrainischen Kurznachrichten, welche an alle Handys gesendet werden. In diesen wird erklärt, wie man sich verdeckt melden kann, wenn man fliehen möchte. Das staatliche ukrainische Programm „I Want to Live“ (Хочу Жити), betrieben vom ukrainischen Militärnachrichtendienst GUR, bietet russischen Soldaten die Möglichkeit einer geordneten und sicheren Kapitulation.
Wenn ein Soldat an Abschnitten wie Lyman oder Charkiw eine SMS mit Anweisungen erhält oder über Telegram/Hotline Kontakt aufnimmt, läuft der Prozess in der Regel in folgenden Schritten ab: Zuerst kontaktiert der Soldat (oder Angehörige in seinem Namen) die Hotline per Anruf, WhatsApp, Telegram-Bot oder SMS. Dann übermitteln die Operatoren der ukrainischen Hotline einen genauen Treffpunkt, eine Uhrzeit und einen Verhaltenscode. Pünktlichkeit ist essenziell, da die Koordination mit Drohnen oder Nahaufklärungseinheiten vor Ort minütlich abgestimmt werden muss.
An der unmittelbaren Frontlinie ist die Annäherung wegen Minen und Dauerbeschuss extrem gefährlich. Daher wird häufig eine FPV-Drohne als Lotse eingesetzt. Der Soldat begibt sich ohne Waffe (oder mit gesicherter, entladener Waffe über der Schulter, mit dem Lauf nach unten) zum Treffpunkt. Sobald eine ukrainische Aufklärungsdrohne über ihm schwebt, hebt er die Arme deutlich nach oben und zur Seite, um zu zeigen, dass er unbewaffnet ist und den Anweisungen folgen will. Die Drohne kippt oder fliegt in Schrittgeschwindigkeit in eine bestimmte Richtung. Der Soldat folgt der Drohne vorsichtig auf dem vorgegebenen Pfad. Die Drohne führt den Soldaten direkt zu Stellungen der ukrainischen Streitkräfte, wo die formelle Gefangennahme erfolgt.
Gefangenschaft nach internationalen Regeln

Die Ukraine achtet darauf, die Genfer Konventionen und andere internationale Regeln bei den Kriegsgefangenen einzuhalten und diese zu dokumentieren. So könnten russische Soldaten sehen, dass sie im Fall einer Kapitulation nicht sterben. Die Soldaten können ihre Familien anrufen – sofern diese mit ihnen sprechen möchten. Es gibt die Möglichkeit, in der Ukraine zu bleiben oder nach Russland ausgetauscht zu werden. Russland bietet dabei oft aus der Ukraine entführte Kinder als Gegenleistung an. Teilweise auch misshandelte ukrainische Soldaten.