Russische Glasfaserdrohnen gegen Zivilisten
Die Menschen in der Ukraine leiden auf vielfältige Weise. Sie leiden unter Bombardierungen, Angst, zerstörter Infrastruktur, Stromausfällen und Kälte. Die technische Entwicklung des Terrors schreitet dabei schnell voran – und oft geht es um Details. Gerade bei den kleineren Geräten der Kriegstechnik gibt es ein Kommen und Gehen von Ideen und ein Reagieren auf die Ideen der Gegenseite. In Cherson, der letzten von der Ukraine kontrollierten Stadt vor der Krim, sind vor allem kleine Drohnen das Problem. Die Russen benutzen die Stadt als Trainingsgelände für ihre Piloten und als Testgrund für neue Ideen. Im sogenannten „Dronecide” wird Jagd auf Zivilisten, Presse und Rettungsdienst gemacht. Um nach Cherson zu gelangen, muss man die einzige verbliebene Straße passieren. Diese ist kilometerlang mit Drohnen-Schutznetzen überspannt. Jedoch warten an der Ein- und Ausfahrt des Netztunnels Drohnen. Eine dieser Drohnen haben wir im Berlin Story Bunker analysiert.
Wie ist die Drohne Aufgebaut?
FPV-Drohnen, auch Quadcopter genannt, sind einfach aufgebaut: Sie haben vier Propeller, einen Rahmen, der alles verbindet, einen Akku und etwas Elektronik, um alles zu steuern. Zu Beginn der Invasion in die Ukraine wurden einfache Handgranaten zusammen mit einem Auslösemechanismus unter die Drohnen gehängt. Die Granaten fielen herunter und töteten Menschen. Doch die verwendeten Drohnen waren zu teuer – es handelte sich um normale, kommerzielle Produkte, die oft 1.000 bis 2.000 Euro kosteten. Sie wurden schnell durch Eigenbauten für 300–500 € ersetzt. Bald kam man auf die Idee, diese als Kamikazedrohnen zu verwenden. Der Vorteil dabei ist, dass sie weiter entfernte Ziele treffen können, da sie nicht umkehren müssen, und dass sie mehr Sprengstoff tragen können, da sie keine Mechanik zum Auslösen benötigen.
Das Steuersignal erhalten die Drohnen per Funk, das Videobild der Drohne geht ebenfalls per Funk zurück zum Piloten, sodass dieser sieht, wohin die Drohne fliegt. Auf der Gegenseite kam man auf die Idee, Störsender (Jammer) zu verwenden, welche das Signal blockieren. Der Pilot kann dann keine Befehle mehr geben und die Drohne stürzt ab. Ob es besser ist eine Drohne zu detektieren oder zu stören ist nicht einfach zu beantworten – daher haben wir das Thema hier genauer erklärt.
Um dem entgegenzuwirken, nutzt man statt der Funkverbindung eine Glasfaserleitung. Dabei können die gleichen Drohnen und Fernsteuerungen verwendet werden. Es muss lediglich das jeweilige Funkmodul gegen ein Glasfasermodul ausgetauscht werden. Unter der Drohne hängt ein Behälter in der Größe einer Colaflasche, aus dem sich die haardicke Glasfaser abspult. Inzwischen ist sie bis zu 50 km lang.
Um jedoch so lange Strecken zu überbrücken, ist genügend Akkuleistung erforderlich. Daher hat die von uns gefundene Drohne Anschlüsse für drei Akku-Packs, die sich oberhalb des Rahmens befinden.
Gardinenleisten als Fahrwerk
Aufgrund des Glasfaserbehälters unter dem Rahmen kann die Drohne nicht mehr wie vorgesehen landen. Bei der von uns analysierten Drohne wurden daher vier Beine aus einer Metallleiste gebogen. Es könnte sich dabei um Gardinenleisten oder eine Spinne für Plexiglasscheiben handeln. Sie sind mit Kabelbindern am Rahmen befestigt.

Der Behälter für die Glasfaser ist sehr dünn produziert und könnte bei einer Zwischenlandung beschädigt werden. Daher ist dieser zusätzlich mit einem Stück Schaumstoff gedämpft, das ebenfalls mit einem Kabelbinder befestigt ist.
Die Drohne soll südlich von Cherson starten, vom gegenüberliegenden, russisch besetzen Ufer des Flusses Dnipro aus. Dann umfliegt sie Cherson und landet vor oder hinter dem Netztunnel, wo sie wartet. Sobald der Pilot ein Fahrzeug kommen sieht, fliegt die Drohne seitlich oder frontal ins Fahrzeug und explodiert dort.
Eine Besonderheit dieser Drohne ist, dass sie mit Sprengstoff beladen wird und man sicher sein möchte, dass der Zünder nicht versehentlich ausgelöst wird. Daher gibt es oft eine Art Schutzschalter. In diesem Fall wurde er mit einer blauen Wäscheklammer realisiert. Vermutlich wird etwas zwischen die Klammer geklemmt, während die Drohne flugbereit gemacht wird. Beim Start wird das eingeklemmte Stück Papier oder Stoff entfernt und die Drohne ist „scharf”.
Wieso ist diese Drohne intakt?

Betrachtet man die Landebeine genauer, so erkennt man zahlreiche Einschläge von Schrotmunition. Doch das allein erklärt nicht den Absturz. Was genau wurde wie getroffen? Bei genauerer Betrachtung aller Teile findet man einen Durchschlag an der Glasfasertrommel. Dieser hat den Anschluss der Glasfaser an den Empfänger durchschlagen. Somit wurden weder Videobilder noch Steuersignale mehr übertragen. Die Drohne stürzte ab, ohne zu explodieren. Der Sprengstoff wurde von ukrainischen Sicherheitskräften sichergestellt und die Drohne uns übergeben.
Es handelte sich um eine zusammengeschusterte russische Drohne für unter 500 €, bei der eine Wäscheklammer und eine Gardinenleiste als relevante Bauteile dienten. Das zeigt: So günstig kann man ukrainische Zivilisten ermorden, wenn es einem ein wichtiges Anliegen ist.
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Update

Verlagsgruppe Bertelsmann GmbH/Bertelsmann Ratgeberverlag – Buch-Nr. 4126’1750
Ein Leser wies mich darauf hin, dass die Idee mit der Wäscheklammer nicht neu ist. Im Ihm vorliegenden Buch „Selbermachen – do it your Self“ von Roland Gööck aus dem Jahr 1970 ist genau dies erklärt – mit einer blauen Wäscheklammer. Allerdings als Teil einer Alarmanlage.