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Pokrowsk: Im Stabilisierungspunkt an der Front

„Jeder von euch nimmt vier eigene TQs (Stauverbände) mit. Wir wollen unsere nicht für euch benutzen. Habt ihr die Drohnen-Scanner an? Westen und Helme an? Okay, dann festhalten. Moment … wo ist die Katze? Katze ist da. Okay, Licht aus und Vollgas!

Oft muss alles ganz schnell gehen – viel Platz ist im Wagen der Helfer nicht. Chris Knickerbocker (Bravery e.V.) und Enno Lenze (Berlin Story) auf der Fahrt zum Stabilisierungspunkt Pokrowsk

Wir befinden uns im Donezk-Oblast im Osten der Ukraine. Gerade waren wir noch in Pawlograd essen. Eine kleine Stadt, der man den Krieg ansieht. Überall gibt es Soldaten, militärische Fahrzeuge und die allgegenwärtigen alten Pick-ups, die seit Beginn der Invasion ihren Weg in die Ukraine gefunden haben. Die Stadt sieht ansonsten aber normal aus. Die Restaurants haben geöffnet und auf den Spielplätzen spielen Kinder. In den Schulen wird unterrichtet.

Gut 100 Kilometer weiter im Osten liegt der kleine Ort Pokrowsk, der derzeit zu den am schwersten umkämpften Orten der Ukraine zählt.

Mit dem Zweier-Team, das uns mitnimmt, warten wir auf das OK, loszufahren. Beide helfen freiwillig. Sie müssten nicht in der Ukraine bleiben. Selbst in der Ukraine könnten sie in vergleichsweise sicheren Gegenden wie Kyiv oder Lwiw leben. Aber sie sind hier im Donezk-Oblast, umgeben von russischen Drohnen, und retten Leben.

Der 15 Jahre alte Pick-up wurde so umgebaut, dass er wie ein langer Kombi funktioniert und man von den beiden Sitzen vorne bis ans Ende der Ladefläche durchrutschen kann. Dort befindet sich eine große Klappe. Im Innenraum befinden sich eine Trage, medizinische Ausrüstung und eine kleine Katze.

„Pancake“ wurde von den Helfern in der Ost-Ukraine aufgelesen und begleitet sie seitdem

„Die haben wir direkt nach der Geburt im Osten gefunden. Sie war eine von vier und heißt ‚Pancake‘, aber die anderen hatten es nicht geschafft. Sie haben wir mitgenommen und kümmern uns seit zwei Monaten um sie. Mach mal den Drohnen-Jammer an!“ Ich schalte den Störsender an, der uns vor russischen Drohnen schützen soll. Die Katze setzt sich auf das warme Gerät und spielt mit den Kabeln.

Entweder man wird getroffen oder nicht

Immer wieder fahren wir mit 120–130 km/h ohne Licht über enge, schlechte Landstraßen mit Gegenverkehr. Wir sitzen hinten auf der Trage quer zur Fahrtrichtung. Aufrecht sitzen geht aufgrund der Höhe des Innenraums kaum, also liegen wir halb. Unsere Füße sind gegen die Außenwand auf der anderen Seite gedrückt. Jeder hat einen Drohnen-Scanner in der Hand.

Es klingt vielleicht trivial, aber diese Fahrten sind extrem anstrengend. Alle sind hochkonzentriert. Sei es, für den Fahrer die Augen aufhalten, oder – wie in unserem Fall – das Nicht-Durch-das-Auto-Rutschen und das Beobachten der Scanner.

Die russischen Soldaten in der Region schießen gerne auf den Rettungsdienst und die Presse, damit weniger berichtet wird und weniger Menschen versorgt werden können.

Um die Drohnen zu stoppen, werden mit Netzen überspannte Straßen errichtet, sogenannte „Netz-Tunnel”. Der Beifahrer ruft: „Wir sind gleich aus dem Tunnel raus. Aufpassen!” Am Ende der Tunnel lauern oft russische Drohnen. Wenn uns eine trifft, sind wir vermutlich tot. Also passen wir auf … Aber worauf? Und was sollen wir dann tun? Eigentlich ist auch das wieder unklar. Entweder man wird getroffen oder nicht. All diese Dinge sind für Kopf und Körper sehr anstrengend.

Dann eine Vollbremsung. Lichter aus. „Go! Go!“ Unsere Begleiter rufen und reißen die Heckklappe auf. Bevor ich rausklettern kann, zieht mich jemand an meinem Bein heraus. Ich lande auf den Füßen und renne den anderen in die Dunkelheit nach. Es gibt ein paar sehr schwache rote Taschenlampen.

Irgendwelche anderen Personen sind da, nehmen mich am Arm und schieben mich vermutlich durch eine Tür. Dann stehen wir in einem Haus. Vier Ukrainer unterhalten sich, lachen und gucken mich an. Einer von ihnen fragt: „Was ist denn mit dir los? Willst du erstmal einen Kaffee?“ Okay, wir sind angekommen.

Willkommen im Stabilisierungspunkt Pokrowsk

Ein Stabilisierungspunkt ist eine Stelle zur medizinischen Erstversorgung, die üblicherweise 1–3 km von der Front, der sogenannten Zero-Line oder Kampflinie, entfernt ist. Es gibt viele Namen für diesen Ort. Da, wo die feindlichen Truppen aufeinandertreffen. Oft ist man in Reichweite von Scharfschützen, Drohnen, Artillerie, Panzern und Raketen.

Hier sieht man die schlimmsten Verletzungen als Erstes. Hier zeigt sich, wer eine Überlebenschance hat und für wen der Kampf an dieser Stelle vorbei ist. In den nachgelagerten Krankenhäusern kommen also nur diejenigen an, von denen man annimmt, dass sie überlebensfähig sind.

Die Helfer müssen im Stockdustern arbeiten, damit die russische Armee die Stabilisierungspunkt nicht aus der Luft angreift

Unter diesen dramatischen Bedingungen arbeiten die besten Ärzte, Sanitäter und andere Retter, die das Land zu bieten hat. Und viele von ihnen tun das freiwillig. Vor uns liegt Ihor, der bis vor einer Stunde noch wenige Kilometer weiter im Industriegebiet von Pokrowsk gekämpft hat. Er wurde schwer verletzt, ist aber bei Bewusstsein, grüßt uns und gibt uns die Hand.

„Er steht unter starken Schmerzmitteln, aber er wird es schaffen“, erklärt der behandelnde Arzt. Ihor hat Schrapnelle in den Beinen und hat vorher stark geblutet. Die Blutungen sind gestoppt, er ist stabilisiert und kann somit transportiert werden.

„Wenn das Licht ausfällt, arbeiten wir mit Stirnlampen im Blindflug“

Der Stabilisierungspunkt ist absolut sauber. Es ist kein Tropfen Blut zu sehen, kein Staub, nichts ist durcheinander. „Das ist wichtig“, erklärt uns einer der Helfer. „Wir müssen hier blind wissen, wo was liegt, und können uns keine Kontamination leisten. Wenn das Licht ausfällt, arbeiten wir mit Stirnlampen im Blindflug. Wenn wir getroffen werden, müssen wir schnell wissen, was wir zuerst einpacken.“

Der Stabilisierungspunkt Pokrowsk ist gut ausgestattet. Wenn Russlands Armee die Stromversorgung angreift, arbeiten die Ärzte und Sanitäter mit Stirnlampen weiter

Ich will wissen, ob sie schon einmal getroffen wurden. „Diese Woche nicht! Gute Woche!“ Er sagt das lachend und erklärt: „Aber klar, die Russen wollen uns zuerst ausschalten. Wenn wir die Verletzten nicht mehr versorgen können, sterben mehr Soldaten, und sie können mehr Zivilisten ermorden. Es ist eine perverse Art zu leben, aber die haben sich für diesen Weg entschieden.“

Die ganze Zeit kommen und gehen Leute. Man hört Motoren, die Wand vibriert. „Ach, das ist weit weg, aber die Druckwelle lässt die Wände wackeln. Alles okay“, erklärt ein Patient, der auf seine Versorgung wartet.

Im Stabilisierungspunkt Pokrowsk werden Verletzte erstversorgt, damit sie im Anschluss in Krankenhäuser verlegt werden können

Draußen herrscht ebenfalls ein Kommen und Gehen von Fahrzeugen. Sie liefern Verletzte von der Front ein oder fahren sie ins Krankenhaus weiter. Immer ohne Licht, damit der Stabilisierungspunkt nicht aus der Luft identifiziert werden kann. Es ist stockfinster. Es gibt keine Unfälle. Hier sind Profis am Werk.

Ich frage den Leiter des Stabilisierungspunktes, wie die Lage ist, was er braucht und was benötigt wird. „Wir brauchen nichts. Danke. Guck dich um: Wir haben alles. Die Leute sind gut, die Ausrüstung ist da. Die Soldaten brauchen mehr Munition von euren Regierungen, aber wir? Wir laufen wie ein Uhrwerk.“ Das klingt zu gut, um wahr zu sein. Wenn ich mich jedoch umblicke, scheint es zu stimmen. Alles läuft organisiert, ohne Panik, professionell.

Der einzige, der Angst hat, bin ich.

„Jammer? Wer hat die großen Jammer? Drohnen kommen!” ruft jemand durch den Raum. Unsere Begleiter melden sich. „Konvoischutz! Abfahrt!“ lautet die Ansage. Das ist unser Zeichen, loszurennen und wieder auf die Ladefläche zu springen. So schnell, wie wir gekommen sind, geht es auch schon wieder zu Ende. Draußen sieht man die Umrisse von Personen, da sehr dunkle, rote Taschenlampen benutzt werden. Menschen auf Tragen werden in die Rettungswagen gelegt und wie Pakete festgeschnallt. Die Heckklappe des Wagens geht auf, Chris und ich hechten hinein.

„Jammer an! Alle Kanäle!“, ruft es von vorne. Der Beifahrer schaltet das Gerät an. Wir hören mehrere Motoren aufheulen. Es ist stockfinster. Offensichtlich können die Bremslichter und die Innenbeleuchtung bei den Fahrzeugen abgeschaltet werden. Die Heckklappe knallt zu. Wir spüren die Beschleunigung. Es rumpelt. Wir wenden. Dann rumpelt es weniger, aber wir beschleunigen weiter. Okay, wir sind auf der Straße, glaube ich. Nach und nach gehen die Scheinwerfer an.

„Seht ihr etwas auf den Scannern?“ Der Beifahrer, der selbst einen Drohnen-Scanner in der Hand hält, will es wissen. Ich habe zwei, Chris einen. Alle vier zeigen: Der Himmel ist frei. Doch die Russen setzen zunehmend Drohnen ein, die nicht per Funksignal, sondern per Glasfaser gesteuert werden. Inzwischen bis zu 50 km weiter. Die würden wir nicht sehen. Ebenso wenig wie Artilleriegranaten oder Raketen. Vor und hinter uns sind Rettungswagen, die unser Fahrzeug mit dem großen Störsender schützen sollen.

„Ganz vorne ist noch ein Wagen, den einer alleine fährt. Den ersten trifft es meist zuerst“, erklärt uns der Beifahrer. Das Tempo der Kolonne ist schwindelerregend, die Straßen sind dafür jedoch nicht geeignet. Im Wagen ist es die ganze Zeit über sehr ruhig, alle sind angespannt und konzentriert. Hier werden täglich Fahrzeuge bombardiert. Mehr als eine halbe Stunde fahren wir so. Dann die Ansage: „Jammer aus. Scanner aus. Wir sind sicher.“

Hier schlafen die ukrainischen Soldaten, die nahe der Front helfen

Wir sind an der Front, in einer Gegend, die man sonst nur aus den Abendnachrichten kennt, in einer gefährlichen Gegend im Donbas. Aber wir haben die Todeszone verlassen. „Sicher“ ist jedoch ein relativer Begriff. Wir sind nun nicht mehr so gefährdet. „Zehn Minuten bis zum Krankenhaus. Ihr könnt euch entspannen.“ heißt es weiter.

Bei der Ankunft steigen alle schnell, aber organisiert aus. Die Verletzten werden übergeben. Die Arbeit der Teams ist damit erledigt. Jetzt sehen wir, dass wir in einem großen Konvoi mit mehreren Fahrzeugen unterwegs waren. Das ist unüblich – es muss also wirklich wichtig gewesen sein. Sonst lässt man die Fahrzeuge mit mehr Abstand fahren, damit sie kein großes Ziel abgeben.

Unsere Nacht endete, für die Retter ging sie erst richtig los

Die Fahrer der Rettungswagen stehen zusammen, rauchen und lachen. Insgesamt ist es überraschend, wie viel an der Front gelacht wird. Wie viel Blödsinn die Leute miteinander machen und wie sehr sie ihr Leben genießen! Das ist der Ausgleich für all das Leid und die Lebensgefahr, in der man sich permanent befindet.

„Alter, wackelt das! Ich hänge mir nachher so einen Jammer auf den Rücken und fahre mit Opas Moped. Wie so ein Minion“, erklärt Fahrer Andriy und alle lachen. Wir stellen es uns vor. Andriy ist 35 Jahre alt, trägt eine Jogginghose, ein T-Shirt, Turnschuhe und darüber eine schusssichere Weste. Er sieht nicht aus wie jemand, der so eine harte Arbeit macht.

„Ey, keine Fotos hier von der roten Jogginghose. Sonst heißt es wieder, ihr habt die Fotos in Disneyland gestellt, und hier sei gar kein Krieg“, erklärt er lachend weiter.

Wir werden gefragt, ob wir noch einmal mit den Leuten vor Ort sprechen wollen oder ob eine Nacht vor Ort reicht. Wir blicken uns kurz an. Es reicht. Wir sind geistig am Ende. Viele Eindrücke. Die permanente Gefahr. Alles war anstrengend. Wir haben alles gesehen, was wir sehen wollten, und alle Gespräche geführt. Wir wollen kein größeres Risiko eingehen als nötig. Wir wollen auch niemanden durch unsere Anwesenheit zusätzlich gefährden.

„Alles klar! Dann macht mal schön Matrazenhorchdienst! Wir holen euch morgen Abend wieder ab und zeigen euch dann etwas anderes“, sagt unser Begleiter und verschwindet in der Nacht.

Die Arbeit, die diese Menschen leisten, ist kaum zu vermitteln und zu verstehen. Wir hatten noch mehrere Stunden Fahrt bis zu unserer Unterkunft vor uns. Das Handynetz war weiterhin abgeschaltet und das GPS-Signal gestört.

Auch wenn die Fahrt ruhig verlief, lassen einen diese Details nicht vergessen, in was für einer Lage sich die Ukraine weiterhin befindet. Unsere Nacht endete, für die Retter ging sie erst richtig los.