
Was verlangt ein Krieg bis 2029 von der Ukraine? Was verlangt er von Europa? Und was kostet er Russland? Malte Lauterbach berichtet für Berlin Story News aus dem umkämpften Oblast Dnipropetrowsk.
“Drei weitere Jahre Krieg.“ So lautet die Vorgabe, die Wolodymyr Selenskyj kurz vor der Münchner Sicherheitskonferenz an seinen engsten Beraterkreis richtete. Die Verhandlungen in Genf seien gescheitert, die diplomatischen Optionen erschöpft. Man solle sich entsprechend vorbereiten. Unter seinen Beratern löste die Ansage Schock aus, man hatte mit einem Referendum über die Zukunft des Landes gerechnet, mit Wahlen, vielleicht mit einer Vereinbarung bis zum Sommer.
Drei weitere Jahre bedeuten: Der Krieg, der im Februar 2022 als russische „Spezialoperation“ begann und in der russischen Theorie nur wenige Tagen dauern sollte, dauert bis 2029. Sieben Jahre. Länger als der Zweite Weltkrieg. Länger als die sowjetische Intervention in Afghanistan. Und er trifft auf eine Ukraine, deren Mobilisierungsbasis schrumpft, eine russische Volkswirtschaft in Stagnation und ein Europa, das gerade erst begriffen hat, was Wiederbewaffnung kostet, und schon jetzt zu bröckeln droht.
Das drängendste Problem der Ukraine liegt nicht an der Front, sondern in den Institutionen dahinter. Ein Land, das im Februar 2022 innerhalb von Wochen in einer der beeindruckendsten Verteidigungsleistungen der Nachkriegsgeschichte Hunderttausende Freiwillige mobilisierte, kämpft bis heute damit, den Übergang von diesem Anfangsmoment in eine tragfähige Langzeitstruktur zu schaffen. Die monatliche Rekrutierung liegt bei 17.000 bis 24.000 Mann; Russland rekrutiert 30.000. Das Problem ist nicht mangelnder Patriotismus. Das Problem ist ein Mobilisierungssystem, das Lasten ungleich verteilt, Korruptionsanreize nicht beseitigt hat und den Soldaten, die seit 2022 ununterbrochen kämpfen, keine rechtliche Perspektive auf Rotation oder Demobilisierung bietet.
Die Konsequenz ist eine Vertrauenskrise; nicht gegenüber dem Land oder seiner Verteidigung, sondern gegenüber dem Apparat, der die Verteidigung organisiert. Die Bereitschaft, für die Ukraine zu kämpfen, ist in der Bevölkerung weiterhin hoch. Die Bereitschaft, sich einem System auszuliefern, das als willkürlich und ungerecht empfunden wird, sinkt. Was als politisches Versäumnis begann, ist mittlerweile zur zentralen gesellschaftlichen Bruchlinie geworden. Nicht der Krieg spaltet die ukrainische Gesellschaft. Sondern die Frage, wer ihn führt.
Kyiw hat begonnen, diese Probleme anzugehen. Seit Ende 2025 eröffnet die Armee ein Netz von 27 neuen Rekrutierungszentren in den größten Städten des Landes, nicht als Einberufungsstellen, sondern als Beratungs- und Informationszentren, in denen Freiwillige ihre Einheit selbst wählen können. Die ersten in Lwiw und Saporischschja zeigen positive Ergebnisse. Das digitale Erfassungssystem „Oberih“ soll den Musterungsprozess modernisieren und die Korruptionsanfälligkeit der alten Wehrbezirkskommissariate reduzieren. Der Rückstand ist erheblich, und drei weitere Kriegsjahre verzeihen keine halben Reformen.
Die militärische Antwort auf diese institutionelle Krise lässt sich besichtigen. Im südöstlichen Oblast Dnipropetrowsk, rund vierzig Kilometer hinter der aktuellen Kontaktlinie, baut die Ukraine nahe der Stadt Pawlohrad massive, weitreichende Befestigungsanlagen: tiefe Unterstände, Stacheldraht, Panzersperren. Man baut für einen Krieg, in dem die Front langsam nach Westen wandert und in dem jeder Kilometer den Angreifer mehr kosten soll als den Verteidiger.
Die Doktrin hat sich verschoben. Weg vom Manöverkrieg der Kherson befreite und die ukrainische Armee nach Kursk trug, hin zur elastischen Tiefenverteidigung: Raum kontrolliert abgeben, den Angreifer über Distanz abnutzen, in vorbereiteten Stellungen auffangen. Das Vorbild ist ausgerechnet russisch; in Form der Surovikin-Linie, an der die ukrainische Gegenoffensive 2023 zerschellte. Die Lehre wurde gezogen: Ein befestigter Soldat in einer vorbereiteten Stellung mit vorregistriertem Artilleriefeuer ist militärisch um ein Vielfaches wirksamer als derselbe Soldat in einem hastig ausgehobenen Graben.
Pawlohrad ist ein seltsamer Ort. Die Stadt selbst ist noch voller zivilem Leben: Schulen in Betrieb, volle Läden, Kinder auf der Straße. Kurz hinter der östlichen Stadtgrenze endet das. Viele Dörfer sind ab dort evakuiert, die Straßen nur noch von Soldaten und Straßenhunden bevölkert. Hier beginnen die Drohnentunnel; Straßen, die mit fischernetzartigen Strukturen bespannt sind, um den Angriff von FPV-Drohnen zu vereiteln, die immer weiter ins Hinterland eindringen. Vierzig Kilometer weiter östlich gleicht das Land einer Mondlandschaft: jene tote Zone, die so umkämpft ist, dass sich nicht mehr mit Sicherheit sagen lässt, ob sie von ukrainischen oder russischen Soldaten gehalten wird. Pawlohrad ist der letzte Ort, an dem ziviles Leben und Krieg nebeneinander existieren. Die Befestigungen südöstlich der Stadt sind der Versuch, diese Grenze zu halten.

Dass diese Linie bei Pawlohrad verläuft, hat operative Logik. Die Stadt ist Knotenpunkt der Prydniprowska Salisnyzja, einer der sechs regionalen Eisenbahndirektionen der Ukraine, die mit 3.275 Kilometern Streckennetz die gesamte Logistik der Oblaste Dnipropetrowsk und Saporischschja abwickelt. Über Pawlohrad laufen die Verbindungen nach Dnipro im Westen, nach Saporischschja im Süden und bis die Stadt an die russischen Streitkräfte fiel; nach Pokrowsk im Osten, dem wichtigsten Umschlagpunkt des südlichen Donbass-Abschnitts. 82 Prozent des ukrainischen Frachtverkehrs gehen über die Schiene; 2024 transportierte Ukrsalisnyzja 174,9 Millionen Tonnen Fracht, davon ein Drittel Manganerz und ein Viertel Getreide; Exporte, die den Krieg mitfinanzieren. Seit russische Truppen Anfang 2025 die Bahnlinie Dnipro–Pokrowsk bei Kotlyne durchschnitten haben und die Autobahn Pawlohrad–Pokrowsk unter Drohnen- und Artilleriefeuer liegt, ist Pawlohrad vom Durchgangsknoten zum Endpunkt der gesicherten Versorgungskette geworden. Die Befestigungen schützen nicht Gelände. Sie schützen die letzte intakte Logistikader, ohne die der südliche Frontabschnitt nicht zu halten ist.
Der ukrainische Staat hat sich gespalten — nicht politisch, sondern fiskalisch. Die eine Hälfte, die Armee, wird aus inländischen Steuereinnahmen finanziert: 2,8 Billionen Hrywnja für Verteidigung, 27 Prozent des BIP, bei einer auf 50 Prozent verdoppelten Körperschaftssteuer.
Der Haushaltsentwurf für 2026 macht diese Abhängigkeit berechenbar: 4,8 Billionen Hrywnja Ausgaben, 2,8 Billionen eigene Einnahmen, 42 Milliarden Dollar Defizit. 43 Prozent der Gesamtausgaben müssen extern finanziert werden. Der IWF schätzt die Finanzierungslücke für 2026–2029 auf 136,5 Milliarden Dollar. Die Staatsverschuldung, 2021 bei 49 Prozent des BIP, wird 2026 über 100 Prozent steigen. 172 Millionen Dollar kostet der Krieg pro Tag; ein Jahr lang sind es 63 Milliarden Dollar.
Das Ergebnis ist ein gespaltener Staat: Die Armee wird aus eigener Kraft finanziert, die Zivilgesellschaft aus Brüssel, Washington und den Hauptstädten der G7. Ohne den EU-Kredit über 90 Milliarden Euro, ohne das neue IWF-Programm über 8,1 Milliarden Dollar, ohne bilaterale Zusagen von Berlin (9 Milliarden Euro jährlich) und Oslo (8,5 Milliarden Dollar) gäbe es keine Lehrergehälter, keine Renten, keine Gesundheitsversorgung. Die Ukraine führt einen totalen Krieg mit dem Haushalt eines Staates, der ohne externe Finanzierung nicht überlebensfähig wäre. Drei weitere Jahre multiplizieren diese Abhängigkeit und testen die Bereitschaft Europas, sie zu tragen.
Russland, so die verbreitete Annahme, kann diesen Krieg länger führen, als die Ukraine ihn aushalten kann. Größere Bevölkerung, tieferer Mobilisierungspool, autoritäre Leidensfähigkeit, Rohstoffökonomie. Die Annahme ist nicht falsch. Sie ist unvollständig. Denn sie verwechselt die Fähigkeit, Verluste zu absorbieren, mit der Fähigkeit, sie zu ersetzen.
Die Zahlen: Russland hat seit Februar 2022 über 1,2 Millionen Soldaten verloren; Gefallene, Verwundete, Gefangene. Allein im Januar 2026 überstiegen die monatlichen Verluste erstmals die Neurekrutierung um 9.000 Mann. Die Armee rekrutiert weiterhin 30.000 bis 40.000 Soldaten pro Monat, aber der Preis steigt exponentiell: Regionale Antrittsprämien liegen mittlerweile bei 1,3 bis 2 Millionen Rubel, in einigen Regionen höher als ein Jahresgehalt. Eine allgemeine Mobilmachung vermeidet der Kreml seit seinem Trauma von September 2022, als die Teilmobilisierung Hunderttausende ins Ausland trieb. Stattdessen erweitert Moskau den Rekrutierungspool nach unten und nach außen, und setzt immer mehr auf Strafgefangene, Schuldner, Migranten mit entzogenen Aufenthaltsgenehmigungen, 12.000 nordkoreanische Soldaten und seit 2024 systematisch auf junge Männer aus Afrika. Über 1.400 Kämpfer aus 36 afrikanischen Staaten hat Kyiw bislang identifiziert, aber die tatsächliche Zahl dürfte höher liegen. Die Rekrutierung läuft über Social Media: VK-Anzeigen, die sich an Ausländer richten, versechsfachten sich zwischen Juni und September 2025. Auf TikTok werben afrikanische Influencer in Igbo, Swahili und Twi für den Dienst in Russlands Armee. Das Versprechen: das Zehnfache des Heimatgehalts, Antrittsprämie, russischer Pass. Die Realität: zehn Tage bis drei Monate Ausbildung, dann Front. Die meisten überleben laut ukrainischen Angaben keinen Monat.
Parallel rekrutiert die Alabuga-Sonderwirtschaftszone in Tatarstan junge Frauen aus Uganda, Ruanda, Kenia und Nigeria für ein Programm, das als Ausbildungsstipendium in Europa beworben wird. Tatsächlich montieren sie iranische Shahed-Drohnen — die gleichen Drohnen, die jede Nacht in ukrainische Städte einschlagen. Rund 200 Frauen arbeiten dort, zu Löhnen unter der Hälfte der russischen Rüstungsindustriestandards. Die Rüstungsindustrie braucht 400.000 zusätzliche Arbeiter; russische Frauen dürfen sie aus Arbeitsschutzgründen nicht einstellen. Also holt sie afrikanische.
Es ist die Logik eines Staates, der seine eigene Bevölkerung schneller verbraucht, als er sie ersetzen kann, und der die Kosten seines Krieges zunehmend externalisiert — auf die Ärmsten der Welt.
Die westliche Prognose vom März 2022, Russlands Wirtschaft werde unter dem Sanktionsdruck kollabieren, war falsch. Aber die russische Gegenerzählung, dass die Wirtschaft resilient sei und der Westen sich verrechnet habe, ist es mittlerweile auch. Denn Russlands Kriegswirtschaft frisst sich selbst. Die Rüstungsindustrie wächst – 2023 und 2024 stieg die Waffen- und Munitionsproduktion um 20 bis 30 Prozent jährlich – aber sie wächst auf Kosten aller anderen Sektoren.
Verteidigung und Sicherheit verschlingen 40 Prozent der Ausgaben, rund 7,3 Prozent des russischen BIP. Zum Vergleich: Deutschland plant 2,4 Prozent; selbst die USA liegen bei 3,4 Prozent. Russlands Quote ist die eines Staates im totalen Krieg, aber mit einer langsam stagnierenden Wirtschaft, die nur ein Prozent wächst. Die Öl- und Gaseinnahmen, die historisch ein Drittel des Haushalts finanzierten, lagen 2025 zwanzig Prozent unter Plan.
Und die größten Verlierer sind Putins eigene Kernwähler: Staatsbedienstete, Lehrer, Ärzte, Polizisten, Rentner, deren Gehälter an die offizielle Inflation von neun Prozent gebunden sind, während die reale Teuerung für viele Haushalte über 20 Prozent liegt.
Wenn der Krieg drei weitere Jahre dauert, hängt sein Ausgang weniger an der Front als an einer einzigen Frage: Wie lange hält Europas politischer Wille? Die militärische und fiskalische Kapazität ist vorhanden. Die industrielle Basis reicht, wenn auch mit Verzögerung.
Europas Problem ist nicht die fiskalische Kapazität, Europas Problem ist der zunehmende Populismus. Ungarn wählt im April 2026 – zur Wahl steht Orbán gegen eine erstarkende TISZA-Opposition, aber mit einem Premierminister, der jede EU-Sanktionsrunde blockiert. Die US-Midterms im November 2026 entscheiden, ob Trump seine zweite Amtshälfte mit oder ohne Kongressmehrheit regiert und damit über den Spielraum amerikanischer Ukrainehilfe. Frankreich wählt 2027, mit einem Rassemblement National, das in Umfragen führt. Tschechien bewegt sich auf eine populistische Mehrheit zu. Und jeder dieser Wahltermine ist ein Ansatzpunkt für Akteure, die „Frieden“ als Chiffre für ukrainische Konzessionen verwenden.
Gleichzeitig rüstet Europa auf, schneller als zu jedem Zeitpunkt seit dem Kalten Krieg. Die Verteidigungsbudgets der NATO-Europäer stiegen von 218 Milliarden Euro (2021) auf 326 Milliarden (2024); 23 von 32 Mitgliedern erreichen das Zwei-Prozent-Ziel, das neue Ziel liegt bei 3,5 Prozent bis 2035. Deutschland gibt 2026 mit 108 Milliarden Euro mehr für Verteidigung aus als je seit der Wiedervereinigung. Das ReArm-Europe-Programm mobilisiert 800 Milliarden Euro bis 2029. Was Europa an die Ukraine bereits geliefert hat, ist substanziell: ein 90-Milliarden-Euro-Kredit für 2026 und 2027, jährlich 9 Milliarden aus Berlin, 8,5 Milliarden aus Oslo. Was Europa noch nicht gelöst hat, ist die Frage, was mit den über sechs Millionen ukrainischen Flüchtlingen passiert, die seit 2022 in der EU leben. Deren Kinder gehen inzwischen in polnische und deutsche Schulen, deren Eltern arbeiten, deren temporärer Schutz faktisch zur dauerhaften Integration geworden ist. Drei weitere Kriegsjahre machen die Rückkehr der Mehrheit unwahrscheinlich.
Drei weitere Jahre Krieg produzieren keinen Sieger. Sie produzieren drei Verlierer unterschiedlichen Grades. Sicher ist: Die Panzersperren bei Pawlohrad werden 2029 noch stehen. Die Frage ist, ob sie dann die Kontaktlinie markieren, die Rückzugslinie einer erschöpften Armee oder ein Denkmal an einen Krieg, der anderswo entschieden wurde.
Die entscheidende Variable ist nicht militärisch, sondern politisch. Selenskyjs Strategie setzt darauf, dass der westliche Zusammenhalt hält. Putins darauf, dass er bricht. Beide Wetten werden nicht in Schützengräben entschieden, sondern in Parlamenten, Wahlkabinen und Kabinettssitzungen zwischen Washington, Berlin und Paris. Denn die Verteidigungsanlagen bei Pawlohrad sind aus Beton und rostfreiem, scharfem Stacheldraht. Aber der politische Wille ist es nicht.