Manchmal muss man einfach Helfen
„Das macht man bestimmt, weil man das Adrenalin braucht – warum sonst?“ – höre ich immer wieder. Das ist mit Abstand die dämlichste Idee, warum man in Kriegsgebieten helfen könnte. Na klar. Ich habe so viel Langeweile, dass ich mir denke: „Hey, lass mal 3.000 km fahren, damit mich ein Terrorist abknallen kann!“ Ich war nur auf einer Gesamtschule, aber so blöd bin ich dann doch nicht. Ich reise aus verschiedenen Gründen in diese Gebiete: Konfliktforschung, Journalismus, Business und eben Helfen. Und oft überschneidet sich das. Das überfordert Menschen, die nur in drei Schubladen denken können. Für mich ist das ganz normal. Daher versuche ich hier einmal zu erklären, was Hilfe vor Ort eigentlich bedeutet.
Mal eben nach… Kabul

Ende August 2021 übernahmen die Taliban die Macht in Afghanistan. Im September war ich dort. Wie man dorthin kommt? Unklar. Welches Visum akzeptiert wird? Keiner wusste es. Die Botschaft in Deutschland war keine Hilfe, also ging es nach Dubai. Das dortige Konsulat stellte ein Visum aus. Es folgten weitere Stunden im Flugzeug, eine Nacht auf dem Boden des Flughafens (ohne Essen und Trinken) und ein Tag in immer wilderen Taxis. Und wir haben keine Ahnung, wie die Taliban reagieren, wenn man bei ihnen anklopft. Der Rückweg war genauso – nur dass es nicht mehr spannend, sondern nur noch nervig war. Die ganze Aktion hat vermutlich 5.000 € gekostet und das Ergebnis waren zwei Artikel auf Berlin Story News. Wirtschaftlich sinnvoll? Null. Erkenntnisgewinn: gigantisch. Und hat es jemandem geholfen? Niemandem. Es gab zwar schnell anlaufende Projekte vor Ort, aber für uns gab es nichts, was nicht gut abgedeckt war. Also wieder zurück. Aber so etwas kann eben passieren.

Im Kurdistan-Irak gab es genug Projekte, bei denen ich helfen konnte, zum Beispiel in einem Waisenhaus und einer Camp-Schule. Dort war ich auch, als klar wurde, dass es demnächst viel in die Ukraine gehen würde. Ich packte alle schusssicheren Westen und Helme ein, räumte unser Haus, bereitete das Ende des Projekts vor und flog zurück nach Europa. Im März 2022 ging es nach Kyiv. Und seitdem bin ich jeden Monat dort – genauso wie Berlin-Story-Kurator Wieland Giebel. Wie sieht also die Hilfe dort aus?
Am Anfang war es wie in deiner Situation gerade: auf der Couch, in der Bahn oder im Büro. Am Handy oder Laptop. Ich bin mir nicht mehr sicher. Die Frage war: Was tun? Schritt eins ist herauszufinden, ob Hilfe gebraucht wird und wenn ja, was genau. Und das, ohne wirklich jemanden vor Ort zu kennen. Also auf Social Media fragen, wer wen kennt, und Sachen packen. Auf geht’s! Erst nach Lviv, dann Kyiv, dann Kharkiv. Mit Leuten sprechen und feststellen, was gebraucht wird. Am Anfang waren es schusssichere Westen, Helme, Erste-Hilfe-Kits und Allradfahrzeuge. Der erste Kommentar, der bei so einer Auflistung kommt, ist oft: „Ja gut – da habe ich aber keine Ahnung von!“

Nun, das Geheimnis ist: Als dein Zahnarzt zur Welt kam, hatte er auch keine Ahnung von seinem Job. Irgendetwas muss also zwischen seiner Geburt und seiner Zulassung als Arzt passiert sein. Das Geheimnis heißt: Bildung! Und zu lernen, wo man beispielsweise Erste-Hilfe-Sets bekommt, ist einfacher, als ein Medizinstudium zu absolvieren. Grundsätzlich gibt es kein Problem in diesem Bereich, das sich nicht mit Google lösen lässt. Dann stellt man jedoch fest, dass es bei allen benötigten Produkten sehr viele Details zu beachten gibt. Da hilft nur lernen. Ich habe Ärzte, Rettungssanitäter, Unternehmen, die gepanzerte Fahrzeuge herstellen, sowie Import-Export-Firmen genervt. Und dann schrieb ich mein Wissen auf. Und dann ging es weiter.
Auf zum Großhandel
Man muss bereit sein, viel Zeit und etwas Geld zu investieren, wenn man so startet. Ich habe das Glück, über meinen eigentlichen Job genug zu verdienen, um mir die Zeit zu nehmen. Das heißt: keine Partys, kein Urlaub, keine langen Nächte in der Kneipe. Ob man das mag, bleibt einem selbst überlassen, aber für mich funktioniert es gut. Ich fuhr zu Rüstungsmessen, Medizinmessen und mehr und sprach mit den Herstellern. Da viele davon nur für Fachbesucher, beispielsweise aus der Fachpresse, zugänglich sind, gründete ich Berlin Story News und schrieb die benötigten Fachartikel. Dabei kommen mir wieder die Kommentare in Erinnerung, bei denen mir damals Leute sagten: „Ja, für dich ist das vielleicht einfach, weil du das kannst.“ Ich weihe euch jetzt in das größte Geheimnis dieses Plots ein: Google: „Wie mache ich eine Online-Zeitung?“ Puh, das war schwer. Wie gut, dass ich dieses Geheimnis gelüftet habe. Es ist wie immer keine Frage des Könnens, sondern des Lernens und des Machens. Doch irgendwann muss man die Dinge bestellen, bezahlen und liefern lassen.

Ich hatte also die Idee, alle Zwischenhändler auszuschalten und direkt mit den Herstellern zu sprechen. Sei es bei Powerstations, ballistischem Schutz oder medizinischen Produkten. Immer wieder wurde von Leuten, die selbst nicht helfen, kritisiert, dass ich in China einkaufe. Ja, ich wette, deine LiPo4-Powerbank wurde im Schwarzwald von deutschen Facharbeitern handgeklöppelt und jedes Bit auf dem Tablet per Handschlag begrüßt. Am Ende kommt fast alles aus China – die Frage ist nur, welcher Zwischenhändler welches Label draufgeklebt hat. Aber das ist der nächste Punkt, mit dem man umgehen lernen muss. „Kluge” Kommentare vom Beckenrand. Als wenn der Nichtschwimmer dem Rettungsschwimmer zurufen würde, was er besser machen solle. Und genauso sehe ich das: Ich habe Mitleid mit den Menschen, die ihre Zeit für solche Sprüche verschwenden.
Die Bestellungen für relevante Mengen gehen schnell in den fünfstelligen Bereich. Und das immer wieder. Geld, das ich nicht auf dem Wohnzimmertisch liegen habe. Also fragte ich in den sozialen Medien in die Runde: Wer glaubt, dass das eine schlaue Idee ist, und möchte etwas dazugeben? Und die Leute haben mitgemacht. Ich habe also alles bestellt – und dann gemerkt, dass der Bestellung ein Import folgt. „Wie lautet Ihre EORI-Nummer und welche Zollnummer ist das?“ – zwei Wörter, von denen ich keine Ahnung hatte. Google auf. Einen Abend lang die nervigsten Sachen lesen und schlauer sein. Okay, alles geregelt. Dann die kleinen Tücken des Alltags: Die Spedition, die die Sachen liefert, kommt meist zwischen 7 und 8 Uhr morgens. Ich stehe aber nicht vor 9 Uhr auf. Meine Mitarbeiter fangen um 10 Uhr an. Wenn ich die Frage stelle, ob jemand Lust hat, um 7 Uhr da zu sein, dann können wir gemeinsam darüber lachen. Anschließend stehe ich selbst um 6 Uhr auf und warte an der Tür des Büros. Das sind die ganzen kleinen Dinge, die die Leute oft nicht sehen. Warten, Kisten hineinschieben, den Hubwagen bedienen lernen, den Kassentresen anrempeln und wieder aufbauen und was sonst noch alles passiert. Und dann den normalen Arbeitstag im Büro verbringen.

Die Aufgaben liegen also auf dem Tisch. Nun müssen sie in die Ukraine – aber wie? Wohin? Was genau? Inzwischen hatte ich durch Besuche vor Ort genug Leute kennengelernt – und die kannten wiederum andere Leute. Das Problem: Es gibt unglaublich viel „Scam” bei der Ukraine-Hilfe, auf vielen Ebenen. Das Spektrum reicht von Leuten, die online Spenden sammeln, ohne einen Bezug zu haben, bis zu Leuten in der Ukraine, die mit viel Aufwand vermeintliche Hilfe vor Ort fälschen und sogar Spender selbst in Lviv treffen und ihnen gefälschte Fotos der Organisation zeigen. Der einzige Weg für mich also: hinfahren und selbst gucken.
Ausliefern

Die Anreise ist der erste Teil: Von Berlin nach Lviv fährt man etwa 12 Stunden. Die Schlange an der Grenze beträgt zwischen einer und zehn Stunden. Das weiß man genau, wenn man da ist. Und dann steht man dort. Und wartet. Und wartet. Und wartet. Es ist das Langweiligste, was man auf der Welt machen kann. In Lviv angekommen, geht man ins Bett und fährt am nächsten Morgen weiter. Bis zu den Gebieten, in denen Hilfe benötigt wird, sind es weitere 10 bis 15 Stunden mit dem Auto.
Während der Fahrt hat man zwei Möglichkeiten: Entweder man hält nur zum Tanken an, isst schnell einen Hotdog und trinkt eine Cola oder man fährt kurz ab, setzt sich ordentlich hin und geht in ein Restaurant – und kommt eine Stunde später an, was heißt: eine Stunde weniger schlafen. Am Ende ist man also zwei Tage durchgefahren und hat in der Zeit zwei Hörbücher gehört. Vor Ort kann man dann die Menschen treffen, mit denen man zusammenarbeiten möchte. Wer sind das? Was machen sie hier? Sind sie vertrauenswürdig? Ganz sicher kann man sich erst nach zwei bis drei Besuchen sein, wenn das Gelieferte weiterhin vor Ort ist bzw. verwendet wurde. Dann fährt man zurück. Zwei Tage. Mit Stunden an der Grenze.
Warum nicht jemanden mitnehmen? Gute Idee! Wer möchte schon vier oder fünf Tage im Auto sitzen, um an einem zweistündigen Meeting in einer gefährlichen Gegend teilzunehmen? Da gehen die Hände hoch wie im Kino.
Ein Beispiel

Am Donnerstag klingelt der Wecker um 5 Uhr morgens. Um 5:20 Uhr sitze ich im Auto. Dort warten ein Monster Energydrink und eine Mc Donald’s Apfeltasche vom vergangenen Abend auf mich. Von Berlin aus geht es los. Nach 90 Minuten auf der Autobahn treffe ich die anderen. Weiter geht es mit einem Stopp bis an die ukrainische Grenze. Um 15 Uhr sind wir an der Grenze. Die Schlange ist kurz, die Grenzer sind freundlich, sie erkennen den Hilfskonvoi und sorgen dafür, dass wir bevorzugt durchkommen. Nach einer Stunde sind wir durch. Noch 90 Minuten bis Lviv. Ab ins Hotel, Abendessen, schlafen.
Am Freitag klingelt um 7 Uhr der Wecker. Es gibt viel zu tun: Zwei Tonnen Hilfsgüter müssen ausgeladen und zur Express-Post (Nova Poshta) gebracht werden. Warum nicht aus Deutschland schicken? Die Deklaration der humanitären Güter für lokale Organisationen per Post aus der Ferne ist kaum zu meistern. Warum nicht mit den Sachen vorfahren? Zu viel Arbeit. So können die ersten Helfer direkt umdrehen und sind am nächsten Abend wieder zu Hause. Wir fahren parallel zur Ware und kommen zusammen am Ziel an. Um 8 Uhr wird ausgeladen. Zwei Tonnen auf Paletten verteilen, das Ganze bei 0 Grad und Regen. Yeah. Zehn Stunden später ist die Arbeit erledigt – und wir sind es auch. Das erste Team fährt zurück. Um 10 Uhr sind sie an der Grenze, um 14 Uhr in Polen und um 0 Uhr zu Hause. Solche Touren fahren Freiwillige immer wieder am Wochenende. Samstag hin – Sonntag zurück. Weder gibts dafür Applaus noch spektakuläre Selfies. Helfen um der Hilfe willen.
Wir fahren mit dem Rest weiter nach Kyiv. Der Anlasser eines Transporters gibt auf. Also suchen wir auf dem Weg nach Kyiv eine Werkstatt, die per Videotelefonat das Problem diagnostiziert, die Teile bestellt und alles bis zum nächsten Tag repariert. In Kyiv angekommen ist es auch wieder 18 Uhr – das geht. Alle sind müde. Essen. Ins Bett.
Am Samstag um 6 Uhr geht es weiter. Wir fahren 600 km nach Pavlohrod. Vor Ort treffen wir unsere lokalen Partner und fahren mit ihnen weiter. Es ergibt sich die Chance, ein Krankenhaus nahe der Front anzusehen und bis kurz vor die Front zu fahren. In dem Fall nutzen wir diese, da die Informationslage sehr schlecht ist und wir durch den Besuch vor Ort genau sehen können, wie es aussieht. Informationen, die man sonst einfach von niemandem bekommt. Wir enden im Stabilisierungspunkt Pokrovsk, wo wir im Krankenhaus die Nacht verbringen. Wir schlafen kurz.
Am Sonntag fahren wir zu anderen Hilfsorganisationen, schauen, ob die vorher gelieferten Sachen noch da sind, bringen neue und verteilen Kontakte. Danach geht es zurück nach Kyiv. Um 21 Uhr kommen wir an und ich muss noch arbeiten. Das Büro steht nicht still, nur weil ich unterwegs bin. Um 0 Uhr gehe ich ins Bett.
Am Montag geht es nach Charkiw. Dort schlagen drei große Drohnen in der Nähe ein. Wir sehen die Einschlagstellen. Es sieht schrecklich aus. Es geht weiter bis an die Front bei Vovchansk. Während ich mit Menschen vor Ort spreche, greifen mehrere Drohnen Ziele in meiner Nähe an. Parallel dazu ist Chris in Cherson. Das Auto vor ihm wird bombardiert und brennt aus.
Am Dienstag habe ich weitere Treffen in der Umgebung von Charkiw und auf dem Weg und komme nachts in Kyiv an.
Mittwoch ist frei. „Frei” heißt: Heute wird nicht gefahren. Zumindest nicht außerhalb der Stadt. Ich habe mehrere Termine in Kyiv und der Umgebung, muss ein Spendenfahrzeug übergeben und mir ein neues Büro ansehen. Bis 20 Uhr bin ich beschäftigt. Danach arbeite ich wieder remote für mein Unternehmen in Deutschland bis Mitternacht.
Donnerstag, 0:50 Uhr: Ich werde durch eine wahnsinnige Explosion aus dem Bett geworfen. Kollege Chris steht in der Tür: „Raus! Ballistische Raketen!“ – Ok, ich dachte, es seien nur Drohnen. An die haben wir uns gewöhnt. Ich gucke aus dem Fenster und filme, wie eine Shahed-Drohne mit 100 kg Sprengstoff an Bord 200 Meter vor uns auf mich zufliegt. Ich denke: „Ok, das wars jetzt.“ Das muss wohl dieser tolle Adrenalinkick sein, von dem Leute immer reden. Wenn man denkt, man stirbt gleich, ist daran gar nichts Gutes. Ich frage mich immer, wie Leute auf die wirre Idee kommen können, dass man das gut fände und dafür vor Ort sein möchte. Da könnte ich mir in Berlin auch große Mengen Heroin spritzen und schauen, ob es dieses Mal gut geht. Das wäre billiger, einfacher und genauso wenig erstrebenswert. Noch während ich die Drohne sehe, startet links von mir eine Flugabwehrrakete und trifft die Drohne. Feuerball, Knall, Druckwelle. Das Fenster fliegt fast aus den Angeln. Teile der Drohne knallen gegen die Häuser und stürzen auf die Straße. Wir packen Süßigkeiten ein und rennen ins tiefe Parkhaus. Um 5 Uhr morgens gehen wir wieder ins Bett und werden immer wieder geweckt. Um 7 Uhr stehen wir wieder auf und fahren sechs Stunden nach Sumy. Dort das gleiche Spiel. Wir besuchen mehrere Organisationen vor Ort – zusammen mit Partnern, die wir bereits kennen. Danach gehen wir mit allen essen. Langsam erkennt man das Muster: Fahren, Essen, Fahren, Essen, ab und zu Sachen tragen.
Am Abend fahren wir weiter in Richtung russische Grenze, um die Arbeit der Flugabwehr zu sehen und zu verstehen. Sie erklären uns, wie es geht, als plötzlich eine Angriffswelle startet: „Ok, alle raus aufs Feld und verteilt euch! Wenn sie angreifen, dann das Gebäude oder die Fahrzeuge. Wenn ihr euch verteilt, werdet ihr vermutlich nicht getroffen. Also stehen wir rum. Bei völliger Finsternis. Irgendwo auf einem Feld. Und warten. Im Kalten. Wie bestellt und nicht abgeholt. Wir warten darauf, nicht getroffen zu werden. Werden wir nicht. Nach ein paar Minuten heißt es: „OK, wurde alles abgeschossen. Ihr könnt wieder herkommen.“ Ich kann meine Augen kaum noch offen halten. Chris geht es genauso. Wir fahren in die Wohnung vor Ort zurück und gehen schlafen. Am nächsten Tag geht es zurück nach Kyiv, dann nach Polen und schließlich nach Berlin.
Freitag um 6 Uhr morgens überlegen wir: Wir sind müde, der Weg ist weit, also überspringen wir Kyiv und fahren direkt zur Grenze. Die Fahrzeit beträgt 12 bis 15 Stunden, je nachdem, ob wir Hotdogs essen und Gas geben oder ob wir richtige Pausen machen. Natürlich essen wir Hotdogs. Wir kommen nachts an, treffen in Lviv noch lokale Partner und fallen todmüde ins Bett.
Am Samstag klingelt der Wecker um 5:30 Uhr. Der Weg ist lang. Es geht zurück nach Berlin. Zur Grenze, über die Grenze und nach Berlin. Abends sind wir in Berlin. Alle Sachen waschen. Wir essen etwas Richtiges und gehen schlafen. Insgesamt waren es rund 6.000 km im eigenen Wagen auf eigene Kosten – auch die Unterkünfte und das Essen mussten selbst bezahlt werden. Die NGOs, mit denen ich oft zusammenarbeite, erstatten ihren Helfern die entstandenen Kosten, aber für ein Gehalt ist kein Geld da.
Am Sonntag werden alle Berichte und „Reports” geschrieben. Also Nachweise für die Spender. Bilder und Texte erklären, wofür das Geld verwendet wurde und was nun geplant ist. Das dauert den ganzen Tag. Weil es einfacher ist, mache ich das aus dem Büro. Parallel dazu spreche ich mit den Kollegen über den Stand des Ausbaus des Ukraine-Museums in Berlin.
Am Montag geht der Alltag weiter. Das heißt, alles geht von vorne los: Eine Idee haben, Geld sammeln, Geld ausgeben, Sachen liefern. Weihnachten ist das nächste Projekt. Im Januar folgt die Winterhilfe. Im Februar geht es weiter.
Der größte Teil der Arbeit besteht darin, Ideen zu haben und diese eigenständig umzusetzen, während man die ganze Zeit kluge Kommentare darüber bekommt, was man falsch macht oder besser machen sollte. Dann fahren, warten, gucken und ab und zu Angst um sein Leben haben.
Warum macht man es?

Weil man helfen muss. Weil man nicht wegsehen kann, wenn andere leiden. Ich ertrage die Blödheit der Leute nicht, an denen das Leben vorbeiläuft und die nichts von der Welt mitbekommen. Und weil man in der Woche danach jeden Tag Fotos per WhatsApp bekommt: strahlende Kinderaugen, eine Familie mit neuen Winterschuhen, ein Pastor, der mit dem neuen Auto herumfahren und seelischen Beistand spenden kann. Und die unerschütterlichen Ukrainer: „Wir wurden gerade bombardiert – das Haus ist weg. Aber wir waren unterwegs. Wir hatten gerade alle Hilfe rausgeräumt und machen jetzt von Iras Wohnung aus weiter! Macht euch keine Sorgen um uns!“ Wie kann man da das Wochenende faul auf der Couch verbringen und nichts tun?