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KOSAROWYTSCHI-DAMM Wie Elektriker Mykola Pawljuk die Hauptstadt rettete

Das zivile Gehirn hinter dem Kyiver Meer: Wie Elektriker Mykola Pawljuk die Hauptstadt rettete

Wir kennen bereits die Berichte über die militärischen Draufgänger an der Front – über den Kommandeur „Biathlon“ und den unerschütterlichen Kämpfer Oleksandr Karpiuk. Doch der heroische Widerstand um das rechte Ufer Kyivs hatte nicht nur Männer in Uniform. Jede taktische Meisterleistung braucht ein Gehirn, das die lokale Infrastruktur in- und auswendig kennt. In der Schlacht um den strategisch entscheidenden Staudamm von Kosarowytschi war dieses Gehirn ein Zivilist: Mykola Pawljuk.

Der Tag, an dem die Welt stillstand

In der Nacht zum 24. Februar 2022 begannen die Russen die Offensive gegen die Ukraine – ein Angriff von drei Seiten auf Kyiv. Aus Belarus flogen Scharen von Hubschraubern, vollgestopft mit russischen Luftlandetruppen, in Richtung des Flugplatzes Antonow bei Hostomel (1. roter Pfeil links). Vom Territorium von Belarus aus brachen durch die Sperrzone von Tschernobyl Kolonnen von Militärtechnik auf das rechte Kyiver Ufer durch (2. roter Pfeil links). Und aus den Regionen Tschernihiw und Sumy marschierten sie auf Boryspil und Browary zu.


Dieses Interview ist Teil der Serie über die Schlacht um Hostomel und die Sprengung des Kosarowytschi-Staudamms

Der Fluss Irpin – normalerweise ein schmales, knietiefes Gewässer von gerade einmal 10 Metern Breite – verwandelte sich innerhalb weniger Stunden in ein unpassierbares, natürliches Binnenmeer.

Die Lage war kritisch. Anfang März rückten die Besatzer ganz nah an Moschtschun heran, ein kleines Dorf am Fluss Irpin und nur zehn Kilometer von Kyiv entfernt. Der Druck war so stark, dass es schien, als ob Moschtschun jeden Moment fallen würde und der Weg nach Kyiv für die Russen offen stünde.

Ein Mann, 26 Dienstjahre und eine fünf Meter hohe Wassersäule

Hier kommt Mykola Pawljuk ins Spiel. Er ist kein Stratege aus dem Generalstab. Er ist der ganz normale Elektriker der Irpiner Pumpstation, in der er seit 26 Jahren arbeitet. Er verstand die gewaltige Betonarchitektur des Damms besser als jeder andere – ein Bauwerk, das eine fünf Meter hohe Wassersäule des Kyiver Meeres zurückhielt.

Als der Druck der russischen Truppen unerträglich wurde, gab Pawljuk den entscheidenden Impuls. Ein einfaches, mechanisches Anheben der Schleusentore war aufgrund des enormen Wasserdrucks und technischer Probleme völlig unmöglich. Pawljuk wusste, was zu tun war:

„Diese Konstruktion bewegst du nicht mal eben mit einem Kran oder einer Säge. Ich habe gesagt: Wir müssen das Ding sprengen, einen anderen Ausweg gab es schlichtweg nicht.“

Das erste Loch und der Beginn der Besatzung

Der Damm wurde eigentlich schon in der Nacht zum 26. Februar 2022 das erste Mal gesprengt, direkt nach dem russischen Überfall. Doch diese erste Operation des Militärs war unvollständig. Es entstand lediglich ein Loch in der Mitte des Schildes, durch das das Wasser nur mit geringem Druck abfloss. Es reichte nicht, um den Vormarsch zu stoppen.

Am Morgen des 26. Februar rollten die russischen Kolonnen in das Dorf ein – Kosarowytschi war besetzt. Für den Elektriker begann ein einmonatiges Martyrium unter der totalen Kontrolle der Besatzer. Die Russen machten das Dorf zu einer Festung, richteten ihre Stellungen mitten zwischen den Wohnhäusern ein und errichteten Blockpunkte. Ausgangssperren wurden mit mörderischer Härte durchgesetzt: Patrouillen kontrollierten die Gassen, niemand durfte auch nur den eigenen Hof verlassen. Währenddessen erzitterte Kosarowytschi unter permanentem, stündlichem Artilleriefeuer.

Standhalten unter brutalster Folter

Den russischen Kommandeuren wurde schnell klar, dass das Kyiwer Meer ihr logistisches Todesurteil war. Das Wasser blockierte ihren Vormarsch auf die Hauptstadt massiv, ihre hastig errichteten Pontonbrücken wurden von der Strömung einfach weggeschwemmt. Die Besatzer wurden panisch und machten Jagd auf die zivilen Experten der Pumpstation. Sie verschleppten den jungen Hydrotechniker der Station, verhörten ihn und folterten ihn brutal, um zu erfahren, wie man die massiven Pumpen wieder in Gang setzt, um das Wasser abzupumpen.

Dann geriet Pawljuk in ihre Fänge. Die Russen forderten ultimativ, dass das Wasser in der Irpiner Aue verschwinden müsse. Sie drohten ihm mit der grausamen Misshandlung seiner Familie. Weil der Elektriker schwieg und die Kooperation verweigerte, schlugen sie immer wieder auf ihn ein.

Pawljuk hinterließ ein bitteres Zeugnis der Besatzung:

„Sie haben mich sehr oft geschlagen. Sie haben mir die Finger an den Händen gebrochen – hier und hier. Sie wollten dieses Wasser um jeden Preis loswerden.“

Doch Pawljuk brach nicht. Seine mutige Sabotage durch Schweigen sicherte den Erfolg der zweiten, finalen Sprengung, bei der die Dammkrone endgültig kollabieren sollte.

8. März 2022: Die Logistik der Vernichtung

Während Pawljuk im besetzten Dorf schwieg, lief im hart umkämpften Frontbereich am Damm die logistische Vorbereitung für den finalen Schlag. Die Logistik der Vernichtung kam aus Nischyn: Spezialisten der 250. technischen Einheit brachten 80 Kisten TNT heran. Jede Kiste wog 25 Kilogramm. Walerij Sotnyk, der Pionier-Kommandant der 72. Brigade, übernahm das Kommando, um „Biathlon“ und seine Männer zu unterstützen.

Die Szenerie am Damm war apokalyptisch. Die russischen Stellungen waren nur 500 Meter entfernt. Aus einem alten Beton-Bunker, einem Relikt aus vergangenen Kriegen, beobachtete der SBU-Scharfschütze „Mih“ durch sein Visier die feindlichen Bewegungen. Er war der Schutzengel der Männer auf dem Damm und erinnerte sich:

„Wenn ich nur bis zum Mittagessen überlebe, das wäre überhaupt klasse. Die Entfernung zum nächsten Kontrollpunkt der Russen war extrem gering. Fünfhundert Meter, denke ich.“

Dann musste alles sehr schnell gehen. Ein Kamas-Lastwagen donnerte auf die Krone des Damms. Unter dem ersten einschlagenden Granatfeuer der Russen sprangen die Männer ab. Es gab kein langes Verlegen von Leitungen im Schutz der Dunkelheit – die Sonne ging auf, sie standen auf dem Präsentierteller. Kiste um Kiste wurde händisch abgeladen. Eine Kiste, ungefähr so groß wie ein Kasten Bier, wiegt 25 Kilogramm. Insgesamt war das so viel Sprengstoff wie ein kleiner Bus. Ein beteiligter Kämpfer beschrieb die Minuten so:

„Es war ein Gefühl aus Angst und Adrenalin. So wie beim ersten Fallschirmsprung, wenn man nicht weiß, was als Nächstes passiert. Aber es ist trotzdem interessant und man fasst sich ein Herz und springt. Wenn man etwas nicht schafft, dann hat man es wenigstens versucht. Weil unsere Familien in Kyiv sind …“

Während der Schlamm unter den Stiefeln der Männer peitscht, verknüpfte Serhij, der Sprengmeister, die Zünder. Es war ein Wettlauf gegen die Entdeckung. Doch die schiere Dreistigkeit siegte: „Die Russen konnten im Prinzip nicht einmal adäquate Aktionen durchführen, um uns zu vertreiben, weil sie wirklich in eine Schockstarre verfielen. Wir konnten diese Operation daher unverschämt und dreist direkt vor ihrer Nase durchführen.“

Die Entfesselung des Kyiver Meeres

Um exakt sieben Uhr morgens drückte Sotnyk den Auslöser. Ein dumpfer Schlag erschüttert das Kyiver Umland. Zwei Tonnen Sprengstoff zerfetzten den massiven sowjetischen Beton. Einen Moment lang herrschte Stille, dann begann das Tosen.

Das Wasser des Kyiver Meeres schoss durch die Bresche. Es war kein Tsunami, es war eine schleichende, unaufhaltsame Wand aus Kälte und Schlamm. Pawljuks hydrologische Logik zeigte sofort Wirkung: „Das Wasser stieg bis Demydiw an, die Auenböden wurden unpassierbar. Die Torfmoore saugten das Wasser auf und die Technik versank in den Torfmooren.“

Die taktischen Folgen dieser künstlichen Flut waren verheerend für die Angreifer:

  • Die Schlammfalle: Das austretende Wasser überschwemmte die Auenböden blitzschnell bis nach Demydiw.
  • Die Torfmoore als Schwamm: Die ausgetrockneten Torfgebiete saugten sich voll; die schwere russische Militärtechnik versank metertief im Morast.

Der Fluss Irpin – normalerweise ein schmales, knietiefes Gewässer von gerade einmal 10 Metern Breite – verwandelte sich innerhalb weniger Stunden in ein unpassierbares, natürliches Binnenmeer.

Die russischen Pontonbrücken bei Moschtschun wurden wie Streichhölzer weggerissen. Die Elite-Panzer der Garde versunken bis zum Turm im Schlamm. Die russische 98. Division war nicht besiegt – sie war buchstäblich im ukrainischen Boden ertrunken.

Der Tag, an dem die Flut siegte

Am 31. März 2022 wendete sich das Blatt endgültig. Als Pawljuk wie gewohnt versuchte, bei den Nachbarn Milch zu holen, bemerkte er eine plötzliche Veränderung: Die russischen Posten waren verwaist. Unter dem Schutz eines einzelnen Kampfhubschraubers flohen die russischen Kolonnen in wilder Hast und ließen ein Trümmerfeld sowie brennende KAMAZ-LKWs voller Munition zurück.

Mykola Pawljuk eilte sofort zur Pumpstation. Das Gebäude war durch die enormen Druckwellen der Sprengungen völlig zerstört – ohne Fenster, ohne Türen. Doch dort traf er auf die ersten ukrainischen Soldaten.

Nach der Sprengung: die Bewohner von Kosarowytschi können noch zu Fuß über den Damm – Fahrzeege aber nicht. 

Heute blickt Pawljuk trotz der Zerstörung und seiner schweren Verletzungen optimistisch nach vorn. Für den Veteranen der Station steht fest:

„Das ist alles wiederaufbaubar. Wir werden das Wasser irgendwann abpumpen, und die Natur wird sich regenerieren. Aber wir haben die Russen aufgehalten.“

Kosarowytschi und der Irpin sind bis heute ein bleibendes Zeugnis dafür, dass der Mut eines einfachen Elektrikers mit unerschütterlichem Willen schwerer wiegt als die Panzerketten einer vermeintlichen Großmacht.

Alle Abbildungen sind aus dem sehenswerten, ukrainischen Video über die Sprengung des Damms, das nahezu zeitgleich mit meinen Recherchen herauskam.


Und noch ein Video dazu.

Dies sind Schlüsselsätze im Video:

Kapitel 10: Reflexion des Ukraїner-Teams

Wir haben heute zwischen den Dörfern Ljutisch und Kosarowytschi gedreht, genau an dem Damm, der gesprengt wurde. Er wurde von unserer Seite gesprengt. Und zwar de facto von Zivilisten auf Befehl des Militärs. Eigentlich sind das ganz normale Menschen, die wir filmen, und sie erzählen uns fast alle mit denselben oder leicht abgewandelten Worten ein und dasselbe: In dem Moment, als der Krieg ausbrach, haben sich alle vereint.

Tatsächlich begann der aktivste Kern für den Sieg zu arbeiten, und sie arbeiten bis heute weiter, was ebenfalls erstaunlich ist.

…..

„Ich rufe unsere Militärs an und sage: „Jungs, hier sind sechs Hubschrauber über Kosarowytschi.“ Ich sage: „Was ist los, was sollen wir tun? Sind das unsere oder nicht? Sollen wir beobachten oder nicht?“ Sie sagen: „Lande das Ding für alle Fälle und wechsle die Position.“ Aber ich konnte ihn nicht landen! Ich probiere es so und so, aber er reagiert nicht richtig… Keine Ahnung, ob die von der anderen Seite Störsender (EW) eingeschaltet hatten oder nicht, aber es gab Probleme bei der Landung. Das Handy als Bildschirm vor mir, rufe ich vom Steuerpult aus das Hauptquartier an: „Hallo Hauptquartier, was sind das für Helikopter?“ – „Warte, gib mir 30 Sekunden.“

Ich versuche da fieberhaft, ihn zu landen und denke: Ach du heilige Scheiße. Und 30 Sekunden vergehen, vielleicht eine Minute, das Ding schwebt hier irgendwo rum und ich denke: Wenn die uns orten, sitzen wir tief in der Scheiße. Kurzum, sie rufen an und sagen: „Lauft, das sind nicht unsere!“ Wir treten die Flucht an und rennen mit dem Nachbarn quer durchs Gestrüpp.“

59.034 Aufrufe am 6. Juli 2026 | Video vom20.12.2022 | #kyjiwschtschyna #ukraїner #deokkupation

Unweit des Dorfes Kosarowytschi (nördlich von Kyjiw) mündet der durch einen Damm regulierte Fluss Irpin in den Kyjiwer Stausee. Zu Beginn der großangelegten Invasion Russlands spielte dieses Gebiet eine entscheidende Rolle bei der Verteidigung der Hauptstadt. Die Sprengung der Wasserbauwerke am Damm bei Kosarowytschi trug maßgeblich dazu bei, den Vormarsch der Russen zu stoppen.

Während einer Expedition durch die befreiten Regionen im Norden der Ukraine besuchten wir Kosarowytschi zweimal (im Juni und September). Dort lernten wir den Freiwilligen Oleksandr Oleksandrowytsch und den Nationalgardisten Bohdan Matkiwskyj kennen. Sie erzählten von den schweren Kämpfen, die rund um Kosarowytschi tobten, und davon, wie Zivilisten auf Befehl des Militärs den Damm sprengten, um das Vorrücken der russischen Technik zu verhindern. Zudem trafen wir den Anwohner und Landwirt Oleksandr Krywoscheja. Er half dem ukrainischen Militär dabei, einen Stationierungsort der Besatzer auszuheben, indem er das Artilleriefeuer direkt auf sein eigenes landwirtschaftliches Gelände lenkte, auf dem die Russen zu diesem Zeitpunkt ihre Basis errichtet hatten.

Kapitelübersicht

  • Vorschau (Intro)
  • Die Wasserpumpstation als strategisches Objekt
  • Zusammenarbeit mit der Zivilbevölkerung
  • Wie die Luftaufklärung funktionierte
  • Die Geschichte eines Partisanen
  • Besatzer versteckten sich unter Zivilisten
  • Wie die Einheimischen Widerstand leisteten
  • Gab es Kollaborateure in Kosarowytschi?
  • Wie sich das Dorf nach der Befreiung veränderte?
  • Reflexion des Ukraїner-Teams
  • Orks auf dem Bauernhof
  • Wie war der 24. Februar?
  • Der Unterschied zwischen Ukrainern und Russen
  • Reflexion des Ukraїner-Teams
  • Dieses Material wurde mit Unterstützung von International Media Support (IMS) erstellt.

Kapitel 1: Vorschau (Intro)

— Wir sind dem Krieg hier begegnet.

— Die Leute wollten helfen, aufrichtig und offen.

— Unser Onkel Kolja hat 500 Kilo TNT in sein Auto geladen.

— Hier liefen Hühner herum, direkt neben dieser „Totschka-U“-Rakete.

— Vorgestern haben wir den Katastrophenschutz gerufen.

— Haben sie etwas gefunden?

— Ja. Sie haben dieses „wundervolle“ Ding gefunden.

— Tatsächlich hat Irpin, wie schon vor tausend Jahren, Kyjiw beschützt, und das ist wieder passiert.

— Absolut richtig.

— Der Zweite Weltkrieg in unserer Zeit.

— Ich denke, sie hatten einen Plan, wie sie schnell nach Kyjiw eindringen konnten.

— Zivilisation und M*skali (Russen) – das sind unvereinbare Dinge.

— Sie haben sich ständig untereinander bekämpft, und in dieser Zeit wurde nicht auf uns geschossen. [lachen] — Auf jeden Fall haben wir das zu unserem Vorteil genutzt. Und im Endeffekt wurde hier ein Ka-52 Hubschrauber abgeschossen. Es sollte mehr solcher Vorfälle an der gesamten Frontlinie geben.

Kapitel 2: Die Wasserpumpstation als strategisches Objekt

— Guten Tag, Bohdan!

— Guten Tag, ebenfalls Bohdan!

— Sehr erfreut. Erzählen Sie uns bitte, wo wir uns gerade befinden. Was genau ist hier passiert?

— Zuallererst befinden wir uns in der Nähe des bereits bekannten Damms, der Irpiner Wasserpumpstation. Der Kosarowytschi-Schutzdamm wurde während der ersten Kämpfe zerstört. Dies ist ein strategischer Brückenkopf, nicht nur, weil er das Gebiet vor den Wassermassen aus dem Kyjiwer Stausee schützt, sondern auch, weil dies…

— … der kürzeste Vormarschweg auf Kyjiw ist. Man durchquert hier die Gemeinde Petriwzi, drei Dörfer, und schon ist man auf der Bohatyrska-Straße, man ist bereits in Kyjiw.

— Der Damm wurde gleich in den ersten Kriegstagen zerstört. Das Wasser aus dem Kyjiwer Meer begann den Fluss Irpin zu füllen, bis dieser schließlich über die Ufer trat.

— Tatsächlich hat Irpin, wie schon vor tausend Jahren, Kyjiw beschützt, und das ist wieder passiert.

— Absolut richtig. All diese Pläne, großangelegten Aktionen und Vormarschrichtungen, die von Anfang an stattfanden – sie gab es in ähnlicher Form schon während des Zweiten Weltkriegs, und unsere Führung hatte das auf dem Schirm. Sie wurden teilweise genutzt und teilweise angepasst, unter Berücksichtigung der neuen Infrastruktur auf diesem Gebiet. Und natürlich gab es vor tausend Jahren so einen Damm noch nicht. Dafür gab es natürliche Barrieren, die bestimmte Übergänge unmöglich machten. Genau das ist auch jetzt passiert.

Die Hauptaufgabe bestand danach darin, diesen Damm weiter zu halten, denn hier war ein Durchbruch am wahrscheinlichsten. Deshalb wurden alle Kräfte hier konzentriert. Man kann ungefähr erkennen, wo der Damm verläuft und wann der Fluss Irpin über die Ufer trat. Das Wasser reichte bis direkt an Kosarowytschi heran. Als sie unseren Damm angriffen, nahmen sie ihn ins Kreuzfeuer – sie schossen von hier, von hier und von hier. Dazu kam Artilleriefeuer aus Dymer. Und wir haben auch noch Hlibiwka, also kam auch Artilleriefeuer aus Hlibiwka. Alles schlug genau auf diesen Punkt ein, damit man später dieses Stück komplett abschneiden konnte. Aber hier hielt die Verteidigung stand, was einen Einmarsch aus Demydiw unmöglich machte.

Kapitel 3: Zusammenarbeit mit der Zivilbevölkerung

— Wie verlief die Zusammenarbeit mit den Zivilisten? Ich weiß, dass unter anderem ein Freiwilliger Sprengstoff hierher transportiert hat. Es waren also scheinbar keine Militärs, die das in ihrem Auto transportierten. Wir haben auch mit einem Kameramann gedreht, der sich hier der Luftaufklärung angeschlossen hat. Er ist hier mit seiner Drohne geflogen und hat die russischen Positionen ausgespäht.

— Seid gegrüßt! Hallo! Bohdan!

— Guten Morgen, wir sind aus der Ukraine! Saschko!

— Wir stehen hier also gerade auf dem Damm.

— Ja, das ist die Schleuse zwischen dem Fluss Irpin und dem Kyjiwer Stausee, unserem Kyjiwer Meer. Wir sind dem Krieg hier begegnet, in unserer Datschensiedlung. In unserem Dorf. Am Morgen rief mein Vater an und sagte: „Das war’s, es ist vorbei, der Krieg hat begonnen.“

Zuerst mussten wir herausfinden, welche Ressourcen wir überhaupt hatten. Sollen wir sie empfangen, sollen wir uns zurückziehen oder uns irgendwie verteidigen? Die erste Aufgabe bestand darin, sich zu sammeln und alles im Haus zu verbarrikadieren, was möglich war. Für alle Fälle die Fenster zu verschließen. Die Nachbarn zusammenzutrommeln, um zu schauen, wer was hat und wer welche Probleme hat. Und natürlich: Waffen suchen. An Waffen haben wir hier bei den Einheimischen vielleicht fünf Gewehre gefunden. Und ein Karabiner mit Zielfernrohr war auch noch bei einem der Einheimischen.

— Das gehörte wahrscheinlich irgendwelchen Jägern.

— Ja. Sehen Sie, das hier ist unsere Schleuse. Es lief so ab: Am zweiten Tag hingen wir mit unserem Team nur am Telefon. Wer von den Einheimischen ist hier, wer kann was, wer weiß was, wer ist wozu in der Lage? Es stellte sich heraus, dass nicht viele zu etwas in der Lage waren.

— Wie viel Prozent ungefähr?

— Vielleicht 5 %, höchstens 10 %. Alle anderen waren völlig kopflos. Es gab ja auch Kinder und alte Menschen. Es war ein Albtraum, sie irgendwie zusammenzutrommeln und sie zu überreden, in den Luftschutzbunkern zu bleiben. Obwohl alle auf die Straße gerannt waren – „Was, wie, wohin jetzt?“. Dann kam das Militär, unsere Soldaten. Prachtkerle. Am ersten und zweiten Tag fuhren sie hier noch über die Schleuse. Und uns wurde selbst klar: Wenn etwas passiert, kommt die feindliche Technik hier durch.

— Wie sah diese Zusammenarbeit überhaupt aus?

— Eine Zusammenarbeit mit Zivilisten war nur mit denjenigen möglich, die, sagen wir mal, bereits von der Territorialverteidigung oder dem Kommando gebilligt worden waren. Oder es gab konkrete Signale von der Führung der Nationalgarde oder der Streitkräfte der Ukraine. Und wir bekamen dann die Aufgabe, herauszufinden, in welchem Zustand diese Schleuse ist, wer hier das Sagen hat und wer wofür verantwortlich ist.

Die erste Frage war, ob es überhaupt eine Möglichkeit gibt, das Wasser aus dem Meer in den Fluss abzulassen. Technisch war das irgendwie unmöglich.

— Und wie lautete die eigentliche Aufgabe? Den Verkehr hier zu blockieren, oder…?

— Nein, die erste Aufgabe bestand darin, Wasser in den Fluss Irpin fließen zu lassen. Wir wussten ja, dass es hier zur Zeit des Zweiten Weltkriegs eine ähnliche Situation gab. Es gibt hier Sümpfe, Torfmoore. Aber das Wasser wird normalerweise aus dem Fluss abgepumpt und dann ist es dort mehr oder weniger trocken. Es gab Befürchtungen, dass feindliche Technik über diesen Weg vordringen könnte. Entweder über diese Brücke, über die Schleuse oder durch die Felder, über den Fluss, indem sie Pontons werfen und so weiter.

Ich hatte und habe eine Drohne, und unsere Jungs baten mich, hier in der Gegend ein bisschen aufzuklären. Genau das habe ich getan. Wir sind losgeflogen, um uns die Brücke bei Demydiw anzusehen. Sie war bereits gesprengt. Im Prinzip war klar, und man sagte mir auch, dass diese Wege blockiert waren. Und es war offensichtlich, dass sie hier durch wollten. Es gab eine 100-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass sie diesen Weg nehmen würden. Das Kommando und unsere Jungs, die dieses Gelände sehr gut kennen, schlugen vor, eine Sache durchzuziehen, um sie aufzuhalten.

Wir haben uns dann hier mit den Einheimischen, mit unseren Aktivisten, mit unserer „Bande“ zusammengetan. Zuerst haben wir alle Arbeiter gewarnt, wir haben lange verhandelt. Ob man das machen darf oder nicht, aber jeder wusste: Es ist Krieg.

— Haben sie sich geweigert?

— Natürlich, sie hatten große Angst, dass die Pumpen beschädigt werden könnten. Die sind nämlich Baujahr 1961, sehr einzigartig, und kurz gesagt: Es gibt keine neuen. Wir mussten die Sache also irgendwie durchziehen, aber die Technik retten. Also haben wir diesen Kran gestartet.

Dann dachten wir uns: Wenn die Orks hier einrücken und unsere Jungs ihnen ordentlich eins verpassen, müssen wir dieses Loch ja irgendwie wieder zumachen. Also haben wir zuerst das Ersatzschild abgenommen – hier ist es übrigens. Es hat nur leider nicht ganz so funktioniert wie geplant. Zusammen mit den Arbeitern haben wir das Schild angehoben und an die Stelle des vorgesehenen Lochs gesetzt. Für den Fall, dass wir es schließen müssen, damit wir die Menschen nicht ertränken. Kurz gesagt, wir haben dieses Konstrukt gebaut. Dann kamen unsere ersten Jungs, Kfz-Ingenieure, und schleppten so einen riesigen Trennschleifer (Flex) an. Wir versuchten, damit zu sägen, aber es war vergeblich. Dann brachten sie ein Autogen-Schweißgerät, wir probierten dies und das aus, wohlwissend, dass die Zeit drängt und die Aufgabe erfüllt werden muss. Wir kamen zu dem Schluss, dass wir ernsthafte Methoden anwenden mussten.

Aber die meisten dieser Aktionen wurden von Zivilisten durchgeführt. Unser Onkel Kolja lud 500 Kilo TNT in sein Auto. Ich weiß nicht, ob es Eier aus Titan gibt, aber unsere Jungs scheinen so etwas zu haben. Diese Tendenz ließ sich beobachten. Nun, und dann haben sie da ein Loch hineingesprengt, etwa 1,5 mal 1,5 Meter groß. Unsere Jungs haben einfach chirurgisch präzise gearbeitet. Und das war’s, das Wasser schoss los. Wir haben das beobachtet: In 24 Stunden stieg das Wasser um etwa einen bis eineinhalb Meter an.

Ungefähr am dritten Tag sind sie (die Russen) dann gekommen. Unsere Jungs haben sie natürlich von unserer Seite aus befeuert und diese Ork-Horde von der anderen Seite so gut es ging zurückgehalten. Sie kamen ja von Tschornobyl, von Iwankiw, von Dymer herunter. Das heißt, wir haben hier alle „Schönheiten“ des Krieges extrem zu spüren bekommen. Wir bedauern es bis heute, es tut uns leid, dass die Leute dort ein wenig überflutet wurden. Vielleicht auch nicht nur ein wenig, aber die Leute sollen nicht traurig sein. Das Militär sagte uns, dass es so besser ist, als unter den Orks zu sein…

— Besser im Wasser als im Feuer.

— Ja, genau.

— Die Menschen wollten helfen, aufrichtig, offen, von ganzem Herzen. Man darf diese Hilfe der Bevölkerung nicht abweisen. Im Gegenteil, wir sind ihnen sehr dankbar, denn es waren wirklich harte Zeiten. Es gab kaum Möglichkeiten, dies oder jenes zu bekommen. Sogar Lebensmittel. Ihre Hilfe kam genau zur rechten Zeit.

Kapitel 4: Wie die Luftaufklärung funktionierte

— Hier war ein winziger, dünner Fluss, und jetzt haben wir ein zweites Meer. Entlang dieser Linie verlaufen noch alte Schützengräben aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Sie haben schon unseren Großvätern geholfen, und sie halfen auch uns, den Feind zu beobachten und zu sehen, was am anderen Ufer passierte.

— War das hier alles Flachland?

— Ja, hier war Flachland, da waren der Fluss und Schilf. Und jetzt hat es alles so überflutet. Ich hätte nie gedacht, dass es so kommen würde, und im Prinzip reichte diese eine Explosion gar nicht aus. Wir verstanden, dass der Nutzen enorm war, dass sie nicht durchkamen und stecken blieben, also haben unsere Jungs da noch etwas mehr reingepfeffert (gesprengt). Sie haben diese Brücke so zerstört, dass man sie nicht mehr passieren konnte. Unsere örtliche Partisanen-Aufklärung berichtete, dass sie versuchten, Pontons und Schilde zu werfen. Aber unsere Jungs haben sie ordentlich unter Beschuss genommen.

Kurz gesagt, sie schafften es nicht durch. Wir gaben übrigens allen unseren Bewohnern die Aufgabe, Ferngläser zu suchen. Sie fanden Ferngläser… Manche davon waren so alt, da hat wahrscheinlich schon Lenin durchgeschaut. Aber es wurden auch normale gefunden. Wir sind hier mit meinen Nachbarn herumgekrochen, haben uns umgesehen, wie die Lage ist, und haben die Informationen an unsere Streitkräfte weitergegeben.

— Bei der Aufklärung gab es wirklich Momente, an denen wir im Laufe des Tages ganz genau die Koordinaten herausfinden mussten, von wo das Feuer kam, um sie dann an unsere Artillerie weiterzugeben, damit diese den Feind ausschalten konnte. Das war nur von dort aus möglich. Es gab die Möglichkeit, aufzuklären. Und die Jungs taten das und riskierten dabei ihr Leben. Ziemlich viele Zivilisten hatten Erfahrung mit der Luftaufklärung, weil es früher ihr Hobby war – zu filmen und mit Drohnen zu fliegen. Solche Erfahrungen waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht…

— …weit verbreitet.

— Absolut richtig. Solche Erfahrungen waren extrem wertvoll und haben ungemein geholfen.

— Es gab eine sehr krasse Geschichte: Die Jungs, unsere Soldaten, rufen an und sagen: „Sanjok, wir brauchen dich! Geh nach Kosarowytschi und schau, was da los ist. Da regt sich was, die rücken da irgendwie vor, sieh nach.“ In Ordnung. Das war nicht mehr der erste Tag: Es gab hier schon reguläre Truppen, die Territorialverteidigung, und wen nicht noch alles. Wir wussten gar nicht mehr, wer wer war. Wir kannten nur die Jungs, die zuerst gekommen waren, mit denen hatten wir uns sofort angefreundet. Wir arbeiteten als ein Team: Wir waren sozusagen im Backstage-Bereich und sie auf der Hauptbühne.

Ich renne also zu ihnen und sage: „Jungs, es eilt, ich lass den Vogel jetzt steigen. Wir sehen uns das an. Damit ihr Bescheid wisst und ihn nicht abschießt, ich hab nämlich nur den einen, und der Krieg hat gerade erst angefangen. Keine Ahnung, wo er noch gebraucht wird.“ Kurzum, ich lasse den Vogel in die Luft steigen, fliege los, inspiziere die Küste bei Kosarowytschi. Es sah so aus, als ob dort jemand fuhr, es war ruhig, aber ich musste diese Daten sammeln. Dann begann der Beschuss in unsere Richtung und es gab Verbindungsstörungen mit der Drohne; sie wollte nicht vernünftig zurückkehren. Mir ging schon ordentlich die Düse, ich musste sie zurückholen, sie wurde ja gebraucht. Ich wusste, dass sie Geld kostet, aber vor allem, dass sie eine wichtige Funktion erfüllt. Und das ist wichtiger als Geld.

Und dann passierte diese verrückte Geschichte: Wir stehen auf Position, beim Betriebsgelände, unsere Jungs schießen schon aus allen Rohren zurück, und wir dummen Zivilisten stehen da: keine Helme, nichts, null Panzerung. Ich versuche also, zurückzukehren und den Vogel zu landen. Plötzlich hören wir so ein Rumpeln. Bumm, ein Hubschrauber, ein zweiter, ein dritter. Ich denke: Verdammt, das sind unsere. Und die Flughöhe war in etwa die gleiche, bei mir und bei ihnen. Ich denke mir: Wenn das unsere sind und die Drohne Schaden anrichtet, in die Turbine gerät… Ich weiß es nicht, da gingen mir extrem viele Gedanken durch den Kopf. Das wäre fatal, gar nicht gut. Wenn es aber nicht unsere sind – dann ist es egal, dann ist es auch nicht schade um die Drohne, aber wir mussten herausfinden, was zu tun ist.

Ich rufe unsere Militärs an und sage: „Jungs, hier sind sechs Hubschrauber über Kosarowytschi.“ Ich sage: „Was ist los, was sollen wir tun? Sind das unsere oder nicht? Sollen wir beobachten oder nicht?“ Sie sagen: „Lande das Ding für alle Fälle und wechsle die Position.“ Aber ich konnte ihn nicht landen! Ich probiere es so und so, aber er reagiert nicht richtig… Keine Ahnung, ob die von der anderen Seite Störsender (EW) eingeschaltet hatten oder nicht, aber es gab Probleme bei der Landung. Das Handy als Bildschirm vor mir, rufe ich vom Steuerpult aus das Hauptquartier an: „Hallo Hauptquartier, was sind das für Helikopter?“ – „Warte, gib mir 30 Sekunden.“

Ich versuche da fieberhaft, ihn zu landen und denke: Ach du heilige Scheiße. Und 30 Sekunden vergehen, vielleicht eine Minute, das Ding schwebt hier irgendwo rum und ich denke: Wenn die uns orten, sitzen wir tief in der Scheiße. Kurzum, sie rufen an und sagen: „Lauft, das sind nicht unsere!“ Wir treten die Flucht an und rennen mit dem Nachbarn quer durchs Gestrüpp.

Die Drohne hat übrigens überlebt. Am nächsten Tag ging mein Nachbar auf Aufklärung, um sich die Stellungen anzusehen, er nahm das Fernglas mit. Wir haben uns abgewechselt: er dorthin, ich hierhin. Und dann haben wir Daten ausgetauscht, wer was gesehen hat. Da drüben stand ein russischer Störsender (EW-System), wir haben ihn sofort bemerkt.

Und mein Nachbar sagt: „Sanjok, wir haben echtes Glück gehabt.“ Ich sage: „Dass wir Glück hatten, ist klar.“ Jede Sekunde kommt hier ein Quäntchen Glück geflogen oder eben nicht geflogen, und beides ist Glück. Er sagt: „Als wir gerannt sind – es war schon dämmerig, als wir die Drohne gestartet haben – lag da eine Rakete.“ Wir hatten sie nicht einmal gesehen, so sehr sind wir durch das Gebüsch gepflügt. Es war uns völlig egal.

Kapitel 5: Die Geschichte eines Partisanen

Es gab da einen Jungen in Kosarowytschi, ich weiß nicht, wie alt er ist, vielleicht 18 oder 19. Er hat uns jedenfalls Informationen über den Aufenthaltsort der Orks übermittelt. Und das waren extrem wertvolle Informationen, weil unsere Jungs dadurch sehr präzise zuschlagen konnten. Und es hat hervorragend funktioniert. Aber dann wurde er von jemandem geschnappt, sie haben ihn zusammengeschlagen, einfach so…

— Einer von den Orks hat ihn geschnappt?

— Ja, einer der Orks hat ihn erwischt. Sie haben ihm das Telefon abgenommen. Ihn verprügelt. Er saß einen Tag lang im Keller, aber dann hat er irgendwo ein anderes Telefon aufgetrieben und seine Arbeit wieder aufgenommen. Und dank dieser Verbindung zu unseren Soldaten hatten wir sehr operative Informationen darüber, was wir tun sollten. Dann kam der Befehl: Ihr habt eine halbe Stunde – Beine in die Hand nehmen und weg hier.

Und hier beginnen solche Landschaften: Ein Haus existiert gar nicht mehr. Diese hier wurden gerade erst gebaut, drinnen war noch nicht mal alles fertig. Und genau dort, im Innenhof, gab es einen Einschlag.

— Und das Gras ist schon so hoch gewachsen, dass man gar nicht mehr sieht, wo genau der Einschlag war.

— Ja, solche Landschaften gibt es hier zuhauf. In dieser Straße fehlt eigentlich die halbe Straße.

Kapitel 6: Besatzer versteckten sich unter Zivilisten

— Ich nehme an, wir befinden uns gerade an einer der Positionen, an denen die Russen standen?

— Ja. Das ist das Dorf Kosarowytschi. Es war besetzt. Es war von Anfang an besetzt und wurde gegen Ende März befreit, als sie begannen, von hier zu fliehen. Ungefähr hier befand sich ihr Schützengraben. Wie wir sehen, haben sie sich direkt unter der Zivilbevölkerung versteckt, also unter den Bewohnern des Dorfes Kosarowytschi, sind in ihre Häuser gegangen und haben dort gelebt. Deshalb konnten unsere Truppen keine vollwertigen Angriffe starten und den Feind nicht mit voller Wucht ausschalten. Weil die Gefahr bestand, die Zivilbevölkerung zu treffen. Deshalb haben die Soldaten aller Einheiten von den ersten Tagen an den gesamten Schlag auf sich genommen.

— Da der Damm faktisch zerstört war, blieb die Möglichkeit, ihn zu Fuß zu überqueren, also verließen Menschen das Dorf. Sie kamen heraus und brachten Informationen von hier mit, richtig? Wir haben gerade abseits der Kamera ein wenig darüber gesprochen. Wie haben die Menschen aus diesem Dorf dem Militär generell geholfen?

— Wenn die Einheimischen herauskamen, erzählten sie von den Truppenbewegungen, die hier stattfanden. Also, wer genau hier war: Waren es Burjaten, waren es Kadyrowzy, war es die russische Nationalgarde oder andere militärische Strukturen der Russischen Föderation? Sie nannten die ungefähre Anzahl der Soldaten, sagten, wo sie Menschen festhielten, und wiesen auf bestimmte Gebäude hin, in denen sie sich versteckten. Aber die Besatzer wechselten ständig ihren Standort, denn, wie wir später erfuhren, verschwanden sehr viele Waschmaschinen und Toiletten. Wahrscheinlich brauchten sie die Besetzung des Dorfes Kosarowytschi genau dafür. [lacht]

Kapitel 7: Wie die Einheimischen Widerstand leisteten

— Anatolij, guten Tag!

— Guten Tag!

— Wie geht’s? Wie steht’s?

— Ach, alles gut, „in Bagdad ist alles ruhig“.

— Gott sei Dank! Hallo!

— Wir würden Sie gerne fragen, wie Sie sich hier am Widerstand beteiligt haben?

— Er ist sehr bescheiden. Er ist der Einzige, der einfach so dorthin gehen konnte, die Panzer gezählt hat, mit den Daten hierherkam und uns erzählt hat, was dort los ist. Er ist absolut furchtlos.

— Es gab hier ein Gefecht. Sie wurden dort am Damm aufgerieben. Soweit ich weiß, standen unsere Truppen dort und begannen zu schießen. Als die Technik in unsere Richtung fuhr, fingen sie an, sie zu beschießen. Dann wurde alles still. Ich saß da mit meinen zwei Kindern. Eine meiner Töchter ist sechs Jahre alt, die andere neun. Und ich musste irgendetwas tun. Ich verstand einfach nicht, was um uns herum geschah. Ich wusste, dass die Russen dort eingerückt waren, und man musste etwas unternehmen, irgendwie musste man einen Ausweg aus dieser Situation finden.

Ich riskierte es und ging dorthin. Ich sah einen jungen Mann und fragte: „Sind die Russen da?“ Er sagt: „Ja. Sie stehen dort und graben sich ein.“ Ich ging nach Kosarowytschi und sah, wo sie sich eingruben. Ich schaffte es, schnell wieder zurückzukehren. Dort standen noch Einheimische. Ich ging zu ihnen und sagte: „Leute, verschwindet von hier, es könnte etwas einschlagen. Sie werden auf die Russen feuern, aber sie könnten auch euch treffen.“ Da sagten sie zu mir: „Sag mal ‚Palianytsia‘ (ukrainisches Schibboleth)“. Und ich wusste genau: Mich hat gerade noch ein russischer Soldat mit einem Maschinengewehr fixiert, ich hätte vielleicht gar nicht zurückkehren können, und in dem Moment brachte ich vor Aufregung nicht mal das Wort ‚Palianytsia‘ heraus.

Ich ging zurück, und dort standen die ZSU (Streitkräfte der Ukraine). Ich rief sie herbei und sagte: „Hier und dort stehen Panzer, und sie graben sich ein.“ Wenn ich mich nicht irre, hieß der Kommandant „Salo“, ein eher kleiner Mann. Ich habe ihm den Standort auf sein Handy geschickt. Und das war’s, da schlug es ein. Dann leitete er den Standort an andere Jungs weiter, damit die Informationen an verschiedenen Orten verfügbar waren. Denn hier passierten unklare Dinge. Eigentlich gab es kaum Truppen, da standen nur vier Soldaten. Das war alles, sie haben ein bisschen dorthin geschossen. Ein Gefecht.

Zusammen mit einem anderen Mann sind wir auch zum Damm gegangen, um die Schleusen hochzuziehen. Ich weiß nicht, ob es erfolgreich war oder nicht.

— Es sieht so aus, als wäre es sehr erfolgreich gewesen.

— Letztendlich ist alles sehr gut ausgegangen. Ich lese sehr viele Kommentare von Leuten, und etwa 99 % sagen „Danke“. Mehr noch, sie machen Komplimente und bedanken sich.

— Weil es ja auch Leute gibt, die überflutet wurden.

— Die sagen auch „Danke“. Sie sagen: „Ja, wir wurden überflutet, aber lieber Wasser als Granaten.“

— Es ist im Moment wirklich sehr wichtig, diese Geschichten zu erzählen. Weil immer noch ein Teil des Landes besetzt ist und ein Teil der Menschen diese Erfahrungen gerade durchmacht und im Kugelhagel kämpft.

— Ja, unsere Menschen tun mir sehr leid. Aber ich weiß: In unserem Land, mit unseren Menschen, mit Leuten wie Anatolij, wie unseren Nachbarn, die sofort sagten: „Was muss getan werden? Schützengräben? Wird erledigt.“ Die haben geschaufelt wie Bagger, mit Lichtgeschwindigkeit. Alle hielten extrem fest zusammen. Wissen Sie, so viele Menschen es in unserem Land gibt – so viele Krieger gibt es! Denn jeder ist ein Krieger! Und jeder kann etwas tun, um den Sieg näherzubringen! Jemand knüpft Tarnnetze, jemand bereitet Essen zu, jemand deckt die mediale Front ab. Das ist übrigens der wichtigste Teil, denn die Welt muss sehen, was hier passiert. Ja, diese Geschichten müssen erzählt werden. Vielleicht motivieren unsere verrückten Taten ja jemanden. Wir haben unsere Arbeit im Prinzip nicht niedergelegt. Es ist schon der X-te Tag des Krieges, und wir arbeiten ohne freie Tage.

Kapitel 8: Gab es Kollaborateure in Kosarowytschi?

— Sagen Sie mal, es ist doch interessant: Sie (die Russen) haben sich jahrelang auf den Krieg vorbereitet. Sie haben jahrelang ein Agentennetzwerk aufgebaut. Sie hatten viele Agenten in Kyjiw und in verschiedenen Städten. Es gab Garagen, in denen sie ihre Paradeuniformen bereithielten. Gab es hier im Dorf wirklich niemanden von ihren Leuten? Denn Sie sagen, sie hätten ohne Koordinaten auf Häuser geschossen. Wurden diejenigen, die hier rekrutiert worden waren, so schnell liquidiert? Oder gab es hier einfach keine?

— Wenn wir konkret von diesem Ort sprechen, möchte ich betonen, dass sie nicht mit einem solchen Widerstand gerechnet haben. Einem Widerstand des ukrainischen Volkes durch die Territorialverteidigung, durch all diese Protestaktionen, die stattfanden. Ich denke, damit haben sie nicht kalkuliert. Ich glaube, sie rechneten eher mit einem ungehinderten Einmarsch nach Kyjiw. Ich denke, sie hatten einen Plan, um schnell in Kyjiw einzumarschieren. Alles deutet darauf hin. Andernfalls hätte es gar keinen Sinn gemacht, diese ganze Aggression zu beginnen. Das ist ihnen nicht gelungen. Deshalb denke ich, dass sie hier vor Ort keine konkreten Agenten hatten. Vor allem, weil es extrem schwierig war, hier überhaupt hineinzufahren. Wir kontrollierten den gesamten Zufahrtsprozess. Das Hinterland funktionierte, man wusste, wer vorbeifuhr, es wurden Dokumente kontrolliert. Natürlich arbeitete auch die Polizei und sicherte verlässlich das Hinterland ab, damit es keine Durchbrüche gab. Aber selbst auf die Polizei wurden Granaten abgefeuert, die sie trafen. Deshalb war alles so gefährlich und so sehr auf Kriegsfuß, dass Fragen, ob hier jemand eindringen durfte, auf hohem und strengem Niveau kontrolliert wurden.

Sie haben sich ständig untereinander Gefechte geliefert, und das war eigentlich sehr interessant, denn in dieser Zeit wurde nicht auf uns geschossen. [lacht] — Wunderbar.

— Interessante Dinge.

— Kann es sein, dass ein Teil versuchte zu desertieren, und sie diese Leute erschossen haben?

— Ich bin überzeugt, dass es genau so abgelaufen ist. Mehr noch, ich bin mir sicher: Sie dachten, dass all die Berichte darüber, dass ihre eigenen Leute fliehen wollen, nur eine Täuschung seien. Täuschung in welchem Kontext? Dass stattdessen ukrainische Truppen dorthin eingeschleust würden, um das Dorf vollständig zurückzuerobern. Genau deshalb fingen sie an, aufeinander zu schießen. Warum das genau passiert ist, wissen sie natürlich selbst am besten. Wir haben das jedoch zu unserem Vorteil genutzt und den Ka-52 Hubschrauber abgeschossen. Wenn es mehr solcher Vorfälle entlang der gesamten Frontlinie gäbe, dann wäre der Sieg, glaube ich, noch schneller gekommen.

— Das stimmt genau.

Kapitel 9: Wie sich das Dorf nach der Befreiung veränderte

— Jetzt findet der Wiederaufbau der ehemals besetzten Gebiete statt, Traktoren fahren herum, ein Haufen Kinder rennt umher. Wie fühlt sich das für Sie an? Sie haben all diese Kampfhandlungen gesehen, und jetzt ist das friedliche Leben hierher zurückgekehrt. Was für ein Kontrast ist das, was geht in Ihnen vor, wenn Sie das begreifen?

— Ich habe früher mit einigen Leuten gesprochen, die uns sogar während der Besatzung beistanden und halfen, indem sie uns erlaubten, in ihre Häuser zu gehen und uns alles zu nehmen, was wir brauchten. Sie riefen an und sagten: „Nehmt euch alles, was ihr braucht, um unseren Staat zu verteidigen.“ Solche Fälle gab es auch. Und manchmal brauchte man schlichtweg eine Tasse oder eine Gabel, denn im Krieg konnte nicht jeder sofort alles einpacken. Obwohl wir alle darauf vorbereitet waren, fehlten natürlich oft die nötigsten Mittel, um großangelegte militärische Operationen durchzuführen. Deshalb erlaubten die Leute uns, in ihre Häuser zu gehen, sie sagten sogar: „Dort drüben liegen Autoschlüssel, nehmt das Auto, benutzt es.“ Dieses Auto ist zwar verbrannt, wir konnten es letztendlich nicht nutzen, weil ihre Granaten dort einschlugen.

Was Kosarowytschi selbst angeht, kann ich sagen: Ich erinnere mich an den Tag, als wir hier einrückten, wie das hier alles aussah, wie die Situation war. Alles war geplündert, die Menschen hatten den Glauben an Menschlichkeit oder Sicherheit verloren. Und dann kommen wir. Und wir sahen bei jedem einzelnen Menschen ein Lächeln, als sie uns empfingen. Wenn man sieht, wie der umfassende Wiederaufbau voranschreitet, versteht man, dass dies erst der Anfang ist. Und deshalb kann natürlich jeder Soldat, nicht nur ich, mit Zuversicht und Würde sagen: „Ja, die Ukraine wird wieder aufgebaut. Und wir stehen für eine gerechte Sache ein, denn wir verteidigen unseren Staat, unser Volk, das sich nach Weiterentwicklung sehnt.“

Ich habe schon oft gesagt und bin bereit, es noch einmal zu wiederholen: Wir haben unseren Weg gewählt. Den Weg weg von „irgendwie werden wir schon leben“ hin zu „Entwicklung“. Und Entwicklung ist nur in einem Rechtsstaat möglich. Also muss es bei uns Rechtsstaatlichkeit geben. Und gerade unser Streben in die Europäische Union wird diese Rechtsstaatlichkeit sichern.

Hier haben wir einen historischen Ort – ein Denkmal aus dem letzten Krieg (Bunker / Pillbox). Obwohl man sagt, dass es nicht vom Feind, sondern von unseren eigenen Leuten gesprengt wurde. Es wurde ausschließlich zur Verteidigung und als Hauptquartier genutzt. Im Prinzip sehen Sie es: Der Zweite Weltkrieg in unserer Zeit. Der strategische Punkt wurde also wahrscheinlich richtig gewählt. Hier hatten wir so einen kleinen Weg zu unserem Strand, zum Fluss. Jetzt beginnt der Strand genau hier. Wir werden hier Krebse fangen.

— Und der Bunker? Ist der komplett eingestürzt?

— Ja. Sehen Sie, so ein Denkmal haben wir hier. Nach allem, was wir gesehen haben, nach all dem, was als Ergebnis herauskam: Die Menschen leben – das ist die Hauptsache.

Unsere Nachbarin ist Teil unseres Organisationskomitees, unserer Gewerkschaft. Auch sie hat kein Haus mehr. Ihr ganzes Leben lang haben sie gebaut, und geblieben ist nur der Keller. Aber sie sagen: „Macht nichts, wir kommen schon irgendwie über die Runden.“ Obwohl sie eigentlich keine Kraft mehr haben und ihr Mann einen Schlaganfall hinter sich hat. Er hat übrigens bei den Antonow-Werken gearbeitet, und jedes Mal war er zutiefst betrübt, wenn er in den Nachrichten hörte, dass ein „Ruslan“-Flugzeug beschädigt wurde. Als er jedoch das von der „Mrija“ hörte, fing er an zu weinen. Einen halben Tag lang weinte er, dass es die „Mrija“ (Antonov An-225) nicht mehr gibt. Vor uns liegt das zerstörte Flugzeug An-225, das war das größte Flugzeug der Welt. Es war ein Frachtflugzeug und konnte 250 Tonnen transportieren. Es wurde einst 1988 für den Luftstart des „Buran“-Programms gebaut. 2001 wurde es wieder in Betrieb genommen, es hob wieder ab und begann mit Frachttransporten.

— Macht nichts, es wird wieder eine „Mrija“ (Traum) geben.

— Ja, das wird es. Aber bis dahin haben wir alle nur einen einzigen Traum in unseren Gedanken. Die „Mrija“ mit Flügeln wird es definitiv wieder geben!

— Danke!

— Danke! Auf Wiedersehen!

Kapitel 10: Reflexion des Ukraїner-Teams

Wir haben heute zwischen den Dörfern Ljutisch und Kosarowytschi gedreht, genau an dem Damm, der gesprengt wurde. Er wurde von unserer Seite gesprengt. Und zwar de facto von Zivilisten auf Befehl des Militärs. Eigentlich sind das ganz normale Menschen, die wir filmen, und sie erzählen uns fast alle mit denselben oder leicht abgewandelten Worten ein und dasselbe: In dem Moment, als der Krieg ausbrach, haben sich alle vereint. Tatsächlich begann der aktivste Kern für den Sieg zu arbeiten, und sie arbeiten bis heute weiter, was ebenfalls erstaunlich ist. Denn dieser Freiwillige, den wir heute getroffen haben, versorgt weiterhin die Streitkräfte der Ukraine mit Lebensmitteln. Und damals hatte er das Rufzeichen „Partisan“, und sie nannten ihn „Saschka-Partisan“. [lacht] Das ist ein wirklich erstaunlicher Beweis dafür, dass in jedem unserer Dörfer und jeder Kleinstadt – wenn sich auch nur 5 % zusammentun und für den Sieg arbeiten – wir diese „Orks“ viel schneller von hier vertreiben und siegen werden. Mich hat diese Geschichte mit Saschko heute sehr inspiriert, und es hat mich auch ein wenig amüsiert, wie mutig unsere Leute doch sind. Oleg und ich haben Anfang April genau an diesem Ort, in genau dieser Siedlung, in genau dieser Straße gedreht, als die Russen noch ganz in der Nähe waren.

Leute, Oleg und ich waren Anfang April hier, wir kamen her, um die Geschichte über den Luftaufklärer Ihor zu drehen. Und genau hier, an diesem Platz, lag damals eine „Totschka-U“. Das war so ein surreales Bild. Denn rund um diese „Totschka-U“ rannten Hühner herum, es gab einen riesigen Haufen Trümmer, der Frühling begann, in der Ferne explodierte und donnerte noch etwas, denn die M*skali waren noch in der Gegend.

Und dann gab es da noch eine Situation, als Ihor und wir den Dreh schon fast im Kasten hatten…

— Das war bei dem zerstörten Kiosk.

— Er ließ den Quadrocopter aufsteigen und sagte, dass da noch etwas brummt. Wir begannen das Interview aufzuzeichnen, und plötzlich kamen Soldaten auf uns zu und fragten: „Ist das euer Quadrocopter, der da fliegt?“ Er sagt: „Nein.“ Da meinten sie: „Jungs, in Deckung, das ist höchstwahrscheinlich kein Quadrocopter von uns.“

— Ja, das war wahrscheinlich noch ein russischer.

— Und wir haben uns dann in diesem Kiosk versteckt. Und genau hier habe ich dieses Video von den Hühnern gemacht, die durch das Einschussloch einer Granate huschten und an etwas Mehl pickten. Hier klaffte einfach ein riesiges Loch voller Splitter.

— Aber jetzt sieht alles fantastisch aus.

— Obwohl es Folgen gibt. Es gibt vieles, was verbrannt ist.

— Aber das Leben siegt!

— Ja! Es gibt viele interessante Details, über die wir gelesen und die wir im Internet gesehen haben. Fragen, die uns in den ersten Tagen der groß angelegten Invasion und der Besetzung der Region Kyjiw sehr beschäftigt haben – und sehr viele dieser Details fügen sich jetzt zu einem Gesamtbild zusammen.

Was du ganz richtig bemerkt hast: Man spürt wirklich diesen Synergieeffekt. Wir wissen, dass nicht nur der Militärgeheimdienst (HUR) unseres Verteidigungsministeriums gearbeitet hat, sondern auch verschiedene andere unserer Brigaden, und dass es sehr viel Unterstützung durch die Partisanenbewegung und durch Basisinitiativen gab. Weil unsere Leute verstanden haben, dass manche Probleme sofort und selbst gelöst werden mussten. Das inspiriert zutiefst, denn das ist unsere moderne Geschichte.

Kapitel 11: Orks auf dem Bauernhof

— Herr Oleksandr, hier ist Karina.

— Ja, ich höre.

— Wir sind von Dymer aus zu Ihnen gefahren, haben uns aber ein wenig verfahren und stecken jetzt auf dem Feldweg fest. Besser gesagt, wir stecken nicht fest, wir stehen vor einer Straßensperre auf dem Weg von Dymer nach Kosarowytschi, dem Weg durch die Felder.

— Ah, Sie sind die alte Straße nach Dymer gefahren. Ja, dort ist ein Checkpoint. Passen Sie auf, Sie müssen den ausgefahrenen Weg nach rechts nehmen.

— Alles klar.

— Sinken Sie tief ein, oder geht es?

— Ich glaube, es geht. Ist es denn sicher, dort zu fahren? Gibt es da keine Minen?

— Alles ist in Ordnung, das ist so eine Umgehungsstraße. Das Militär hat dort einen Checkpoint errichtet und bewacht ihn nun heldenhaft. Wir wissen zwar bis heute nicht, wofür genau, das ist wohl ein militärisches Geheimnis. [lacht] Sie umfahren ihn einfach so, kommen dann auf die asphaltierte Straße und biegen links ab zu diesem Checkpoint.

— Alles klar. Und dann?

— Am Checkpoint rufen Sie mich noch einmal an.

Nun, los geht’s. So läuft es eben immer.

(Musik)

— Oleksandr.

— Karina. Wir haben telefoniert. Endlich sind wir bei Ihnen angekommen.

— Ich heiße Bohdan.

— Oleksandr.

— Erzählen Sie uns, wo wir hier sind, was ist hier passiert?

— Das ist das Dorf Kosarowytschi im Bezirk Wyschhorod. Was hier passiert ist? Ein ganz normales Dorf, das unter Besatzung stand.

— Sie hatten „Orks“ hier auf der Farm.

— Das ist keine Farm, das ist ein landwirtschaftlicher Produktionsbetrieb. Wir bauen hier Getreide an. Und die Besatzer haben genau hier bei uns gewohnt. Nicht dort, wo das Haus für die Maschinenführer steht, sondern da drüben war so eine Art Baracke, und dort haben sie gehaust.

— Können wir da hingehen?

— Ja, natürlich. Aber dort ist alles niedergebrannt.

— Waren zu dieser Zeit noch Leute hier?

— Nein.

— Woher wussten Sie, dass sie hier waren?

— Sie haben hier absolut alles besetzt. Weil sie sowohl dort auf den Farmen als auch hier gelebt haben. Dass sie hier gelebt haben, haben wir erst später herausgefunden. Hier hatten wir so einen Raum, in dem Betten standen. Kann man sagen, dass man hier leben konnte? Die Bedingungen zum Leben waren eigentlich nicht gegeben. Aber sie haben hier gewohnt.

— Die können ja auch unter Bedingungen leben, die für Tiere gedacht sind.

— So ist es, normale Bedingungen brauchen die gar nicht. Zivilisation und M*skali – das sind unvereinbare Dinge.

— Gegensätzliche Konzepte.

— Ja, gegensätzliche Konzepte. Und das hier ist der Dünger, der uns noch geblieben ist, der Teil, der gebrannt hat. Einen Teil haben wir mit Schaufeln zusammengesammelt und rausgeworfen. Das hier ist Sommerweizen, der uns auch noch geblieben ist, und mit diesen verbrannten Resten haben wir dann nachgesät. Was wir gesät haben, haben wir auch geerntet. Keine gute Ernte, aber wir haben geerntet, damit die Felder nicht leer stehen.

— Wie war Ihr 24. Februar?

— Augen so groß wie Untertassen! Wie bei allen, schätze ich.

Kapitel 12: Wie war der 24. Februar?

Und der absolute Wunsch, die richtige Entscheidung zu treffen, was nun zu tun ist. Denn hier wohnten meine Maschinenführer und Bauarbeiter, wir waren gerade dabei, das Haus für die Maschinenführer zu renovieren. Und zu der Zeit wohnten dort die Bauarbeiter. Da spürte ich vor allem die Verantwortung für die Leute, denn das waren alles keine Einheimischen. Einer aus Balaklija, andere aus Odessa, Einheimische gibt es hier fast nicht, es sind Bauarbeiter. Auch die Maschinenführer kommen aus Odessa. Die Leute haben ja auch Familien, man muss etwas tun.

Am 24. Februar habe ich versucht, nach Kyjiw durchzukommen, aber es war unmöglich, wegen der Staus. Ich sage zu den Jungs: „Bleibt erst mal hier, wir werden später eine Entscheidung treffen.“ Am 25. Februar in der Nacht haben wir telefoniert und ich sagte: „Lasst uns fahren, es sollte eigentlich keinen Stau mehr geben. Packen wir schnell unsere Sachen und schwärmen aus.“ Wir kauften ihnen noch Treibstoff und Lebensmittel, weil sie ja noch irgendwo auf der Strecke liegen bleiben konnten.

— Erzählen Sie, was als Nächstes geschah. Alle sind abgereist, was passierte dann?

— Am 25. Februar sind auch meine Familie und ich abgereist. Wir fuhren in die Region Chmelnyzkyj.

— Soweit ich weiß, als Sie erfuhren, dass sie (die Russen) hier auf der Farm bei Ihnen leben…

— Nein, das war ein bisschen anders. Dass sie hier auf der Farm lebten, haben wir erst verstanden, als der Beschuss hierher stattfand. Lassen Sie mich Ihnen den Rest zeigen.

Wir räumen hier gerade auf, vorgestern haben wir den Katastrophenschutz gerufen.

— Haben sie etwas gefunden?

— Ja. Da die Bauarbeiter hier arbeiten und das Gerüst verschieben, während sie die Dachsparren installieren. Sie räumten diesen Bereich frei, weil der Mais komplett verbrannt war, alles lag voller Asche, dazu noch Holz, Schieferplatten – alles, was hierher gefallen und verbrannt war. Und genau hier, der Traktor stieß darauf, fanden sie diese „wunderbare“ Sache. Allerdings ist sie, wie sich herausstellte, nicht explodiert. Sie bohrte sich hier in den Boden, und durch sie brannte alles nieder. Das ist buchstäblich erst vorgestern herausgezogen worden.

— Ist das eine von unseren Raketen, die auf die Besatzer abgefeuert wurde?

— Ja. Ich nehme an, das stammt von einem „Grad“-Raketenwerfer.

— Was passierte dann?

— Meine Eltern blieben hier im Dorf. Weil sie ja eine Viehfarm haben. Wir haben ein Familienunternehmen: Sie kümmern sich um die Viehzucht, und meine Frau, unsere Verwandten und ich kümmern uns um den Getreideanbau. Wir haben die Felder. Vater und Mutter blieben im Dorf, denn die Tiere müssen ständig gefüttert werden. Ich war ständig mit meinem Vater in Kontakt. Ich fragte: „Was gibt’s Neues? Wie ist die Lage? Wollt ihr vielleicht rausfahren?“ Papa sagte: „Noch lassen sie uns im Dorf herumlaufen, man kann sich noch bewegen.“

Wenn man über Demydiw reingefahren ist, erzählte man mir, dass die Kolonnen genau zu dieser Brücke fuhren, und dort wurden sie unter Beschuss genommen. Sie fingen an, Schleichwege zu nutzen, um nicht zu nah heranzukommen und unsichtbar zu bleiben. So wie Sie über diese Straße hierhergekommen sind, genau so kamen sie auf direktem Weg rein und blieben am Stausee hängen, denn ab da war eine Sackgasse. Also kam die Kolonne hier zum Stehen. Dort, wo auch Sie vorhin standen, sind genau unsere Farmen. Das ist eine direkte Sichtlinie, also konnte mein Vater alles sehen. Er sagte, dass dort eine Kolonne steht, dass es dort viele Besatzer gibt. Viele? Das ist gut.

Und wir sofort: „Wer? Wo? Was?“ Lasst uns die Koordinaten ans Militär weitergeben! Wir leiteten die Koordinaten weiter – dass hier eine Kolonne steht, feuert auf sie! Also wurden die Koordinaten durchgegeben.

— Und infolgedessen hat auch die Farm etwas abbekommen?

— Sieht so aus. Damals hatten wir ja noch keine HIMARS. Jetzt haben wir HIMARS. Wenn man uns gleich HIMARS gegeben hätte, dann hätten wir, glaube ich, vielleicht weniger Schäden gehabt. Aber es ist, wie es ist. Gott sei Dank sind sie jetzt weg. Hoffen wir, dass es sie bis zum Ende des Jahres auch an den anderen Orten nicht mehr geben wird. Das bauen wir schon wieder auf. Wissen Sie, in unserer Situation ist das nicht das Schlimmste, was passieren konnte. Es hätte auch das alles hier nicht mehr geben können.

— Sie hätten gar nichts mehr zum Wiederaufbauen haben können.

— Genau. Gott sei Dank haben sie im Dorf nicht alles vernichtet, obwohl sie großen Schaden angerichtet haben: Häuser niedergebrannt, geplündert. Aber wir bauen es wieder auf!

Kapitel 13: Der Unterschied zwischen Ukrainern und Russen

— Was hat Sie am meisten überrascht, als Sie nach der Deokkupation zum ersten Mal wieder hierherkamen?

— Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.

— Vielleicht irgendwelche „Spuren“, die sie hinterlassen haben?

— Ihr Lebensstil. Ich meine zum Beispiel die Einstellung, die sie sich selbst gegenüber haben. Ihre Lebensbedingungen. Wenn ein Mensch sich selbst respektiert, dann will er es sich doch irgendwie schöner machen. Auch wenn man ein vorübergehender Besatzer ist. Ich weiß nicht, vielleicht ist uns Ukrainern das irgendwo auf genetischer Ebene mitgegeben worden, dass man sich unter allen Umständen Bedingungen schaffen muss, um normal leben zu können. Aber ihnen (den Russen) scheint Gott diese Fähigkeit weggenommen zu haben. Das fehlt ihnen völlig. [lacht] — Vielleicht hat er sie ihnen nicht weggenommen, sondern gar nicht erst gegeben?

— Kann auch sein, dass er sie nicht gegeben hat. [lacht] Wenn ich ehrlich bin, habe ich da früher nie groß unterschieden. Es gibt die russische Nation, und es gibt die ukrainische. Es gibt ukrainische Alkoholiker, und es gibt russische Alkoholiker. Aber selbst unsere Alkoholiker haben weitaus mehr Niveau. [lacht] — Ich danke Ihnen!

— Kommen Sie gerne wieder! [lacht]

Kapitel 14: Reflexion des Ukraїner-Teams

Gestern haben wir einen Soldaten der Nationalgarde gefilmt.

— Warum verliert Russland?

— Russland verliert aus vielen Gründen. Und ihre Soldaten und ihr Volk verlassen sich zur Unterstützung dieser Aggression auf die lügnerischen Aussagen ihres Präsidenten. Aber Lügen haben kurze Beine – sie kommen immer ans Licht. Und wenn das passiert, wird die Verzweiflung extrem groß sein. Schon heute, während der großangelegten Gegenoffensive der ukrainischen Truppen, ist Panik ausgebrochen, und innerhalb des „Kremls“ hat die Zersetzung begonnen. Natürlich interessiert es uns nicht, was bei denen los ist. Uns interessiert die Befreiung des ukrainischen Territoriums, mitsamt der Krim, dem Donbass und Luhansk. Deshalb werden wir dieses Ziel erreichen. Aber wenn wir dieses Ziel erreicht haben, fürchte ich, wird es einen Staat wie die Russische Föderation nicht mehr geben.

Es war wirklich interessant, sich mit ihm zu unterhalten und ein wenig tiefer zu graben, nicht nur über die Sprengung des Damms, sondern generell über unseren militärischen Widerstand gegen die sogenannte „zweite Armee der Welt“.

Und heute haben wir uns mit einem Landwirt getroffen, dessen Betrieb praktisch in die Luft gesprengt wurde. Und er selbst hat die Koordinaten für seine eigenen Lagerhäuser durchgegeben, damit man die Russen von dort vertreiben konnte. Es war interessant, denn er wurde richtig nachdenklich, als ich ihn fragte, ob er es bereut.

— Gab es einen Moment, in dem Sie es bereut haben, dass Sie unseren Leuten diese Koordinaten gegeben haben?

— Ehrlich gesagt: Dass ich es bereut hätte, nein. Es war bitter, dass alles verbrannt ist, das war ein Minus. Aber es ist ja nicht nur verbrannt, diese „Orks“ haben auch noch den Dünger geklaut. Wir hatten damals viel Regen, und sie haben rund um das Dorf Checkpoints errichtet. Und anstatt Sand in ihre Säcke zu schaufeln, haben sie einfach unsere 50-Kilo-Säcke mit Dünger genommen und diese für ihre Checkpoints herangekarrt. Wissen Sie, wenn das das Schlimmste war, was in unserem Leben passiert ist, dann ist das okay.

Er antwortete fast sofort, dass er es nicht bereut. Er bedauert nur, dass es prinzipiell überhaupt zu solchen Ereignissen kommen musste. Aber dank der Tatsache, dass er diese Koordinaten übermittelt hat, ist es gelungen, die Russen von dort zu vertreiben – und das ist erstaunlich. Es ist bemerkenswert, dass Menschen weder ihr Hab und Gut noch ihren Wohlstand schonen, wenn es um den gemeinsamen Sieg geht.

— Ich werde das ganz kurz zusammenfassen. Ruhm den Helden! Ruhm den ZSU (Streitkräften der Ukraine)!