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Könnten die Russen Kyiv fluten?

In der vergangenen Nacht griff Russland das Wasserkraftwerk Kyiv (auch: HPP Kyiv) mit Raketen an. Dies ist zum einen für die Energieversorgung wichtig, zum anderen hält der Damm auch das aufgestaute „Kyiver Meer“ zurück. Im Juni 2023 sprengten Russen den Kachowka-Staudamm bei Kherson und überfluteten weite Landschaften. Was würde passieren, wenn der Damm bei Kyiv bricht?

Kyiv geflutet
Kyiv geflutet

Domino-Effekt am Dnipro

Der Damm bei Kyiv ist der erste von mehreren Stauseen entlang dem Dnipro. Gerade aufgrund seiner Lage hätte die Sprengung des Dammes schlimmere Auswirkungen als der am Ende im Juni 2023. 

Ein Dammbruch würde eine massive Flutwelle auslösen, welche den Fluss bei Kyiv um etwa drei Meter ansteigen lassen würde. Besonders betroffen wären die tiefgelegenen Stadtteile am linken Ufer (Lewobereschna), wie Obolon, Podil und die Siedlungen auf den Inseln im Dnipro. Experten schätzen, dass das Wasser innerhalb weniger Stunden die ersten Wohngebiete erreichen würde. Das Stromnetz, die Wasserversorgung und die Kommunikationswege der Hauptstadt würden sofort kollabieren.

Der Dnipro ist eine Kette aus Stauseen. Wenn die gewaltigen Wassermassen aus Kyiv unkontrolliert flussabwärts schießen, könnten die nachfolgenden Dämme (Kaniv, Krementschuk, Kamjanske, Dnipro) dem Druck nicht standhalten. Es könnte zu einer Kettenreaktion kommen, welche Teile der Zentral- und Südukraine verwüsten würden.

Wie in Kherson würde ein Bruch des Dammes in Kyiv jahrzehntelang abgelagerte Sedimentschichten aufwirbeln. Das besonders Problematische: In den Böden des Kyiver Meeres befinden sich noch immer radioaktive Partikel aus der Katastrophe von Tschernobyl (1986). Die Flutwelle würde diese Partikel flussabwärts in Richtung Schwarzes Meer tragen.

Der Damm ist stabil

Der Kyiver Damm wurde in den 1960er Jahren für extreme Belastungen gebaut. Er besteht aus massiven, 2,5 km langen Betonstrukturen und 60 km langen Erdwällen. Äußerliche Treffer auf das Maschinenhaus (wie letzte Nacht) führen zu Stromausfällen, bringen aber selten die gesamte Staumauer zum Einsturz. Der von uns befragte Sprengmeister meint: „Den Damm kann man eigentlich nur durch eine interne Sprengung, wie beim Kachowka-Damm, zerstören. Dafür müsste man aber große Mengen Sprengstoff rein bekommen – ob ein Bunkerbuster reichen würde, ist nicht ganz klar. Die haben fast alles im Kalten Krieg so geplant, dass sie einen Treffer mit einer kleinen taktischen Atombombe halten“.

Sensortechnik: Im Inneren des Damms befinden sich Hunderte von Sensoren, die Druckveränderungen, Neigungen und Mikrorisse in Echtzeit messen. Sobald eine Verformung registriert wird, können Notabläufe (Bypässe) geöffnet werden, um den Druck auf das Bauwerk zu senken.

Wie würde die Flut ablaufen?

Die unmittelbare Umgebung wie die Stadt Wyschhorod würden in 1-2 Stunden geflutet und großteils zerstört werden. 

Nach 3-7 Stunden würde die Welle Kyiv erreichen. Aufgrund der Topographie Kyivs (das westliche Ufer ist hoch, das östliche flach) wäre vor allem der Osten betroffen. Stadtteile wie Obolon, Troieschchyna, Rusanivka und Darnitsia liegen in der ehemaligen Flussaue. Hier könnten ganze Stadtviertel mehrere Meter unter Wasser stehen. Besonders die „Gartenstadt-Siedlungen“ (Osokorky) wären akut gefährdet. Das historische Viertel Podil am Fuße der Hügel auf der rechten Seite könnte aufgrund seiner niedrigen Lage ebenfalls überflutet werden.

Da viele Metro-Tunnel unter dem Fluss verlaufen, könnten diese geflutet werden. Somit wäre das wichtigste Verkehrsmittel der Stadt unterbrochen und die eh schon überlasteten Straßen noch voller. 

Es ist unwahrscheinlich, dass Russland den Damm zerstören kann. Die Folgen wären aber dramatisch. Der bisherige Kriegsverlauf zeigt, welche Ressourcen Russland für die Zerstörung ziviler Infrastruktur investiert. Es ist also wahrscheinlich, dass sie es weiter versuchen.