Im November 2022 feierte die Welt die Befreiung der strategisch wichtigen Stadt Kherson am Dnipro. Die letzte ukrainische kontrollierte Stadt vor der Krim. In Sicherheitskreisen wunderte man sich, dass Russland seine Soldaten und seine Ausrüstung einfach abziehen konnte. Später gab es Gerüchte, Putin hätte mit dem Einsatz taktischer Atomwaffen gedroht, wenn seine Truppen keinen freien Abzug erhalten. Die USA nahmen diese Drohungen zu dem Zeitpunkt sehr ernst. Inzwischen ist der DroneCide in Kherson in vollem Gange. Die Stadt dient als Ausbildungsort für russische Drohnenpiloten.

Von der Befreiung zur russischen „Schießbude“
Vor drei Jahren gingen die Bilder des feiernden Freiheits-Platzes in der Stadtmitte um die Welt. Heute ist dieser Platz ein hochgefährlicher Ort. Die Russen sitzen nur wenige Kilometer entfernt, auf dem linken Ufer des Dnipro, und machen aus Kherson eine Art „Schießbude“.
Der Unterschied zwischen Besatzung und der aktuellen Situation ist drastisch, aber die Gefahr ist konstant. Während der Besatzung war es die physische Präsenz der russischen Soldaten, die Terror und Unterdrückung bedeutete. Menschen wurden zum Spaß verletzt, ermordet, vergewaltigt und verschleppt. Jetzt ist es der ständige Beschuss, der die verbliebenen Einwohner in Atem hält. Sowohl mit Drohnen, als auch mit Artillerie.
Die neue Bedrohung: Der Drohnenkrieg

In den letzten Monaten hat sich die Lage noch einmal zugespitzt. Die Russen setzen vermehrt auf FPV-Drohnenangriffe, bei dem der Pilot mit einer Video-Brille in Sicherheit sitzt und die Welt aus Sicht der Drohne sieht. Und zwar nicht nur auf militärische Ziele, sondern ganz klar: auf Zivilisten. Auch wir waren in diesem Sommer beinahe Opfer eines solchen Angriffes geworden, konnten uns jedoch in ein Gebäude retten. Unser Partner Oleg wurde mit einer solchen Drohne ermordet. Berichte unserer Partner vor Ort sprechen von Tausenden von Angriffen innerhalb weniger Monate. Das sind nicht nur einzelne Einschläge, das ist ein System, das die Menschen zermürben soll.
Die Drohnen sind oft handelsübliche Quadrocopter, wie man sie in ähnlicher Form auf Amazon kaufen kann. Bestückt werden sie mit Granaten oder anderem Sprengstoff, um gezielt Zivilisten zu jagen. Ärzte, die Verletzte versorgen wollen, werden selbst Ziel von zweiten Angriffen auf die gleiche stelle – sogenannte „Double Taps“. Auch Rettungswagen werden regelmäßig bombardiert.
Die Botschaft aus Moskau ist klar: Ihr mögt befreit sein, aber ihr werdet keinen Frieden finden. Die Angriffe zielen darauf ab, Angst zu verbreiten und die Ukraine dazu zu zwingen, Ressourcen zur Verteidigung der Zivilbevölkerung zu binden, während die Frontlinien anderswo brennen.
Trainingsgelände für russische Soldaten

Der in den vergangenen Tagen oft gezogene Vergleich zur „Human Safari“ in Sarajevo 1992-1996 passt in diesem Fall nicht. Damals konnten Touristen für mehrere Zehntausend Euro mit Scharfschützengewehren Zivilisten Ermorden. Kherson hingegen ist ein Ausbildungs- und Versuchsgelände der russischen Drohnen-Mörder. Daher trifft es der Begriff DroneCide besser. Aus Geheimdienstkreisen wir berichtet, dass Drohnenpiloten nach einer Grundausbildung nach Kherson geschickt werden, um dort den Anflug zu üben. Die Drohnen haben inzwischen rund 50km Reichweite.
Die einzige Straße aus der Stadt raus wurde mit Netzen überspannt – aber die Drohnen lauern vor der Ein- und Ausfahrt des Tunnels. Wenn sich der Akku der Drohne dem Ende neigt, ist den Piloten jedes Ziel recht. Zuerst versuchen sie Soldaten, Rettungsdienst oder Presse zu treffen, dann Zivilisten, Fahrzeuge, beliebige Gebäude. Hauptsache sie haben jemanden ermordet. Wenn sie diese Missionen „gut“ erfüllt haben, werden sie in andere Gegenden der Ukraine versetzt.
Zerstörung und Resistenz

Die Menschen leben unter ständigem Stress, suchen Schutz in Kellern und warten einfach nur darauf, dass der nächste Beschuss ausbleibt. Trotzdem – und das ist das, was mich tief beeindruckt – bleibt ein Glaube an das Ende des Grauens. Die Widerstandsfähigkeit der Menschen ist unfassbar. Und dennoch hat der Supermarkt auf und es gibt frische Pizza an der Bude. Das Leben, welches Russland vernichten will, geht weiter.