bsnKommentar

Karte lieber als Bargeld – aber warum?

Das Rennen zwischen Bargeld und Karte gewinnt eindeutig die Karte. Ich kenne beide Seiten gut und kann euch gerne meinen Standpunkt dazu erklären. In den vergangenen zwanzig Jahren habe ich Souvenirläden, Buchhandlungen und Museen betrieben. Im Sommer kam ich auf eine vierstellige Menge an Zahlungsvorgängen am Tag. Hier ist mein Ergebnis:

Symbolbild: Bargeld vs. Karte

Bargeld: Viel Arbeit und teuer

Bargeld anzunehmen bedeutet, es auf Echtheit zu prüfen, das korrekte Wechselgeld herauszugeben und es am Abend zu zählen und in den Safe zu befördern. Wenn jetzt jemand mit „dafür gibt es aber heute Zählmaschinen” anfängt: Nun, überleg mal, warum vor jeder Zählmaschine ein Mensch sitzt, der alle paar Sekunden eingreifen muss. Es sind ausländische Münzen und Scheine dazwischen, die man übersehen hat, etwas ist zu verknickt, ein Tesastreifen an einem Schein, ein Knopf zwischen den Münzen. Irgendetwas ist immer. Und am Ende stimmt die Kasse nie. Nicht einmal. Wie auch – es sind viel zu viele Handgriffe beteiligt. Mal mehr, mal weniger, das gleicht sich aus. Aber dann muss man nochmal zählen. Manchmal fehlten auch 100€, aber sie fehlten nie wirklich. Sie fanden sich immer spätestens am nächsten Morgen. Sie waren irgendwo eingeklemmt oder hintergerutscht. Aber all das kostet Zeit. Dann wird die Barkasse für den nächsten Morgen mit dem immer gleichen Betrag vorbereitet – die muss man morgens noch einmal schnell durchzählen. Alles in allem dauerte das über Jahre hinweg mit den verschiedensten Mitarbeitern im Schnitt 30 Minuten am Tag. 

Das Geld wird wöchentlich abgeholt, es muss also noch einmal gezählt und verpackt werden. Man braucht exorbitante Mengen an Wechselgeld. Im Souvenirladen waren es damals tausende bis zehntausende Euro pro Monat, die wir einkaufen mussten. Das kann man nicht einfach tauschen, sondern es fällt eine Gebühr dafür an. Das Vorbereiten der Abholung (nochmal Zählen und Verpacken), das Warten auf den Transport, das Wechselgeld in Empfang nehmen, Zählen und Einräumen dauert noch mal eine Stunde pro Woche. 

All das muss natürlich von einer Person erledigt werden, der man Tausende Euro in bar anvertraut, die noch nicht korrekt gezählt sind. Alles in allem sind wir damit also bei rund 20 Stunden im Monat. Kartenzahlung nimmt man aber so oder so zusätzlich an. 

Kartenzahlung bedeutet zwar eine Datenhalde, ist aber praktisch.

Aus der Sicht des Betreibers ist Kartenzahlung hingegen wesentlich einfacher. Die gesamte Kasse kann auf Geräte in der Größe eines Handys mit Drucker reduziert werden. Oft fällt nicht einmal mehr eine Monatsgebühr an und (je nach eigenem Umsatz) werden weniger als 1 % der über das Gerät abgewickelten Zahlungen als Gebühr fällig. Seitdem viele Menschen mit dem Handy zahlen, ist es auch schneller als Barzahlung – wenn man erst das Portemonnaie herauskramt und die Karte sucht, ist es etwa gleich schnell. Am Abend geht man einfach nach Hause. Das Gerät meldet die Umsätze in die Cloud und der Steuerberater erhält die Daten. Fertig. Niemand muss mit Bargeld hantieren, etwas zählen, übergeben oder Wechselgeld bestellen. 

Am Ende ist es für den Betrieb wesentlich günstiger, einfacher und sicherer.

Allerdings wird eine permanente Internetverbindung benötigt. Die Geräte sind in der Regel per WLAN verbunden. Viele haben aber zusätzlich eine Verbindung ins Handynetz, die vom Kartenanbieter organisiert und bezahlt wird. So können sie im Falle eines Ausfalls des lokalen Netzes einfach weiterarbeiten. Bisher lief das bei uns ohne Probleme. 

Ein weiterer Vorteil ist, dass alle Umsätze dokumentiert sind und somit Schwarzgeld massiv vermieden wird. Wer in Berlin lebt, kennt Cafés, die einen Taschenrechner auf dem Tisch haben, aber leider nie einen Quittungsblock oder eine Kasse zur Hand, wenn man nach einem Beleg fragt. Oder Restaurants, die eine vermeintlich gute Quittung ausdrucken, die aber keine Rechnungsnummer hat und deren QR-Code ins Leere führt. Die Software dafür wird immer trickreicher.

Die Kundensicht

Die Kunden sind verschieden. Ich habe seit Jahren nur noch Karten angenommen und kein Bargeld mehr. Probleme gab es dabei keine. Es gab keinen messbaren Einfluss auf die Umsätze. Ein (!) Kunde wollte das nicht und ist gegangen. Ein anderer Kunde bot an, per Karte zu zahlen und das Bargeld des Kunden anzunehmen – das wollte er jedoch aus Prinzip auch nicht. Das waren alle Probleme. Ich als Kunde habe fast nie Bargeld dabei. Ich müsste zum Automaten gehen, es abholen, dann mit mir herumtragen und wieder abgeben. Außerdem müsste ich die Art des Geldes managen: Oft werden zu große Scheine oder zu kleine Münzen nicht angenommen. Dann muss ich immer auf den Bargeldbestand bei mir achten und ihn auffüllen. Das kommt mir antik vor.

Gegenargumente: Krisenfall und Datensammlung

Als Gegenargument wird oft angeführt, dass man bei Kartenzahlung nie wisse, was man wann und wo ausgegeben habe. Bei Bargeld habe man einen viel besseren Überblick. Dieses Argument finde ich bizarr, da die Karten-App einem genau auflistet, wo welches Geld geblieben ist. Bei Bargeld habe ich keine Ahnung, außer ich habe einen Ordner mit allen Belegen. 

Ebenfalls häufig kommt das Argument, dass man im Krisenfall kein Geld mehr habe, weil die Infrastruktur ausfällt. Ich war in den vergangenen Jahren in allen gängigen Kriegsgebieten. In der Ukraine bezahlen selbst an der Front am Café-Moped alle per Karte. In Afghanistan wurden nach dem Abzug des Westens Kartenterminals aus den Nachbarländern verwendet und in Kurdistan zahle ich in jedem Hotel mit Karte. Der Punkt ist nicht valide. Gerade weil die Geräte oft Akkus haben und über das Handynetz und WLAN laufen können, sind sie langlebiger. Der Kunde zahlt per Handy – sozusagen auf das Kassenhandy des Betreibers. Das funktioniert auch bei Stromausfall. 

Das dritte Argument ist die Datensammlung. Der Kartenanbieter weiß, was ich wann wo kaufe. Hier kommt es vermutlich auf die Zielgruppe an. Dass ich reise, in Hotels schlafe und Kaffee trinke, ist kein Geheimnis. Dafür muss man aber keine geheimen Daten sammeln, das sieht man auch so. Leider nutzen die meisten Menschen, die mir gegenüber dieses Argument vorbrachten, problemlos amerikanische Social-Media-Apps und tragen ein Handy mit sich herum, über das der Netzanbieter sie jederzeit orten könnte. Unsere Welt ist kompliziert und wird überwacht. Das Argument, dass Banken Daten sammeln, verstehe ich, aber es ist nur ein winziger Teil des Problems. Karte hin oder her, das wird das Problem nicht lösen. 

Am Ende soll jeder mit seinem Zahlungsweg glücklich werden. Ich möchte nur gerne eine klare Kennzeichnung außen haben mit „Hier nur Bar/Karte/Alles“, damit ich mich bequem entscheiden kann.