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Ist Europas größtes AKW durch Russland in Gefahr? Ein Vergleich mit Tschernobyl und Fukushima

Die Sowjetunion baute ein großes Netzwerk von Atomkraftwerken. Diese reichten von sehr schlechten bis zu halbwegs modernen Anlagen. Russland beschoss erst Europas größtes Atomkraftwerk in der Ukraine, übernahm es dann und lässt es nun nur noch im Notbetrieb laufen. Ist die Gefahr mit Tschernobyl oder Fukushima vergleichbar?

Kernkraftwerk Saporischschja in Enerhodar. cc-by-sa: Ralf1969 

Das Kernkraftwerk Saporischschja – auch bekannt als AKW Enerhodar nach der nahegelegenen Stadt – liegt in der Südukraine am Fluss Dnipro. Seit dem russischen Überfall im Februar 2022 steht die Anlage, die sechs Reaktorblöcke umfasst und das größte Atomkraftwerk Europas ist, unter der Kontrolle russischer Truppen. Die Lage ist extrem gefährlich: Seit vier Tagen ist das AKW ukrainischen Berichten zufolge vollständig von der externen Stromversorgung getrennt und läuft ausschließlich auf Notstrom-Dieselgeneratoren. Dies ist ein wiederkehrendes, aber lebensgefährliches Szenario, da die Hochspannungsleitungen in der Konfliktzone immer wieder beschädigt werden.

Saporischschja vs. Tschernobyl

Tschernobyl Reaktor 4. Quelle: IAEA

Das Kernkraftwerk Tschernobyl bestand aus vier Reaktorblöcken des Typs RBMK-1000, der aufgrund von Designproblemen zu schnell entwickelt, zu wenig geprüft und zu billig gebaut worden war. Dadurch kam es 1986 zum berühmtesten Störfall in einer Atomanlage in der Geschichte, wodurch Block 4 explodierte und Teile der Ukraine bis heute unbewohnbar sind.

So verfügt der Tschernobyl-Reaktor beispielsweise über keine Schutzhülle („Containment“) um den eigentlichen Reaktor. Das heißt, dass nach dem Unfall 1986 der Reaktor offen lag und man einfach hineinschauen konnte. Zusätzlich hat dieses Reaktormodell einen positiven Dampfblasenkoeffizienten und verwendet brennbares Graphit als Moderator, was bedeutet: Wenn das Kühlsystem ausfällt und der Reaktor heiß wird, wird er (vereinfacht gesagt) immer heißer und das Graphit kann selbstständig zu brennen beginnen. Es kommt zu einem Störfall.

Der in Saporischschja verwendete WWER-1000-Reaktor hat hingegen eine Schutzhülle aus Beton, die im Falle eines Unfalls eine weitere Schutzschicht zur Außenwelt bietet. Da der Reaktor einen negativen Dampfblasenkoeffizienten hat, wird er (vereinfacht gesagt) kälter und weniger aktiv, wenn die Kühlung ausfällt. Der Reaktor ist erstmal in einem stabilen Zustand.

Die beiden Systeme sind also nicht vergleichbar. Das AKW Saporischschja ist wesentlich sicherer, befindet sich jedoch in russischer Hand, was wenig beruhigend ist.

Saporischschja vs. Fukushima

Satellitenfoto der Fukushima Reaktorblöcke 1 bis 4 (von rechts nach links) am 16. März 2011. Quelle: Digital Globe

Experten warnen davor, dass ein längerer Verlust der Notstromversorgung in Saporischschja zu einem Unfall führen könnte, der dem in Fukushima-Daiichi (Japan, 2011) ähnelt.

In Fukushima hatten ein Erdbeben und der darauffolgende Tsunami die externe Stromversorgung und die Notstrom-Dieselgeneratoren zerstört. Die Kühlung fiel aus, was zur Überhitzung der Brennstäbe, zur Kernschmelze und zur Freisetzung von Radioaktivität durch Wasserstoffexplosionen führte.

Das AKW Saporischschja verwendet zwar den sichereren Reaktortyp WWER-1000, doch die Ursache des Problems ist dieselbe wie in Fukushima: der Verlust der Kühlfähigkeit durch Stromausfall. Im Falle von Saporischschja ist die Ursache jedoch kein Naturereignis, sondern militärische Gewalt.

Das größte Risiko liegt somit in der Unzuverlässigkeit der externen Stromleitungen und der Verwundbarkeit der Notfallsysteme in einer aktiven Kriegszone. Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) warnt eindringlich davor, dass die nukleare Sicherheit ohne eine sichere externe Stromversorgung und eine geschützte Pufferzone nicht gewährleistet werden kann.

Auch wenn alle sechs Reaktorblöcke des Kraftwerks derzeit abgeschaltet sind (die meisten im sogenannten „kalten Zustand”), benötigen sie weiterhin zwingend eine stabile Stromzufuhr.

Kühlung der Brennelemente: Die Brennelemente, sowohl im Reaktor als auch in den Lagerbecken, erzeugen sogenannte Nachzerfallswärme und müssen permanent gekühlt werden, um eine Überhitzung zu verhindern.

Abhängigkeit von Generatoren: Fällt die externe Stromversorgung aus, müssen die Dieselgeneratoren einspringen, um die Kühlpumpen, die Kontrollsysteme und die Lüftung am Laufen zu halten. Diese sind jedoch nur eine befristete Notlösung.

Logistisches Risiko: Die Generatoren verbrauchen große Mengen Diesel. Die Gefahr steigt, wenn die Treibstoffreserven, die für etwa 10 bis 20 Tage reichen, aufgrund der Kampfhandlungen nicht rechtzeitig aufgefüllt werden können oder die Generatoren selbst durch Beschuss beschädigt werden. Ein längerer Ausfall aller Kühlsysteme führt unweigerlich zu einer Kernschmelze.

Ausblick

Enno Lenze gegenüber dem AKW Saporischschja im Sommer 2023

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Gefahr eines zweiten Tschernobyls ist gering, die eines zweiten Fukushima jedoch nicht ausgeschlossen. Seit langem warnen Experten davor, dass Russland gezielt einen Störfall produzieren könnte, um den Westen und die Ukraine weiter unter Druck zu setzen.