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„Ihre Ostgrenze liegt jetzt in Pokrowsk, nicht in Frankfurt“ – Die Warnung an Berlin

KYJIW / OSTFRONT – Oberst Volodymyr Polevyi kommt gerade direkt aus dem Osten, aus Pavlohrad. Er ist Sprecher des 7. Schnelleinsatzkorps. Sein Ton ist ruhig, aber von einer unnachgiebigen Härte gegenüber der westlichen, insbesondere der deutschen Wahrnehmung dieses Krieges. Im Gespräch mit Wieland Giebel macht er deutlich: Wer in Berlin glaubt, der Krieg sei weit weg, hat die strategische Realität nicht begriffen.

Volodymyr Polevyi im Berlin Story Interview
Volodymyr Polevyi im Berlin Story Interview

Die „Fleischwellen“ und die Analogie von Cannae

Die Lage bei Myrnohrad und Pokrowsk ist kritisch. Volodymyr beschreibt eine Taktik der Russen, die auf die totale Entwertung des menschlichen Lebens setzt: „Die Russen passen sich ständig an. Sie finden die billigste Lösung, um den Krieg zu gewinnen. Tatsache ist, dass der Wert des Lebens, des menschlichen Lebens in Russland, miserabel ist. Deshalb setzen sie Infanterie als die am leichtesten verfügbare Ressource ein – als ‚Fleischwellen‘.“

Strategisch vergleicht er die aktuelle Situation mit der Antike: „Es ist wie bei Cannae, während des Punischen Krieges mit Rom, als Hannibal den schwächsten Punkt nutzte, um den Gegner einzukesseln. Auf die gleiche Weise greifen uns die Russen in Myrnohrad nicht direkt an, weil sie uns von beiden Seiten einkesseln wollen. Sie versuchen, uns auf den Logistikrouten aufzureiben.“

Hoffnung als psychologische Last

Stabilisierungspunkt Pokrowsk der 7. ArmyCorps
Stabilisierungspunkt Pokrowsk der 7. ArmyCorps

Auf die Frage, was in den Unterständen des Donbas am stressigsten sei, gibt der Oberst eine überraschende Antwort: Es ist nicht der ständige Beschuss, sondern die Hoffnung.

„Ein Tag an der Front ist eigentlich ein Tag unter der Erde. Man muss sich verstecken, um zu überleben. Das Schwierigste ist aus meiner Sicht die Hoffnung. Dass das bald enden könnte. Es ist moralisch hart, auf das Ende einer Mission warten zu müssen, weil es immer unvorhersehbar ist. In physischer Hinsicht ist es so schwer, in eine Stellung hinein- oder herauszukommen, dass Soldaten es oft vorziehen, in derselben Stellung zu bleiben, statt alle drei Tage unter Lebensgefahr zu rotieren.“

Kritik an Rheinmetall: „Es geht um das Geld“

Besonders scharf äußert sich Polevyi zur deutschen Rüstungsindustrie. Während man in Deutschland über die Lieferung von Panzern debattiert, sieht er an der Front ein Problem der Prioritäten.

„Historisch gesehen respektieren wir deutsche Waffen in der Ukraine sehr. Aber Ihre Drohnen verdienen diesen Respekt ebenfalls. Leider geht es bei der deutschen Waffenproduktion um das Geld. Der Hauptgrund, warum Sie das tun, ist offensichtlich das Geld. Und deshalb sind es sehr teure Waffen an der Frontlinie. Wir setzen die Vector-Aufklärungsdrohne (vom deutschen Hersteller Quantum Systems) und die Helising-Angriffsdrohne ein. Beide sind exzellent. Aber die gleiche Drohne, in der Ukraine hergestellt – zum Beispiel die ‚Sharp‘ – ist zwei- oder dreimal billiger.“

Er fordert ein Umdenken hin zum „Dänischen Modell“: „Unsere Produktion ist an erster Stelle für den Sieg da, Geld ist erst der zweite Grund. Wir brauchen das Geld der Partner, um hier in der Ukraine zu produzieren. Die Kapazität hier ist schneller.“

„Gefecht der verbundenen Waffen“ statt Drohnen-Euphorie

Trotz der Dominanz der Drohnen warnt der Oberst davor, klassische Waffen wie Panzer oder Artillerie abzuschreiben. Er zitiert dabei preußische Militärtradition:

„Ihr General Moltke nannte das das ‚Gefecht der verbundenen Waffen‘. Wir brauchen gepanzerte Maschinen wie den Bradley oder den Boxer für die direkte Unterstützung. Eine Drohne braucht zehn Minuten zum Ziel – aber der Trupp braucht die Unterstützung jetzt. Auch Artillerie ist unverzichtbar, weil sie innerhalb von Minuten reagiert. Wir stoppen Panzer erst mit Artillerie, und erst sieben Minuten später erscheinen unsere Drohnen auf dem Schlachtfeld.“

Das atomare Tabu und die deutsche „Müdigkeit“

Polevyi spart nicht mit politischer Bitterkeit, wenn es um die Sicherheit der Ukraine geht. Er erinnert an die Entwaffnung seines Landes nach dem Zerfall der Sowjetunion:

„Nukleare ballistische Raketen wären die beste Lösung, um diese Aggression zu beenden. Ich möchte daran erinnern, dass wir unter dem gewaltigen Druck der USA mit der stillschweigenden Zustimmung Deutschlands entwaffnet wurden. Und erzählen Sie mir nicht, dass die deutsche Gesellschaft jetzt müde von diesem Krieg ist. Denn wir sind es nicht. Und selbst wenn wir es wären, könnte ich es mir nicht leisten, Ihnen das zu sagen, weil wir kämpfen müssen.“

Die Warnung an Berlin

Volodymyr Polevyi und Wieland Giebel im Ukraine Museum (Berlin)
Volodymyr Polevyi und Wieland Giebel im Ukraine Museum (Berlin)

Das Interview endet mit einer unmissverständlichen Botschaft an die deutsche Öffentlichkeit und die Politik in Berlin: „Sie müssen begreifen, dass Ihre Ostgrenze jetzt in Pokrowsk liegt, nicht in Frankfurt [Oder]. Und wenn wir verlieren, wird der Krieg in Frankfurt sein. Das ist die beste Antwort für Sie.“