Ein russisches Kriegsverbrechen im Museum in Berlin
Kherson ist die letzte ukrainisch kontrollierte Stadt vor der Krim. Auf der einen Seite des Flusses Ukrainer, auf der anderen Russen. Dort gibt es bis heute ein Sozialtaxi und Freiwillige, die durch Bomben beschädigte Gebäude reparieren. Zu ihnen gehören Oleg Konekt Salnyk und Oleg Degusarov – besser gesagt gehörten. Ihr Wagen wurde im April 2025 von Russen mit einer Drohne bombardiert. Konekt starb, Oleg wurde schwer verletzt. Das Fahrzeug wurde geborgen und ist auf dem Weg ins Ukraine Museum im Berlin Story Bunker. Hier aber die ganze Geschichte:

Kherson, die Perle am Dnipro. Eine wunderschöne Stadt, von zwei Flussteilen durchzogen. Traumhafte Sonnenuntergänge, wildes Treiben auf den Straßen und Plätzen und Menschen, die gerne in „ihrer“ Stadt leben. So war es bis zum 23. Februar 2022. Nach 8 Jahren Krieg im Donbas entschied sich Russland, noch mehr Ukrainer ermorden zu wollen, und zog in den Rest des Landes weiter. Das erklärte Ziel: Alle Ukrainer, ihre Sprache und Kultur auslöschen – außer man beugt sich der russischen Terrorherrschaft. Viele Menschen flohen – wenige blieben. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber es wird geschätzt, dass von den ehemals knapp 300.000 Einwohnern nur noch 10% in der Stadt sind.
Was hält Leute in Kherson?
Viele Menschen in der Stadt sind alte Leute. Sie kennen noch das Rot Regime, selten sogar noch Nazis. Sie sind immer geblieben. „Wenn ich sterbe, dann zuhause“, erklärt es die 70-jährige Olena vor Ort. Weitere große Gruppen sind Mitarbeiter der Stadtreinigung, Polizei oder aus Krankenhäusern und dem Rettungsdienst. Sie sind oft mit der ganzen Familie geblieben. Und: wenige junge Leute sind geblieben, obwohl sie hätten gehen können. Sie wollen nicht, dass ihre Stadt vergessen wird. Sie beugen sich dem russischen Terror nicht.
Einfach nicht gehen!

Oleg Degusarov kam am 15.03.2022 zurück ins besetzte Kherson. Sein Vater ist Priester, er zog sich eine Kutte an und trat als Geistlicher auf. Seine Hoffnung war, dass die Russen ihn so verschonen würden. Doch schon am Übergang zum besetzten Gebiet wurde sein Freund Sergej von den Russen festgehalten. Sie wollten das Auto haben – ließen sich aber auf zwei Bluetooth Lautsprecher für seine Kinder runter handeln. Diese sollte Serhej später vorbei bringen – tat es aber natürlich nicht. Ein anderer Freund von Oleg sprühte Graffitis mit „Tod den Orks“ (Orks = russische Soldaten) und wurde dafür festgenommen und von den Soldaten gefoltert. Oleg und die anderen dokumentierten die Verbrechen der Russen, bauten ein Netzwerk mit Gleichgesinnten auf.
Sie blieben bis zur Befreiung durch die ukrainische Armee am 11. November 2022. Dann bauten sie ihre Organisation „Sprazhni“ auf, welche bis heute vor Ort hilft. Sie fanden Partner im In- und Ausland, welche Fahrzeuge, Hilfsgüter und Schutzausrüstung lieferten. Inzwischen gehören auch wir zu diesen Partnern.
Konekt sagt: „Am Anfang waren es vor allem alte Leute, Mütter mit Kindern, Behinderte. Wir haben einfach Essen und anderes auf Mopeds geladen und an sie geliefert. Manchmal wurde auf uns geschossen, manchmal ging es gut.“.
Am 6. Juni 2023 sprengte die russische Armee den Kachowka-Staudamm und versuchten so, Kherson und anderes zu fluten. Alle blieben und evakuierten die gefluteten Gebieten. Egal, was Russland tat – die Gruppe ließ sich einfach nicht vertreiben.
Aufräumen, Helfen, Weitermachen

Olegs Frau Alina erklärt ihre Arbeit so: „Wir bringen Menschen mit Behinderungen ins Krankenhaus, in die Rehabilitationseinrichtungen, Notunterkünfte und zum Einkaufen. Aber wir helfen auch mit psychologischer Unterstützung, wenn diese nötig ist. Die sichtbarste Arbeit ist das Reparieren beschädigter Häuser. Durch den Beschuss fliegen Scheiben und Türen raus, teilweise sind die Dächer abgedeckt. Wir räumen die Gebäude auf, beseitigen Schutt und sichern Dach und Fenster mit Spanplatten oder Wellblech. So kann man weiter im Rest des Hauses wohnen, und es verfällt nicht durch die Witterung.“ Alina stammt ursprünglich von der anderen Seite des Flusses. Heute ist ihre Heimat von russischen Soldaten besetzt.
„Wir fangen an, zum Leben der Vergangenheit zurück zu kehren“, – fasst Oleg das Wirken der Gruppe zusammen.
Helfer werden bombardiert
Jeden Tag schlagen Drohnen und Artillerie in Kherson ein, manchmal auch Gleitbomben. Es gibt gar keinen Alarm mehr, weil man 24 Stunden am Tag gefährdet ist. Die Fahrzeuge von Sprazhni wurden mehrfach angegriffen. Immer ging es irgendwie glimpflich aus. Bis zum 12. April diesen Jahres.

Oleg Konekt Salnyk und Oleg Degusarov fuhren mit ihrem silbernen Fiat Scudo Richtung Antonivka. Konekt stieg aus und ging zu einem Haus, um etwas abzuholen, Oleg wartete im Wagen. „Drohne“, rief der Mann in der Haustür und zeigte auf eine russische FPV-Drohne. Konekt (2) stand zwischen Haus (1) und Auto (3), als die Drohne in das Dach des Fiat Scudo einschlug und explodierte. Oleg (4) war aus dem Wagen gesprungen und schwer verletzt, doch er schleppte sich zu Konekt, der noch zu leben schien. Der Rettungsdienst traf ein und konnte nur noch den Tod feststellen. Während wir in Deutschland einen gepanzerten Transporter für die Evakuierung besorgten, erhielten wir die Nachricht: „Oleg Konekt is dead“.
Oleg Konekt Salnyk wurde 28 Jahre alt.

Ein Kriegsverbrechen im Museum

Wir besuchten kurze Zeit später Konekts Grab in Kherson. Auf dem Weg dahin jagte uns eine russische Drohne, welche uns aber verfehlte. Man hat dort nie Ruhe. Vor Ort entschieden wir, dass wir das Fahrzeug ins Ukraine Museum im Berlin Story Bunker bringen wollen. Und wir wollten alles Material zusammentragen und in einfacher Form aufarbeiten. Der ukrainische Nachrichtendienst hatte das Video aus der russischen Drohne abgefangen. Es zeigt, wie die Drohne kreist, den Wagen ins Visier nimmt und ihn angreift. Das Video erhielten wir. Oleg konnte uns das Video von den Sekunden nach dem Einschlag geben – und die Bilder von ihm im Krankenhaus. Löcher im Rücken, im Kopf, in der Hand. Der Wagen stand an einer gefährlichen und umkämpften Stelle. Doch Sprazhni konnte es in Zusammenarbeit mit der ukrainischen Armee in einem guten Moment sichern.

So stand es in Kherson. Sicherer als vorher – für normale Menschen immer noch unglaublich unsicher. Eine Spezialeinheit der ukrainischen Armee half uns bei der Logistik und transportierte das Fahrzeug in relative Sicherheit. Das Nationale Militärhistorische Museum der Ukraine stellte uns einen Parkplatz neben einer ehemaligen ukrainischen Atombombe zur Verfügung. Hier konnte der Wagen bleiben, bis alle Formalitäten geklärt waren. Wie viele können das sein? Wir konnten es nicht ahnen.
Formalitäten – viele!

Der Fiat Scudo war eine Spende aus dem EU-Ausland. Er konnte steuerfrei in die Ukraine importiert und für humanitäre Zwecke genutzt werden. Ein Verkauf oder Export ist jedoch verboten. Dass der Wagen keinen wirtschaftlichen Wert mehr hat, ist offensichtlich – aber auch das muss formal geklärt werden. Doch was ist der Wagen nun? Müll kann er nicht sein, denn dann kann er nicht in die EU importiert werden. Ein Ausstellungsstück, ein Exponat, ein Sammlerfahrzeug? All das sind unterschiedliche Vorgänge. Auch hier half uns das Nationale Militärhistorische Museum der Ukraine. Sie verstanden die lokale Bürokratie. Am Ende musste der Wagen noch dem Zoll vorgeführt werden. Dieser wollte sicher sein, dass der Wagen wirklich wie beschrieben war: Zerstört, nicht mehr nutzbar und auf dem Weg in ein Museum. All dies konnte geklärt werden.
Der Wagen befindet sich seit heute in unserem Museum!