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Die lauteste Nacht: Zwischen Sommerabend und Luftalarm

Kyiv an einem Frühsommerabend fühlt sich nicht an wie eine Stadt im Krieg. Es ist Samstag, der 23. Mai 2026. Menschen sitzen bis spät in den Parks, Bars sind voll, auf den Straßen stehen junge Leute mit Eis oder Cocktails in der Hand. Es sind 24 Grad, leichter Wind, die Sonne geht langsam hinter den Häusern unter. Die ukrainische Hauptstadt wirkt an diesem Abend wie jede andere europäische Metropole – irgendwo zwischen Berlin, Warschau und Paris. Gerade deshalb trifft einen der Wechsel so abrupt.

Einige Cafés in Kyiv am Abend
Einige Cafés in Kyiv am Abend

Warnung per Chat

Gegen 20 Uhr bekomme ich eine Nachricht von meiner Kollegen aus Berlin, die wie ich zur humanitären Organisation Bravery e.V. gehören, und weshalb wir alle regelmäßig in Kyiv sind. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj habe sich auf Informationen westlicher Geheimdienste bezogen, wonach Russland in den nächsten 24 Stunden möglicherweise eine „Oreschnik“-Rakete einsetzen werde – ein selten verwendetes russisches Mittelstreckensystem, das sehr schwer abzufangen ist, große Zerstörungskraft besitzt und potenziell auch nuklear bestückt werden kann. In den lokalen Info-Kanälen auf Telegram, wird etwa zur selben Zeit die gleiche Warnung herausgegeben. Diese Kanäle sind in der Ukraine das Nummer 1-Informationsmittel, man verfolgt man dort in Echtzeit, welche Waffensysteme sich in der Luft befinden, wo Luftabwehr aktiv ist und welche Stadtteile betroffen sein könnten.

Die Reaktion bleibt zunächst erstaunlich ruhig. „Wenn die Information wirklich von den Amerikanern kommt, dann wird es vermutlich eine laute Nacht – aber erstmal abwarten“, sagt ein Freund, dem ich die Nachricht zeige. Danach geht der Abend weiter. Noch ein Drink, noch ein Gespräch. Keine Sirenen, kein Alarm.

In Kyiv gehört diese Gleichzeitigkeit inzwischen zum Alltag. Die Stadt lebt – und gleichzeitig wissen alle, dass sich die Situation innerhalb weniger Minuten verändern kann.

Der Moment, in dem alle rauslaufen

Im Keller unter Kyiv
Im Keller unter Kyiv

Kurz nach Mitternacht beginnt die Ausgangssperre. Zwischen 0 und 5 Uhr darf in Kyiv niemand mehr auf die Straße. Wieder zu Hause angekommen, erscheinen in den Telegram-Kanälen erste Hinweise darauf, dass russische Systeme vorbereitet würden. Trotzdem reagiert zunächst kaum jemand. Bei Drohnenangriffen gehen längst niemand mehr in den Schutzraum. Zu häufig sind die Alarme geworden. Doch an diesem Abend liegt etwas anderes in der Luft.

Der Notfallrucksack steht bereits bereit: Pass, Wasser, Powerbank, ein Pullover, eine Isomatte. Dinge, die in Deutschland irgendwo in Schubladen liegen würden, stehen hier griffbereit neben der Tür – wie ein Wanderrucksack, den man nie ganz auspackt. Dann ertönen die Sirenen. Einige Minuten später ist bereits das dumpfe Grollen der Luftabwehr zu hören.

„Wir telefonieren besser später weiter“, sage ich nach Deutschland. „Es wird gleich laut.“ Eine Minute später beginnen die ersten Explosionen.

Wer Krieg nur aus Nachrichtenbildern kennt, stellt sich Explosionen oft wie in Filmen vor. Tatsächlich ist es vor allem ein körperliches Gefühl. Der Knall klingt nicht wie Donner. Er ist tiefer, massiver. Man spürt ihn im Brustkorb, als würde die Luft für einen Moment zusammengedrückt.

Im Haus werden innerhalb von Sekunden Türen geöffnet. Schritte im Flur. Menschen ziehen sich hastig an und laufen nach unten. Auf der anderen Seite des Hauses hört man die ersten Fenster splittern. Eigentlich ist mein Plan, zur Metro zu gehen. Die Metrostationen in Kyiv gelten als die sichersten Schutzräume der Stadt – einige liegen mehr als hundert Meter unter der Erde und gehören zu den tiefsten Europas. Doch unter diesen Bedingungen wirkt selbst der achtminütige Weg dorthin plötzlich zu weit. Also folge ich den Nachbarn in die Tiefgarage.

Eine Nacht unter der Erde

Getroffene Metro Station unter Kyiv
Getroffene Metro Station unter Kyiv

Dort sitzen in dieser Nacht rund 150 Menschen. Familien mit Kindern, ältere Menschen, junge Paare, Studierende. Manche haben Feldbetten oder Matratzen dabei, andere nur eine Jacke über den Schultern. Hunde laufen nervös zwischen den Menschen umher, Katzen sitzen in Transportboxen.

Viele wirken erstaunlich ruhig. Nicht, weil keine Angst da wäre, sondern weil diese Menschen gelernt haben, weiterzufunktionieren. Immer wieder gehen Menschen kurz nach draußen, um Empfang zu bekommen. Ohne Handy ist man hier fast blind. Über Apps und Telegram-Kanäle verfolgen die Bewohner, welche Raketen sich noch in der Luft befinden und welche Stadtteile getroffen wurden. Gleichzeitig versucht jeder, Akku zu sparen. Eine Powerbank ist in solchen Nächten wichtiger als vieles andere. Draußen schlagen weiterhin Raketen und Drohnen ein

Später wird die ukrainische Luftwaffe melden, dass Russland in dieser Nacht rund 600 Drohnen sowie 90 Raketen verschiedener Typen eingesetzt habe – darunter Iskander-Systeme, Hyperschallraketen vom Typ Kinschal und die angekündigten Oreschnik-Mittelstreckenraketen. Zwar wurden nach offiziellen Angaben 92 Prozent der Drohnen und 61 Prozent der Raketen abgefangen. Doch auch die verbleibenden Einschläge reichen aus, um große Teile der Stadt zu erschüttern.

Getroffen werden unter anderem Wohnhäuser, Einkaufszentren, Schulen, Lagerhallen, Verwaltungsgebäude, Banken, ein Studentenwohnheim und Geschäfte. Besonders schwer beschädigt wird das Tschernobyl-Museum im Podil-Distrikt, das erst wenige Wochen zuvor nach einer neuen Ausstellung wiedereröffnet worden war. Währenddessen sitzt man unten im Halbdunkel und wartet auf den nächsten Knall.

Irgendwann merkt man, dass man auf jedes Geräusch reagiert. Ein verrückter Stuhl. Schritte auf Beton. Klirrende Flaschen. Der Körper bleibt angespannt, selbst in den kurzen ruhigeren Phasen. Das ist nicht unbedingt Angst. Eher eine extreme Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen, weil man ständig darauf wartet, ob der nächste Einschlag näher kommt.

Gegen vier Uhr morgens wird es langsam hell. Einige versuchen noch zu schlafen. Andere geben auf. Auch unter diesen Bedingungen schlafen Menschen irgendwann ein – einfach, weil der Körper zu erschöpft ist.

Der Morgen danach

Kyiv nach den Angriffen
Kyiv nach den Angriffen

Kurz vor fünf verlassen die ersten den Schutzraum. Viele orientieren sich an Erfahrungswerten: Wenn es hell wird, endet die Angriffswelle oft langsam. Etwa 20 Minuten später wird tatsächlich Entwarnung gegeben. 

Als ich zurück ins Gebäude komme, liegen Bilder auf dem Boden des Flurs. Zwei Fenster im Haus sind zerborsten. Sonst wirkt zunächst alles fast normal. Von hier aus ist das einzige, was man sieht, eine gigantische Rauch-Wolke einer brennendenden Mall einige Kilometer weiter. Gegen 5 Uhr gehe ich schlafen. Endlich.  Als ich einige Stunden später aufwache, scheint wieder die Sonne über Kyiv.

Die Cafés öffnen, Menschen sitzen im Park, Sportkurse finden statt, Kinder spielen auf Spielplätzen. Gleichzeitig räumen Menschen Glasscherben von den Straßen. Genau dieses Geräusch bleibt besonders hängen: das ununterbrochene Klirren von Scherben, die zusammengefegt werden.

Und der Geruch

Beschädigte Zivilschutz-Fahrzeuge
Beschädigte Zivilschutz-Fahrzeuge

Krieg hat einen Geruch, den man vorher nicht kennt. Eine Mischung aus Staub, Rauch, verbranntem Material und etwas, das an Silvester erinnert. Selbst Stunden später hängt dieser Geruch noch zwischen den Häusern.

Je näher man den Einschlagsorten kommt, desto sichtbarer wird die Gewalt der Nacht. Manche Gebäude haben nur einzelne zerstörte Fenster. Andere sind vollständig aufgerissen. Rund um das Tschernobyl-Museum sind ganze Straßenzüge beschädigt.

Nach offiziellen Angaben wurden in Kyiv 49 Orte ziviler oder administrativer Infrastruktur getroffen. Zwei Menschen starben, 87 weitere wurden verletzt, darunter Kinder. Die Rettungs- und Aufräumarbeiten dauern auch zwei Tage später noch an.

Mehrere Freunde, die seit Jahren in Kyiv leben, erzählen mir am nächsten Morgen, dass dies die lauteste Nacht gewesen sei, die sie seit Langem erlebt hätten – manche sagen sogar: seit Beginn des Krieges. Auch in sozialen Netzwerken schreiben viele Bewohner*innen genau das.

Und trotzdem geht das Leben weiter

Vielleicht ist genau das am schwersten zu fassende und beeindruckendste an Kyiv: Nicht nur die Explosionen in der Nacht, sondern vor allem die Normalität am Morgen danach.