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Die Kurdistan-Chance: Warum Berlin vor Despoten kuscht und echte Partner ignoriert

Während Bundeskanzler Friedrich Merz heute in Saudi-Arabien diplomatische Demut übt und
erklärt, Deutschland könne sich einen „anklagenden Ton“ gegenüber dem Königreich nicht mehr
leisten, offenbart sich das ganze Elend der deutschen Energiepolitik: Wir tauschen eine
Abhängigkeit gegen die nächste. Wir verbeugen uns vor Autokraten am Golf, während wir eine
Region links liegen lassen, die seit zwei Jahrzehnten das Unmögliche lebt – einen
demokratischen, pro-westlichen und stabilen Aufbruch inmitten des nahöstlichen Chaos: die
Autonome Region Kurdistan (KRI).

Ein Kommentar von Wieland Giebel

Karte der Autoomen Region Kurdistan im Irak. CC-By-Sa: Maximilian Dörrbecker
Karte der Autoomen Region Kurdistan im Irak. CC-By-Sa: Maximilian Dörrbecker

Das verleugnete Eldorado vor unserer Haustür

Strategisch gesehen wäre kurdisches Gas eine der wenigen echten Alternativen zu russischem
oder katarischem Gas, die per Pipeline über die Türkei direkt nach Europa kommen könnten.
Wer Diversifizierung will, muss auch in Regionen investieren, die politisch komplex sind. Doch in
Berlin herrscht lähmende Vorsicht. Die Nicht-Verhandlung mit Erbil ist mehr als nur Diplomatie;
sie ist eine gewaltige verpasste Chance, Europa energieunabhängiger zu machen und
gleichzeitig einen verlässlichen Stabilitätsanker im Nahen Osten durch wirtschaftliche
Verflechtung erst recht zu festigen.
Wer wie der Autor dieser Zeilen die Region seit 2005 regelmäßig besucht hat, traut seinen
Augen kaum. Wo früher Staub und Unterdrückung herrschten, ist eine sagenhaft positive
Entwicklung entstanden. Erbil und Sulaymaniyah sind heute moderne Metropolen mit
Universitäten, westlichen Standards und einer Gesellschaft, die unsere Werte teilt – ganz ohne
das repressive Korsett der Golf-Monarchien. Doch statt diesen Partner zu stärken, schauen wir
zu, wie das Potenzial in der Erde schlummert oder von anderen geerntet wird.

Enormes Potenzial – minimaler Preis

Erdöl Kraftwerk in Kurdistan-Irak

Die Zahlen sprechen eine Sprache, die jeder Wirtschaftsminister verstehen müsste: Kurdistan
sitzt auf nachgewiesenen Reserven von rund 700 Milliarden Kubikmetern Gas. Nimmt man die
vermuteten, unerschlossenen Ressourcen hinzu, landet man bei über 5,6 Billionen
Kubikmetern. Das ist genug Gas, um den deutschen Bedarf für die nächsten 70 Jahre
theoretisch im Alleingang zu decken.
Hinzu kommt: Die Felder in Kurdistan gehören zu den weltweit kostengünstigsten (low-cost)
Fördergebieten. Das unerschlossene Riesenfeld Chemchemal soll ab 2026 voll erschlossen
werden. Es ist ein Eldorado der Energie, das darauf wartet, Teil einer europäischen
Versorgungsstrategie zu werden.

Büros der Erdölgesellschaften in der kurdischen Hauptstadt Erbil

Während Berlin zögert, schaffen Konzerne Tatsachen

Es ist ein Paradoxon: Während die Bundespolitik aus Angst vor diplomatischen Verwicklungen
mit Bagdad oder Ankara zögert, haben internationale Konzerne längst verstanden, worum es
geht. Unter Beteiligung europäischer Schwergewichte wie der österreichischen OMV oder der
ungarischen MOL wird die Infrastruktur massiv ausgebaut. Das Pearl-Petroleum-Konsortium
treibt die Produktion im Khor-Mor-Feld voran, um bis 2026 die Kapazitäten für den Exportmarkt
bereit zu haben. Sogar US-Giganten wie Chevron und norwegische Betreiber wie DNO
investieren Milliarden.

Diese Unternehmen setzen nicht auf Luftschlösser, sondern auf die Realität vor Ort: Kurdistan
hat sich als verlässlicher Partner für westliche Firmen erwiesen. Das Problem der „Unstabilität“
ist oft ein vorgeschobenes Argument deutscher Bürokratie. In Wahrheit ist Kurdistan heute
stabiler als viele Länder, denen wir derzeit ohne Zögern Milliarden für LNG-Verträge
überweisen.

Tanklaster in Kurdistan-Irak
Tanklaster in Kurdistan-Irak

Fazit: Mut zur echten Partnerschaft

Wenn Merz in Riad den Kotau macht, sollte er sich fragen, warum wir uns für Energie bei
Staaten bedanken, deren Werteverständnis Lichtjahre von unserem entfernt ist, während wir die
einzige Region im Nahen Osten ignorieren, die aktiv versucht, ein westliches Modell
aufzubauen.
Kurdisches Gas könnte nicht nur unsere Heizungen wärmen, sondern ein geopolitische
Bollwerk gegen den Einfluss des Iran und Russlands in der Region sein. Es wird Zeit, dass
Berlin aufhört, nur über Risiken zu reden, und endlich die Chancen ergreift, die uns ein treuer
Verbündeter wie Kurdistan bietet. Die Infrastruktur wird bis 2026 stehen – die Frage ist nur, ob
das Gas dann nach Deutschland fließt oder ob wir weiterhin lieber Bittsteller bei Despoten
bleiben.