Viktoriia stieg in 20 Jahren beim ukrainischen Flugzeughersteller Antonov von der Köchin zur Leiterin des Sicherheitsdienstes auf. Als die russischen Hubschrauber den Flughafen Hostomel angriffen, war sie in ihrer Wohnung direkt am Rollfeld. Ein Protokoll über fehlende Warnungen, taktische Blindheit und den Mut einer Frau, die alles für ihre Mitarbeiter und ihre Familie gab.

HOSTOMEL / KYJIW – Viktoriia (52) verkörpert den Geist von Antonov wie kaum eine andere. Ihre Karriere bei dem legendären Flugzeugbauer ist eine Erfolgsgeschichte: Sie fing einst als Köchin im Unternehmen an, arbeitete sich über zwei Jahrzehnte hoch und übernahm schließlich die verantwortungsvolle Position als Leiterin des Sicherheitsdienstes am strategisch wichtigen Flughafen Hostomel. Zwölf Jahre lang war sie für den Objektschutz verantwortlich, kannte jedes Protokoll und jede Schwachstelle des Geländes. Doch als am 24. Februar 2022 die russischen Elite-Einheiten angriffen, wurde sie Zeugin eines totalen Systemversagens.
Die Leiterin im toten Winkel
Trotz ihrer Führungsposition im Sicherheitsdienst war Viktoriia am Morgen der Invasion auf sich allein gestellt. Sie lebte mit ihrer Familie in einer Dienstwohnung direkt am Flughafenzaun. „Wir haben dort 12 Jahre gelebt, sehr glücklich“, berichtet sie. Als Sicherheitschefin war sie eigentlich diejenige, die Informationen bündeln sollte – doch die Warnungen, die sie erreicht hatten, blieben fragmentarisch und inoffiziell.
Bereits zwei Wochen vor dem Angriff beobachtete sie Einheiten der Nationalgarde, die Abstände vom Zaun zu den Wohngebäuden ausmaßen. „Ich musste als Sicherheitsverantwortliche Dokumente dazu unterschreiben. Man fragte uns: Wie viele Meter sind es bis zu den Häusern?“ Doch eine offizielle Evakuierung oder eine Alarmierung der zivilen Belegschaft blieb aus. „Ich dachte bis zuletzt, dass man einen solchen Angriff niemals zulassen würde. Aber als das Unglück kam, waren wir – trotz unserer Präsenz am Airport – völlig unvorbereitet.“
Der Angriff: Ka-52 über dem Schlafzimmer

Am Morgen des 24. Februar war Viktoriia nach einer Schicht zu Hause. Der erste Alarm war kein Telefonanruf, sondern der Blick aus dem Fenster. Dort sah sie junge Soldaten der Nationalgarde, die hinter den Bäumen in ihrem Hof Deckung suchten. „Es wurde schlagartig klar: Das ist kein Manöver.“
Bald darauf verdunkelten die russischen Angriffshubschrauber den Himmel. Viktoriia beschreibt den ohrenbetäubenden Lärm der Ka-52 „Alligator“, deren Koaxialrotoren über die Dächer peitschten. „Die Landung begann direkt vor unseren Augen. Explosionen erschütterten die Wohnung. Es war sofort klar, dass dies die Invasoren waren.“ Während die Kerosintanks des Antonov-Werks in Flammen aufgingen, musste die Sicherheitschefin zur Zivilistin werden, um ihren 12-jährigen Sohn zu retten.
Überleben im Erdkeller
Die Flucht führte Viktoriia und ihre Angehörigen zunächst in ein Privathaus im benachbarten Ozera. Dort übernahm sie erneut eine Führungsrolle, als sie 23 Menschen – darunter viele verängstigte Kinder – koordinierte, die sich in einem Keller zusammendrängten.
„Wir saßen im Keller zwischen den Wintervorräten. Wir räumten die schweren Einmachgläser aus den Regalen und nahmen die Bretter ab, aus Angst, dass die Erschütterungen der Einschläge uns lebendig begraben könnten.“ Während über ihnen die Schlacht um den Flughafen tobte, organisierte die ehemalige Köchin die Verpflegung für die gesamte Gruppe aus den kargen Vorräten der Hausherrin.
Rettung durch die Wälder

Erst als die russischen Panzerkolonnen bereits durch Ozera rollten, gelang die Flucht. Ihr Mann Jura riskierte sein Leben, um die Familie in einer dramatischen Fahrt durch die umliegenden Wälder aus dem Kessel zu evakuieren.
Viktoriia blickt heute mit einer Mischung aus Bitterkeit und Stolz auf diese Tage zurück. Sie hat alles verloren – ihre Wohnung, ihre Position am Flughafen und ihren bisherigen Lebensentwurf. Doch ihr Überlebenswille ist ungebrochen. „Ich danke Gott, dass er es an materiellen Dingen genommen hat und nicht am Leben meiner Kinder“, sagt sie heute. Ihr Weg von der Küche zur Sicherheitschefin von Hostomel hat sie auf die härteste Prüfung ihres Lebens vorbereitet – eine Prüfung, die sie und ihre Familie bestanden haben.