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Der Philosoph des HUR – Wenn ein General zur Waffe greift

KYJIW – In den geheimen Zirkeln des ukrainischen Militärgeheimdienstes HUR ist er eine Legende. Sein Rufname ist „Philosoph“. Er ist General und Träger des Titels „Held der Ukraine“. Doch wer ein hochglanzpoliertes Interview erwartet, irrt. Der „Philosoph“ ist ein Mann der Front. Während andere Generäle in Bunkern Karten studierten, lag er mit dem Scharfschützengewehr im Dreck von Hostomel und Moschtschun.

In einem exklusiven Gespräch am 28. April 2026 mit Wieland Giebel für Berlin Story News blickt er zurück auf die Stunden, in denen die Existenz der Ukraine am seidenen Faden hing.

HUR Agent beim Interview. KI-Bild zum Schutz der Identität.
HUR Agent beim Interview. KI-Bild zum Schutz der Identität.

„Wir wussten es“: Der 16. Februar und das Dilemma der Macht

Das Gespräch beginnt mit einer Klarstellung zur Arbeit des Geheimdienstes vor der Invasion. Entgegen mancher politischer Darstellung war der HUR im Bilde.

„Der HUR hatte eine ganz klare Position zum Beginn der Kampfhandlungen“, erklärt der Philosoph. „Als die Vertreter der USA am 16. Februar offiziell erklärten, dass ein Angriff möglich sei, teilten wir diese Position vollkommen. Wir bereiteten uns vor. Wir wussten nur nicht genau, welcher Tag nach dem 16. der Punkt für Putins endgültige Entscheidung sein würde.“

Er beschreibt das mörderische Dilemma der ukrainischen Führung in jenen Tagen: „Auf der einen Seite galt es, Panik zu vermeiden und Putin nicht durch eigene Aktionen zu provozieren. Alle hofften bis zuletzt, dass er die Entscheidung zur großangelegten Invasion doch nicht treffen würde. Hätten wir früher und mutiger reagiert? Sicherlich. Das hätte uns das Abwehren der Angriffe erleichtert. Aber das Ausmaß der Vorbereitung, das wir unter diesen Umständen leisteten, zeigt die Kraft unserer Nation.“

Hostomel: Der erste Kampf im Morgengrauen

Reste der AN-225 in Hostomel Flughafen (2024)
Reste der AN-225 in Hostomel Flughafen (2024)

Für den Philosophen begann der Krieg nicht im Fernsehen, sondern auf dem Rollfeld. Da der HUR damals noch keine großen regulären Infanterie-Einheiten für den Objektschutz hatte, sprangen die Spezialisten des Geheimdienstes ein, um der Nationalgarde zu helfen.

„Ich persönlich habe mit meinen Jungs, mit meiner Gruppe, den ersten Kampf am Morgen des 24. Februar genau dort aufgenommen – im Flughafen Hostomel.“

Es war der Beginn einer Schlacht, die das Schicksal der Hauptstadt entscheiden sollte. Er beschreibt die russische Elite, die dort landete, als hochprofessionell, aber starr. Er hingegen setzt auf das, was er die ukrainische „Subjektivität“ nennt: Die Fähigkeit des Einzelnen, Verantwortung zu übernehmen, wenn die Befehlskette reißt.

Warum ein General im Schützengraben liegt

Eine der drängendsten Fragen an den Philosophen ist, warum er – ein hochrangiger Offizier – seine strategische Position verließ, um persönlich zu kämpfen. Seine Antwort ist bescheiden, aber bestimmt:

„Für die Menschen war es schwer zu erklären, warum ein Offizier im Rang eines Oberst [sein damaliger Rang] in den vordersten Schützengräben steht und die Verteidigung direkt leitet. Aber es war notwendig. Ich musste die Infanterie halten, ich musste Spezialgruppen reorganisieren und sie dazu bringen, verlorene Positionen zurückzuerobern. Es war ein Moment, in dem die physische Präsenz eines Kommandeurs an vorderster Front über Sieg oder Niederlage entschied.“

Der persönliche „Trigger“: Eine herzergreifende Stille

Gegen Ende des Gesprächs wird es persönlich. Es geht um Irpin und die umliegenden Wälder, jene Orte, die im März 2022 zum Schauplatz grausamster Verbrechen wurden. Der Philosoph erwähnt fast beiläufig, dass er jeden Waldweg dort kennt, weil er dort zu Hause ist.

Auf die Nachfrage, ob seine Kinder zum Zeitpunkt der Invasion ebenfalls dort waren, folgt eine Stille, die schwerer wiegt als jeder Gefechtslärm. Fünf Sekunden lang sagt der General nichts. Er atmet tief ein, sein Blick scheint in die Ferne zu schweifen, zurück in jene Märztage.

„Ja“, sagt er schließlich mit belegter, aber gefasster Stimme. „Meine Kinder waren dort. Vor Ort. Meine Frau war vor Ort. Es war alles… okay. Das war wohl ein ziemlich starker Trigger für mich. Er hat es mir nicht erlaubt, die Situation irgendwie anders zu sehen. Es gab keine Wahl. Man musste diesen Boden halten.“

Fazit: Der Geist des Widerstands

Der Philosoph ist kein Mann der lauten Worte. Er analysiert den Krieg wie eine logische Gleichung, doch in seinem Inneren brennt die Glut des Vaters, der sein Heim verteidigt. Für ihn ist der HUR nicht nur ein Nachrichtendienst, sondern das scharfe Ende des ukrainischen Überlebenswillens.

Sein Titel „Held der Ukraine“ ist für ihn eine Auszeichnung für sein gesamtes Team – für die Männer, die in den ersten Stunden des 24. Februar ohne zu zögern in die Hubschrauber stiegen oder in die Gräben sprangen.

„Wir wussten, was kommt“, sagt er zum Abschied. „Und wir wussten, wofür wir kämpfen. Das war der Unterschied.“