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Der Hammer Gottes: Wie Improvisation und die schwerste Artillerie der Ukraine Kyiv am 24. /25. Februar 2022 retteten

Fehlende Planung traf auf digitale Brillanz: Am Morgen der russischen Invasion stand die schwerste Reserve der Ukraine buchstäblich mit leeren Magazinen da. Ein strategisches Vakuum der politischen und militärischen Führung endete beinahe in der totalen Katastrophe. Dass Kyjiw nicht fiel, lag nicht an einem perfekten Masterplan, sondern war ein Geniestreich der dezentralen Improvisation – und dem brutalen Einschreiten 47 Tonnen schwerer Urzeitmonster aus 30 Kilometern Entfernung zu verdanken.

Die schlafenden Riesen – Das Erwachen der 43. Brigade


Dieser Beitrag ist Teil der Serie über die Schlacht um Hostomel und die Sprengung des Kosarowytschi-Staudammsms

Während die Welt am Morgen des 24. Februar 2022 den Atem anhielt, herrschte auf dem Truppenübungsplatz in Diwytschky ein kontrolliertes, aber verzweifeltes Chaos. Hier, im Osten des Dnipro, warteten die 2S7 Pion der 43. Artillerie-Brigade „Hetman Taras Trjassylo“. Es sind nicht nur die mächtigsten konventionellen Waffen der Ukraine – 47 Tonnen schwere Ungetüme mit 203-Millimeter-Rohren, die so lang sind, dass sie wie die Hälse von Urzeitmonstern in den grauen Morgenhimmel ragten. Es handelt sich dabei um das derzeit weltweit größte im Einsatz befindliche Artilleriegeschütz.

Doch die Giganten waren stumm. Und genau hier offenbarte sich das erste große strategische Loch der ukrainischen Verteidigungsplanung. Entgegen der präzisen Warnungen des CIA und westlicher Geheimdienste, die seit Wochen vor einem Schlag gegen Kyjiw an diesen Tagen gewarnt hatten, waren die Pions nicht aufmunitioniert. Aus Angst, eine frühzeitige Mobilmachung könnte einen wirtschaftlichen Kollaps oder eine Massenpanik auslösen, hatte die Führung gezögert.

Ein 2S7 Pion führt standardmäßig nur vier Granaten für den absoluten Notfall direkt am Fahrzeug mit. Die restliche Kampfbeladung – 40 Granaten pro Geschütz, jede einzelne ein 110 Kilogramm schweres Projektil aus hochfestem Stahl und Sprengstoff – lagerte tief in den Depots. Als die ersten russischen Raketen einschlugen, mussten die Mannschaften die tonnenschwere Last händisch auf Begleit-LKW verladen. Es war ein verzweifelter Wettlauf gegen die Zeit.

Das Vorspiel: Die Rettung in letzter Sekunde am Flughafen

Während die Pions in Diwytschky noch beladen wurden, spitzte sich die Lage am Flughafen Antonow in Hostomel dramatisch zu. Russische Elite-Fallschirmjäger der VDV hatten den Platz im Handstreich genommen. Ihr Ziel: Die Vorbereitung der Landebahn für 18 riesige Iljuschin Il-76-Transportflugzeuge, die aus Pskov im Anflug waren. An Bord: Hunderte Soldaten und schwere Panzerfahrzeuge, um Kyjiw im Handumdrehen zu enthaupten. Das Zeitfenster schloss sich rapide.

Da die schwere Artillerie noch nicht in Reichweite war, griff am späten Nachmittag des 24. Februar, zwischen 16:00 und 17:00 Uhr, die 72. Mechanisierte Brigade zusammen mit den Truppen der Nationalgarde ein. Mit ihrer Standard-Artillerie (152-Millimeter-Haubitzen und BM-21 Grad) belegten sie die 3.500 Meter lange Betonlandebahn mit einem massiven Bombardement.

Es war eine taktische Punktlandung: Die Splitter- und Sprenggranaten rissen tiefe Krater in den Asphalt. Als die russischen Transportmaschinen den Luftraum über Kyjiw erreichten, erkannten die Piloten, dass eine Landung den sicheren Tod bedeutete. Gegen 18:00 Uhr musste die russische Luftbrücke abgebrochen werden. Der Enthauptungsschlag war gescheitert.

Doch das Problem am Boden blieb ungelöst: Mehrere Hundert schwer bewaffnete russische Fallschirmjäger hatten sich nach dem Beschuss in den massiven Hangars und Verwaltungsgebäuden des Flughafens verschanzt. Die herkömmliche Artillerie stieß hier an ihre physikalischen Grenzen – sie konnte den dicken Stahlbeton nicht knacken.

Der Marsch der 47-Tonner durch das Chaos

Die Lösung für dieses Problem war zu diesem Zeitpunkt gerade auf den verstopften Straßen Kyjiws unterwegs. Die Verlegung der Pions aus Diwytschky an die Front bei Hostomel war eine logistische Alptraumreise von über 120 Kilometern gegen den Strom Hunderttausender Flüchtender.

Ein Pion ist keine filigrane Maschine; er ist ein Relikt des Kalten Krieges, laut, durstig und massiv. Die Ketten fraßen sich in den Asphalt. Die brennende Frage lautete: Konnten die Dnipro-Brücken diese ungeheure Last überhaupt tragen? Die Südbrücke und die Paton-Brücke erzitterten spürbar, als die massiven Geschütze das Westufer erreichten. Sie fuhren über den Beresteiskyi-Prospekt, vorbei an Zivilisten, die fassungslos auf die gigantischen Rohre starrten. Es war das Grollen der Rettung, die sich mühsam in Stellung brachte.

Die Fusion der Epochen: Kropiva und die Drohne

Es war bereits der 25. Februar, als die Pions in den westlichen Außenbezirken Kyjiws, im Stadtteil Swjatoschyn, ihre massiven Stützstützen in den Boden rammten. Erst jetzt wurde die strategische Lücke geschlossen. Und genau hier traf die brachiale Gewalt des 20. Jahrhunderts auf die digitale Kriegsführung des 21. Jahrhunderts.

In Butscha saß ein junger Mann mit einer zivilen DJI Mavic-Drohne auf einem Balkon. Mit zitternden Fingern steuerte er das kleine, 2.000 Euro teure Plastikgerät über die russischen Stellungen am Flughafen Hostomel. Er nutzte für die Zielerfassung Kropiva – die ukrainische „Brennnessel“-Software.

In der Pion-Batterie ploppten die Daten auf einem einfachen Android-Tablet auf. Die Software berechnete in Millisekunden die ballistische Flugbahn für die gigantischen Geschosse. Es war eine regelrechte „Uber-isierung“ der Vernichtung: Die billige Drohne fungierte als Sensor, das Tablet als Gehirn und der 47-Tonnen-Koloss als unaufhaltsamer Effektor.

Es gibt allerdings auch andere Versionen darüber, wer die Artillerie steuerte. Der „Philosoph“, General des ukrainischen Militärgeheimdienstes HUR, berichtet, dass seine Leute mit der Artillerie kommuniziert haben. Laut anderen Quellen waren auch die Leute der Nationalgarde um Falatyuk beteiligt. Auf jeden Fall kann man sagen – und das Ergebnis zeigt es – dass die Kommunikation klappte. Auf den unterschiedlichsten Wegen.

Der Hammer Gottes bringt die Entscheidung

Dann erfolgte der erste Schuss der 2S7 Pion. Wo die kleineren Haubitzen am Vortag nur die Oberfläche beschädigt hatten, entfesselte der Pion nun eine physische Urkraft. Das Rohr stieß zurück, und die Druckwelle riss das Laub von den Bäumen. Das 110-Kilogramm-Projektil verließ das Rohr mit Überschallgeschwindigkeit, beschrieb einen gigantischen Bogen über die Vororte von Kyjiw hinweg und fiel aus rund 30 Kilometern Entfernung exakt ins Ziel.

Als diese Monstrositäten in Hostomel einschlugen, endete die Ära der russischen Elite-Fallschirmjäger abrupt. Eine 203-Millimeter-Granate zerlegt nicht nur ein Fahrzeug; sie bringt ganze Lagerhallen zum Einsturz, durchschlägt meterdicken Stahlbeton und verwandelt Befestigungen in Puder. Die Russen merkten plötzlich, dass sie einer Waffe schutzlos ausgeliefert waren, die sie mit chirurgischer Präzision und unvorstellbarer Detonationskraft auslöschte.

Das bittere Fazit: Heldentum als Notbremse

Der verspätete Einsatz der Pions brach den russischen Angriffskeil endgültig, bleibt aber auch ein bleibendes Zeugnis eines strategischen Vakuums in der Vorbereitung. Die ukrainische Führung hatte den Norden sträflich entblößt gelassen, weil sie dem Szenario eines direkten Angriffs auf die Hauptstadt politisch und militärisch nicht folgen wollte.

Hätten die Giganten der 43. Brigade am Morgen des 24. Februar bereits aufmunitioniert in vorbereiteten Stellungen gestanden, hätte die Schlacht um Hostomel vielleicht keine Stunden, sondern nur Minuten gedauert und unzählige ukrainische Leben geschont. Das „Wunder von Kyjiw“ war kein perfekter Masterplan. Es war das Resultat gnadenloser Improvisation, technologischer Brillanz und dem kompromisslosen Heldentum von Soldaten, die die strategischen Versäumnisse der ersten Stunden mit ihrem Leben korrigierten.