Zwischen den von Einschlaglöchern gefurchten Feldern zwischen Pawlohrad und den umkämpften Ruinen von Pokrowsk finden sich Menschen, lernen sich lieben und heiraten. Wo russische Artillerie versucht, die Zukunft auszulöschen, geht das Leben einfach weiter. Ich durfte eine dieser Hochzeiten besuchen.

Der Weg von Pawlohrad nach Osten führt direkt in das Herz des Donbas. Es ist eine Straße der Kontraste. Auf der einen Seite rollen schwere Transporter mit Panzern und Munition Richtung Front, vorbei am legendären „Donezk Oblast“ Schild. Der Netztunnel zum Schutz vor Drohnen ist Dutzende Kilometer lang. Ab und zu sieht man zerstörte Fahrzeuge, welche getroffen wurden. Auf der anderen Seite sieht man Menschen in den Dörfern ihrem Alltag nachgehen, Kirchen und Feiern, wie sie auch außerhalb des Kriegsgebietes stattfinden würden.
Leben unter Netztunneln

„Ok, fahrt mir einfach nach,“ ist die Ansage von Igor an unserem Apartment. Dann springt er in seinen Pickup und fährt los. Von diesen Mad-Max Pickups, die an der Front gefahren werden, müsste man eigentlich ein Quartett machen und es für einen guten Zweck verkaufen. Die Kategorien könnten sein: Kilometerstand, Einschusslöcher, wie viel Kilometer vom letzten Zulassungsland, Leistung des Störsenders und überlebte Unfälle. Oft sind sie mehr als zehn Jahre alt, mehr als 250.000km gefahren und mit der Farbrolle dunkelgrün oder schwarz gemalt. Aber sie fahren.
Mein gepanzerter Geländewagen ist leider auffällig, aber sicher. Igors Ansage ihm „einfach“ zu folgen war untertrieben. Mit bis zu 180km/h geht es über die Landstraße. Dann mit 100 km/h neben der Straße weiter durchs Feld. Über eine Wiese. Unter die Bäume. „So raus, raus, raus. Wir sind beim Junggesellenabschied angekommen!“.
Der Junggesellenabschied

Diesen verbringen Bräutigam und Braut zusammen auf einem Feld 28 Kilometer von den russischen Soldaten. Hier wird mit den Brautjungfern zusammen geschossen. Viele haben das nie gemacht. Nur weil Krieg ist, hat nicht jeder gleich Ahnung von Waffen. Das zukünftige Ehepaar schon. Beide sind erfahrene Schützen. Sie erklären alles, achten auf die Sicherheit.
Anschließend geht es zurück unter die schützenden Anti-Drohnen-Netze, dort ist auch Zeit kurz mit einem Glas Sekt anzustoßen, bevor es wieder in den halbwegs sicheren nächsten Ort geht.
Die Hochzeitsfeier

So überraschend Junggesellenabschied war, so traditionell ist die Hochzeit. Eine wunderschöne Braut und ein fast ebenso schöner Bräutigam in traditioneller ukrainischer Kleidung. Diese wurde auf Maß, im Partnerlook gefertigt. Das Standesamt ist klein, aber mit einem geschmückten Raum für die Zeremonie. Neben der engsten Familie sind Gäste befreundeter Nationen anwesend. Die Zeremonie findet in Ukrainisch statt, mit Simultanübersetzung auf Englisch. Es folgt ein Tanz und die Fotos mit allen Gästen. Dann geht es weiter zur eigentlichen Feier.

Auch diese findet in Frontnähe in einem der noch geöffneten Restaurants statt. Mit dabei (bzw. in Ruhe im Nebenraum) ist die Katze Pancake, welche an der Front gerettet worden war. Sie begleitet seither alle Einsätze des Bräutigams.
Pawlohrad als Anker der Hoffnung
Pawlohrad hat sich in den letzten Monaten zu einem strategischen Knotenpunkt entwickelt – nicht nur für das Militär, sondern auch für das Leben. Während Pokrowsk unter schwerem Beschuss steht und viele Menschen evakuiert wurden, bleibt Pawlohrad der Ort, an dem das Leben „danach“ geplant wird. Hier kaufen Paare in den wenigen noch geöffneten Läden ihre Ringe; hier atmen sie kurz durch, bevor der Dienst sie wieder an die vorderste Linie ruft.
Warum jetzt? Warum hier?

Man könnte fragen, warum Paare sich inmitten eines Abnutzungskrieges das Ja-Wort geben. InDA einer Situation in welcher das Morgen so ungewiss ist wie nie zuvor. Doch für die Soldaten zwischen Pawlohrad und Pokrowsk ist die Antwort simpel: Die Liebe ist der ultimative Akt des Widerstands.
In einer Zeit, in der Russland versucht, die ukrainische Identität, das Land und das Leben zu zertrümmern, ist eine Hochzeit das stärkste Statement für die Normalität. „Wir wissen nicht, was morgen ist“, sagt ein junger Soldat, der gerade in einem kleinen Dorf nahe der Front geheiratet hat. „Aber wir müssen nur einen Tag länger durchhalten als sie. Dann haben wir gewonnen. Dann feiern wir unsere Befreiung. Und dann will ich die Liebe meines Lebens in meinen Armen halten!“