Enno Lenze hat dargelegt, warum der Damm bei Kyjiw hält und welche apokalyptischen Folgen ein Bruch für die ukrainische Hauptstadt hätte. Doch im Krieg der Infrastruktur stellt sich zwangsläufig die strategische Gegenfrage: Wenn Russland die „Waffe Wasser“ gegen Kyjiw einsetzt, wie verwundbar sind dann eigentlich Moskau, St. Petersburg und die russischen Rüstungsschmieden? Ein hypothetisches Gedankenspiel über Reichweiten, Beton und die Geographie des Schreckens.

Moskau und St. Petersburg: Wasser als logistischer Albtraum
Betrachtet man die russischen Metropolen, zeigt sich ein unterschiedliches Bild der Verwundbarkeit. Moskau ist keine Stadt, die durch eine einzelne Flutwelle „weggespült“ werden könnte wie Wyschhorod. Aber sie ist eine Stadt, die am Tropf hängt. Der Moskau-Kanal und das „Moskauer Meer“ (der Iwankowo-Stausee) liegen rund 120 km nördlich. Eine Zerstörung dieser Infrastruktur würde weniger eine Sturzflut in den Kreml schicken, als vielmehr die Trinkwasserversorgung von 13 Millionen Menschen kappen. In einer Metropole dieses Ausmaßes bricht ohne Wasser binnen 48 Stunden die öffentliche Ordnung zusammen. Historisch ist das ein wunder Punkt: 1941 sprengten die Sowjets selbst Dämme im Umland, um die Wehrmacht in künstlichen Sümpfen zu stoppen.

St. Petersburg hingegen ist ein Sonderfall. Die Stadt liegt im Delta der Newa und kämpfte Jahrhunderte gegen die Ostsee. Ihr Schutzwall, ein 25 km langes Bauwerk aus Dämmen und Toren, hält das Meer draußen. Würde dieser Wall fallen, bräuchte es keine einzige ukrainische Rakete mehr, um die Stadt zu verwüsten – eine schwere Herbststurmflut würde ausreichen, um die historische Altstadt und das U-Bahn-Netz zu fluten. Es ist eine passive Verwundbarkeit: Der Entzug des Schutzes als Waffe.
Das wahre Ziel: Die Wolga-Kaskade und die Panzerfabriken
Militärstrategisch wäre ein Schlag gegen Moskau oder St. Petersburg jedoch eher symbolisch. Die eigentliche „Schlagader“ der russischen Kriegsführung liegt weiter östlich: an der Wolga-Kama-Kaskade. Hier sind Industrie und Wasser untrennbar verbunden.
Städte wie Nischni Nowgorod (MiG-Produktion, U-Boote) oder Samara (Raketentriebwerke) liegen flussabwärts gigantischer Stauseen. Der Kuibyschewer Stausee bei Samara ist flächenmäßig der größte Europas. Ein Bruch des Schiguljowsk-Damms würde eine kinetische Energie freisetzen, die ganze Industriegebiete, Werften und die logistische Infrastruktur der Rüstungsindustrie schlichtweg wegradieren würde. Hier geht es nicht um nasse Keller, sondern um die physische Vernichtung der Produktionsbasis, die den Krieg in der Ukraine befeuert.
Realitätscheck: Kann die Ukraine das?
Bis 2023 war dies ein rein akademisches Szenario. Doch Ende 2025 hat sich die technologische Realität verschoben. Um Ziele in 600 bis 1.000 km Entfernung – wie die Wolga-Dämme oder das Moskauer Umland – zu erreichen, braucht es mehr als Drohnen mit kleinen Sprengköpfen.
Ennos Sprengmeister hat recht: Beton ist geduldig. Ein Damm braucht „Bunkerbuster“-Qualitäten. Hier kommt die neue Generation ukrainischer Fernwaffen ins Spiel. Die Flamingo-Rakete, mit einer Reichweite von über 1.500 km und einem Gefechtskopf von über 1.000 kg, rückt solche Ziele theoretisch in den Bereich des Möglichen. Während westliche Marschflugkörper wie Storm Shadow oft an Reichweitenbeschränkungen oder politischem Veto scheitern, operiert die Ukraine mit Eigenentwicklungen in einer neuen strategischen Tiefe.
Die „Sintflut-Option“ als Sackgasse
So valide das Gedankenspiel der Verwundbarkeit ist, so düster bleibt das Fazit. Ein „Krieg der Dämme“ wäre der ultimative Zivilisationsbruch. Die Ukraine hat bisher bewiesen, dass sie ihre Präzisionsschläge auf militärische Ziele – Depots, Flugplätze, Raffinerien – konzentriert, um Russlands Fähigkeit zur Kriegführung zu schwächen, nicht um ökologische und humanitäre Mega-Katastrophen auszulösen.
Sollte Russland jedoch den Damm bei Kyjiw tatsächlich brechen lassen, würde die Hemmschwelle für asymmetrische Antworten fallen. Ein solcher Schlagabtausch würde nicht mehr mit Panzern, sondern mit den Naturgewalten geführt. Es wäre ein Szenario, in dem es keine Sieger gibt, sondern nur noch Landschaften, die unter Schlamm, Trümmern und – im Falle Kyjiws – radioaktiven Sedimenten begraben liegen.
Die Stabilität des Kiewer Damms ist also nicht nur eine technische Frage der Ingenieurskunst – sie ist die letzte Brandmauer gegen eine Eskalation, nach der die Landkarte Osteuropas nie wieder dieselbe wäre.