Zeitzeugin Dora Pötting im Bunker

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Gemeinsam mit dem Berliner Unterwelten e.V. machten wir ein Zeitzeugentreffen im Berlin Story Bunker. Sie hatten die Zeitzeugin Dora Pötting ausfindig gemacht, welche wir nach siebzig Jahren erneut in den Bunker einluden und zu Ihrer Zeit im Bunker befragten.

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Dora Pötting, 1926 geboren, war vor siebzig Jahren das letzte Mal im Anhalter Bunker. Sie lief mit uns den gesamten Bunker ab und erzählte mehrere Stunden. Ihre Schilderungen waren lebhaft und für alle Beteiligten sehr interessant. Sie war auch dabei, als der Anhalter Bunker am 01. Mai 1945 evakuiert wurde, kurz bevor die sowjetischen Truppen ihn erreichten:

Wir waren bei den Ersten, die aus dem Bunker raus konnten. Meine Mutter und ich schleppten meinen Großvater (85) über die S-Bahn-Gleise zum Bahnhof Friedrichstraße. Da konnten wir nicht weiter. Es ging nicht mehr. Wir versteckten uns unter den Gleisen. Dann kamen die Russen.Wir mussten nach Norden. Die Armee Wenck sollte uns retten. Die Armee Wenck war unsere Hoffnung. Im Nord-Süd-Tunnel konnte man sich nicht verlaufen. Da kam auch durch die Lichtschächte etwas Helligkeit herein. Später ging es weiter. Wie von Geisterhand. Über Trümmer, über Leichen. Als ob das Denken aussetzt. Wir hatten nur eine Decke mit im Bunker. Die nahm mir ein Russe ab.“

Sie erzählte, wie sich Menschen selbst im Krieg noch den Schneider aus Tempelhof bestellten, um Schlafanzüge und Hemden schneidern zu lassen und wie sie nach dem Tode des Vaters in eine kleine Kellerwohnung mit Schnecken an der Decke ziehen musste, in der zuvor ihr Hausmädchen gewohnt hatte. Ihr Vater hatte zuvor ein Zigarrengeschäft, ihr Großvater die „Königgrätzer Frühstücksstube“.

Als wir 1943 in der Königgrätzer Straße 55 ausgebombt waren, hat uns eine Garderobiere vom Haus Vaterland, also vom Kempinski, von den Rheinterrassen, in der Schöneberger Straße 6 eine Unterkunft zur Verfügung gestellt. Sie hatte bei meinem Großvater gearbeitet. In der Königgrätzer waren viele Lieferanten vom Haus Vaterland, dem riesigen Vergnügungspalast am Potsdamer Platz. In der Schöneberger gingen wir immer in den Luftschutzkeller. Als das Haus auch von einer Bombe getroffen wurde, mussten wir in den Bunker.

Meine Tante hatte eine Pension in der Köthener. Da waren auch noch bis zum Schluss Leute, in den Hotels auch. Aus dem „Haus der Schönheitspflege“ wurde ein Lazarett. Ich war dann beim Luftschutzdienst. Wenn Alarm war, hatten wir Bereitschaft. Mit der Feuerpatsche nach oben. Die kleinen Bomben konnte man mit der Feuerpatsche oder mit Sand löschen. Wenn welcher da war. Wir standen unten beim Hausobmann im Seiteneingang und haben gewartet, wo etwas runterkam. Also wo Bomben runterkamen. In dem Haus haben Fremdarbeiter gewohnt. Denen haben wir manchmal ein Stück Brot zugesteckt.

Im Bunker gab es immer wieder wilde Gerüchte: Wann wird der Sieg oder die Hilfe der einen oder anderen Armee kommen? Oder steht noch ein ganzer Waggon voll Butter am Güterbahnhof? Vermutlich hat es den Waggon voll Butter 1945 nicht mehr gegeben, aber die Hoffnung war da. Das einzige, was man im Bunker bekam war Wasser. Dieses musste man an Wasserpumpen vom Mehringplatz oder der Halleschen Straße. Als Berlin von den Russen eingenommen war, verteilten sie immer wieder Brot an die Menschen, die an den Pumpen standen. Als die Amerikaner kamen, puderte Sie die sogenannten „Hitler Stamps“,also Hitler Briefmarken, welche dann in die USA gingen.

Mehr zur Geschichte des Bunker gibt es (kurz) hier oder in Harald Neckelmanns Buch über den Anhalter Bunker

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