Woher kommt der Begriff „Kannibale“?

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Kannibalen-Szene in unserer Ausstellung „Medizin in alten Zeiten“

Als Kannibalismus wird der Verzehr von Menschenfleisch bezeichnet, der – angeblich – bei verschiedenen Naturvölkern vor allem zu kultischen und/oder magischen Zwecken praktiziert wird oder wurde. Ob diese Bräuche bei den jeweiligen Völkern tatsächlich existieren oder ob es sich dabei um ein völkerkundliches Missverständnis handelt, ist in vielen Fällen allerdings umstritten. Unstrittig ist dagegen, dass der Begriff „Kannibale“ tatsächlich durch ein Missverständnis entstanden ist – ein Missverständnis, das auf den Entdecker Amerikas, Christoph Columbus, zurückgeht.

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Wundervölker (monstra) aus der Schedelschen Weltchronik, Nürnberg 1493.
(Bildquelle: Wikimedia Commons)

Columbus, der keinen neuen Kontinent entdecken, sondern monstra2einen Seeweg nach Indien erkunden wollte, erreichte im Herbst 1492 mit drei Schiffen erstmals unbekanntes Land im Westen. Am 23. November, während er vor der Insel Hispaniola ankerte, notierte er in sein Logbuch, die Bewohner dieser Insel lebten in großer Angst vor den Bewohnern der Nachbarinsel Bohío, die sie Caniba“ oder Canima“ nannten. Dieser Name, vermutlich die Eigenbezeichnung des betreffenden Indianervolkes bzw. -stammes, bedeutete ursprünglich wohl „die Tapferen“; Columbus, der annahm, er sei in Asien gelandet, vermutete hingegen, es handle sich um Untertanen eines Gran Can, also eines „Großen Khans“ (Logbucheintrag vom 12. Dezember). Dass Columbus zudem angab, die Caniba seien einäugige oder hundeköpfige Menschenfresser, war offenbar von der seit der Antike verbreiteten Auffassung beeinflusst, die Ränder der Erde seien von allerlei monströsen Fabelwesen bewohnt. So sind auf alten Weltkarten häufig Hundemenschen (Kynokephaloi), Zyklopen, Vogelmenschen und andere Mischwesen abgebildet, und auch in zahlreichen literarischen Werken und fiktiven Reiseberichten wie dem Alexanderroman, dem Spielmannsepos Herzog Ernst (um 1180) und den Erzählungen um Sindbad den Seefahrer werden sie erwähnt.

Aufgrund der unentwirrbaren Verquickung von Mythos und Realität in Columbus‘ Aufzeichnungen über die Inselbewohner ist es bis heute unklar, ob die Ureinwohner der Westindischen Inseln tatsächlich Menschenfresserei praktizierten. Dennoch fand die Bezeichnung „Kannibalen“ für Menschenfresser rasche Verbreitung; im Deutschen ist der Begriff erstmals im Jahr 1508 belegt. Als Bezeichnung für die Insel- und Küstenbewohner der neu entdeckten Länder setzte sich hingegen – da die Laute L, N und R in den Sprachen der Eingeborenen für die Spanier schwer zu unterscheiden waren – die Schreibweise „Kariben“ durch, wovon auch der geographische Begriff Karibik abgeleitet ist. Auch der Name des Tiermenschen Caliban aus Shakespeares Drama Der Sturm (1611), das auf einer exotischen Insel spielt, geht offenbar auf Columbus‘ Bericht über die Caniba zurück. 

Kariben

Kariben-Familie; Darstellung aus dem 18. Jh.
(Bildquelle: Wikimedia Commons)

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