Wieland Giebel live über das Buch „Warum ich Nazi wurde“


Buchpäsentation am Samstag, dem 23. März 2019 um 19 Uhr in der Buchhandlung Moritzplatz, Anmeldung [email protected]

In diesem Buch geht es um die große Menge kleiner Nazis. Die Sammlung von Berichten des amerikanischen Professors polnischer Abstammung, Theodore Fred Abel, ist einmalig, sie ist die wertvollste Primärquelle zur Frage, warum Menschen zu Nazis wurden, was zu ihrer Radikalisierung beitrug. Von den im Sommer 1934 geschriebenen ursprünglich 683 Berichten sind 581 erhalten. Es gibt keine vergleichbaren Quellen, die auch nur annähernd an die Fülle des Materials von 3.700 Seiten, den Reichtum an Details, die Freimütigkeit der Darstellung und die Intensität der Lebensbeschreibungen heran kommt. In diesen unmittelbaren Schilderungen findet sich ungefiltertes Gedankengut, nicht durch Scham späterer Erkenntnisse getrübt, durch Holocaust, Krieg und Untergang. Abel wollte wissen, wer diese Menschen sind, wie die Hitler-Bewegung in ihr Bewusstsein trat. Diese Biogramme offenbaren erstmals in die Tiefe gehend Beweggründe und Haltung der Nazis.

Zum Verständnis des Aufstiegs der Nazi-Partei und zum ungeheuren Anwachsen ihrer Massenbasis ist das vorliegende Buch von größtem Wert, weil es eben zu jener bohrenden Frage hinführt, wie es, wie das ,Dritte Reich‘, geschehen konnte.“ Bernhard Schulz, Tagesspiegel 7. November 2018

Giebel geht der zentralen Frage nach: Warum folgten so viele Deutsche Hitler? Warum führten sie einen monströsen Raub- und Rassekrieg? Warum begingen oder tolerierten sie den millionenfachen Mord an unschuldigen Menschen?“ Götz Aly, Süddeutsche Zeitung 28. Dezember 2018

„Es gab nicht die entscheidende Motivation, es gab keine strikte Kausalität.Vielmehr gab es in allen Altersstufen und Bildungsgruppen eben solche, die es unbedingt wollten: Nazi werden. Um sie genauer zu verstehen, um sie überhaupt erst kennenzulernen – die „große Menge kleiner Nazis“ – dazu leistet dieses Buch einen hervorragenden Beitrag.“ Bernadette Conrad, Literaturblatt BaWü, März/April 2019

Die 581 Selbstzeugnisse zeigen eindrucksvoll, wie die frühen Nationalsozialisten dem Aufstieg Hitlers regelrecht entgegenfiebern. Und Vielfalt, Toleranz und Rechte von Minderheiten ignorieren.
Wolf-Sören Treusch, Deutschlandfunk Kultur

Wieland Giebel [1950] ist verantwortlich für die Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ im Berlin Story Bunker am Anhalter Bahnhof, die im ersten Jahr 200.000 Besucher hatte , darunter die Botschafter Israels und der Vereinigten Staaten. Er hat im Berlin Story Verlag zahlreiche Bücher zum Nationalsozialismus geschrieben und herausgegeben.

Wieland Giebel zum Buch:
Meine These als Ergebnis der Auswertung dieser vielen hundert Biogramme ist: Wer Nazi werden wollte, wer sein Heil in dieser Ideologie mit überlegener  Rasse und Untermenschen suchte und auf Hitler als Erlöser setzte, wurde Nazi – und war dafür allein verantwortlich. Es war eine ganz individuelle Entscheidung, Nazi sein zu wollen, die sich auch nicht mit den 79 Kategorien, die der amerikanische Soziologe Peter Merkl in seiner hervorragenden Analyse anlegte, in Griff bekommen lässt. Sie wollten das so. Brutale Gewaltanwendung, Antisemitismus und sozialdarwinistische Rassenideologie waren von Beginn an vorhanden, ebenso der Wunsch nach einer deutschen, arischen Volksgemeinschaft. Demokratie und Demokraten verachteten sie, stattdessen wollten sie einen Führer. Die Meisten haben sich intensiv mit anderen politischen Strömungen auseinandergesetzt. Sie schlitterten nicht so in den Nationalsozialismus hinein. Ganz individuell war auch die Verantwortung. Jeder trägt für die wesentlichen Entscheidungen in seinem Leben selbst die Verantwortung, damals und heute. Es gab Widerstand gegen die Nazis in Familien, im Betrieb, die preußische Polizei war aktiv dagegen. „Wir sind mehr“ ist nicht genug. Ende 1932 hatte die NSDAP 33 Prozent. Die Politiker handelten nicht entschieden gegen die braune Pest. Es hätte einen starken Staat gebraucht, der Demokratie und Freiheitsrechte schützt.