Weihnachtslektüre — Wie konnte es geschehen? — Der SS-Staat

Der SS-Staat von Eugen Kogon

Der SS-Staat von Eugen Kogon

Eugen Kogon „Der SS-Staat – Das System der deutschen Konzentrationslager

Das Buch ist wie eine Matrix, ein Muster primitiver Fanatiker aller Zeiten. Der brutale Fanatismus erinnert mich heute an die Schlächter des IS, das primitiv Dumpfe an Pegida.

Eugen Kogon hat sechs Jahre als Häftling im KZ Buchenwald bei Weimar zugebracht – von 1939 bis 1945. Am 16. April 1945, fünf Tage nach den ersten amerikanischen Panzertruppen, traf ein Intelligence Team der Psychological Warfare Division im Konzentrationslager Buchenwald ein und bat Eugen Kogon, für den sich Emigranten in den USA einsetzten, einen Bericht darüber zu verfassen „wie ein deutsches Konzentrationslager eingerichtet war, welche Rolle es im nationalsozialistischen Staat zu spielen hatte, und welches Schicksal über jene verhängt wurde, die von der Gestapo in die Lager eingewiesen und von der SS dort festgehalten wurden.“

Innerhalb von vier Wochen stellte Eugen Kogon zunächst einen Bericht zusammen, der aus 150 Beiträgen anderer KZ-Häftlinge und seinem 125 Schreibmaschinenseiten langen eigenen Erlebnisbericht bestand.
Das daraus folgende Buch „Der SS-Staat“ ist das präziseste Zeugnis über die Konzentrationslager der Nationalsozialisten. Kogon hat es vom 15. Juni bis zum 15. Dezember 1945 verfasst. Das Buch wurde in mehrere Sprachen übersetzt und allein in deutscher Sprache über 500.000 mal verkauft.

„… Die Erfahrungsberichte, die es enthält, schildern ein Inferno, das kein Schriftsteller in seinen finstersten Stunden je hätte ersinnen können …“ Marion Gräfin Dönhoff

Kogon vergleicht die SS- Chargen mit früheren Schreckens-Gruppierungen wie den zwangsislamisierten Janitscharen, eine Terrorgruppe des Sultans, die für den Krieg lebte und einen Anteil an der Beute erhielt oder mit den Prätorianern und ähnlichen „Schutzstaffeln“.

Barbaren, die sich zum SS-Ideal und dem entsprechenden Lebensstil hingezogen fühlten. Menschen, denen es ihre Kulturmängel-Anlage nicht erlaubt, im normalen Gesellschaftsleben zu bestehen. Es sind die Tiefunzufriedenen, Nichterfolgreichen, durch irgendwelche Umstände ZurückgesetztenMinderbegabten aller Art und häufig sozial gescheiterte Existenzen. Es vereint sie ein tiefsitzendes Minderwertigkeitsbewußtsein.
In diesen Reihen wiederum vollzog sich die Auslese der nach unserem Urteil Schlechtesten, nach dem Urteil der SS-Führung der Besten. Es entstand eine Kaste der Primitiven.
Ursprünglich wurden für den Saalschutz primitive Schläger gebraucht,die nur zwischen „Führer“ und „Feinden“ unterscheiden mussten – „Siegheil“ oder „Nieder!“. Diese Truppe setzte sich zusammen aus Arbeitslosen aller Schichten, die ihre Hoffnung auf feste, geordneten Beschäftigung aufgegeben hatten und es jetzt auch eine viel bequemer, viel großartiger fanden, mit Schlagring und Revolver dem nationalen Aufschwung zu dienen.

 

Für die „Allgemeine SS“ wurden Adelige, Intellektuelle und reiche Bürgersöhne gewonnen, die sich in das SS-Verhängnis hineinziehen ließen, um der vermeintlich nationalen Elite angehören zu dürfen. Sie mussten ihre fabelhaften schwarzen Uniformen selbst zahlen – tadellos sitzende Maßarbeit.

 

Der allgemeine nationalsozialistische Aufschwung brachte bald eine Fülle von Möglichkeiten, in der Verwaltung, im Auswärtigen Dienst, in der Wehrmacht, in der Wirtschaft an allen Ecken und Enden Karriere mit Ansehen und finanziellen Ertrag zu machen. Es kam in der SS eine Auslese aus Adel und Bürgertum zusammen, die in anderen Bereichen den Aufstieg nicht geschafft hatte.

 

In den SS-Totenkopfverbänden sammelte Himmler die Knüppel- und Revolveraktivisten, die jeden sozialen Halt unter den Füßen verloren hatten. Sie finanzierten sich durch Schnorren, Abräumen, Stehlen und Erpressen, dann machten sie die Konzentrationslager mit ihrem Sklavensystem zur Finanzgrundlage.

 

Mit Beginn des Krieges hatten ihr rücksichtsloses Draufgängertum und ihre Erbarmungslosigkeit zwei Folgen: sie erlitten riesige Verluste und erhielten beim Gegner kein Pardon. Die Verluste wurden durch SS-Fremdenlegionäre aus allen europäischen Ländern aufgefüllt – wie bei den Janitscharen früher. Ein verschworener und verlorener Haufen unter allerschärfster Zucht. Das Minderwertigkeitsbewußtsein wurde in hohem Grad zum Hass gegen Menschen mit sozialem Ansehen umgewandelt.
„Gefordert wurde von den Derwischen des Nationalsozialismus nur blinder Glaube an einfache Thesen, bedingungsloser politischer Wille zu Durchsetzung der Forderungen des ‚Führers‘ und stramme nationale ‚Haltung‘: Jede einzelne dieser Forderungen war für die Primitiven kein Opfer, das etwa Selbstüberwindung gekostet hätte, sondern ein gern, ja oft lustvoll angestrebtes Ziel.“

 

Für die Ziele des SS war Wissen nicht erforderlich, sondern Herrenbewusstsein, Elitenbewusstsein, Freund-Feind-Bewusstsein. Mit allem dem war Ansehen verbunden, das durch Schärfe und Rücksichtslosigkeit des Auftretens , durch hochmütiges Gehabe, durch Unerbittlichkeit und Furchtverbreitung leicht noch zu erhöhen war.

Ihr ganzes Gebaren galt der Eigengeltung. Nackte Machtgier, Arm in Arm mit Habgier.

 

De SS-Führung erwartete Gehorsam und Selbständigkeit zugleich. Als bestes SS-Mitglied galt, wer wusste, worauf es ankam, nicht lange auf Befehle wartete, sondern im Geiste des Reichsführers SS handelte.

((Ian Kersaw bezeichnete dieses Verhalten Jahrzehnte später als „dem Führer entgegenarbeiten“.))

Eugen Kogon vergleicht den echten SS-Totenkopfangehörigen mit einem auf Menschen dressierten Bluthund, der in der freien Jagd seinem Trieb nachgeht, aber sofort auf jeden entfernten Pfiff seines Herrn hört, sei es zum Kuschen, sei es zu einer Spezialattacke.

Alles, was geschah, sei psychologisch überhaupt kein Rätsel. Es waren Handlungen von Menschen, die so dressiert wurden, nachdem sie bestimmte Voraussetzungen intellektueller, emotioneller und sozialer Natur für ihre Verwendung mitgebracht hatten. So oder entsprechend haben alle Barbaren der Weltgeschichte, alle primitiven Fanatiker gehandelt.

So gibt Eugen Kogon im Hauptkapitel „Psychologie der SS“ auf den Seiten 363 bis 381 von „Der SS-Staat“ eine Antwort auf die Frage WIE KONNTE ES GESCHEHEN.