„Warum ich Nazi wurde“ — Sven Söhnchen mehr als 30 Lesungen

Westfalenpost: Sie haben jetzt schon 30 Lesungen aus dem Buch „Warum ich Nazi wurde“ absolviert. Färbt das ab? Könnten Sie jetzt auch ein Nazi werden?

Sven Söhnchen: Nein. In dem Buch geht es ja um ein Preisausschreiben, das es tatsächlich im Jahr 1934 gab. Ein amerikanischer Wissenschaftler hatte es ausgeschrieben, weil er wissen wollte, warum Menschen der NSDAP beigetreten waren. Ein Kernthema in diesen Antworten, die in dem Buch dokumentiert werden: die Menschen wollen einen starken Führer. Und das ist mir persönlich völlig fremd. Ich brauche keinen Führer. Das entspricht so gar nicht meiner Persönlichkeit. Ich bin froh, jetzt 50 Jahre in einer Demokratie leben zu dürfen. Das ist die richtige Gesellschaftsform.

Haben Sie Verständnis für das, was die Befragten damals zu ihrer Motivation einer NSDAP-Mitgliedschaft gesagt haben?

Verständnis nicht, aber was ich ganz klar sage: Ich verurteile nicht. Ich verurteile nicht die Menschen in diesem Buch. Denn ich weiß nicht, wie ich mich selbst damals verhalten hätte. Und die Antworten stammen aus dem Jahr 1934, ein Jahr nach der Machtergreifung, ohne aber genau zu wissen, was noch Schreckliches kommen wird.
Wie sind die Erfahrungen bei Ihren Lesungen?

Wir – das heißt: der Musiker Björn Nonnweiler und ich – haben bislang etwa 30 Lesungen veranstaltet, davon zehn in Schulen. Die waren natürlich Pflichtveranstaltung für die Schüler. Wobei man schon merkt, dass sie sehr interessiert an dem Thema sind, auch wenn sie – was für das Alter ja typisch ist – auf den ersten Blick eher rumhängen. Zu den anderen Lesungen kommen oft Menschen, die zeitgeschichtlich interessiert sind. Wohltuend ist auch, wenn noch Zeitzeugen dabei sind. In Witten hatte eine alte Frau das Bedürfnis, mit ihrer Enkelin zusammen zu der Lesung zu kommen. Ich lese, es gibt Musik – meist typische Lieder der Friedensbewegung –, aber die Diskussion danach ist sehr wichtig. Eine ältere Frau hat erzählt, warum sie gerne zum BDM, also dem nationalsozialistischen Bund Deutscher Mädels, gegangen ist. ‚Wir hatten sonst nichts‘, das sei eine der wenigen Alternativen gewesen, mal von zu Hause weg zu kommen. Solche Dinge muss man sich einfach auch vor Augen führen, um zu verstehen, warum Menschen damals den Nazis gefolgt sind.

Muss man heute auch Verständnis haben, wenn Menschen Rechtsradikalen folgen?

Nein, man muss den Leuten heute klarmachen, wie einfach es eigentlich ist, sich zu informieren, man ist nicht auf die Parolen der Rechten angewiesen und man muss aus der Geschichte lernen. Es hat mal einer gesagt, dass eine demokratische Gesellschaft auch 20 Prozent überzeugte Wähler rechtsradikaler Parteien ertragen kann, viel gefährlicher sei die große schweigende Masse, die unzufrieden sei und sich instrumentalisieren lasse. Und die macht mir auch mehr Sorgen, ich habe aber auch einen Anspruch gegenüber diesen.

Und zwar?

Es heißt immer, diese Menschen werden mit ihren Problemen nicht gehört. Ich bin schon lange Kommunalpolitiker und ich denke, ich bin auch ein Typ, der immer ansprechbar ist. In Eckesey hatte ich über lange Zeit sogar ein Ladenlokal, in dem Menschen zu festen Zeiten zu mir kommen konnten, um ihre Probleme anzusprechen. Wissen Sie, wie viele in fünf Jahren gekommen sind? Zwei! Wo waren denn da die ganzen besorgten Bürger, die heute bei Facebook schreiben und sich beschweren, dass die Politik nicht zuhört. Das bringt mich auf die Palme. Diese Bürger haben heute die Möglichkeit und die Pflicht, ihre Probleme den demokratischen Politikern zu schildern. Ich wäre froh gewesen, wenn ich den ein oder anderen Hinweis mehr bekommen hätte.