„Warum ich Nazi wurde“ erscheint im September — Über die große Menge der kleinen Nazis — jetzt 928 Seiten statt 672


Das ist heute wieder relevant. Damals, 1934, eineinhalb Jahre nach der „Machtergreifung“, berichteten 683 Nazis aus ganzem Herzen, warum sie sich der Hitler-Bewegung angeschlossen haben. 581 dieser Biogramme sind erhalten. Sie umfassen mehr als 3.700 Seiten, teils getippt, teils handschriftlich. Im September 2018 erscheinen sie erstmals umfangreich ausgewertet, überwiegend als Faksimile.

Theodor Fred Abel, der amerikanische Professor polnischer Abstammung, hatte in Abstimmung mit dem Propagandaministerium ein Preisausschreiben ausgelobt. „Der Zweck des Wettbewerbs ist die Sammlung von Material über die Geschichte des Nationalsozialismus, sodass das amerikanische Publikum sich aus realen, persönlichen Geschichten darüber informieren kann.“

Es geht in dem Buch um die große Menge kleiner Nazis. Diese Sammlung ist die wertvollste Primärquelle zur Frage, warum Menschen zu Nazis wurden, was zu ihrer Radikalisierung beitrug. Es gibt keine vergleichbaren Quellen, die auch nur annähernd an die Fülle des Materials, den Reichtum an Details, die Freimütigkeit der Darstellung und die Intensität der Lebensbeschreibungen herankommen.

Das Biogramm auf dem Cover dieses Buchs stammt von Hollas Wilke. Oben rechts ist mit Bleistift die Nummer 261 zu sehen, die Ordnungsnummer der Sammlung Abel, #261.

Hollas Wilke gibt sein Alter nicht an – das kommt eher selten vor. Er stammt aus Kolberg, also Westpommern, heute Polen, und hat den Ersten Weltkrieg als Kind erlebt. Folgenden Text sieht man auf dem Cover nicht: „Auch für uns Kinder brachte die harte Kriegszeit statt der fröhlichen Tage oft sehr ernste. Wir trugen Bucheckern und Laub zur Erhaltung des Viehs zusammen, sowie Nesselstangen, aus deren Fasern die Ersatzstoffe verfertigt wurden. Vier Jahre lang. Und dann – kam das Ende. Sollten wir alles umsonst getan haben? Draußen standen unentwegt die Truppen und warteten auf die Entscheidung, während im Innern eine kleine Parteienclique sich nicht scheute die Revolution zu entfachen, um die Macht im Staate zu erobern. Abgekämpft und müde mussten die tapferen Offiziere und Mannschaften der Front Schmähungen und Beschimpfungen über sich ergehen lassen.“

Wesentliche Faktoren der Nazi-Werdung kommen hier zusammen: Die Leiden des Kriegs, das Unverständnis der Niederlage, die Demütigung der Soldaten, die Revolution. Auf dem Cover wieder zu lesen ist sein Erweckungserlebnis: Er sah Hitler persönlich in München. „In meine Heimat zurückgekehrt, wurde ich ein Apostel des Nationalsozialismus.“

Das Buch „Warum ich Nazi wurde“, herausgegeben von Wieland Giebel im Berlin Story Verlag, war etwas früher angekündigt, ist erheblich umfangreicher geworden als geplant. Der Preis von 49,95 Euro bleibt – der Leser erhält also 256 der 928 Seiten quasi geschenkt.

In der Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ sind diese Biogramme Grundlage des Bereichs über die „Kampfzeit“ der NSDAP, also von der Entlassung Hitlers aus der Festungshaft bis zur „Machtergreifung“ am 30. Januar 1933. Fünf der Biogramme werden im Berlin Story Bunker vollständig vorgestellt.