Warum 230.000 verkaufte Exemplare keinen Bestseller machen

Es gibt in Deutschland ca. 5000 Verlage und zehntausende Orte, an denen man Bücher kaufen kann – aber keine Zentrale Verwaltung oder Erfassung der Verkaufszahlen. Wo kommen also Bestsellerlisten her und warum waren wir nie dabei?

Wie Funktioniert der Buchhandel in Deutschland?

Der Verlag erstellt Bücher, die Druckerei druckt sie und die Auslieferung liefert sie an die Kunden. Es gibt Verlage, die die Bücher selber verpacken und verschicken, es gibt aber auch Auslieferungen, die das für mehrere Verlage gleichzeitig übernehmen. Die Kunden können Privatkunden sein, Firmenkunden, Wiederverkäufer wie Souvenirläden (in der Brachen “Nebenmärkte” genannt) oder Amazon, stationäre Buchhandlungen oder der Zwischenhandel des Buchhandels, in dieser Branche “Barsortimente” genannt. Der “normale” Weg ist so: Ein Kunde geht in die Buchhandlung (online oder offline), diese bestellt je nach Nachfrage bestimmte Titel im Zwischenhandel, die beim Verlag. So kann fast jeder Titel in fast jedem Laden/Webshop gekauft werden. Gefühlt machen 99% der Verlage und Verkäufer da mit.

Wo kommen nun die Bestsellerlisten her?

Man sieht, es gibt keine zentrale Stelle, die man fragen könnte. Daher mal ein paar Varianten, wie ermittelt wird. Es gibt die Bestsellerliste des Börsenvereines (basierend auf media control Daten) des deutschen Buchhandels, welche aus 4.200 Verkaufsstellen die Daten auswertet. Dazu gehören Buchhandlungen, Nebenmärkte, Webshops. Es fehlt aber z.B. Webshops und der direkte Verkauf von Verlag an Großkunden.
Buchreport (basierend auf media control Daten) ist für die Spiegel Bestsellerliste verantwortlich. Hier umfassen die Regeln: Deutsche Erstausgabe, nur Print, keine Reiseführer, keine Comics, keine Bildbände, (meist) keine Kinder- und Jugendbücher. Hier fehlen also noch mehr Bücher.
Amazon nimmt nur seine Verkaufsdaten als Grundlage.

Kann man das manipulieren?

Die Antwort ist wie immer: Ja, aber… Fangen wir am Ende an, beim Leser. Spiegel könnte sich einfach eine Liste ausdenken, die mit den Zahlen davor nichts zu tun hat. Das würde den Ebenen darüber auffallen. Buchreport könnte sich Daten ausdenken, das könnte den Spiegel Leuten aber komisch vorkommen und media control würde es merken. Man könnte einfach eine Woche lang in jeden Verkaufspunkt in Deutschland 10 Exemplare seines Titels bestelle und … so in etwa passiert das auch ab und zu. Im Details meist geschickter, weil es Verkaufspunkte gibt die sich mehr oder weniger lohnen und oft kann man die Titel dann auch einfach liegen lassen. Es könnten aber auch Buchhändler zusammen tausende Exemplare bestellen und nach der Erfassungszeit zurück geben usw. – Kurz gesagt: Natürlich gibt es viele Ansätze, in der Praxis ist es aber nicht ganz einfach.

Wieso hatten wir keine Bestseller?

Zum einen kann man kaum sagen, wie viele Exemplare genau gedruckt und verkauft wurden. Die Rankings zeigen nur ein Verhältnis, aber keine absoluten Zahlen. Wieland Giebel hat 1990 den Apa Guide Deutschland geschrieben. Der erste gesamtdeutsche Reiseführer. Er wurde 250.000 mal gedruckt und in sechs Monaten mehr als 230.000 mal verkauft. Klingt gut – war aber in keiner der Listen, da es ein Reiseführer war und viel direkt an Großkunden, wie Reiseveranstalter, Nebenmärkte usw. verkauf wurde. In den vergangenen Jahren hatten wir im Berlin Story Verlag mehrere Titel, die mehr als 100.000 mal verkauft wurden. Wir haben lange alle Ware selber versendet und teilweise sogar mit eigenen Fahrern ausgeliefert. Das kommt in keine Statistik. Auch gingen Zehntausende jedes Jahr direkt an Souvenirhändler, die nicht mit media control kooperieren. Vergangenes Jahr brachten wir das genaueste und umfangreichste Werk zu Hitler und seinem NS-Terrorregime “Hitler – das Itinerar” von Harald Sandner auf den Markt. Es ist ein Bestseller, steht in allen wichtigen Universitäten und bei den Wissenschaftlern und Interessierten im Regal – aber nicht in den gedruckten Bestsellerlisten. Wir haben es fast ausschließlich an den Messpunkten vorbei direkt verkauft. Nur Amazon nahm die Verkäufe wahr. Und wir sind bei weitem nicht die einzigen – so etwas ist außerhalb der Belletristik ziemlich üblich.

Der Vorhang zu und alle Fragen offen. Welches Buch nun das meistverkaufte in Deutschland ist, werden wir nie wissen. Aber zumindest ist nun klar, wo die Messfehler liegen können.