Volker Elis Pilgrim „Hitler 1 und Hitler 2“ — Hitler-Itinerar — Hitler Dokumentation im Bunker

Hitler 1, das ist der antriebsschwache junge Mann bis zu seinem 29. Lebensjahr (Foto links), der aus einer Inzucht-Verbindung stammt. Hitler 2 ist der Massenmörder oder Serienmörder (Foto rechts) wie Pilgrim sagt, im Alter von 30 bis 56 Jahren. Wie passen die zusammen, die wie zwei unterschiedliche Menschen wirken?

Wie hat sich der Hassprediger selbst radikalisiert?

In der Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ im Berlin Story Bunker ist diese Frage für uns von großer Bedeutung. Volker Elis Pilgrim zitiert in seinem 920-Seiten Buch mehrfach das Hitler-Itinerar von Harald Sandner, erschienen im Berlin Story Verlag, weil Sandner diesen Schnittpunkt in Hitlers Biographie im Gegensatz zu vielen Historikern deutlich markiert. Dazu später mehr.

Spielt Hitlers Sexualität wirklich eine Rolle? Ist das nicht an den Haaren herbeigezogen? Wenn wir erklären wollen, wie aus einem absoluten Niemand innerhalb von kürzester Zeit, von einem Jahr, eine diktatorische Persönlichkeit wird und schließlich die grausamste, blutigste Gestalt der Weltgeschichte, sollte neben der äußeren, gesellschaftlichen Entwicklung auch die innere stehen. In dem Punkt sind sich alle Historiker einige: Nur durch Adolf Hitler konnte es geschehen. Nicht durch Goebbels, Göring, Himmler oder irgendeinen anderen seiner Schergen.

Pilgrim kennt alle Biographien, alle, die auch in die Hitler-Dokumentation im Berlin Story Bunker eingeflossen sind. Trotzdem, sagt er, bleibt ein Rest an Unerklärlichem an Hitler hängen. Das stimmt. Wir behelfen uns damit zu sagen, wie Hitler zum Nazi wurde, kann man äußerlich gut verfolgen, Schritt für Schritt. Das ist bei uns in Raum acht der Hitler-Dokumentation sehr ausführlich dargestellt, genauer als Vieles, was nachher folgt. Wir folgen in der Darstellung Prof. Thomas Weber aus Aberdeen. Alles ist richtig, alles lässt sich zeitlich genau einordnen, alles hat Thomas Weber genau recherchiert und aus Dokumenten belegt. Aber etwas bleibt offen. Wir behelfen uns also damit zu sagen, die innere Entwicklung könnte man in einem Roman darstellen, nicht in dieser Dokumentation.

Genau hier setzt Volker Elis Pilgrim an, aber nicht als Roman, sondern als wissenschaftlich fundierte Recherche; was ist da passiert, warum weiß man so wenig darüber. Es gibt, so sagt er, gut zweihundert Lehrstühle für Frauenforschung aber keinen einzigen für Männerforschung (S. 13).

Hitler 1 war ein Weichei. Er war ein willenloser und scheuer Sonderling. Als „Sonderling“ bezeichnet sich Hitler selbst in „Mein Kampf“. Er wagte es nicht, sich bei einem bekannten Wiener Bühnenbilder vorzustellen, er verlor sich in Malerei, Architektur und Musik, war aber nicht imstande, Prüfungen zu bestehen.

Pilgrim beschreibt, dass Hitler ein körperlich fragiler „Weichling“ war, der Offiziere nicht mochte, bei der österreichischen Musterung im Februar 1914 als untauglich für den Militärdienst eingestuft wurde. Hitlers militärische Vorgesetzte im Ersten Weltkrieg stellten fest, dass er weder führen konnte noch wollte. All das ist bei Pilgrim gut belegt, der sich auf die Forschung von Brigitte Hamann, Thomas Weber und anderer stützen kann – sowie auf das Hitler-Itinerar von Harald Sandner, der sich den „Phänomen der zwei Hitler“ genähert hat. Pilgrim: „Hitler 1 hatte überhaupt keine Voraussetzungen für eine erfolgreiche Politikerlaufbahn.“

Hitler 1 und Hitler 2 waren voneinander so verschieden, als hätte es sich um andere Personen gehandelt. Wie kam es zu der Wesensveränderung und vor allem wann und wo?“

Die Nahtstelle zwischen Hitler 1 und Hitler 2, so Pilgrim, sei die Zeit vom 21. Oktober bis zum 19. November 1918 gewesen. Hitler kam nach seiner Giftgasverwundung im Ersten Weltkrieg Mitte Oktober 1918 in das Reserve-Lazarett zu Pasewalk mit einer speziellen Station für „Kriegsneurotiker.“ Im November wurde er entlassen und fuhr über Berlin, über den Anhalter Bahnhof, nach München – genau dargestellt in der Hitler-Dokumentation im Anhalter Bunker, keine 100 Meter vom Originalort entfernt. In Pasewalk, so Pilgrim, wurde Hitlers angebliche funktionelle Erkrankung von einem neuropsychiatrischen Offizier mit unlauteren psycho-invasiven Methoden symptomlos gemacht, eine Gehirnwäsche.

„Dabei geschah ein medizinischer Supergau: Durch einen ärztlichen Kunstfehler während der tiefenpsychischen Behandlung war Hitlers bisher verdrängtes Serienkiller-Potenzial aus Versehen ‚entdrängt‘, d.h. gezündet worden.“

Pilgrim kritisiert die ganze Garde von Historikern, die sich um diese Blindstelle, den Lazarett-Aufenthalt in Pasewalk, einfach nicht gekümmert haben, also Bullock, Maser, Payne, Zitelmann, Pätzold/Weißbecker, Kershaw, Reuth, Ullrich, Sandkühler und Longerich. Besonders wirft er denen vor, die medizinische Spezialbiografien geschrieben haben, nicht genau genug recherchiert zu und daher eigentlich verdunkelt zu haben, also Recktenwald, Röhrs, Redlich, Neumayr sowie Eberle/Neumann. „Es wäre die Pflicht dieser Autoren gewesen, konzentrierte Untersuchungen über Hitlers Lazarett-Zeit in Pasewalk vorzunehmen, anstatt diese zu marginalisieren.“

Hier lobt Pilgrim Harald Sandners Hitler-Itinerar explizit, der den Lazarett-Aufenthalt in Pasewalk als Schnittzeit herausstellt und davon berichtet, „dass Oktober/November 1918 eine Hypnose Hitlers durch einen Militärpsychiater stattgefunden hat. Das ist ein Lichtblick, weil die Chronisten – im Gegensatz zu sämtlichen Biographen – die beiden Pioniere Lewis und Horstmann in ihre Hitler-von-Tag-zu Tag-Revues einarbeiten.“

David Lewis (2003) und Bernhard Horstmann ( 2004) hinterließen aber, so Pilgrim, aufgrund ihrer Vermutungen, Annahmen und fantasierten Verstiegenheiten einen niederschmetternden Eindruck.

Sandner hat am Hitler-Itinerar rund 30 Jahre gearbeitet, neben seiner beruflichen Tätigkeit. Das 2.432 Seiten-Itinerar in vier Bänden ist eine Art kommentierter Terminkalender Hitlers von seiner Geburt bis zum Tod – und darüber hinaus. Wo war er, wie ist er da hingekommen, mit wem hat er gesprochen, worüber. Wo Hitler war, war die Macht, da fielen die Entscheidungen. Deswegen ist das wichtig und deswegen ist das Itinerar zum Standardwerk von Historikern geworden. Die englischsprachige Fassung ist in Arbeit.

Pilgrim hat an seinem Werk sieben Jahre intensiv gearbeitet. Er legt seine Quellen ausführlich offen.
Der Untertitel „Das sexuelle Niemandsland“ gehe auf Ernst Hanfstaengl zurück, einen frühen Gefährten und Förderer Hitlers, der damit dessen fehlende sexuelle Praxis beschreiben wollte. Heute, so Pilgrim, würde man Hitler als „sexual low“ bezeichnen. Pilgrims Werk ist ebenfalls auf vier Bände angelegt, von denen der erste vorliegt. In Zweiten soll es um Inzucht bei Hitlers Zeugung gehen, da eine der Ursachen männlicher Anomalien auf genetische Schäden aus dichter Unzucht zurückzuführen ist. Nicht der „schlagende Vater“ sei die Ursache. Auch in diesem Punkt stimmt die Hitler-Dokumentation im Bunker mit Pilgrim überein. Schlagende Väter waren normal.

Pilgrim ordnet Hitler als Serienkiller ein. „Was ist ein Serienkiller? Er ist ein Mann und nur ein Mann, mit dessen sexueller Wegstrecke bis zum Orgasmus etwas nicht ‚in Ordnung‘ ist.“ Er führt den Serienmörder Jürgen Bartsch an. „Es handelt sich um eine sexual-genetische Fehlsteuerung, die als ein Zwang abläuft, die angeboren ist, sich während der Pubertät manifestiert und dann irreversibel lebenslänglich funktioniert.“ Hitler habe nicht mit eigener Hand gekillt, sondern delegiert. Auch das erläutert Pilgrim genau.

Dabei bezieht sich Pilgrim, der selbst ausführlich zu Serienkillern geforscht und geschrieben hat, auf den den FBI-Beamten Robert Ressler sowie die US-Gerichtsmedizinerin Helen Morrisson, die sich dreißig Jahre hindurch mit Serienkillern beschäftigte – als einzige, (S. 877) „My Life Among the Serial Killers“, publiziert 2004. Pilgrim: „Die Spezialität des Serienkillers ist das langsame, ausgeklügelte, extremquälerische Totmachen, das immer wieder an neuen Opfern durchgeführt wird … Serienkiller können nicht aufhören. Quältöten ist ihr Trieb, den kein Mann bei sich stilllegen kann.“ (Seite 881)

Kein deutscher König, Kaiser oder General, kein Regierungschef oder Staatsoberhaupt habe je eine solche Fülle an Macht in eigener Hand vereinigt und ausgeübt, zitiert Pilgrim den Herausgeber der Hitler-Reden, Max Domarus. Hitler wollte niemandem auch nur die geringste Macht zugestehen, die nicht von ihm ausging, so Domarus. Alles sollte sich nach ihm und ganz allein nach ihm richten. Hitler ließ gewähren, wer sich unterwarf. „Er schreckte vor keiner Intrige, keinem Mord zurück, um machtpolitisch gefährliche Persönlichkeiten zu beseitigen.“ (Domarus II, S. 2261, zit. nach Pilgrim S. 663)

Man kann, was Volker Elis Pilgrim schreibt, leicht ins Lächerliche ziehen und ihn als einen „etwas größenwahnsinnigen Autor“ bezeichnen, der noch drei weitere Bände über die Serienkiller-Psyche Hitlers veröffentlichen will. So sieht das Martin Doerry im Spiegel 36/2017 vom 3. September 2017. Doerry zieht alle Register des erfahrenen Schreibers, um Pilgrim kleinzumachen. Nur geht er auf den zentralen Punkt nicht ein, dass es eine Erklärung dafür geben sollte, wie sich aus dem Niemand auf dem Foto oben links der Diktator entwickelt hat. Pilgrim seziert die Aussagen der Hitler-Biographen, schreibt keine Thesen anderer ab, sondern geht nüchtern, unvoreingenommen und so objektiv wie möglich mit eigenen Gedanken und seinem Forschungsleben als Hintergrund an diese offene Frage heran. Mir fehlt das Wissen, um beurteilen zu können, wie es zu solchen vollständigen Änderungen einer Persönlichkeit kommen kann.

Volker Elis Pilgrim, „Hitler 1 und Hitler 2 – Das sexuelle Niemandsland“, 923 Seiten, Osburg Verlag, 28 Euro.