VG Media, die Verlage und die Unwissenheit

In meiner Doppelrolle als Pressesprecher der Piratenpartei sowie Verleger im Börsenverein des Deutschen Buchhandels hatte ich in den letzten Jahren so manches Podium bestritten. Und schon damals standen mir regelmäßig die Haare zu Berge, wenn ich Äußerungen aus meiner Partei zum Verlagswesen und zum Urheberrecht hörte. Gestern Abend las ich von der Europaabgeordneten der Piratenpartei, Julia Reda, diesen Tweet: „Seht es ein, liebe Verlage: Google wird nie zahlen. Außer in Form von Steuern. Darauf könnten wir ja mal gemeinsam hinarbeiten“ – Julia kenne ich und dachte, sie müsste es besser wissen. Aber wenn sie es schon nicht differenziert, wie sieht es dann mit anderen Leuten aus?

senficon-verlageUnd da war er wieder, der Mythos von „den Verlagen“, die als homogenes Wesen und im Gleichschritt an die Wasserstelle traben, immer mit der Absicht den Menschen den letzten Tropfen Lebensmut zu nehmen und dem weißen Ritter Google zu schaden. Es entzürnte mich so, dass ich mich genötigt sah, einen Blogbeitrag zu schreiben, der das Weltbild wieder gerade rückt.

Google, der Held der Welt
Ich nutze Google Suche, Analytics, Webmastertools, AdWords, AdSense, Gmail, Android und vieles mehr. Google ist ein Geschäftspartner von mir – aber nicht mehr und nicht weniger. Alles, was Google tut, hat das Ziel, das Geld der Investoren zu mehren. Und das ist völlig okay. Aber Google rettet nicht die Welt. Wenn bestimmte Presseverlage Geld für bestimmte Text-Schnippsel haben wollen, dann muss man darüber verhandeln. Für ein aktuelles Buch über den Anhalter Bunker muss ich auch kurze Texte von anderen Verlagen lizenzieren. So ist das Business. Wenn Google das nicht zahlen will, dann hat man keinen Deal. Das ist wie, wenn ich einen Porsche kostenlos möchte und der Händler ihn mir nicht geben will. Dann werden die Zeitungen oder Verlage eben ausgelistet und von niemandem in seinen Blogs mehr verlinkt. Für mich ist dabei nur wichtig, dass ein unbescholtener Bürger einen einfachen Möglichkeit hat zu erkennen, wen er wie verlinken darf. Das ist aber eher ein technisches Problem, kein soziales oder rechtliches.

Aber die Pressefreiheit!
Ein Argument dagegen ist oft, dass man dann keine guten Artikel mehr verlinken könne, bzw. nur noch von wenigen Verlagen, die dann die Meinungsbildung übernehmen. Leute, wir sind hier nicht in China. Wir haben eine extrem bunte Medienlandschaft, in der auch spezielle und finanzschwache Zeitungen wie die TAZ seit Jahrzehnten überleben können. Dazu kommt das Argument oft aus einer Ecke, die sonst über die „Lügenmedien“ schimpfen und mehr „Citizen Reporter“ fordern. Wenn also die großen Zetiungen nicht mehr verlinkt und zitiert werden wollen, werden die kleinen stärker. Und die Journalisten, die selber bloggen und vor Ort gehen. Das Argument, dass man dann aber nicht mehr die brandheißen Reportagen aus der Welt bekommt, möchte ich auch mal entkräften. Im Gegensatz zu vielen, die drüber schreiben, habe ich die ISIS vor ein paar Wochen selber gesehen, als ich die Peschmerga an der Front im Nord-Irak besucht habe. Ich habe live aus Mosul und Kirkuk berichtet und mein ganzes Material freigegeben. Ich lasse mich gerne verlinken und zitieren. Ich bin nicht der Einzige, der so etwas macht. Wir würden uns alle freuen, auf Kosten der „Großen“ und „Bösen“ mehr ins Rampenlicht zu rücken. Sie haben sicher die besseren finanziellen Möglichkeiten, aber kein Monopol auf die Berichte.

Aber die bösen Verlage!
Es gibt Spieleverlage, Videoverlage, Musikverlage, Bühnenverlage, Buchverlage und Presseverlage (und sicherlich habe ich wen vergessen). Jede Branche arbeitet anders, jede hat andere Ziele, jede macht andere Lobbyarbeit und hat einen anderen rechtlichen Rahmen. Es gibt rund 5.000 Printverlage in Deutschland, davon unterstützen (soweit mir bekannt) nur rund 100 das Leistungsschutzrecht. Immer auf „die Verlage“ zu schimpfen, erscheint also etwas undifferenziert.

Aber die böse VG Media!
Die VG Media wurde von großen Medienkonzernen gegründet, die Ihr Geld im Großen und Ganzen mit TV- und Hörspielprogrammen verdienen. Aber ja, es gibt da auch Printverlage. Jedoch ist kein einziger Buchverlag durchschnittlicher Größe darin. Es geht um große Medienkonzerne, die diverse Medien abdecken und die in ihrem Mix auch Druckerzeugnisse haben. Über diese Verwertungsgesellschaft aus der Medienbranche zu meckern und es mit „die Verlage“ zu betiteln, zeigt ebenfalls eine gewisse Unkenntnis.

Im Ergebnis sehe ich weiterhin, dass ich als Buchverleger in einer ehrlichen Branche arbeite. Verlag und Autor sind gleichberechtigte Partner – der eine kann oder will nicht ohne den anderen und man muss am kleinen Tisch alles miteinander abstimmen. Das ist nicht anders, als wenn Fliesenleger und Auftraggeber zusammen besprechen, wie das Ergebnis sein soll. Dort bringt auch jeder seine Expertise, seine Wünsche und seine finanziellen Vorstellungen ein. Macht man es jedoch am Verlagstisch, so gehört man zu „den Verlagen“ und ist der Böse.

Daas Internet bietet so viele Bildungsmöglichkeiten, also nutzt sie und lest euch mal durch, wie die (Buch-)Verlagswelt funktioniert! Dann sieht man auch, was für eine liebenswerte Community es eigentlich ist und wie wenig das alles mit LSR, Google oder der VG Media zu tun hat.

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