Vergriffene Werke verfügbar machen

Vergriffene Werke stellen eine verfahrene Situation dar, von der niemand profitiert. Der Verlag hat mal Rechte erworben, die er nicht mehr zu Geld machen kann. Der Autor hat ein Werk geschaffen, welches nicht mehr verbreitet wird. Der potentielle Leser weiß, dass es das Werk gibt und kann es doch nicht haben. Dafür gibt es zwei Hauptgründe: Entweder der Verlag wurde verkauft, abgewickelt oder in einer Kombination weitergegeben und die neuen Eigentümer wissen gar nichts von den teils uralten Rechte. Oder die Verkäufe sind soweit zurück gegangen, dass sich keine neue Auflage mehr lohnt. Für die erste Situation gibt es kaum praktikabel Lösungen. Bei der Zweiten bessert es sich gerade.

Bevor jemand eBooks als Allheilmittel sieht: Aus unternehmerischer Sicht ist mir egal ob ich mit gedruckten Büchern oder mit eBooks Geld verdiene um die Mitarbeiter und die Miete zu bezahlen. Da ich 1982 geboren bin, kenne ich digitale Medien, seit ich Kind war und habe auch keinen so engen persönlichen Bezug zu bedrucktem Papier, wie viele meiner Kollegen. Aber meine Kunden haben den. Sie wollen in „Ihre“ Buchhandlung gehen und sich ein gedrucktes Buch auf schönem Papier kaufen. Und derzeit machen gedruckte Bücher noch etwa 99% meines Umsatzes aus.

Beim Druck von Büchern war es lange so, dass man unter einigen tausend nicht wirtschaftlich arbeiten konnte. Inzwischen kann man 1.000 Stück ganz gut produzieren lassen, nach und nach sogar noch kleinere Auflagen. Der günstige Digitaldruck ist besser geworden, sieht besser aus, und die Abläufe werden weiter automatisiert. Schon lange gibt es „print on demand“. Damit waren bisher aber kleine Auflagen im Digitaldruck gemeint und kein echter Druck auf Abruf. Nun gibt es die ersten echten print on demand bzw. print to order Angebote, z.b. von KNV. Dabei wird bei einer Digitaldruckerei das zu druckende Werk hinterlegt. Die Bestellung einer Buchhandlung geht ein, das Werk wird gedruckt und ausgeliefert.

Dazu ein kleiner Exkurs zum grandiosen Buchhandelssystem in Deutschland. Jede Buchhandlung kann über die gängigen Barsortimente jedes lieferbare Verlagsbuch bestellen. Klar, kennt jeder. Aber den meisten ist nicht bewusst, dass das einmalig auf der Welt ist. Und das ist eine der Errungenschaften, die durch die Buchpreisbindung sowie die unglaublich vielen kleinen Verlage zu Stande kam. Aber das ist im Details einen extra Blogpost wert.

Aber es gibt natürlich auch eBooks. Gerade um Werke einfach zu verbreiten und zukunftssicher zu machen sind sie ein gutes Mittel. Amazon verkauft in den USA seit langem mehr eBooks als Bücher. Natürlich bringen wir alle neuen Bücher auch als eBook raus. Wir arbeiten dabei mir Bookwire zusammen, welche die Bücher für uns in über 30 Marktplätze setzen. Damit sind wir immer auf der Höhe der Zeit und müssen uns nicht um jeden neuen Marktplatz kümmern. Im Bezug auf vergriffene Werke ist die Entscheidung schwieriger: Lohnt es sich, einen historischen Berlin-Titel als eBook heraus zu bringen, den wir im Laden nicht mehr verkaufen? Dort wollen wir einen etwas anderen Weg gehen: Alle Titel, bei denen die Rechteinhaber mitmachen, werden für 99 Cent zu haben sein. Um diese eBooks rauszubringen müssen wir einiges tun. Zunächst muss man den Rechteinhaber erklären worum es geht. Diese haben hart für die Titel gearbeitet und können sich mit der Idee oft nicht sofort anfreunden, nach einigem erklären aber meist doch. Teilweise müssen wir wirklich an den Safe mit den Backups der vergangenen Jahre und die entsprechende Festplatte oder DVD suchen. Dann muss die Quark Datei gefunden und zu InDesign konvertiert werden. Das eBook ist anders gesetzt als das Papier Buch, das Impressum (Umzüge, etc.) muss angepasst werden und man muss erneut sicher stellen, dass keine Bilder oder Texte drin sind, an denen die Rechte fehlen. Dazu muss der ursprüngliche Vertrag geprüft werden. Jemand, der Rechtesituationen einschätzen kann, der also Erfahrung mitbringt, muss den oder die Titel durchsehen. Dann wird der Text zum richtigen eBook konvertiert. Der Export von InDesign reicht den meisten Kunden nicht aus, was ich als eBook-Leser verstehen kann. Diese ganzen Sachen kosten ein paar hundert Euro pro eBook. Ob wir die mit der Veröffentlichung einspielen ist unklar. Aber es ist unser Beitrag zu bezahlbarer Kultur.

Möglich sind solche Experimente aber nur, weil hier ein offenes und fittes Verlagsteam sitzt, das von den Büchern und eBooks bezahlt werden kann, die wir „normal“ vertreiben. Mit allen Titel wäre dieser günstige Preis nicht möglich. Aber wir sehen, dass sich der Anspruch der Kunden an unsere Verwertungsmodelle ändert und tragen dem Rechnung, wo wir können.

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