Hitler Disney, die Topographie und wir

Bis vor wenigen Tagen bezeichnete das offizielle Hauptstadtportal die Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ als Hitler-Disney. Das ist eine Verunglimpfung. Inzwischen ist diese Anschuldigung der Topographie des Terrors gelöscht, die mehr als ein Jahr dort stand.  Neulich, anlässlich einer Pressekonferenz im Bunker, wurde von Journalisten danach gefragt. So kam das Thema wieder hoch.  Die Bezeichnung „Hitler Disney“ ist für die Senatskanzlei keine Verunglimpfung unseres Engagements gegen Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit . „Den Vorwurf der Verunglimpfung weisen wir in jeder Hinsicht entschieden zurück.“ Wie können sie das beurteilen, wenn sie die Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ nicht gesehen haben? Die betreffende Rekonstruktion nimmt am Ende der 2.500 Quadratmeter großen Dokumentation einen Bereich von neun Quadratmeter ein.

Das schrieb „berlin.de“:

Der Beitrag: Kritiker sehen in der Ausstellung ein «Nazi-Disneyland»

Teil der Schau ist eine Nachbildung jenes Raums, in dem sich Hitler kurz vor Kriegsende am 30. April 1945 das Leben nahm. Diese ist schon seit einigen Monaten zu sehen und hatte dem Museum auch Kritik eingebracht. Ein Sprecher des Dokumentationszentrums Topographie des Terrors, das auf dem Gelände der ehemaligen Hauptquartiere von Gestapo und SS die Verbrechen der Nationalsozialisten aufarbeitet, hatte dem Museum vorgeworfen, eine Art Nazi-Disneyland zu installieren. Die Museumsmacher wiesen das zurück.“ Ende des (gelöschten) Zitats auf berlin.de

Der Botschafter Israels in Deutschland vertritt dazu eine ganz andere, gegenteilige Meinung: „I was very impressed and moved by my recent visit to the Bunker in Berlin that Enno Lenze and his colleagues set up. It reminds us of very dark memories of the Nazi regime and the Holocaust and is a extremely effective remindern of how we should combat any form of antisemitism, racism and xenophobia.“ Jeremy Issacharoff auf seiner Facebook-Seite. Er hat die Dokumentation gesehen und nahm sich drei Stunden Zeit.

Disneyland, das ist laut Eigenwerbung „the happiest place on Earth.“ Die Senatskanzlei vertritt die Meinung (Email vom 14. Mai 2018), es handele sich bei der Aussage der Topographie nicht um eine Verunglimpfung.

Antwort der Senstakanzlei

Sehr geehrter Herr Giebel,
vielen Dank für Ihre Nachricht, die wir aufmerksam gelesen haben. Den Vorwurf der Verunglimpfung weisen wir in jeder Hinsicht entschieden zurück. Zur Klärung des Sachverhalts möchten wir folgendes feststellen:

1)      Wie Sie dem Impressum eindeutig entnehmen können, befindet sich die von Ihnen zitierte Meldung auf einem Online-Angebot, das redaktionell von BerlinOnline Stadtportal GmbH & Co. KG verantwortet wird. Der Senat bzw. die Senatskanzlei des Landes Berlin besitzen hier keine redaktionelle Zuständigkeit.
2)      Die von Ihnen angemahnte Aussage ist mehrfach im Internet auffindbar, namentlich eindeutig gekennzeichnet als Zitat von Herrn Kay-Uwe von Damaros, Sprecher der Stiftung Topographie des Terrors. Ich habe Ihnen beispielhaft einen Link beigefügt, in dem Herr von Damaros mit genau dieser Aussage zitiert wird: https://www.stern.de/panorama/gesellschaft/adolf-hitler–aerger-um-nachbau-seines-wohnzimmer-in-bunkermuseum-7123018.html#mg-1_1526297373124
3)      Der Senat von Berlin verurteilt jegliche Art von Antisemitismus und Rassismus und hat daher vielfältige Aktivitäten zur Eindämmung von Rechtsextremismus, Antisemitismus oder Rassismus initiiert. Die Koordination und Zusammenführung dieser Maßnahmen erfolgt durch die Landesantidiskriminierungsstelle in der Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung. Die Unterstellung, der Senat des Landes Berlin würde antisemitische Verunglimpfungen auf Internetseiten zulassen oder tolerieren, die vom Land Berlin verantwortet werden, ist schlichtweg falsch.

Wir haben den redaktionell verantwortlichen Betreiber BerlinOnline über Ihren Hinweis informiert und darum gebeten, den Sachverhalt zu prüfen und ggfs. die entsprechende Stelle zu löschen. Die redaktionelle Entscheidung obliegt hier dem Betreiber.

Mit freundlichen Grüßen

i.A. [Name des Mitarbeiters der Senatskanzlei]

Unser Kommentar zur Antwort

zu 1) Das ist merkwürdig, wenn man es nicht weiß: „berlin.de – das offizielle Hauptstadtportal“ ist kein offizielles Hauptstadtportal. Es ist eine private Seite der Werbewirtschaft. Intensiv werden auf dieser Seite Daten der Anfragenden gesammelt und verwertet. Wenn sich jemand im „Offiziellen Hauptstadtportal“ über HIV informiert (oder über ein beliebiges andere Thema), werden seine Daten eingesammelt. Enno Lenze hat dazu vor längerer Zeit ausführlich gebloggt:

Die Stadt Berlin hat keine eigene Homepage. Sie ist zu Gast bei einem Unternehmen und sorgt dafür, dass man keine Seite der Stadt aufrufen kann, ohne dass die persönlichen Daten an die Werbeindustrie gehen.

zu 2) Richtig gegoogelt. Da ist das Zitat, das wir als Verunglimpfung verstehen (hier im Stern, aber auch im Deutschlandradio und auch bei dpa, dadurch weit und international verbreitet):

Wir bezeichnen das auch als Disneyland-Variante

Kritisch wird der Nachbau vom Dokumentationszentrum Topographie des Terrors gesehen, das auf dem Gelände der ehemaligen Hauptquartiere von Gestapo und SS die Verbrechen der Nationalsozialisten aufarbeitet. „Wir bezeichnen das hin und wieder auch als Disneyland-Variante mit dem Versuch, Effekte zu erzielen“, sagt Topographie-Sprecher Kay-Uwe von Damaros. „Wir erklären Geschichte, dokumentieren und halten uns an die Fakten. Deshalb können wir solche Inszenierungen nicht unterstützen“, so der Topographie-Sprecher. „Effekthascherei ist unsere Sache nicht.“ ENDE des Zitats aus dem Stern.

In der Überschrift im Hauptstadtportal ist von „Kritikern“ die Rede. Das ist ein Plural. Uns ist nur dieser eine Kritiker bekannt – der die Dokumentation nicht mal kannte. Der Plural „Kritiker“ stellt eine falsche Tatsachenbehauptung dar.

zu 3) Der Mitarbeiter der Senatskanzlei stemmt sich gegen etwas, was wir nie behauptet haben. Meine Position war: „Ich frage mich, was die Politik der Senatskanzlei gegen Antisemitismus ist, wenn Sie eine solche Verunglimpfung auf der von Ihnen zu verantwortenden Seite zulassen.

4) Der Betreiber der Seite, der ja angeblich gar nichts mit der Senatskanzlei zu tun hat und auf den die Senatskanzlei keinen redaktionellen Einfluss hat, löschte die Verunglimpfung innerhalb von zwei Tagen.

Topographie des Terrors bekräftigt die Aussage

Prof. Dr. Andreas Nachama, Chef der Topographie des Terrors, in einem Schreiben (August 2017): „Die Stiftung Topographie des Terrors vermeidet solche Inszenierungen, denn Inszenierungen im Bereich von historischen Ausstellungen erinnern in der Tat gelegentlich an „Disneyland”. Das war und ist die Aussage, die wir – nicht nur im Zusammenhang mit der in Rede stehenden Nachbildung eines Arbeitszimmers – vertreten […] Es gibt verschiedene Zugänge zur Darstellung historischer Ereignisse. Die Stiftung Topographie des Terrors verfolgt dabei ein klares Konzept und nimmt ihren satzungsgemäßen Auftrag sehr ernst. Die Ausstellungsmacher Giebel/Lenze nutzen andere Zugänge. So ist das eben.

Das ist eine deutliche Aussage, die „Hitler Disney“ unterstützt, die wir als Verunglimpfung unserer Arbeit verstehen. Die symbolische Rekonstruktion wurde als Teil der Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ vorgestellt. In der Einladung (an Prof. Nachama) stand das, im Pressetext auch. Eine Mitarbeiterin von Prof. Nachama war bei der Ausstellungseröffnung dabei.

Symbolische Rekonstruktionen gibt es beispielsweise in Berlin im Museum in Karlshorst: der Raum , in dem die bedingungslose Kapitulation 1945 stattfand, ist nachgestellt. Im US Holocaust Museum in Washington stehen Verbrennungsöfen wie in Ausschwitz als symbolische Rekonstruktion. Wie würde Prof. Nachama die nennen? Im Yad Vashem, der Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem ist eine Straße und die Mauer um das Ghetto von Warschau symbolisch rekonstruiert? Wie könnte man das bezeichnen? Es gibt allerdings auch Museen, die ohne symbolische Rekonstruktion auskommen: Im Halabdscha-Memorial in Kurdistan-Irak wird der Giftgas-Völkermord mit Puppen dargestellt. Im „Islamischer Staat Museum“ in Sulaymania wird der Angriff des IS mit Rekonstruktionen und Puppen dargestellt. In Kigali (Ruanda) braucht man keine Puppen. Tausende von Schädeln der mit Macheten totgeschlagenen Tutsi sind echt. Wieland Giebel und Enno Lenze, die „Hitler – wie konnte es geschehen“ gemacht haben, lebten lange in Ruanda.