Theodore Abel (Hrsg.): „Warum ich Nazi wurde“ — Berlin Story Verlag

Im Sommer 1934 sammelte der amerikanische Soziologe Theodore Abel von der Columbia Universität in New York etwa 600 Berichte von Deutschen, die voller Inbrunst erläutern, warum sie Nazis geworden sind. Für die Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ haben wir diese Berichte ausgewertet. Einige stellen wir auf einer Texttafel vollständig vor und gleichzeitig auf einem Monitor in Auszügen. Ende diesen Jahres kommt im Berlin Story Verlag das ausführliche Buch dazu.

Der Historiker Sven Felix Kellerhoff dazu: „Die Analyse der 584 erhaltenen Zeugnisse früher Nationalsozialisten verspricht mehr Einsichten als die nächsten fünf oder zehn Hitler-Biografien zusammen.“

Kellerhoff konnte diese Berichte für sein Buch über die Geschichte der NSDAP auswerten, das im September erscheint. So sehen die Berichte in unseren Ordnern aus:

Und so liest sich einer der stark gekürzten Berichte:

Karl Zacher, 38 Jahre: Ich muss gestehen, dass ich von mir aus nie auf den Gedanken gekommen wäre meinen Lebenslauf schriftlich niederzulegen. Ich will aber gern der Aufforderung meines Ortsgruppenleiters nachkommen.
Im November 1916 kam ich als Unteroffizier nach Russland. Es war der erste deutsche Flammenwerferangriff. Ergebnis: 3000 Gefangene.

Als während meiner Frontzeit Gerüchte an mein Ohr drangen, dass in der Heimat Unzufriedenheit herrsche, konnte ich dem keinen Glauben schenken, weil mir ein solcher Gedanke unfassbar war.

1930 hörte ich etwas von der NSDAP und besuchte eine kleine Versammlung. Vieles wurde in der Rede berührt, was im Unterbewusstsein eines jeden deutschen Menschen schon längst vorhanden war und nun allmählich geweckt wurde. Ich ging bewegt nach Hause. Wenn sich diese Ziele verwirklichen ließen, dann hätte das Leben auch wieder einen Wert.

Nachdem ich im Oktober 1931 das Buch ‘‘Hitler: Mein Kampf“ gelesen hatte, war ich restlos begeistert. Aus meinem Schulverein, in dem ich 19 Jahre Mitglied war, trat ich aus und stellte mich der Partei sofort restlos zur Verfügung. Mein Leben hatte wieder eine Bedeutung erlangt.

Die Zusammenkünfte hatten stets einen ganz besonderen Reiz: man war wieder unter „Männern“, genau wie im Felde.

Bald wurde ich Blockwart. Dann kamen die Wahlkämpfe, wo jeder einzelne zeigen konnte, wie weit man sich auf ihn verlassen konnte.

Den Höhepunkt in Kameradschaftlichkeit nach der Machtübernahme bildete der Reichsparteitag Nürnberg 1933. Diese Begeisterung in und nach Nürnberg ist einfach nicht zu beschreiben.

Mein ganzes Leben war nur von zwei verhältnismäßig kurzen Zeitabschnitten beherrscht: der Frontzeit und der Zeit in der NSDAP vor der Machtübernahme.

In beiden Zeitabschnitten standen das ausgesprochene Mannesbewusstsein und die Kameradschaftlichkeit verbunden mit hohen ideellen Zielen im Vordergrund.

Karl Zacher