Themenjahr 2013/1933, Verlorene Vielfalt, Pressekonferenz


André Schmitz (rechts), Kulturstaatssekretär und Schirmherr der Historiale, liest in der Vorschau des Berlin Story Verlags.

Er betont auf der sehr gut besuchten Pressekonferenz, wie glücklich wir uns schätzen können, heute in dieser von Modernität, Vielfalt und Tolerenz geprägten Stadt zu leben, die der deutschen Wiedervereinigung viel zu verdanken hat. 60 Prozent der heute in Berlin Lebenden seien nach dem Fall der Mauer geboren oder zugezogen. Die Stadt Berlin tue außerordentlich viel, für niederschwellige Geschichtsvermittlung, für die öffentlichen und kostenlosen Geschichtsausstellungen wie zwei Jahre lang am Alexanderplatz und am Checkpoint Charlie. Wiederum 60 Prozent der intensiven Besucher hätten, so die Befragungen, vorher noch keine zeitgeschichtliches Museum besucht.

Zu verdanken ist das dem Geschichtsbeauftragen Rainer E. Klemke, der auch dieses Themenjahr durchgesetzt hat. Das Themenjahr wird mit 2,4 Million aus der Lottostiftung für die Kulturprojekte GmbH und 400.000 Euro des Hauptstadtkulturfonds für die mehr als 50 Gruppen gefördert.

Zum Themenjahr 2013, Verlorene Vielfalt, erscheinen in diesem Herbst im Berlin Story Verlag vier Bücher. Mehr zu diesen Büchern im interaktiven Katalog des Berlin Story Verlags zum Blättern …

Mehr als 50 Gruppen, Museen und Einrichtungen leisten einen Beitrag zu diesem Themenjahr, das an die Verbrechen der Nazi-Herrschaft in Berlin erinnert. Mehr und ausführlich dazu von Sven Felix Kellerhoff in der Berliner Morgenpost …

Alexander Koch, Chef des Deutschen Histiorischen Museums, in dem eine Überblicksausstellungen zu den vielen Veranstaltungsorten stattfindet, ein Portal zum Themenjahr, betont, dass er das DHM als Teil der Beliner Museumslandschaft sehe, nicht als Insel des Bundes in Berlin.

Die Historiale war eine der Gruppen, die an den vielen vorbereitenden Besprechungen teilgenommen hat, dann aber aus der Förderung fiel. Wir nehmen an, dass es mit den geplanten Inhalten zu tun hat. Christine Fischer-Defoy vom Aktiven Museum stellte das Programm vor, in dem an viele bisher weniger beachtete Opfergruppen erinnert wird. Jüdische Keramikerinnen, die Verfolgung des Freidenkerverbands, die jüdischen Überlebenden in Berlin.

Christine Fischer Defoy (auf dem Podium im Foto oben die Frau rechts, zum Vergrößern Foto klicken) erinnert auch daran, dass der Senat vor 30 Jahren, also im Jahr 1983,für die damals eher als links angesehenen Gruppen wie die Geschichtswerkstätten kein Geld für die Erinnerungsarbeit an die Verbrechen der Nationalsozialisten zur Verfügung stellen wollte. Aus dieser Zeit kennt sie auch Katharina Kaiser.

Katharina Kaiser (auf dem Podium links), Herausgeberin des Buchs Berlin, Blicke aus dem Berlin Story Verlag und langjährige Leiterin des Kunstamts Tempelhof-Schöneberg, sagt, dass Zeitzeugen immer wieder betonen: Wir sind nicht als Opfer geboren. Als Beispiel führt sie die Kinder und Jugendlichen heute an, die das Foto eines tanzenden jüdischen Mädchens betrachten und sich wundern, ein fröhliches Kind und kein Opfer zu sehen.

Der Ansatzpunkt der Historiale hätte sich von den jetzt geförderten Projekten (als einziger?) abgesetzt. Er hätte angeknüpft an die Verwunderung der Kinder, von denen Katharina Kaiser sprach, dass Nationalsozialismus im Bewußtsein heute nur von heute aus und mit Blick auf die Opfer gesehen wird. Für uns stellte sich die Frage „Wie es eigentlich war …“ oder „Wie konnte es dazu kommen?“ nämlich zur „Machtübernahme“ der Nazis am 30. Januar 1933  (siehe Foto des original Fackelzugs am 30. Januar 1933 oben, der später nachgestellt wurde, damit es bessere Aufnahmen davon gab). Diese Frage kann man nicht aus der Sicht oder im Gedenken der Opfer beantworten.

Die Historiale – Projekte nicht unterstützt

Wie wir früher die preußichen Reformer im Abgeordnetenhaus von Berlin im historischen Interviews befragt hatten, wie wir Friedrich den Großen auf der Historiale im Nikolaiviertel befragten, wie wir Einstein und Marlene Dietrich befragten oder die Revolutionäre von 1948 im Roten Rathaus, wollten wir in historischen Interviews diesmal Opportunisten, Täter und Gewinnler vorstellen. Horst Wessel sollte uns Auskunft geben über seinen Lebensweg als Kind des Pfarrers der Nikolaikirche zum Nazi-Sturmmann. Wessel hat eine aufschlußreiche Autobiografie über seinen Weg geschrieben, aus der sich ein Porträt dieses aktiven Nationalsozialisten herausarbeiten läßt. Wir wollten Leni Riefenstahl befragen, die Filmemacherin der Nazis und den Architekten Albert Speer zu seinen Welthauptstadtplänen Germania und wie er unter Hitler Karriere machte.

Wir wollten am Beispiel des bis heute populären Liedes „Lili Marleen“ in einer Talkshow zeigen, wie der Komponist des Lieds, Norbert Schultze, sich den Nazis andiente, der Texter Hans Leip  sich von ihnen abwandt und die Sängerin Lale Andersen aufgrund ihres Kontakts zu Juden Auftrittsverbot erhielt.

In welcher Form die Historiale am Themenjahr teilnimmt, ist derzeit offen.