Taxi News – Wilfried Hochfeld über „Berlin im Mittelalter“

Berlin im Mittelalter
Die Feierlichkeiten zum 775. Stadtjubiläum Berlins kommen ins Rollen. Warum erst jetzt, wo das Jahr schon mehr als halb ‘rum ist? Die Urkunde, aus der sich das Jubiläum begründet, datiert vom 28. Oktober 1237. Der „Geburtstag“ ist also Ende Oktober. Alles klar? Nein? Holen wir also weiter aus.
In der besagten Urkunde geht es gar nicht um die Gründung der Stadt Berlin, sondern um die Beilegung von Grenz- und Steuerstreitigkeiten zwischen kirchlichen und weltlichen Machthabern im Raum Brandenburg. Darin wird unter vielen Anderen ein Pfarrer Simoen aus Cölln als Zeuge benannt. Cölln war die Ansiedlung, die Berlin gegenüber, auf der anderen Seite der Spree, lag, mit dem Mühlendamm als Verbindung. Vereinnahmend, wie Berlin offensichtlich schon immer war, wird dieser Passus mit dem Pfarrer aus Cölln als erste urkundliche Erwähnung Berlins und damit als Grundlage des Stadtjubiläums genommen. Immerhin ist Cölln im weiteren Verlauf der Geschichte nach Berlin eingemeindet worden.
Wann Berlin, respektive Cölln, gegründet worden sind, bzw. ob sie überhaupt jemals „gegründet“ worden sind, weiß niemand. Viel Schriftliches aus jener Zeit ist nicht überliefert. Das Meiste ist den verheerenden Stadtbränden von Berlin/Cölln zum Opfer gefallen. Nur so viel ist gewiss, Berlin und Cölln sind wohl tatsächlich gleich alt, und sie stammen aus dem Mittelalter. So nennt man die Epoche mitten zwischen dem klassischen Altertum und der Renaissance, dem Beginn der Neuzeit.
Das Altertum und die Renaissance, also die Wiedergeburt desselben, gelten als Große Zeitalter, in denen sich die menschliche Kultur mächtig entwickelt hat. Das Mittelalter dazwischen war halt „finster“, ein bedauerlicher Rückfall in die Barbarei. Es dauerte rund 1000 Jahre, vom Untergang des (West)Römischen Reichs 476 bis zur Entdeckung Amerikas 1492, um einmal (etwas willkürlich) zwei Jahreszahlen zu nennen.
Anlässlich des 775. Stadtjubiläums Berlins ist im Berlin Story Verlag ein Buch erschienen. Es heißt „Berlin im Mittelalter“. Darin hat Norbert W.F. Meier alles zusammengetragen, was über die Gründungszeit Berlins bekannt ist. Es ist gewissermaßen das Handbuch zum Stadtjubiläum. Zu den beiden anderen runden Geburtstagen, die in Berlin groß gefeiert wurden (1937 und 1987), sind auch Bücher zum Thema erschienen. Die sind heute aber nicht mehr aktuell. Besonders in den letzten zwanzig Jahren ist in Berlins alter Mitte viel gebuddelt worden. Dabei sind eine Menge Dinge zutage gekommen, die das Mittelalter in Berlin ein wenig aufhellen.
Norbert W.F. Meier lässt nichts aus in seinem Buch. Die verschiedenen Erklärungsversuche des Namens „Berlin“ stehen drin. Die Familiengeschichte der Askanier wird ausgebreitet. Das war die Sippschaft, die die Gegend um Berlin vor den jetzt viel bekannteren Hohenzollern beherrscht hat. Waldemar, der letzte Askanier, starb 1319 ohne Erben, worauf Berlin in ein eigenes kleines Mittelalter verfallen ist mit wechselnden Machthabern, die sich nicht recht durchsetzen konnten. Darunter war auch ein Wiedergänger des Großen Waldemar, der „Falsche Waldemar“. Über dessen Geschichte hat (Bosetz)ky einen hübschen Roman geschrieben. Erst mit der Einsetzung des ersten Hohenzollern 1415 als Kurfürst der Mark Brandenburg ging für Berlin der „Rückfall in die Barbarei“ allmählich wieder zu Ende.
Weiter werden im Buch die Theorien über die Entstehung der Stadt gegen einander abgewogen. Ganz nebenbei werden archäologische Datierungsmethoden erklärt, um dann die Ausgrabungsstellen von 1950 bis heute vorzustellen. Einen großen Teil nimmt die Erläuterung der Bauwerke des alten Berlin ein, wo sie gestanden haben, was aus ihnen geworden ist. Das ist sehr konkret und anschaulich mit vielen Abbildungen versehen. Historische Stadtpläne werden mit dem aktuellen Stadtgrundriss in Einklang gebracht. Viele Touristen und auch Berliner fragen immer wieder: „Wo ist das gewesen im Berlin von heute?“ Meier gibt Antworten.
Neben dem steinernen Berlin kommen auch seine damaligen Bewohner nicht zu kurz. Über ihre Zugehörigkeit zu Ständen und Berufsgruppen, ihren Alltag, ihre Ernährung bis zur medizinischen Versorgung (in vormedizinischer Zeit) haben neuere archäologische Ausgrabungen allerlei Erkenntnisse gebracht.
Im Anhang gibt es eine Zeittafel der behandelten Epoche, Anmerkungen, ein Quellenverzeichnis und ein Register. Norbert W.F. Meier hat wissenschaftlich einwandfrei gearbeitet, ohne dabei akademisch zu werden. Sein Buch veranschaulicht die Urzeit Berlins sehr lebendig und nachvollziehbar, auch und ganz besonders für Nicht-Historiker. Er selbst ist weder gelernter Historiker, noch Archäologe, sondern Chemiker von Beruf. Als eingeborener Berliner interessiert er sich von Kindesbeinen an für die Geschichte seiner Stadt. Das Buch – sein Erstling – ist Populärwissenschaft im besten Sinne.
Wilfried Hochfeld
Norbert W.F. Meier, Berlin im Mittelalter – Berlin/Cölln unter den Askaniern, Berlin Story Verlag, 19,80€