„Spuren der Geschichte“ – Martin Mende rezensiert

Martin Mende bespricht in den Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins das Buch „Spuren der Geschichte“ aus dem Berlin Story Verlag.

Constanze Döhrer, Volker Hobrack (Hrg.), Angelika Keune (Hrg.): Spuren der Geschichte – Neue Gedenktafeln in Berlins Mitte, Berlin Story Verlag, Berlin 2012, 479 S., 19,80 Euro

((Anmerkung des Verlags:  Zur Zeit ist die zweite, aktualisierte und korrigierte Auflage in Druck))

Gedenktafeln im öffentlichen Raum sind Zeugnisse der Stadtgeschichte, bedeutsam für die Berliner wie Besucher der Stadt. Nach einer Untersuchung von 2012 stehen für die Berlin-Touristen die Sehenswürdigkeiten und die Geschichte Berlins mit jeweils etwa 80% an oberster Stelle.Gedenktafeln dienen der Erinnerung, der Ehrung oder der Mahnung. Bereits 1911 stellte Otto Mönch in den Vereinsmitteilungen 1911 eine Liste von 84 Gedenktafeln in der Berliner Mitte zusammen. Holger Hübner war 1997 der Autor des umfangreichen Buches „Das Gedächtnis der Stadt – Gedenktafeln in Berlin“. Im Jahre 2000 erschien in zwei Bänden eine Übersicht aller Gedenktafeln für die damaligen Stadtbezirke Mitte, Tiergarten und Wedding von Dagmar Girra, herausgegeben von Hans-Jürgen Mende. Die Mitarbeiter des Luisenstädtischen Bildungsvereins hatten die Gedenktafellandschaft nach den Standorten erschlossen, angefangen bei der Ackerstraße und endend bei der Zionskirchstraße.

Der vorliegende Band für den gleichen geografischen Bereich stellt 196 Gedenktafeln vor, die im Zeitraum von 1993 bis 2011 im Stadtbezirk Mitte neu angebracht wurden. Leider wurde das Standortprinzip aufgegeben und eine alphabetische Listung bevorzugt, beginnend mit Konrad Adenauer und endend mit Johann August Zeune, dem Begründer der Berliner Blindenanstalt. Es folgen im Buch am Ende drei Tafeln zu geschichtlichen Ereignissen (Revolution 1848, Aufstand am 17. Juni 1953 und Demonstration auf dem Alexanderplatz am 4. November 1989).Einbezogen wurden auch Informationstafeln mit längeren Texten und Abbildungen, z. B. die im Nikolaiviertel oder in der Wilhelmstraße. Für die ergänzenden biografischen Angaben des Gedenktafelprogramms der Jahre 2007 bis 2011 waren weitere Autoren verantwortlich, so auch das Vorstandsmitglied des Vereins für die Geschichte Berlins Jürgen Wetzel mit der Würdigung des verdienstvollen Stadt- bzw. Landesarchivdirektors Ernst Kaeber.

Bei der Klassifizierung von Anna Louisa Karsch als Schauspielerin und Schriftstellerin dürfte nur Letzteres richtig sein (S. 19). Die Tafel zur Erinnerung an Konrad Adenauer hängt nicht Wilhelmstraße 17, sondern Wilhelmstraße 54 am Gebäude des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Die Tageszeitung „Tägliche Rundschau“ wurde nicht 1953, sondern erst 1955 eingestellt und auch nicht durch die „Wochenpost“ abgelöst, erschien dieses Organ doch nur wöchentlich in Ost-Berlin (S. 74). Auf Seite 141 wird das bekannte Gemälde Karl Eduard Biermanns von den Fabrikanlagen Borsigs am Oranienburger Tor fälschlich Adolph Menzel zugeschrieben. Das Gemälde kann im Märkischen Museum bewundert werden. Der Text auf der Tafel für das Französische Gymnasium auf dem Bürgersteig Reichstagufer befremdet: „An dieser Stelle stand von 1874 bis 1945 das Französische Gymnasium. Es wurde 1689 vom Großen Kurfürsten für die hugenottischen Glaubensflüchtlinge aus Frankreich gegründet…“. Da der Große Kurfürst bereits im Mai 1688 gestorben war kann nur sein Sohn Kurfürst Friedrich III. der Gründer gewesen sein. Beim Geschichtspfad Nikolaiviertel wird großzügig auf „850 Jahre Quartiersgeschichte“ verwiesen, wohl einige Jahrzehnte zuviel (S. 167). Der Text zur ehemaligen Passierscheinstelle Ecke Maxstraße/Schulstraße 118 spricht von einem Zwangsumtausch für Besucher in Höhe von 25 DM West, tatsächlich wurde die Höhe des Mindestumtauschs mehrfach geändert und sukzessiv auf 25 DM erhöht (S. 344). Ungenau ist auch die Aussage, der zentrale „Runde Tisch“ habe seit Januar 1990 „im Schloss Niederschönhausen“ getagt. Tatsächlich fanden die Verhandlungen der Oppositionellen mit Vertretern der Regierenden in einem Nebengebäude auf dem Gelände des Schlosses Schönhausen statt (S. 446). Zum 17. Juni als „Tag der deutschen Einheit“ kann man lesen: „Während er in Westdeutschland vom Propaganda-Ereignis zum politischen Ritual wurde, ist eine Erinnerungskultur in der DDR nicht überliefert.“(S. 463). Der 17. Juni als Propaganda-Ereignis? Erinnerungskultur in einer Diktatur?

Auf jeden Fall regt das Buch, faktisch auch ein Resümee der Aktivitäten der 1993 von der Bezirksverordnetenversammlung Mitte gegründeten Gedenktafelkommission unter der Leitung von Volker Hobrack, zum Nachdenken an. Da am Schluss jedes Textes auch die jeweiligen Sponsoren dankend erwähnt werden ist zu hoffen, das auch weiterhin in der Regel keine öffentlichen Mittel für das Programm in Anspruch genommen werden müssen.

Die Ausführungen werden durch 138 Abbildungen und ein Personenregister ergänzt. Leider konnte die im 20. September 2012 enthüllte Gedenktafel für die Gründer des Vereins für die Geschichte Berlins Julius Beer und Ferdinand Meyer, am Bankgebäude Unter den Linden 13-15, nicht mehr aufgenommen werden.