Sonntag, 3. September 2006

Eben waren Dr. Gerhild Komander und Bernd Oertwig gut zwanzig Minuten lang in Radio 88,8 bei Henning Vosskamp zu hören. Da ging es um die Vorstellung des „Lindenblatts„. Und gestern erschien das Mitteilungsblatt der Landesgeschichtlichen Vereinigung für die Mark Brandenburg, in dem Peter Bahl das Telefonbuch 1881 vorstellt, das vorige Produkt von Dr. Komander:
Nachdrucke historischer Adreßbücher und Adreßkalender gibt es inzwischen, auch für Berlin, mehrfach, und sie bieten stets nicht nur für jedermann interessante Entdeckungen, sondern sind auch für die Geschichtsforschung wichtige Hilfsmittel, ja inzwischen sogar Quellen. Dieser Bereich wird jetzt durch eine ausführlich kommentierte und ergänzte Faksimile-Ausgabe des ersten Berliner Telefonbuchs ergänzt, das etwas ganz eigenes, mit einem besonderen Reiz Versehenes darstellt. Denn man blickt doch so recht in die faszinierende Welt der Wirtschaftsmetropole des frühen Kaiserreiches.

185 Einträge hat das Telefonbuch, und die Dynamik dieser Kommunikationsform wird schnell deutlich, wenn man erfährt, daß es in Berlin nur sieben Jahre später schon mehr Telefonanschlüsse als in jeder Stadt der USA gab. Überwiegend Unternehmer und große Firmen leisteten sich einen Fernsprechanschluß, mancher hielt sich noch technikskeptisch zurück. Viele Banken und Bankiers sind verzeichnet, nur wenige Behörden, die Börse allein mit neun Nummern, insgesamt viele wohlbekannte Industriellennamen, aber auch zahlreiche längst vergessene Firmen und Geschäfte – ein Stück Berliner Gesellschafts-, Alltags- und Wirtschaftsgeschichte. Gerhild Komander hat aus dem eigentlich wenig umfangreichen Telefonbuch ein lesbares Büchlein gezaubert, indem sie dem Leser einführend und in einem anhängenden firmengeschichtlichen Kommentar all die Informationen zusätzlich liefert, die zum Verständnis vonnöten sind.

So wird die Einordnung in die allgemeine Technik- und Kommunikationsgeschichte ebenso vermittelt wie in den stadt- und welthistorischen Zusammenhang der Zeit. Die Entstehungsgeschichte der „Telephonie“ in Berlin, die Rolle Heinrich von Stephans und Werner von Siemens‘ werden erläutert, und mit zeitgenössischen, teilweise höchst amüsanten Abbildungen illustriert, etwa den vier Personifikationen Telephonie, Photographie, Phonographie und Telegraphie.

Man bekommt einen Eindruck des Zeitgefühls jener Jahre und Jahrzehnte, das einerseits – wie wir heute wieder – von all den zeitgleichen Neuerungen überfordert ist, andererseits auch begeistert und fast spielerisch mit den neuen Erfindungen umzugehen lernt. Noch tiefer und konkreter in die Einzelgeschichten führt der Anhang, in dem ein erheblicher Teil der Fernsprechteilnehmer in knappen Firmenporträts vorgestellt oder besser: in Erinnerung gerufen wird. Alles in allem: eine nette, gut aufgemachte und verwirklichte Idee (Dank auch an den erfrischend unkonventionellen Verleger Wieland Giebel!), die zeigen kann, welche (Wieder-)Entdeckungen die Berliner Geschichte des 19. Jahrhunderts noch bereithält.

0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar