Sonntag, 16. Januar 2004

Der Umzug war anstrengend. Aber was wir jetzt zusammen neu erschaffen haben, ging ganz ohne den Trubel, der sonst mit Neuaufbau verbunden ist. Es hat sich eine angenehme Form der Zusammenarbeit ergeben zwischen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Buchhandlung und im Verlag sowie mit den Handwerkern. Umbau und Umzug liefen wie von selbst, ohne Reibungen, ohne Ausfälle, ohne Profilierungsversuche einzelner.

Das könnte daran liegen, daß alle das Gefühl haben, in einem Boot zu sitzen. Nicht im Boot der Berlin Story, sondern etwas weiter gegriffen, gesellschaftlich gesehen. Während der Vorbereitungen zum Umzug spielte sich die Katastrophe nach dem Seebeben vom 26. Dezember 2004 ab. Sie war bei uns nicht Thema, schwebte aber über den Arbeiten und machte uns bewußt, in welch komfortablen Situation wir uns befinden. Mir scheint noch eine tiefere Ebene der Übereinstimmung zwischen dem Team in der Berlin Story und den Handwerkern vorhanden zu sein. Wir leben alle in Berlin, wir arrangieren uns mit der Stadt und wie sie funktioniert, wir suchen da unseren Weg in diesem Großstadtdschungel. Wir müssen uns schnell und radikal an neue Gegebenheiten anpassen, ständig einen hohen Grad an Flexibilität beweisen. Das war bei Kündigung der bisherigen Räume und Umzug so, das ist aber auch prägend für das Leben heute. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Handwerkerinnen und Handwerker stellen sich darauf ein, daß es Beschäftigung immer nur begrenzt geben wird. Alle, die jetzt mitgemacht haben, waren zwischen zwanzig und Mitte dreißig Jahren. Für jeden ist klar, daß es keinen Generationenvertrag mehr gibt. Daß sie jetzt Rente einzahlen, aber voraussichtlich davon wenig oder fast nichts sehen werden. Auch diejenigen, die nicht einzahlen und sich eine Nische in der Gesellschaft gesucht haben, die alternativ leben wissen, daß sie sich auf ihre eigenen Fähigkeiten und auf ihre Netzwerke mehr verlassen werden können als auf staatliche Versorgung. Versorgungsmentalität ist in unseren Kreisen nicht auf der Tagesordnung.
Das Verhältnis zum Staat und zu seiner Glaubwürdigkeit ist auf einem tiefen Punkt angelangt. Wahrscheinlich nicht auf dem Tiefpunkt. Was die Generation, die heute an der Macht ist, die Achtundsechziger, denen weiterreicht, die jetzt jung sind, ist nicht hilfreich beim Aufbau eines Gefühls von Verantwortlichkeit gegenüber der gesamten Gesellschaft, dem Staat.
Diese feine Ebene der Verständigung, des Lebensgefühls, der flexiblen Lebensentwürfe, schien mir unsere gesamte (kleine) Aktion glücklich zu verbinden.

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