Sonntag, 10. Dezember 2006

image
Werner Schmidt (64), Autor von „Letzte Rettung Berlin“ in Arbeitskleidung. Früher, sagt er, war er auch der Meinung: „Der ist doch jung und gesund, der kann doch arbeiten, der muß doch hier nicht rumhängen!“. Ihm ging aber nicht aus dem Kopf, daß ein Lehrer, als er selbst 15 Jahre alt war, erzählte, er habe mit einem Obdachlosen gesprochen, für den vor allem wichtig war, daß überhaupt jemand mit ihm sprach. Heute sagt Werner Schmidt, das ist nicht so einfach. Die Biographien sind wirklich kompliziert. Und ihm ging es bald wie seinem Lehrer vor 50 Jahren: Gelegentlich passierte es, daß er so tief ins Gespräch kam, daß er anschließend vergaß, eine Straßenzeitung zu kaufen.

Alles, was Sie jetzt hier lesen, steht nicht im Buch, auch nicht im Vorwort. Weil Sie das bei der Veranstaltung heute um elf verpaßt haben, können Sie es hier nachlesen. Schmidt unterhielt sich (ein Jahr hindurch) meist eine halbe bis anderthalb Stunden und schrieb das Gespräch anschließend sofort auf, wobei die Logik des Lebens leichter zu merken war als Ortsnamen und Berufe. Logik ist nämlich die Herkunft Schmidts, er war hochdotierte Studiendirektor, stieg mit 50 Jahren aus und kündigte dann, vorher schrieb er Bücher über Analysis sowie über Mathe und Physik in praktischer Anwendung, nämlich das erste Buch seiner Art, damals mit Erklärungen zur brandneuen CD und ICC-Technik. Auch dazu führte er Interviews, aber mit Leuten aus der Wirtschaft. Für Zeitungen wie die SZ schrieb er Rätsel, jetzt gibt er eine Reihe anspruchsvoller Kulturrätsel Berlin heraus, die auch für eine Berliner Tageszeitung geeignet wäre.

Schmidt blieb auf der Straße einfach bei einem Zeitungsverkäufer stehen und fing ein Gespräch an. Keiner fragte: „Wer bist Du eigentlich?“ Weil er nicht als Reporter kam, nicht als Fernsehteam, hatte er den Eindruck, daß die Lebensgeschichten nicht für ihn frisiert waren.

Der Ausstieg aus dem normalen Leben kam bei seinen Gesprächspartnern in der Regel unfreiwillig, verursacht durch Alkohol, Krankheit oder „Scheiß gebaut“. 41 Menschen sprach er an, nur zwei wollten nicht reden. Das Buch schildert 39 Lebensgeschichten, einzigartige Biographien. 39 ist etwas sehr allgemein für Schmidt. Genau gesagt waren es 5 Polen, 2 Franzosen, 4 Russen, jeweils drei Ghanaer und Türken, je ein Ägypter, Iraner, Mexikaner und Rumäne. Ein Drittel der Befragten stammt aus Berlin. Alle bis auf einen waren der Meinung, Fehler im Leben gemacht zu haben. Wenn die gute Fee drei Wünsche erfüllen sollte, wären das eine eigene Wohnung, Arbeit und eine Freundin. Eins aber lernte Werner Schmidt nicht kennen, ganz überraschend für die Zuhörer: Es gab keinen Sozialneid. Wies er, mit seinem Gesprächspartner in der Hocke sitzend, auf die vorbeiziehenden Tüten teurer Markenartikelhersteller, konnte er keinen Neid oder Haß feststellen, auch nicht provozieren. Die eigene Wohnung aufzugeben war meist einer der Weichenstellungen nach unten. Eine letzte Statistik, die Ihre Entscheidung vorantreiben möge, das Buch zu kaufen. Es waren 8 Motzverkäufer, 4 Straßenmusikanten, 4 Autoscheibenputzer, 4 Künstler, 5 Akademiker (auch deswegen sollten Sie überlegen, sich gründlich zu informieren), 1 Flyerverteiler, 1 Polizist, 1 Friedhofsgärtner, 1 Rikschafahrer und 1 Flaschensammler. Werner Schmidt sagt, er habe vor allem zwei Dinge gelernt, nämlich Menschen auf der Straße anzusprechen. Er weiß jetzt wie das geht, er kann auf Menschen zugehen, er traut sich das. Und er habe gelernt, daß die Anziehungskraft Berlins so stark sei, weil die Stadt menschlich sei, weil sie so viele Lebensformen dulde und vertragen könne.

0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar