Sonnabend, 7. Oktober 2006

Hohn und Spott über kaiserlichen PferdediebKunst und Karikatur um 1800 im Max Liebermann Haus am Brandenburger Tor Mitte.
Vor 200 Jahren hatten englische Karikaturisten nur ein Thema: Napoleon I., Kaiser der Franzosen und König von Italien, Europas starker Mann und größter Feind der Briten. Diese wünschten dem Emporkömmling, der sich bereits halb Europa untertan gemacht hatte und auf dem Sprung war, die andere Hälfte einschließlich Englands zu erobern, die Pest an den Hals. Wenn es nach den Briten gegangen wäre, dann hätten sie den Kaiser gevierteilt und seinen Kopf auf einem Spieß durch London getragen. Die grell kolorierten Zeichnungen machten schon mal vor, wie die Abrechnung mit dem als Ungeheuer und Blutsäufer charakterisierten Imperator aussehen könnte. Zumindest außerhalb des Machtbereichs des Franzosen waren solche Bilder der absolute Renner. Sie wurden in speziellen Karikaturenshops feilgeboten, und wer sich keine leisten konnte, lieh sie sich einfach aus.In der Ausstellung „Napoleon! Kunst und Karikatur um 1800“ sind 130 besonders deftige Bilder dieser Art zu sehen. Der Ort, das Max Liebermann Haus neben dem Brandenburger Tor, ist für die Präsentation ideal. Gleich am Eingang begrüßt der einzige noch im Original erhaltene Pferdekopf der Quadriga auf dem Brandenburger Tor die Besucher, und dieses Exponat weist auf ein wichtiges Geschichtsdatum hin. Denn vor 200 Jahren zog am 27. Oktober 1806 Napoleon I., aus Potsdam kommend, als Sieger der Schlacht von Jena und Auerstedt mit glänzendem Gefolge durch das Brandenburger Tor und nahm im Stadtschloss Quartier.
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Ein originaler Pferdekopf von der Quadriga stimmt im Max Liebermann Haus auf die Karikaturen-ausstellung ein.
Foto: CasparHier dekretierte er die gegen England gerichtete Kontinentalsperre, und hier befahl er auch, die Quadriga und weitere Kunstwerke als Beutestücke nach Paris zu entführen, was die Berliner furchtbar erregte und Anlass für ätzende Zeichnungen und Pamphlete war. Als die Figurengruppe 1814 nach der französischen Niederlage in den Befreiungskriegen heimgeholt wurde, hat man auch dies durch Bilder gefeiert. Auf einem schleppt der kaiserliche „Pferdedieb“ Schadows Meisterwerk herbei und bricht unter der Last fast zusammen.

Die meisten Karikaturen stammen aus dem Wilhelm-Busch-Museum in Hannover, das vor einiger Zeit eine Spezialsammlung des Berliner Ehepaars Sabine und Ernst Scheffler erhielt. Ergänzt wird die Schau durch Stücke aus der Stiftung Stadtmuseum Berlin und dem Napoleon-Museum in Arenenberg (Schweiz), um nur zwei Leihgeber zu nennen. Die Ausstellung stellt das offizielle, sehr geschönte Bild des zum allgewaltigen Schlachten- und Staatenlenker stilisierten Imperators jenen Zerrbildern gegenüber, die respektlose Zeichner von ihm schufen, heute würde sich diese Schärfe wohl kaum jemand noch trauen. Hier das glatte Staatsporträt auf Leinwand gemalt, in Marmor gemeißelt oder in Bronze geprägt, dort die Fratze des skrupellosen Machtmenschen, der über Berge von Leichen schreitet und am Ende doch im Fegefeuer gebraten wird.
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Der auf einem Sarg stehende Napoleon beißt sich 1813 an der Völkerschlacht bei Leipzig die Zähne aus.
Repro: CasparIn der Ausstellung dominieren Karikaturen aus dem relativ liberalen England, das eine Zensur nicht kannte. Da und dort sind aber auch deutsche Blätter zu sehen, etwa die unter dem Pseudonym Gilrai aus Furcht vor Repressalien vom Bildhauer und Zeichner Schadow geschaffenen Radierungen, die die Aufteilung der Welt durch den Kaiser der Franzosen oder auch den Kampf der Berliner gegen die Besatzer aus Korn nehmen. Die Ausstellung der Stiftung Brandenburger Tor im Max Liebermann Haus ist täglich von 10 bis 18 Uhr, am Wochenende von 11 bis 18 Uhr geöffnet, Eintritt 5, ermäßigt 3 und Sozialticket 1 Euro. Der Katalog kostet 12,50 Euro. Helmut Caspar

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