Sonnabend, 5. August 2005

An den richtig heißen Tagen war alles in Ordnung. Heute ist es schwül und die Menschen scheinen es schwerer zu haben. "Hier ist Ihr Bon" – "Nein, ich möchte keine Tüte." – Ein großer Schäferhund liegt quer in der Eingangstür, Kunden trauen sich nicht rein, die Hundehalter sind beleidigt, daß ihr Tier sich bei der Hitze nicht auf dem Teppich ausruhen darf. – Am DDR-Tisch, der lüftungstechnisch am ungünstigsten liegt, hält sich seit einer Stunde ein übergewichtiges Pärchen auf. Transpirieren wäre ein Euphemismus, bißchen beschönigt. Also es mieft so, daß die anderen Kunden die Ecke verlassen und die Mitarbeiterinnen sich nicht in die Nähe trauen. Die beiden, eher schlichte Gemüter, die sich an den Pitti-Platsch-Büchern erfreuen, werden laut, sie hätte sich gewaschen, müssen aber dann doch gehen. Kundenmobbing ist schwierig und peinlich. – Ich mache die Post auf und finde die Bewerbung einer jungen Frau zur Ausbildung als Buchhändlerin. Sie liest gern und ist kommunikativ, denn sie hat immer bei Schulfesten gern beim Kuchenverkauf geholfen. – Eine verwirrte Kundin fühlt sich von Mitarbeiterin Heyam nicht richtig angeguckt, droht ihr Schläge an, rennt raus, schubst dabei bewußt einen Kunden um und kommt nachher noch zweimal um ihre Androhung zu unterstreichen. "Du meinst wohl, Dir das rausnehmen zu können, weil Du schwanger bist. Wenn Du noch mal so guckst, hau ich Dir eine rein!". – Ein älterer Künstler erinnert sich an die schönen Zeiten in Westberlin und möchte mit mir einen Nachclub mit Kunst aufmachen. Das sei früher gut gelaufen und ein richtiger Heiratsmarkt gewesen. – Das Wetter ist heute so unbeständig, daß wir die Postkartenständer am Nachmittag fünfmal raus- und reingeschoben haben. Jetzt könnten wir so riechen, daß wir uns selbst nach Hause schicken sollten. – "Wo ist denn eigentlich der Bus 100? Wir stehen jetzt schon eine halbe Stunde?" – "Heute ist Hanfparade, da kommt er erst nach der Demo wieder." "Hä? Und wieso sagt einem das keiner? Wieso steht das nicht an der Haltestelle?" Diese Frage stellt sich uns ja bei jeder Demo. Oder sie wird uns gestellt. "Das ist so in Berlin, zu viele Demos und zu viele Baustellen, das läßt sich alles nicht so regeln." Oder? Was soll man da sagen? Oder ist es nicht nur schwül, sondern es liegt was in der Luft? Bißchen Cannabis-Wolken oder so? Das kann man in Berlin nie wissen.

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